30. Juni 2016

Der Staat bin ich!

"Es ist gefährlich Recht zu haben, wenn die Regierung falsch liegt." – Voltaire. Wie siehst du die politische Situation in Europa bzw. die wirtschaftsliberale Politik, das uneingeschränkte Streben nach Shareholder Value, Hyperkapitalismus und die damit zusammenhängenden ethischen Fragen? Ist es Zeit für selbstkritische Besinnung?

Es ist immer Zeit für selbstkritische Besinnung. Und Voltaire hatte sicherlich damals Recht, aber das ist etwas, das wir inzwischen auch mit seiner Hilfe in Europa erreicht haben: Es ist nicht mehr gefährlich, eine andere Meinung zu haben.

Occupy Berlin, Reichstag, Berlin (Corner of a Life CC BY 2.0)

Mir fällt auf, dass wir es uns angewöhnt haben, Meinungsbürger und Wutbürger zu sein, aber wir haben es verlernt, Bürger zu sein. Anstatt der Staat zu sein, grenzen wir uns ab und schimpfen über alles, was die Politik macht. Ein Grund mag sein, dass die Problemlagen so komplex geworden sind, dass wir sie nicht mehr durchschauen und stattdessen meinen, "die da oben" hätten die Kontrolle verloren (oder wahlweise: kontrollieren uns alle). Deine Stichworte Shareholder Value und Hyperkapitalismus stehen ja auch für solche "Angstbegriffe". Frag mal jemanden im Einkaufscenter, was Shareholder Value ist. Außer einer diffusen Meinung, werden die meisten dazu nichts sagen können.

Die unter-komplexe Behandlung der Themen durch selbsternannte Vertreter der Vernachlässigten nach dem Tenor "Grenzen zu!" oder "Lügenpresse" regt mich auf. Die Politik hat natürlich einen Anteil daran, wenn sie sich verselbständigt und die Leute nicht mehr ins Boot holt und ihnen die Themen erklärt. Damit macht sie es Populisten einfach.

Ein Beispiel ist der "Brexit". Hier ließ man die Leute abstimmen, die keine Chance haben, all die komplexen Implikationen ihres Abstimmungsverhaltens zu durchschauen. Man ködert sie mit populistisch-völkischen Parolen und bringt sie damit dazu, gegen ihre eigenen Interessen zu votieren. Eigentlich haben wir dagegen die repräsentative Demokratie etabliert und ich frage mich, warum wir sie dort hintergehen, wo wir sie wirklich brauchen.

Und weil ich hier jetzt weder unter-komplex sein möchte, noch einen Roman schreiben kann, will ich nur sagen: Es ist nicht alles so schlecht, wie es scheint. Wir machen viel richtig und müssen als Bürger dafür sorgen, dass die berechtigten Ansprüche auf Bildung, gute Nahrung, Gesundheit, sauberes Wasser und eine lebenswerte Umwelt nicht zugunsten eines schnellen Profits auf der Strecke bleiben. Wir brauchen Institutionen, die uns vor einer Vereinnahmung aller Lebensqualitäten durch “den Markt” schützen.



Matthias A. Exl hat mir diese Frage in seiner Interview-Reihe Zehn Fragen an… gestellt. Schaut Lest das ganze Interview auf Befreie dich selbst! Über die Kunst, wahrhaftig zu leben.

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Kommentare:

  1. Hiho :)
    Grundsätzlich hast du Recht und das Zitat von Voltaire ist gut gewählt. Andererseits: Du sagst, die Menschen beim Brexit hätten keine Chance gehabt die komplexe Lage zu begreifen. Vielleicht ist genau das, das Problem. Sie könnten die Lage begreifen, das normale Volk ist ja nicht weniger intelligent als die Politiker. Es will einfach nicht mehr. Es ist der Politik so überdrüssig geworden, dass sich intensiv mit dem Thema (selbst wenn es auf das individuelle Leben einen solch massiven Einflusss hat wie beim Brexit) zu befassen einfach zu viel für das Volk wäre.

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    1. Ja, da ist etwas dran. Ich will auch nicht sagen, dass wir dumm sind. Aber was auch schon deutlich wird, ist die aktive Verdummung durch solche Kampagnen wie Pro Brexit, wo einfach schlicht gelogen wird, um Leute auf die Seite zu ziehen. Von den becknackten tendenziösen TV-Sendern und Tabloids ganz zu schweigen!

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  2. Kürzlich erlebte ich in einem Forum einen Austausch darüber, wie man so die Zeit verbringt, ohne dabei "was mit Essen" zu veranstalten. Für mich war erschütternd, was da so zu Tage trat: neben dem obligatorischen TV vertreiben sich manche Menschen sogar die Zeit mit "Malen nach Zahlen" auf einem Tablet!

    Aber auch das so umschiffte Essen ist zu einem kulturellen MEGA-Bereich mutiert, ebenso wie lange schon das Reisen und Sport. Daneben zeigen unzählige Webseiten die Bastelfreude vieler Leute, schöne Dinge, die nur dazu da sind, schön auszusehen und herum zu stehen...

    Zeitgleich das zunehmenge Geschimpfe: die da oben machen doch nur, was sie wollen... bzw. "ich darf ja nur alle 4 Jahre ein Kreuz machen"..

    Nein, dem ist NICHT so. Politiker reagieren auf Druck, der von irgendwem gemacht wird - aber eben auch gemacht werden MUSS, bevor sich etwas ändert. In Parteien, Bürgerinitiativen und Lobbys müssen Menschen ihren Anliegen Ausdruck verleihen - das gehört ebenso zum demokratischen Prozess wie die Wahlen, die vergleichsweise unspezifische Willensäußerungen sind.

    Irgendwie scheint kulturell in Vergessenheit geraten zu sein, dass man sich einbringen muss, sich einlesen, sich darum bemühen, komplexere Themen zu durchdringen, um als "mündiger Bürger" am politischen Geschehen sinnvoll teilzuhaben. Und jedem Aufbegehren, jedem großformatigen Streit, muss auch die Bereitschaft zum Ausgleich, zum Verhandeln und zu Kompromissen folgen.

    Politiker sollten Moderatoren gesellschaftlicher Politikprozesse sein - nicht diese ersetzen müssen, weil "das Volk" lieber faul in den Sesseln hängt und irgend ein Hobby-Ikebana betreibt, anstatt sich selbst mit den Mühen der "Weltverbesserung" im Kleinen oder Großen zu befassen.

    Ja,ja, das ist überspitzt... trotzdem schreib ich es mal so hin! :-)




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