17. April 2017

Die zweite Hälfte deines Lebens

Kontemplation oder die Tiefe der Zeit


Der Franziskaner und Autor zur christlichen Mystik (z.B. Pure Präsenz: Sehen lernen wie die Mystiker) Richard Rohr, 74 Jahre alt, beschreibt, wie wir als erwachsene Menschen zwei Hälften des Lebens durchmachen. Die erste Hälfte dreht sich notwendigerweise um das Überleben, mehr noch um das erfolgreiche Überleben. Es ist oft voller Sorge rund um Karriere, Titel, Status und Besitz. Die kognitive Charakteristik dieser Lebensphase bestehe in einem dualen Entweder-Oder-Denken, in einer Herangehensweise des Alles-oder-Nichts. Wir brauchen diese Phase im Leben, aber, so Rohr, diese Lebensweise bringt uns nicht dem näher, was man "Sinn des Lebens" nennen könnte. Sie hat kein Gespür dafür, was die Zeit überdauern wird und was in der zweiten Hälfte des Lebens noch wichtig sein wird.

Rohr warnt davor, die Zeit nur linear zu verstehen. Es gibt keinen zwingenden Grund, dass die zwei Hälften hintereinander gelebt werden müssen. Vielmehr kommt es auf eine Lebensweise an, die für das Platz lässt, was Rohr "Kontemplation" nennt:

"Kontemplativ zu sein, bedeutet, der Tiefe der Zeit zu trauen und zu lernen, wie man in ihr verweilen kann, ohne sofort von der chronologischen Zeit eingeholt zu werden. Man lernt, besonders in meinem Alter, dass alles vergeht. Die Dinge, die dir so wichtig waren, als du 22 oder 42 warst, bedeuten jetzt gar nichts mehr, obwohl du so wütend warst oder dich da so hinein geschmissen hast. Kontemplation ist also eine andere Form des Bewusstseins. Es ist eine andere Form der Zeit." (Richard Rohr im Interview "Living in Deep Time" von OnBeing, Übersetzung von mir)

Mit Kontemplation haben wir also die Möglichkeit, unser Leben – auch wenn es chronologisch noch nicht in der zweiten Hälfte ist – etwas weiser zu gestalten. Um die Tiefe der Zeit auszuloten empfiehlt Rohr einen Gedanken-Trick in Form einer Frage: "Ist diese Sache, die dich im Moment so sehr sorgt, auch im Angesicht der Ewigkeit wichtig?" Oder etwas diesseitiger gefragt: Wird sie eine Rolle spielen, wenn ich am Ende meines Lebens zurückschaue? Diese Frage kann uns inmitten der aufgeregten und so dringend erscheinenden Sorgen erden und alles etwas relativieren.

Die Kontemplation hilft auch, das in der Überlebensphase zwar notwendige, für ein sinnvolles Leben aber eher beschränkte dualistische Denken zu überwinden oder besser anzureichern mit einem Denken in Alternativen, Möglichkeiten und Ambiguitäten.

"Nicht-duales Denken ist dort, wo du in ein Sowohl-als-Auch übergehst, dort, wo du nicht mehr nach einem Alles-oder-Nichts suchst. Und wir sehen das in unseren politischen Debatten heute: Das Alles-oder-Nichts ist die beinahe einzige Form des Austauschs. Und es erscheint mir sonderbar, dass wir so viele Universitäten, Kirchen, Synagogen und Moscheen haben und trotzdem so viele Menschen auf einer so niedrigen Bewusstseinsform sind, dass sie alles als ein Entweder-Oder verstehen.
[...]
Die Perspektive des Sowohl-als-Auch hat mich gelehrt, dass sich Gegensätze nicht widersprechen. Tatsächlich ergänzen sie sich gegenseitig und bereichern einander." (Ebd.)

Wir benötigen eine andere Art der Software für ein weises Leben und eben diese finden wir in der "tiefen Zeit" oder der Kontemplation. Auch in den alltäglichen Begegnungen in dieser Welt, können wir üben, dieser Weisheit näher zu kommen:

"Man muss sich dazu einen anderen Kopf aufsetzen, einen mit dem man den Moment, das Ereignis, die andere Person oder die neue Idee auf einen zukommen lässt, ohne das gleich in eine Schublade zu stecken oder zu analysieren oder als hoch oder runter, rein oder raus, für oder gegen mich zu interpretieren. Es ist erst einmal einfach, was es eben ist, ohne mein Label. Heutzutage müssen wir das den Menschen beibringen, denn niemand von uns lernt, wie man das macht." (Ebd.)

Wir kennen das aus Meditations- und Achtsamkeitsübungen. Und obwohl das der letzte Hype ist, sehen wir meistens, dass wir uns im Alltag nicht so verhalten. Vielleicht stünde es uns gut an, etwas kontemplativer zu leben, nicht vor unseren Gedanken davon zu rennen, sondern sie auf uns zu kommen zu lassen und dann zu untersuchen, was Gutes an ihnen dran ist. Und vor allem können wir wirklich mal damit aufhören, immer alles in Dualitäten zu denken. Das ist nicht nur limitierend für das eigene Leben und seine Möglichkeiten, es führt uns auch in diese gesellschaftlich ausweglosen Debatten und Grabenkämpfe zwischen Konservativen, Linken, Rechten und so weiter. Wie gesagt: Das Denken in Dualitäten hat seinen Sinn und Zweck, aber es ist ein Denken jenseits der Weisheit. Wir brauchen dieses Denken im Überlebensmodus, aber ohne das kontemplative Denken, werden wie nie über diesen simplen Modus hinauskommen und so etwas wie einen Sinn in dem finden, was uns umgibt, was wir wollen und was wir tun.

Das ganze Interview mit Richard Rohr kann hier in Englisch gehört werden:





Das passt dazu:

Kommentare:

  1. Weil es grad so gut passt: Für ein mehrdimensionaleres und Facetten-reicheres Verständnis des Referendums in der Türkei:

    http://www.sueddeutsche.de/politik/referendum-in-der-tuerkei-wie-ich-mich-fuehle-ich-denke-wir-wurden-betrogen-1.3465887

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  2. Weiser Mann!

    Das mehrdimensionaleres und facettenreicheres Denken derzeit aber eher die Ausnahme ist sehen wir ja überall. Schwarz/Weiss ist ja so schön einfach. Es lebe der Stammtisch im Kopf!

    Ich weiß noch gut wie ich bei der Arbeit vor ein paar Monaten von einem ohnehin (meiner Ansicht nach) eher einfältigen Arbeitskollegen gefragt wurde: "Sag mal, bis Du eher rechts oder eher links?" Ich antwortete etwas entnervt "Du, mein politisches Spektrum liegt in der oberen tiefen Zukunft!"

    Man konnte in dem Moment in den Augen gerade zu ein Cartoon sehen, wie er verzweifelt versucht hat meine Antwort (und mich) dadurch in irgendeine Schublade zu stecken. Ging wohl nicht. Daher war ich ihn los. Keine Lust zum Denken halt.

    Türkei? Ich mach mich mehr Sorgen um Frankreich!

    gruß

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    1. In Alternativen denken ist hart, aufwendig, kostet Energie. Deshalb ist die ganze Aufklärung so eine Zumutung für die Menschheit.

      Um Frankreich mache ich mir auch Sorgen, besonders weil Marine Le Pen nicht so dumm ist wie die anderen autoritären Demagogen. Das sieht man schon daran, dass sie - ganz modern - die Unterscheidung in rechts und links ebenso von sich (und ihrer Partei) weist, wie du ;)

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    2. Richard Rohr spricht von einem Zustand vor der Jahrtausendwende. Inzwischen ist unsere Gesellschaft schon längst im Sowohl-Als-Auch angekommen, politisch, philosophisch, sozial, wie auch immer. Integration ... Integration ... Integration ... heißt es doch überall. Inklusionsklassen, Globalisierung, Internet ... das alles ist doch bereits Sowohl-Als-Auch.

      In spirituellen Kreisen macht man sich tatsächlich inzwischen schon ein bisschen lustig über das Sowohl-Als-Auch, weil es man es schon nicht mehr hören kann.

      Donald, Brexit und die gute Marine können diesen Prozess auch nicht aufhalten. Es lohnt nicht mal, sich über diese Ewig-Gestrigen groß aufzuregen und sie zum Feindbild aufzupuschen. Das kommt denen nur entgegen. Dabei ist es Schnee von gestern. Der Nationalismus wird in der Form, wie wir ihn schon erlebt haben, nicht wiederkehren.

      Nicht Marine le Pen ist das Problem, sondern der Mangel an Gegenkandidaten, die man tatsächlich wählen könnte. Da ist keiner dabei, der was auf dem Kasten hat.

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    3. Den Satz verstehe ich überhaupt nicht:

      "In spirituellen Kreisen macht man sich tatsächlich inzwischen schon ein bisschen lustig über das Sowohl-Als-Auch, weil es man es schon nicht mehr hören kann."

      Kannst du da auf eine Quelle als Beispiel verweisen? Und es klingt auch so, als seien "spirituelle Kreise" irgend etwas mit epistemischer Autorität, das etwas qualifiziertes zur Frage des dualen vs. flexiblen Denkens beitragen könnten.

      Was in dem Artikel oben eher gemeint ist, ist die Tendenz von uns Menschen (allen), lieber dual in alles oder nichts, schwarz oder weiß etc. zu denken und dabei die Facetten, die Vielschichtigkeit des wirklichen Lebens und seiner Realität zu vernachlässigen. Das ist auch kein böser Wille von uns, sondern ein ganz organisches Prinzip des Energie-Managements in unserem Gehirn. Ich wüsste nicht, inwieweit wir also schon "längst im Sowohl-Als-Auch angekommen" seien.

      Obwohl die Beispiele, die du bringst tatsächlich optimistisch stimmen und vielleicht ein Resultat dessen sind, dass an bestimmten Stellen der Gesellschaft (an denen mit deontischer Autorität) tatsächlich in Sowohl-Als-Auch gedacht wird. Danke für diesen Hinweis.

      Nun müssen nur noch die ganzen selbsternannten Experten im Social-Media-Universe nachziehen. Wer hätte gedacht, dass ein der Demokratisierung von Information und Wissen fähiges Medium so viel Nonsense hervorbringen könnte und am Ende eher der Abschaffung der demokratischen Strukturen zuträgt. Enttäuschend, aber typisch Entfremdung.

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    4. 1/3

      Es erscheint mir rückblickend so, dass sich alle in der digitalen Welt erneut zivilisieren müssen. Online verhalten sich nach wie vor sehr viele ja wie die letzten Höhlenmenschen. Jeder glaubt ein kleiner "Journalist" zu sein ... und heute? Wissenschaftler gehen mit Schildern und Plakaten auf die Straße um sich und Ihre Arbeit zu verteidigen ... ja sogar zu rechtfertigen. Unfassbar. Hätte mir das vor gerade mal 2 oder 3 Jahren einer gesagt ... selbst ich wäre nicht so Kulturpessimistisch gewesen! Und ich bin SEHR pessimistisch ;)

      Was Frankreich angeht ist das doch auch wieder so ein Déjà-vu wie bei Trump gegen Clinton. Die Wahl zwischen extrem schlecht (Le Penn) und schlecht (Macron). Eine abstoßende nationalsozialistische rassistische und extrem fortschrittsfeindliche Politik steht einer vorgegeben sozial- tatsächlich aber eher neoliberalen Politik gegenüber von einem ach so charismatischen ehemaligen Investmentbanker der seinen Magister über Machiavelli geschrieben hat.

      Vielleicht passt weder das "Sowohl-als-auch" noch das "Entweder-Oder". Beide wollen das Links/Rechts-Schema aufheben. Wie ich. Trotzdem alles Mogelpackungen. Es scheint mir immer so, dass Menschen insbesondere in den westlich oder westlich orientierten Industrienationen in so einem Cocoon-Zustand sind. Wie eine Raupe die sich verpuppt um letztendlich zu einem Schmetterling zu werden. Wir bleiben aber ständig in diesem verpuppten Zustand, weil wir alle irgendwie noch nicht wissen was "der Schmetterling" eigentlich ist?!? Ich meine wir haben ja irgendwie noch nicht mal einen richtigen Namen für das was man heute mit postwachstumsökonomie oder postkapitalismus umschreibt! Nein, nicht Planwirtschaft. Auch nicht Marx, Lenin, Sozialismus, Kommunismus ... hat nicht geklappt. Aber ist den der derzeitige Zustand echt "das Ende der Geschichte"? Wir Menschen sind halt doch zu doof, zu beschränkt, zu animalisch um endlich mal den Mut zum Schmetterling zu haben? Kein Politiker der mir bekannt ist, hat den Mut dazu. Wie in Frankreich. Alle wollen dem verpuppten Zustand nur einen anderen Anstrich verpassen.

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    5. 2/3


      Das schlimme ist das die, die das Schema WIRKLICH aufheben wollen, niemals gewählt werden würden. Sie würden als unbedeutende Kleinpartei ignoriert werden das sich ja selbst das (Partei)demokratische System letztendlich Marktwirtschaftlichen Mechanismen unterwirft: Angebot und Nachfrage.
      Warum fällt es den Menschen nur so unheimlich schwer sich endlich (nach Roundabout 500 Jahren Renaissance und etwa 300 Jahren Aufklärung) mal der Aufklärung und der Vernunft zu "unterwerfen"? Nö, lieber immer bei Nationalstolz, religiöser Ideologie oder stupid Economy bleiben. Am besten wieder n Weltkrieg damit alles in Trümmern liegt und anschließend Wirtschaftswissenschaftler stolz über Wirtschaftswunder und das tolle System erzählen können. Es geht mir soooo auf den Sack! In blinder Selbstverständlichkeit wird Lohn und Erwerbsarbeit als absolut überlebenswichtig angesehen ob wohl man Geld nicht Essen kann. Schwulenrechte, Frauenrechte, Transgender, Travestie, Hipster .... nur im Konsum sind letztendlich alle gleich. Bloß nicht denken, Hauptsache kaufen!

      In absurder Doppelmoral empört man sich über einen Spinner der einen Bus mit Fußballern sprengen will um mit Optionsscheinen der Börse dadurch reich zu werden.... während seit Jahren Getreide und Milchpulver (das hungernde Menschen das ÜBERLEBEN sichern könnte) gebunkert wird um Verluste zu reduzieren und Profite zu maximieren. Welchen Weltschmerz man da wieder empfindet...

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    6. 3/3

      Aber wie kläglich würde jemand, der was auf den Kasten hat, leider scheitern?! Jemand der quasi "Schumpeters letzten Akt" fordert. Eine letzte endgültige Innovation die das System aus sich selbst heraus unnötig macht. Aber wer würde denn tatsächlich wortwörtlich in den bzw. die Menschen investieren ohne Geld zu verdienen? Woran wird den leider heute Sinn gesehen? In dem was nützt oder in dem was sich verkaufen lässt? Es werden nicht Lösungen für Probleme erfunden. Es werden Probleme erfunden und dafür Lösungen kreiert um diese verkaufen zu können. Das Ziel sollte eine Überflusswirtschaft sein! Geld sollte gar nicht mehr notwendig sein. Der Sinn und Zweck von Kultur und Zivilisation sollte das Leben der Menschen auf der ganzen Welt in Würde sicherstellen. JEDEM Leben und Bildung ermöglichen ... stattdessen ist der mächtigste Mann der Welt ein pubertierendes 70-jähriges Riesenbaby für den Vernunft wohl so ist, wie ihm sein Spielzeug wegzunehmen.

      Aber dann kommt halt wieder Stephen Hawking Aussage "Die Utopie ist aufgrund menschlichen Versagens nicht ausführbar." Er scheint Recht zu haben.
      Zuletzt würde ich mir 3 Dinge für die Menschen wünschen:
      1. Eine paar Erdähnliche Planeten die nicht zu weit weg sind.
      2. Eine Raumfahrttechnologie die es ermöglicht diese zu erreichen, ggf. mit Mehrgenerationen-Schiffen.
      3. Eine Ewigkeitsklausel (Nichtangriffspakt) dass jede menschliche Kolonie auf den verschiedenen Planeten für alle Zeit immer unabhängig bleibt und sich nach eigenen Vorstellungen entwickelt. Ggf. auch ohne diplomatische Beziehungen untereinander.
      Als Trekkie denke ich in dem Zusammenhang halt natürlich an Vulkanier und Romulaner ;)

      Aber im Ernst: DAS wäre mal ein Ziel für die Menschheit. Von mir aus können dann die Kapitalisten so ne schrullige Glaubensgemeinschaft werden wie heute die Amish …. Alle in Anzügen und Krawatte beten die einen Altar mit einer gläsernen, also unsichtbaren Hand ala Adam Smith an und huldigen die Erwerbsregeln wie die Ferengi : „Wir wollen die Ausbeutung nicht beenden, wir wollen zu Ausbeutern werden!“



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