7. Juli 2016

Mit Beschleunigung zum Postkapitalismus

Die Akzelerationisten und ihre gesellschaftliche Utopie

Die Zukunft muss noch einmal aufgeknackt werden 
– und unsere Horizonte werden frei für die 
unbegrenzten Möglichkeiten des Außen.

Aus der Philosophie des Spekulativen Realismus, die hier schon des Öfteren thematisiert wurde, entsteht gerade die postkapitalistische Utopie der Akzelerationisten: Den Kapitalismus mit Mitteln des Kapitalismus stürzen. Von Bruno Latour haben sie gelernt, dass die Technik und das Soziale untrennbar miteinander verbunden sind und dass jede Veränderung auf einer Seite die Veränderungen auf der anderen verstärken.

Helmut Georg, Pipelines 1978-79 (Quelle: Wikipedia, CC BY-SA 4.0)

Die Akzelerationisten meinen, dass es zu ihrem globalisierten Postkapitalismus, der aus einer intellektueller Infrastruktur, den Medien in öffentlicher Kontrolle und politischen Zusammenschlüssen aus Mehrheitsinteressen zu erarbeiten wäre, nur eine Alternative gäbe: "eine allmähliche Fragmentierung hin zum Primitivismus, zur permanenten Krise und zum weltweiten ökologischen Zusammenbruch." Dass ihnen die global beobachtbaren Symptome von Brexit über Finanzkrise, Donald Trump und ökonomischen und ökologischen Dauerkrisen eine belastbare Argumentationshilfe bieten, kann man wohl nicht bestreiten. "Am bedeutendsten ist der Zusammenbruch des Weltklimas," sagen die Akzelerationisten und schauen unter dem Stichwort Anthropozän schon einmal von einem Zeitpunkt auf uns zurück, zu dem es gar keine Menschen mehr gibt.

Mit Fortschritt den Kapitalismus überwinden

Das interessante und neue an dieser linken Utopie ist, dass sie sich nicht romantisch gegen den Fortschritt und etwa für lokale Kommunen stark macht (was ja nicht gegen lokale Gemüsemärkte spricht), sondern betont, dass es ohne die globale und sogar außerterrestrische Technologie keine Zukunft für den Menschen gibt. Ja, man müsse sozusagen dem sich immer weiter beschleunigenden Kapitalismus sogar noch vorauseilen und ihn von vorne überraschen:

"Der Kapitalismus ist nicht nur ein ungerechtes und  pervertiertes, sondern auch ein  fortschrittshemmendes System. Unsere technologische Entwicklung wird, so sehr sie von ihm auch entfesselt wurde, vom Kapitalismus unterdrückt. Akzelerationismus ist der grundsätzliche Glaube, dass diese Kapazitäten freigesetzt werden können und sollten, indem wir über die Beschränkungen der kapitalistischen Gesellschaft hinausgehen. Diese Bewegung über unsere derzeitigen Schranken hinweg muss mehr beinhalten als nur den Kampf für eine rationalere globale Gesellschaft. Sie muss, so glauben wir, auch die Bergung der Träume beinhalten, die so viele von der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts bis zum Anbeginn der neoliberalen Ära in ihren Bann geschlagen haben, Träume vom Streben des Homosapiens nach Ausbreitung über die Grenzen der Erde und seiner unmittelbaren körperlichen Form hinaus." #BESCHLEUNIGUNGSMANIFEST FÜR EINE AKZELERATIONISTISCHE POLITIK (PDF-Link)

Es gibt sowieso kein Zurück, keine gesellschaftliche Entschleunigung mehr. Dass es aber die Technik alleine und ohne sozialpolitisches Handeln nicht richten wird, ist auch klar. Die Akzelerationisten beobachten wie wir alle, dass die Was-auch-immer-Krisen in unseren Gesellschaften in Frequenz und Stärke zunehmen und die Politik vor den wirtschaftlichen Intressenvertretungen zurückweicht, anstatt sie zu reglementieren. Man sieht das daran, dass nach jeder Krise die Privatwirtschaft ein Stückchen weiter in die sozialen Strukturen (Verkehr, Bildung, Gesundheit, Sicherheit) vordringt. Das ist jedoch nicht nachhaltig, weil es eben auf einen Höhepunkt zuläuft, an dem sich das System nicht mehr trägt, weil ihm die Basis (z.B. eine Bevölkerung in einem breiten relativen Wohlstand) abhanden kommt. Diesem gesellschaftlichen Abbau will diese Utopie nun radikal neue soziale, politische, organisatorische und ökonomische Visionen entgegen setzen. Statt der üblichen sozialen Verwerfungen, die einen sich immer weiter in der Gewinnspirale gefangenen Kapitalismus begleiten, wollen sie verborgene Produktivkräfte freisetzen.

"Für ein solches Projekt darf der materielle Plattform des Neoliberalismus nicht zerstört werden. Vielmehr muss er zu neuen gemeinschaftlichen Zwecke umfunktioniert werden. Die bestehende Infrastruktur ist keine Stufe des Kapitalismus, die zerstört werden müsste, sondern ein Sprungbrett zum Postkapitalismus." #BESCHLEUNIGUNGSMANIFEST FÜR EINE AKZELERATIONISTISCHE POLITIK (PDF-Link)

Das Manifest der Akzelerationisten ist ein sehr klares und reflektiertes Dokument, dass sich von jeglicher Sozialromantik oder Selbstaffirmation, wie wir es von typischen linken Bewegungen (siehe Occupy) kennen, distanziert. Zurecht, denn die "gewöhnlichen Strategien des Marschierens, des  Plakatehochhaltens und des Einrichtens vorläufiger autonomer Zonen laufen Gefahr, zum beruhigenden Ersatz für wirkliche Erfolge zu werden" und stützen damit allenfalls das System, das sie zu stürzen trachten. Die Akzelerationisten sind auch erfrischend pragmatisch und anti-naiv, wenn sie hervorheben, dass Verabsolutierung von Basisdemokratie die Voraussetzungen für die Wirkungslosigkeit der Politik schafft. Geheimhaltung gehört zu wirksamer Politik genauso wie Hierarchie und exklusive Ausschüsse, zu denen nicht jeder Zugang hat.

Konkrete Einflussnahme auf Politik und Gesellschaft

Auch in Deutschland tritt der Akzelerationismus über Protagonisten wie Armen Avavessian (siehe Bücher wie #Akzeleration#2 oder Gespräche wie das mit der School of Life Berlin) immer stärker in den intellektuellen Debatten auf. Natürlich steht am Ende immer die Frage, was nun konkret zu tun sei. Zuallererst gehe es um eine neue Vision für das Gemeinwohl und die zu postkapitalistischen Zwecken neu zu programmierenden materiellen Plattformen von Produktion, Finanzwesen, Logistik und Konsum. Ebenfalls unabdingbar sei die Vernetzung von verschiedenen Personen und Gruppen, die bereits an ihren sehr diversen Gesellschaftsentwürfen arbeiten, denn die Akzelerationisten haben keinesfalls schon ein fertiges Bild ihrer Utopie, sondern wollen diese in einer Kollaboration der auch konkurrierenden linken Gruppen und ihrer Ansätze erst herausarbeiten. Auch ein Internet neben dem E-Commerce-Net, das einmal unser Internet war, wird dazu nötig. Und - wieder ganz pragmatisch - sei neben dem Bündeln von Strategien und Organisationen natürlich auch das Auftreiben von Geldern für die politische Arbeit erfolgskritisch.

Und auch der Wissensaufbau, die epistemische Autorität, darf nicht zu kurz kommen: Neben einer Beherrschung der Technik und ihrer Entwicklung müsse die Linke auch im Umgang mit Daten und Analysen cleverer werden: "Die akzelerationistische Linke muss ihren Analphabetismus in diesen technischen Gebieten überwinden." Daraus folge eine Politik der geosozialen Kunstfertigkeit und gekonnten Rationalität mit der man durch experimentelles Vorgehen die besten Mittel finden möchte, um in einer komplexen Welt richtig zu handeln. Es geht also darum, tatsächlich über Think Tanks, Lobbyismus und die Parlamente politisch Einfluss zu nehmen.

Die Akzelerationisten verstehen das, was nun im Kapitalismus zu passieren hat wie das, was wir aus dem Film Die Matrix kennen: Die Matrix ist Problem und Erlösung zugleich und nur von den Programmen selbst und denen beherrschbar, die die Programme verstehen, hacken und umprogrammieren können.* Es könnte sein, dass die Linke im Spätkapitalismus mit dieser Science Fiction erwachsen und zudem auch noch philosophisch wird. Zu wünschen wäre es uns ja. Und die linke Politik in Deutschland könnte sich von so einem Anspruch einer "Ökologie der Organisationen, ein Pluralismus aus Kräften, die fortwährend aufeinander reagieren und sich gegenseitig verstärken" doch auch etwas lernen, anstatt sich in Flügeln untereinander aufzureiben und mit Torten zu werfen. Und die Sozialdemokraten müssen sich im Grunde komplett umformatieren, denn ihre Zeit des klassischen Kapitalismus ist vorbei. Also: Treten wir mal aufs Gas, beschleunigen das System und schauen was passiert?



*Zu den Zusammenhängen zwischen Akzelerationismus und Science Fiction siehe Essay und Diskurs vom 26.04.2015. 
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Kommentare:

  1. "Es geht also darum, tatsächlich über Think Tanks, Lobbyismus und die Parlamente politisch Einfluss zu nehmen."

    Wie innovativ... wo doch eingangs schon festgestellt wurde, dass die Politik vor den ökonomischen Interessen immer mehr zurück weicht!

    Aber ok, es ist schön und sehr angesagt, dass sich Menschen um eine neue Utopie bemühen! Warum die aber extraterrestrisch und über die Grenzen unserer Körper hinaus gehen soll, vermittelt sich mir auch nach Lektüre des PDFs nicht. Es ist extrem unsinnig, erhebliche Ressourcen, die dringend auf der Erde gebraucht werden, in irgendwelche Expeditionen ohne Wiederkehr zu stecken (dazu gab es mal eine umfangreiche TV-Doku). Und der Körper, die sinnliche Erfahrung, ist nach wie vor untrennbar verbunden mit jeglichem Wünschen und Wollen, mit allem Leiden und Genießen.

    Was ich aber nachvollziehen kann, ist, wie der aktuelle Kapitalismus mit seinem "geistigen Eigentum" in zig Varianten die Entwicklung behindert. Wie man das aber abschaffen können soll, dafür gibt es leider noch keine Lösung.

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    1. Nur mal kurz zur Klärung, vielleicht ist das ein Missverständnis, weil man von Lobbyismus immer in einem bestimmten Zusammenhang hört: "Think Tanks und Lobbygruppen" sind ja nicht per se Repräsentanten der Wirtschaft. Greenpeace macht ebenso Lobbyarbeit wie UNICEF oder Ärzte ohne Grenzen (nur eben nicht gut/professionell genug). Das Problem ist, dass es zu wenig und nicht zu viel Lobbyismus und Think Tanks gemeinnütziger Gruppen gibt. Es ist doch also der richtige Weg, diese etablierten Plattformen den Wirtschaftsverbänden streitig zu machen, oder?

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  2. "Das Manifest der Akzelerationisten ist ein sehr klares und reflektiertes Dokument, dass sich von jeglicher Sozialromantik oder Selbstaffirmation, wie wir es von typischen linken Bewegungen (siehe Occupy) kennen, distanziert. Zurecht, denn die "gewöhnlichen Strategien des Marschierens, des Plakatehochhaltens und des Einrichtens vorläufiger autonomer Zonen laufen Gefahr, zum beruhigenden Ersatz für wirkliche Erfolge zu werden" und stützen damit allenfalls das System, das sie zu stürzen trachten. Die Akzelerationisten sind auch erfrischend pragmatisch und anti-naiv, wenn sie hervorheben, dass Verabsolutierung von Basisdemokratie die Voraussetzungen für die Wirkungslosigkeit der Politik schafft. Geheimhaltung gehört zu wirksamer Politik genauso wie Hierarchie und exklusive Ausschüsse, zu denen nicht jeder Zugang hat."

    Muss ich merken. Denn ich sehe diese Demos und Aktionen der Linken eher auch als Selbstbestätigung, als ob es nur reicht mal wieder eine Demo zu machen, als ob dann, wenn alle schön mitmachen, für mich das oft nur noch so aussieht nach einer Ringelpiez-mit-Anfassen-Veranstaltung. Es geht nur noch um den Effekt, aber nicht mehr um das Ziel mit einem Ergebnis. Demo ist getan, lässt sich ja beliebig oft wiederholen, das Ziel lässt sich damit dehnen wie ein Kaugummi. Hat einen Aufschiebeeffekt. Oder man tauscht die Themen beliebig aus, vermehrt sie und verteilt sie auf unterschiedliche Themen. Auch das lässt sich ja damit strecken und ausweiten, aber die Ergebnisse verlieren sich ja doch irgendwie aus dem Blick, weil der Wiederholungseffekt zu einer Aufschieberitis wird. Man setzt sich keine Fristen oder wenn die Frist erfolglos blieb, reicht die Wiederholung der Aktion. Weil man das mit einer Hartnäckigkeit dann begründet, oder es als politische Ausdauer sieht. Aber bei allen Anstrengungen ist das Ziel die Verlängerung dieser Anstrengungen. Sind das nicht Reibungsverluste anstatt Erfolge durch Reibung? Ich frage mich, ob es nicht die hartnäckige Routine ist und wegen dieser Routiniertheit eben auch keine Hartnäckigkeit, weil die Pfade schon so ausgetrampelt sind, dass man auch den Pfad nicht mehr sieht, den man doch eigentlich mal verändern wollte. So viel zur Basisdemokratie.

    Allerdings sehe ich auch die Gefahr bei exclusiven Ausschüssen, dass Ideen dort hineingelockt werden, dann aber dort ebenso "verschwinden können", weil sie dort hängen bleiben, in diesen Ausschüssen.

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    1. Ja, da ist wirklich etwas dran. Auf der anderen Seite finde ich schon, dass es auch zu einer Bürgerdemokratie gehört, sich lautstark Gehör zu verschaffen und zu demonstrieren. Nur, es reicht eben nicht, um Dinge zu verändern. Es muss mehr dazu kommen. Ob diese Ausschüsse die Antwort sind? Es kommt etwas darauf an, wer darin sitzt. Die am besten demokratisch gewählten Vertreter solcher Ausschüsse könnten ja durchaus repräsentativ die Interessen aller vertreten.

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