28. März 2017

Die Angst vor der unmenschlichen Stadt

New York City: Hart aber schön

Wenn morgens um 6 Uhr das Heulen der Sirenen zunimmt und das laute Geratter der Baumaschinen bis ins Bett im 20. Stock meines Hotelzimmer vordringt, suche ich tastend nach meinen Kopfhörern, damit ich einigermaßen human mit Naturgeräuschen aufwachen kann. New York ist eine harte Stadt. Und das liegt nicht nur an dem Blizzard, der gerade überall zerfetzte Plastikplanen durch die eisigkalten Häuserschluchten treibt. Es liegt auch nicht nur an den langen scharfen Schatten, die die Wolkenkratzer in die Schluchten werfen, in denen die Menschen zur Arbeit eilen. Es liegt auch nicht nur an den hohen Preisen überall – ein Frühstück kriege ich hier nicht mehr unter 20 Dollar und ein bescheidenes Abendessen liegt schnell bei 40 Dollar.

Interstate 495 W nach NYC: Man hat Glück, wenn man abends in die City will (G. Dietrich CC BY-SA 2.0)

Die Mieten sind exorbitant. Ein Kollege zahlt über 700 Dollar pro Monat für ein Zimmer einer Wohnung, die er sich mit drei anderen in Brooklyn teilt. In Manhattan, wo sich das Büro befindet, wären es 1000 Dollar oder mehr für ein Zimmer. Man sieht entsprechend viele Obdachlose und eigentlich kann sich niemand in der City leisten, dort zu leben, wo er auch arbeitet. Lange Pendelzeiten und Dauerstaus morgens und abends sind nur die offensichtlichste Folge.

Die Härte kommt auch aus einem sehr individualistischen Dahinhetzen. Kopfhörer auf, Augen auf dem Smartphone, ständig in Eile, immer den direkten Weg durch die Menschenmassen und die hupenden Autos. Für rote Ampeln ist keine Zeit, allein auf dem Weg schnell ein Stück Pizza reinschieben, weiter laufen. Never stop! Interessanterweise schaffen es die New Yorker dann aber meistens doch, freundlich zu bleiben, wenn man mal aneinander rempelt oder jemanden mit einer Frage aufhält. Als Besucher genieße ich New York, die Energie und Vielfalt der Stadt, die Aufregung und die Freundlichkeit in den Gesprächen. Aber würde ich hier leben wollen? Eher nicht.

Tägliche Fährfahrt von New Jersey nach NYC zur Arbeit (G. Dietrich CC BY-SA 2.0)

Neue Töne im politischen Austausch

Auch in den Medien kann man derzeit eine neue Härte wahrnehmen. Donald Trump hat es zur Zeit nicht einfach. Der Präsident als Institution war eigentlich "off limits" für die Medien, also gewissermaßen unantastbar wie etwa Barack Obama. Das lag dann immer auch daran, dass er sich selbst als seines Amtes würdig gezeigt hatte. Trump und seine Gang sind anders, aggressiver, irrationaler und das bekommen sie als Retourkutsche deutlich zu spüren: Auf CNN oder MNSBC macht man sich auch schon mal öffentlich lustig über ihn. Selbst einige seiner Parteifreunde lassen in der Öffentlichkeit kein gutes Haar an ihm und seinen Entscheidungen. Man kann bereits erste Stimmen hören, die öffentlich bezweifeln, dass Trump die ersten vier Jahre im Amt überstehen wird. Und in der Tat sieht sein Stellvertreter Mike Pence, der bei einer Aufgabe Trumps automatisch an seine Stelle rücken würde, nach einem würdigeren Präsidenten aus, auch wenn seine politischen Ansichten erschreckend gestrig und viel konservativer als Trumps sind. Jedenfalls hat sich Trump zusammen mit seinen undiplomatischen Proxys wie Sean Spicer oder Kellyanne Conway sehr harte Umgangsformen eingebrockt. Er kann einem nun fast leid tun, auch weil ihn, den Celebrity mit einer narzisstischen Sehnsucht nach positiver Publicity, diese harsche Kritik, dieser Spott, diese Demontage seiner Präsidentschaft, sehr an die Nieren geht.

Frühstück auf dem Weg zur Arbeit (G. Dietrich CC BY-SA 2.0)

Harter Alltag

Die durchschnittlichen New Yorker scheint das in ihrem täglichen Überlebenskampf kaum zu interessieren. Sie haben andere Sorgen. Die meisten von ihnen scheinen in den tausend Läden, Restaurants, Fast-Food-Buden und rund um die Uhr geöffnete Convenient Stores zu arbeiten. Dann die schon erwähnten Baustellen mit ihren tausenden Bauarbeitern, Fahnenschwenkern und Security-Beauftragten. Taxifahrer, Uber-Fahrer, Busfahrer und Limo-Chauffeure gehören ebenfalls in diese prekäre untere Mittelschicht. Oder, wie Donald Trump sagt: "Bad jobs!" Gleich danach geht es steil bergab: Die Verkäufer in den zahllosen Kiosks unterscheiden sich nur wenig von den Mützen- und Sonnbrillenverkäufern auf der Straße und die wiederum sind kaum zu unterscheiden von den zahlreichen Obdachlosen und Bettlern, die überall anzutreffen sind. All diesen Leuten steht eine kleine aber gut sichtbare Gruppe von extrem wohlhabenden Leuten gegenüber, die ihre Ferraris spazieren fahren, 200-Dollar-Steaks im Schaufenster essen und tütenweise ihre Shopping-Beute aus Läden wie Barneys New York schleppen, wo eine Unterhose gern mal ab 80 Dollar aufwärts kostet.

Wie ist eine menschliche Zukunft in der beschleunigten Moderne denkbar? (G. Dietrich CC BY-SA 2.0)

Gibt es Blaupausen für die #Zukunft?

Was mich bei all dem wundert, ist der soziale Friede, der hier bei all diesen Extremen noch herrscht. Ich weiß nicht, ob das in Europa so möglich wäre. Faktisch ist es bei uns zwar nicht viel anders, jedoch ist die Scham auf beiden Seiten viel ausgeprägter, sodass die Extreme nicht so sichtbar sind. Sowohl die extrem armen als auch die extrem reichen Leute bleiben bei uns jeweils unter sich. Soziologisch ist das ganz gut mit dem American Dream angerissen, der rein theoretisch allen offen steht und so für einen Zusammenhalt bei allen Unterschieden sorgt. Trotzdem finde ich es phänomenal, fast unglaublich und ich würde nicht darauf wetten, dass das immer so bleibt, zumal wenn sich die Leute der Mittelschicht und darunter durch diese harte Geschwindigkeit immer mehr aufreiben lassen und ihre Resilienz nach und nach verlieren.

New York war schon immer eine besondere Stadt, die schneller tickte und ihrer Zeit voraus war. Für mich ist die Stadt damit auch eine Blaupause dessen, was auf andere Städte zukommt, ein Blick in die Zukunft gewissermaßen. New York hat diese Energie und Kraft mit der hyperbeschleunigten Globalisierung umzugehen, die in den "alten" europäischen Städten und Städtchen und sicher auch in vielen anderen amerikanischen Städten so nicht zu finden ist. Im Gegenteil – wir sehen vielmehr gerade eine Gegenwehr und Abgrenzung gegen diese sich ewig beschleunigende Moderne. Ich habe eine tiefe humanistische Sympathie für die Abwehr, denn wer kann so schon leben, wer hält das aus! Nur die Gegenwehr hat auch Risiken, die vor allem im Rückzug von gesellschaftlichem Einfluss und der Hingabe an populistische Rattenfänger bestehen. Wir können in den USA bereits sehen, wie es dem politische Populismus gelang, die "Abgehängten" für seine hinterwäldlerischen Zwecke (die am Ende doch nur auf einen unreflektierten "Willen zur Macht" und Gewinnmaximierung einiger weniger hinauslaufen) zu rekrutieren. Die nächsten, die vom Gefühl der Überforderung durch Globalisierung und Hyperkapitalismus profitieren werden, sind Marine Le Pen und ihre Leute vom französischen Front National. Le Pen ist unter all ihren populistischen Kollegen der neuen Rechten mit Abstand die intelligenteste, denn sie stößt ganz gradlinig in genau diesen anti-humanistischen Abgrund vor und verbirgt damit ihre nationalsozialistische Agenda ganz geschickt.

Was zeigt uns all das? Vor allem, dass der technische Fortschrittsoptimismus gepaart mit einem Finanzkapitalismus, der immer mehr Geld für immer weniger Menschen abwirft, nicht ausreicht für eine zivilisierte Gesellschaft. Im Moment gelingt es vor allem der alternativen Rechten mit ihren rückschrittlichen Konzepten der Abschottung diesen Mangel aufzuzeigen. Was wir benötigen ist eine pluralistische, humanistische und trotzdem fortschrittliche Vision, der es gelingt, die Entwicklungen der Technik, der Digitalisierung und Globalisierung mit einer Aussicht auf ein gesundes und abgesichertes Leben in intakten Umwelten und Gesellschaften zu vereinen. Sowohl Linke als auch Konservative haben das bisher nicht entwerfen können, sondern eher im Gegenteil die Entfremdung der Menschen von ihren gewählten "Vertretern" vorangetrieben.

Wie genau so eine positive Zukunftsvision aussehen kann, ist mir auch nicht klar. Aber dass New York keine Vorlage dafür ist, wird jedem klar, der sich dieser überfordernden Energie eine Weile aussetzt. Das völkische Dorf der identitären Bewegungen ist zwar gemütlicher, aber eben auch eine völlig dusselige nationalromantische Illusion, die in dieser Welt nicht realisierbar und mit ihrer Ablehnung des Fremden und Neuen auch nicht wünschbar ist. Welche Ideen habt ihr in Berlin, München, Zürich, Hamburg, Frankfurt, Leipzig, Wien oder wo auch immer ihr lebt? Wie soll eure Welt in Zukunft aussehen?



Das passt dazu:

Kommentare:

  1. Was machst Du in New York?
    Das letzte Mal, als ich da war, ist schon eine Weile her. Da verteidigte Kasparov seinen Weltmeistertitel im Schach.
    Ich frühstückte immer im New York Delhi um die Ecke, für etwa 3 Dollar.
    20 Jahre sind eine wahrlich lange Zeit. Daß sich die Dinge so schnell ändern, war mir nicht bewusst.
    Gerhard

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    1. Eine Woche beruflich und eine Woche privat, weil es auch schon wieder so lange her war.

      Nee, für 3 Dollar kriegst du jetzt hier eine Flasche Mineralwasser im Convenient Store. In einer der typischen Ketten hier bekommst du einen Kaffe für 3,50 und dazu eine Waffel für noch einmal 6 $.

      Aber was mich eigentlich mehr interessiert, sind Ideen zu meiner letzten Frage im Text. Was meinst du?

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  2. Die oberen X Prozent müssten gezwungen werden, deutlich mehr Steuern zu zahlen, um eine soziale Absicherung aller zu finanzieren, die diese Auswüchse verhindert. (Bekanntes Problem: Kapital ist ein scheues Reh und flüchtig...)

    Die Rückbesinnung der SPD auf die Interessen der schwindenden Gruppe der Langzeit-Angestellten trägt nichts bei zur Problemlösung in einer Welt, die immer mehr von prekären Arbeitsverhältnissen und Lebensläufen mit vielen Brüchen und Phasen der Arbeitslosigkeit gekennzeichnet ist - traurig, aber wahr!

    Vielleicht GIBT es keine positive Anwort auf deine letzte Frage, sonst hätte sie doch schon irgendwer formuliert.

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    1. Ja, vielleicht nicht als Antwort. Aber als Wunsch, Bitte, Phantasie... Fängt nicht so einiges positive mit einem Traum an, mit einer Utopie, wie du an anderer Stelle sagst?

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  3. Das, was noch unvorstellbar ist und nach dem Kapitalismus (bzw. seinem letzten Aufzucken als Neo-Feudalismus) kommt, wäre wohl die nächstbeste Lösung... Bis dahin würde uns vielleicht das bedingungslose Grundeinkommen ein bisschen Luft verschaffen, indem es unsere Leben entschleunigen würde. Arbeit als stärkster Faktor in der Identitätsgebung wird ja doch wieder brüchig, weswegen manche von uns sich noch verzweifelter in die Arbeit stürzen, andere in nationalistischen Gruppen etc. Halt suchen. Mit der gewonnen Zeit könnten wir stattdessen Bestätigung und Sinn in Ehrenamt und Politik finden. Und was mir in diesem Zusammenhang auch noch wichtig erscheint: die Betätigung im direkten Lebensumfeld. Selbst kleinere Städte als New York sind doch so komplex (und darin auch reizvoll), dass es auch sich auch lohnt, im Quartier oder ähnlichem anzufangen. Das gibt Zugehörigkeit und Nähe - und damit wäre auch die Verbindung zur Welt und zur größeren Politik geschaffen. Denn wo sonst kann ich etwas über Migration lernen, wenn nicht vom Nachbarn oder über Klimawandel, wenn nicht von der Mango im Laden nebenan? Das schöne an der Globalisierung ist ja, das Teile der weltweiten Komplexität jetzt auch vor meiner Haustür sind und ich mich auch direkt da mit ihnen auseinandersetzen kann.

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    1. Anmerkung: "Bedingungslos" würde ich an dieser Stelle doch noch einmal hinterfragen und mich gleich mit dem Konzept auseinandersetzen. Vielen Dank, lieber Herr Dietrich, für die Denkanregungen!

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    2. Danke für diese Ideen! Da ist einiges dabei, was ich auch gern ausprobiert sehen würde. Und ich denke auch, dass das mit der Regionalisierung tatsächlich ein Weg wäre, in großen Verbünden (wie der EU oder der globalisierten Welt) wieder Identitätsbildung zu ermöglichen. Da gibt es ja auch immer noch Anknüpfungspunkte in den Traditionen (z.B. Osterfeuer), in den Märkten, in lokaler Produktion und eventuell bietet auch kommende Technik dazu noch mehr Möglichkeiten, z.B. dezentralisierte Energiegewinnung, 3D-Drucker und neue Infrastruktur.

      Woran ich bei Ihrem Kommentar auch denken musste: Hier in Berlin haben wir die "Kieze". Man lebt hier nicht in Berlin, sondern in Pankow oder Charlottenburg oder Kreuzberg. Ich habe das nie so identitätsstiftend empfunden, aber vielleicht geht es anderen näher.

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