13. April 2016

Eine Lebensphilosophie der Stärken und Schwächen

Von hinten gehetzt oder von oben gezogen?

Stärken werden verständlicherweise oft im Kontext von Arbeit und Karriere diskutiert, vor allem mit dem Fokus, ob jemand die entsprechenden Stärken für einen Job mitbringe oder wie man solche Stärken entwickeln könne. Oder die Frage wird umgedreht und man sucht den Job, der zu den vermeintlich schon vorhandenen Stärken passt. Ich würde die Perspektive gern einmal insgesamt ändern und behaupten, dass wir Stärken überhaupt zum Leben und ganz dringend auch im Privatleben brauchen und dass sich der Job dazu eignet, Potenziale zu erkennen und Stärken auszubilden.


Ich war immer skeptisch, wenn mir empfohlen wurde, nur auf meine Stärken zu schauen und diese weiter zu stärken, anstatt Zeit und Energie darauf zu verwenden, meine Schwachstellen zu identifizieren und dort etwas zu verbessern. Ich verstehe das aus einer wirtschaftlichen Effizienzperspektive heraus, denn es kostet mehr, Schwächen in Stärken zu verwandeln, als nur auf bereits vorhandene Stärken aufzubauen. Ich verstehe es auch aus einer Perspektive der persönlichen Zufriedenheit und Faulheit heraus, denn sich seinen Schwächen zu widmen, bedeutet mehr Frust und Anstrengung, als seine Stärken auszuspielen. Aus einer philosophischen Perspektive des gelungenen Lebens hingegen, kann ich vom alleinigen Fokus auf Stärken nur abraten.

Meine größten Triumph-Erlebnisse habe ich erlebt, als ich vormalige Schwächen in Stärken ummünzen konnte. Angefangen vom schüchternen Jungen, der auf dem Schulhof verprügelt wurde und dann zum leidenschaftlichen Boxer geworden ist, bis hin zum Mathe-Versager, der dann zum Logik- und Analyse-Nerd geworden ist. Machen wir uns nichts vor: Ich scheiß mir heute noch in die Shorts, wenn ich im Ring stehe und ich hantiere immer noch lieber mit Wörtern, als mit Zahlen oder logischen Operatoren, aber das Trainieren gegen Schwächen hat mich dazu befähigt, Schranken zu durchbrechen. Es hat die Dinge nach und nach eliminiert, von denen ich immer geneigt war zu sagen, dass ich sie nicht könne. Und im Grunde ist das schon ein Selbstzweck - sich selbst entfalten und wachsen, das beste Selbst zu werden, das in einem angelegt ist.

Vertikalspannung im Job

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat dazu einmal gesagt, dass die meisten von uns auch ohne diesen hohen Anspruch der Entfaltung des Selbst bereits überfordert sind. Das liege aber daran, dass wir in der Regel "von hinten gehetzt" und "nicht von oben gezogen" werden. Das heißt, wir lassen uns Angst um unsere Arbeitsplätze oder unseren Status in der Gesellschaft machen, anstatt uns daran zu orientieren, was positiver Weise aus uns werden könnte, weil es in uns angelegt ist. Sloterdijk nennt das in seinem Buch Du mußt dein Leben ändern die Vertikalspannung: "Diese Spannung wird im Innern eines Menschen aus dem Bild eines zukünftigen Selbst erzeugt - das Selbst eines Könners, das man durch Übung hervorbringen kann" (Philosophie Magazin Nr. 05/2012, S. 37 - 41). In den ersten Jahrhunderten der Moderne waren die Übungsstätten der Entfaltung vor allem die philosophischen Schulen, die Kampf- und Sportarenen, später dann die Klöster, die Handwerksstuben und Universitäten. Wo finden wir heute unsere Übungsstätten? Vorwiegend an unseren Arbeitsplätzen, kann ich mir denken.

Wir alle kennen die Leute, die sagen, "ich bin kein Zahlenmensch". Ich denke dann immer: Das weißt du noch gar nicht! Viele Dinge sind eben nicht so einfach, das sie uns zufliegen. Man braucht einiges an Übung, um aus Zahlen einen Sinn zu generieren. Und das ist etwas, das uns zunehmend abhanden kommt: Ein Sinn für Übung, eine Toleranz für Anstrengung und die Geduld für kleine Fortschritte. Wenn wir immer nur unsere Stärken weiter ausbilden, dann werden wir sehr einseitige und unrunde Menschen. Wir werden unser Potenzial nie erkennen können, sondern an irgendwelchen Glaubenssätzen festhalten wie "ich kann vor großen Gruppen nicht sprechen." Natürlich nicht, wenn du es nicht übst!

Wie man Entfaltungspotenzial entdeckt

Offensichtliche und geliebte Stärken sind einfach zu entdecken, indem man beobachtet, was einem leicht fällt. Wie ist es mit den Potenzialen, also den noch nicht ausgebildeten Stärken? Hier hilft vor allem das, was Kinder machen - neugierig sein, spielen, ausprobieren, wiederholen. Ich denke, wir können das auch als Erwachsene. Karrieren sind heute zum Glück nicht mehr so eindimensional. Man kann komplett die Branche wechseln oder oft auch innerhalb von Firmen die Stelle wechseln oder mal eine Job-Rotation mitmachen und jemandes anderen Arbeit übernehmen. Projekte und Vertretungen bieten oft eine neue Herausforderung, die man im bisherigen Job nicht hatte. Man kann solche Gelegenheiten nutzen, um mehr über die eigenen Fähigkeiten herauszufinden.

Um auf solche Expeditionen ins Reich der eigenen Stärken und Schwächen zu gehen, muss man sich von Ängsten freimachen. Zum Beispiel von der Angst, dass man sich anfangs bei der neuen Aufgabe blamiert oder dass man nicht befördert wird, wenn man jetzt das Team wechselt. Na und! Dafür hat man die Chance, etwas ganz neues zu machen, sich weiter zu bilden, die eigenen Fähigkeiten zu komplettieren. Denken wir dran: Wir leben nur einmal und wenn wir dieses eine Leben nicht dazu nutzen, sieben mal zu leben, dann war es das. Oder wie Christian Dietrich Grabbe über seinen Vater schrieb: "Einmal auf der Welt, und dann ausgerechnet als Klempner in Detmold." Das war vor 200 Jahren, inzwischen haben wir andere Möglichkeiten.

Übrigens, wenn ich im Alltag mit meinen Teams arbeite, kommt es also darauf an, herauszufinden, was machen die einzelnen Mitglieder gern, worin sind sie gut. Dort sollte jeder ruhig anfangen. Aber dann beobachte ich an neuen Generationen oft etwas, das mir sehr gefällt - ihre Vertikalspannung, ihr Drang nach Entfaltung. Den meisten wird bald zu langweilig, wenn sie sich nicht weiter entwickeln können. Wenn sie nach mehr fragen, dann sollen sie sich ruhig dort ausprobieren, wo sie sich noch nicht ganz wohl fühlen, denn nur so erweitern sie ihre Fähigkeiten. Ich finde das interessant, denn es ist gar nicht im primären wirtschaftlichen Interesse von Firmen, diese Art der Spezialisierung aufzugeben. Denn dabei gibt es Reibungsverluste und Investitionen in erst einmal "unnötige" Weiterbildungen. Für die Firmen wird das zu einem "Meta-Interesse", denn ohne diese Investitionen in die z.T. unnützen Fähigkeiten können sie die anspruchsvollen jungen Mitarbeiter, die nicht für die Firma dazu lernen, sondern für ihr eigenes Leben, nicht mehr halten. Hier ist es einer Gruppe von jungen "Knowledge Workern" bereits gelungen, die Perspektive umzudrehen und nicht für einen Job zu lernen, sondern die viele Zeit, die sie auf der Arbeit verbringen, für sich selbst und ihre eigene Entfaltung nutzbar zu machen. Außerdem werden sie dafür dann auch noch bezahlt. Ein guter Deal.



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Kommentare:

  1. Wir leben nur einmal und wenn wir dieses eine Leben nicht dazu nutzen, sieben mal zu leben, dann war es das.“
    Fast schaudert es mich, denn dies ist ein hoher Anspruch! Allerdings kann man es natürlich nicht so machen wie das Zwillingspaar aus dem Buch „One day in the life of Australia“, das sich mind. 4 Jahrzehnten täglich in der gleichen Kneipe traf.

    Ich weiß nicht, wie behindert Du durch Ängste bist? Ich bin da schon "behindert" und kann nicht so ohne Weiteres alles machen. Ich kannte auch mal eine Frau, die, wenn sie einen vergergleichsweise kleinen oder winzigen Versuch mnachte, ihr Terrain zu erweitern, körperlich daran gehindert wurde. Entweder durch Ohnmacht oder Herzrasen oder Übelkeit. Es gelang ihr überhaupt nicht!
    Das nur nebenbei.

    Stärke ist für mich authentisch sein, meinen Weg zu gehen, irgendwo einzigartig zu sein. Das wäre mein Stempel auf dieser Erde.
    Stärke ist auch, für andere da sein zu können. Es gibt Leute, denen es selbst mies geht und die trotzdem anderen helfen. Da gibt es dann oft kein Halten: Ich kann DAS und ich will auch aus dem Fokus aufs eigene Leid entweichen.
    Stärke ist, die eigene Hervorbringung hinter sich lassen zu können, wenn sie einschränkend und verbiegend war.
    Stärke ist, zu sagen: Ich probiere etwas aus, von dem ich bisher meinte, ich kann das nicht. Das passierte mir mehrmals schon, zuletzt im Lesen (!). Ich war nie ein Leser, jetzt bin ich einer. In Der Schule war ich in einer Kleingruppe, bei der die zwei, drei Leader sehr Anspruchsvolles lasen. Ich hatte dazu keinen Zugang, konnte das nicht. Meine Romananalyse von "Das Schloß" erhielt fast eine klägliche fünf. Seit einigen Jahren versuche ich mich betont am Lesen von nicht einfachen Sachbüchern und stelle fest, daß ich das sehr wohl kann.
    Ich hatte da was nachzuholen!

    Gerhard


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    1. Du hast völlig Recht, das Leben bedeutet eigentlich Wachstum und Entfaltung. Und das muss nicht eigennützig sein, ist es meist auch gar nicht. Wenn sich Menschen entfalten, dann hat meist das Umfeld auch etwas davon: Hilfe, Inspiration, einen besseren Umgang, "Horizonterweiterung".

      Das mit den sieben Leben ist vielleicht etwas pointiert, aber ich fühle mich oft so, dass ich gern mehrere Leben in einem unter bringen möchte. Und ich denke, dass ich das auch früh unbewusst schon angestrebt habe. Der Nachteil daran ist Instabilität in Karriere und oft auch im Privatleben.

      Ja, Ängste behindern mich sehr. Ich habe z.B. gerade entdeckt, dass ich mich offenbar in manchen Menschengruppen weniger sicher fühle, als ich es von mir gedacht hatte. Ich hatte eine Situation, da war ich vor Angst fast paralysiert und konnte in einer Gruppe kaum sprechen. Das fühlte sich tatsächlich wie eine körperliche Behinderung an.

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  2. "Hier hilft vor allem das, was Kinder machen" - Ich finde ja, Kinder machen das nicht lang genug, das "neugierig sein, spielen, ausprobieren, wiederholen". Meist hört es mit Eintritt in die Schule auf (das sollte uns zu denken geben). Für mich gehört gerade das Neugierig-Sein zum erwachsenen Menschen, das Ausprobieren wollen, Erfahrungen sammeln, neue Dinge lernen. Gerade das macht einen erwachsenen Menschen aus. Leider werden wir oft gebremst, mit Aufgaben überhäuft, an Regeln gebunden, im Alltag verplant, so dass gerade für die Momente der Neugier und des Spielens keine Zeit zu bleiben scheint. Ich finde diese Reflexion im Alltag sehr wichtig, zu gucken, warum man bestimmte Dinge nicht lernen oder machen mag, wo das innere Hindernis ist, das einem selbst die Freude am Ausprobieren oder die Erlaubnis, mal neugierig zu sein nimmt.

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    1. Ja - toll, wenn das so ist! Man sollte vielleicht sagen, es gehört zu manchen Erwachsenen. Ich kenne auch einige, die sich mit vierzig festgefahren haben und nichts mehr wirklich ausprobieren (außer mal eine neue Sorte Bier oder Schokolade). Kann es auch sein, dass Ressourcen eine Rolle spielen? Z.B. mal den Job wechseln kann nicht jeder, schon gar nicht Dauerarbeitslose. Oder andere Sachen wie unten mal einen Segelkurs machen. Auch schön, muss man aber Zeit und Geld für haben.

      Ich habe heute von der neuen Sinus-Jugendstudie gehört, dass nun die "Generation Mainstream" kommt. Das lässt ja nicht unbedingt auf viel Neugier hoffen...

      Ich würde mich über Überraschungen freuen.

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  3. Sehr interessant, ich kann dem Artikel nur zustimmen. Unbewusst habe ich auch schon einiges in meinem Leben so gehandhabt. Ich bin z. B. eine miserable Schwimmerin und habe dann mit Mitte 30 einen Segelkurs gemacht. Auslöser war ein Kindersegelkurs, den ich beim Spazierengehen gesehen hatte. Wenn die das können, warum ich nicht. Ausloten, was sein könnte. Immer wieder mal etwas Neues lernen, ist das beste überhaupt - einfach aus Freude am Neuen. Eingleisigkeit ein Leben lang ist für mich erschreckend. Der Begriff "den Horizont erweitern" trifft den Nagel auf dem Kopf, das Gefühl, immer mehr Einblicke in die verschiedenen Bereiche des Lebens zu erlangen. Diese Bereicherung ist für mich der Hauptantrieb, mich immer wieder einmal mit Dingen zu beschäftigen, mit denen ich in meinem Leben noch nie zu tun hatte. Letztes Jahr habe ich einen Imkerkurs gemacht und habe jetzt selbst ein Volk. Das Jahr davor konnte ich noch keine Biene von einer Wespe unterscheiden.

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    1. Genial. Glückwunsch um Leben, wer das verwirklichen kann, lebt den Traum.

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  4. Ich finde ihre Gedanken sehr nachvollziehbar und denke auch P.S. (geschoben werden vs. gezogen werden)gibt hierzu sehr wertvolle Überlegungen.
    Entscheidend ist nach meiner Erfahrung, zu lernen sich selbst möglichst gut zu verstehen. Was treibt mich, was fällt mir leicht, wohin zieht es mich....
    Im Rahmen dieser Erfahrungen, auch im Selbstversuch bin ich auf folgenden
    Gedanken gestossen.
    Die Ursprungsbasis für alles sind individuelle Talente oder Untalente.
    Aus Talenten werden Stärken, aus Untalenten werden Schwächen.
    Deshalb gilt es , seine individuellen Talente herauszufinden und zu verstehen.
    Und das ist nicht so einfach, zumindestens , wenn ich hier unser Schul- und universitäres System anschaue. Und ja, auch mit Talent bedarf es sehr oft Fleiss und Übung, aber , wenn hierfür brauche ich viel weniger Energie, bin viel motivierter als , wenn ich in der Mehrheit mich meinen Untalenten auseinandersetzen muss , um etwas zu erreichen.
    Und ja, gerade in der Schule passiert es oft, dass Deine eigentlichen Talente auf grund eines starren, nicht individualisierbaren Systems als Schwäche (Noten)ausgelegt werden und irgendwann glaubst Du das auch.
    Dann kannst Du nur hoffen, dass Du entweder irgendwann auf die richtigen Menschen/Umgebungen triffst, die Dich hier weiterbringen oder du ein ausreichend ausgeprägtes Macht-, Neugier- und Wettkampfmotiv hast, um Dich selbst durchzukämpfen.






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    1. Vielen Dank für die wirklich überlegenswerten Anregungen!

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