26. Dezember 2015

Zwischen den Jahren

Zum Waffenstillstand im alltäglichen Konkurrenzkampf

Was mir am Ende des Jahres sehr gefällt und so trefflich in der Formel der Zeit "zwischen den Jahren" festgehalten ist, ist der Waffenstillstand des ansonsten unvermindert andauernden Konkurrenzkampfes. Ich bin ein großer Verfechter strikter Ladenschlussgesetze, finde dass jeder Sonntag heilig bleiben muss und dass es ausgedehnte Feiertage geben muss, an denen der Zugang zu den Waffenlagern der Moderne, den Supermärkte und Einkaufszentren, versperrt bleiben muss. Neulich fühlte ich mich sogar in einer Berliner Bar besonders gut aufgehoben, weil dort das Arbeiten ab 20 Uhr verboten war, mit drei Ausrufezeichen.

Eine Bar in Berlin: Arbeiten am Laptop ab 20 Uhr verboten! (Foto: Gilbert Dietrich)

Auch wenn ich selbst nicht religiös oder konfessionell gebunden bin, bin ich unserer jüdisch-christlichen Tradition sehr dankbar für die Konservierung einiger alter Traditionen wie dem Arbeitsverbot an solchen Tagen. Aus dieser Perspektive habe ich Verständnis dafür, dass manche Institutionen wie der Vatikan verknöcherte Horte des Festhaltens an unzeitgemäß erscheinenden Traditionen sind. Ihre Aufgabe ist präzise dem Zeitgeist nicht nachzugeben, sondern am "Ewigen" festzuhalten, koste es was es wolle. Papst Franziskus scheint da auf den ersten Blick etwas nachlässiger als Benedikt zu sein. Aber ich denke, auch Franziskus wird die Kirche sicherlich nicht revolutionieren, denn er weiß, dass das ihre Abschaffung bedeuten würde.


Die Ruhe, den Frieden und die Ausgeglichenheit, die wir in dieser Zweit zwischen den Jahren empfinden, ist genau diesem Festhalten an den alten Traditionen zu verdanken. Das ganze verzweifelte Selbstmanagement, der Konsum, die Arbeit, das Fitnessstudio, das Ausgehen in die Clubs... all das sind die Tätigkeiten des modernen Konkurrenzkampfes unserer Gesellschaft, die uns "zwischen den Jahren" Dank der Traditionen versagt bleiben. Die christlichen Feiertage tragen damit ein Stück der alten Welt in unsere Moderne. Denn der alltägliche Konkurrenzkampf, wie wir ihn heute kennen, ist etwas modernes, das es erst mit der Abschaffung von Ständen, mit der Etablierung von Menschenrechten, der Eliminierung von Diskriminierung und der gesetzlich garantierten Gleichberechtigung aller gibt. Durch die Gleichstellung vor dem Gesetz, das uns von unserer Herkunft entbindet, uns also nicht je nach Geburtshaus mehr oder weniger Rechte zuschreibt, kommen wir in die Verlegenheit, uns auf andere Art zu differenzieren, wie Peter Sloterdijk schreibt:

"Der Angriff auf die erblichen Differenzen wird mit der Freisetzung eines permanenten Wettbewerbs zwischen neuen, vorgeblich chancengleichen Kandidaten auf die besseren Plätze bezahlt, der unvermeidlich zahllose Verlierer produziert. Dies mag den sozialpsychologisch paradoxen  Effekt erklären, warum moderne Gesellschaften bei historisch beispiellosem hohem Wohlstand, massiver Umverteilung und explodierender Lebenserwartung mit der chronischen Verdüsterung ihrer Grundstimmung zu ringen haben." (Die schrecklichen Kinder der Neuzeit: Über das anti-genealogische Experiment der Moderne, S. 392)

Was sagt uns Sloterdijk? Nichts anderes als dass Stände, Kasten und andere Erbeinrichtungen der Vergangenheit einen Wettbewerb aller gegen alle von Vornherein ausgeschlossen hatten, weil ein Bauernsohn eben nur im Märchen zum Prinzen werden konnte, aber nicht in der Realität des 15. Jahrhunderts. Heute kann prinzipiell jeder ein Firmengründer, ein Politiker oder ein Slumdog Millionaire werden. Der Preis dafür ist aber, dass wir alle schon in der Kindheit in den Startlöchern des gesellschaftlichen Wettlaufs positioniert werden und dann ein Leben lang dem Erfolg hinterherrennen. Sehen wir uns all die Coaches mit ihren Gründungs-, Verkaufs- und Erfolgsseminaren an. Dieses Bedienen eines verzweifelten Voran-Kommen-Wollens ist etwas, das selbst in den Jugendjahren unserer Eltern noch nicht absehbar war, weil es noch die typischen Klassen von Besitzern der Produktionsmittel und des Kapitals auf der einen Seite und den Arbeitern und Bauern auf der anderen Seite gab. Das ist vorbei, wir sind frei mit all den Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt.

Um Weihnachten herum schweigt die Moderne. Wir nisten uns im Privaten ein, fühlen keinen Druck raus zu gehen und um unseren Status zu kämpfen. Manche gehen mal wieder in die Kirche, andere in die Natur oder bleiben bei ihren Familien. Wir befinden wir uns also mal wieder "zwischen den Jahren" und zwar in mehrfacher Hinsicht. Nehmen wir das zum Anlass, beide Seiten zu würdigen: das moderne Streben nach Chancengleichheit und Gleichberechtigung auf der einen Seite genauso wie die Entlastung vom Streben nach Erfolg und Fortkommen, die uns alte Traditionen bieten können.

Für das neue Jahr wünsche ich mir und uns allen, dass wir eine bessere Balance zwischen den beiden Seiten finden und unsere moderne gesellschaftliche Grundstimmung etwas aufhellen können. Ein Bewusstwerden über die uns vereinnahmenden Imperative der Konkurrenz, die mit der modernen Freiheit geliefert werden, kann uns helfen, ihnen nicht zum Opfer zu fallen und gleichzeitig die Abwesenheit der alten traditionellen Repressionen zu würdigen.



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Kommentare:

  1. Die Zeit zwischen den Jahren hatte für mich immer schon etwas "magisches". Ich wusste nie genau, was es ist. Ich glaube, Du hast es mir heute erklärt :-)

    Ansonsten:
    Ich wohne direkt in der Innenstadt. Jeder verkaufsoffene Sonntag macht mir das Wochenende kaputt. Zu nah wohne ich hier am Konkurrenzpuls und frage mich stets, was die Leute nur vor meine Haustür treibt.

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    1. Leider ist die Zeit ja nun schon wieder vorbei und der nächste Sonntag ist wieder mal "verkaufsoffen". Da hilft nur Vorhänge zu ziehen und sein eigenes Ding machen :)

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  2. Was für ein großartiker Text! Trifft die Dinge genau auf den Punkt.

    Was aber folgt daraus? Allein das Wünschen scheint nicht mehr zu helfen...

    "Heute kann prinzipiell jeder ein Firmengründer, ein Politiker oder ein Slumdog Millionaire werden. Der Preis dafür ist aber, dass wir alle schon in der Kindheit in den Startlöchern des gesellschaftlichen Wettlaufs positioniert werden und dann ein Leben lang dem Erfolg hinterherrennen."

    Gerade da ist Philosophie gefordert. Ob sich jemand ins Hamsterrad zwingen lässt, von was hängt das ab? Es sind Werte-Entscheidungen - aber Werte kreiert nicht allein die philosophische Ethik oder die jeweilige Moral, sondern auch jene Aspekte des Mensch-Seins, die in der Psychologie, Anthropologie und Soziologie zur Debatte stehen.

    Dass in diesen Disziplinen jeder seins macht, erscheint mir als Teil des Problems. Dennoch ist das m.E. nicht entscheidend: erst kommt das Essen, dann die Moral - das gilt leider auch auf höheren/gesättigteren Stufen der Bedürfnispyramide.

    Dass wir zwischen den Jahren mal kurz zur Besinnung kommen, reicht leider bei weitem nicht.

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    1. Es stimmt, das reicht allein nicht. Aber es ist eine Erinnerung daran, was zählt und letztlich haben wir die Wahl gleich mit einem guten Vorsatz fürs Neue Jahr hier anzuschließen. Es ist eben nicht die Aufgabe der Philosophie (oder der anderen Disziplinen), die moralischen Entscheidungen für den Einzelnen zu treffen, sondern sie ist das Angebot an den Einzelnen, sie zu Hilfe zu nehmen und zu Rate zu ziehen, um eine gute Entscheidung treffen zu können.

      Ich denke oft über die von dir genannten Teildisziplinen nach und komme immer wieder darauf zurück, dass sie insich selbst wenig vermögen. Sie haben sich im Laufe der Zeit zusammen mit den anderen Wissenschaften aus der Philosophie heraus differenziert und das fällt uns oft auf die Füße. Speziell die philosophische Anthropologie - sie ist ja eine deutsche Besonderheit, die Philosophie, Psychologie, Soziologie und Geschichte integriert - kann als solch ein Versuch gesehen werden, die Disziplinen auch wieder zusammen zu sehen.

      Wir als interessierte Individuen sollten sowieso immer eine Zusammenschau vornehmen, wenn möglich, um uns und die Dinge besser zu verstehen. Das alles unter praktisch anwendbarer Philosophie zusammen zu bringen, ist ja auch so ein bisschen der Versuch hier auf dem Blog.

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