13. März 2018

Das Dazwischen ist das, was zählt

Maurice Merleau-Pontys Phänomenologie

Dasein und Welt haben ihren Zusammenhang im Leiblichen, so könnte man Maurice Merleau-Pontys Hauptthese zusammenfassen. Hinter diese Erfahrung kann man nicht zurückgehen, man kann das Sein nicht weiter reduzieren, vor dem Leiblichen gibt es nichts. Merleau-Ponty ist einer der Vertreter der Phänomenologie, der Philosophie, die den Ursprung jeder Erkenntnisgewinnung in den unmittelbar gegebenen Erscheinungen sieht. Nur ist es nicht so einfach, wie es klingt: Die Welt ist nicht, wie sie uns im Bewusstsein erscheint. Wir müssen diese Erscheinung gewissermaßen zurückrechnen, wir müssen unsere Position und Perspektive, unseren Wahrnehmungsapparat, unser eigenes Verortetseins in der Welt rein- und rausrechnen, um die Phänomene wirklich beschreiben zu können. Die intuitive Wahrnehmung ist ein selbstvergessener Akt, der erst durch tiefe Reflexion über sich selbst den Phänomenen näher kommt. Maurice Merleau-Ponty zeigt das in seiner Philosophie sehr einprägsam.


Maurice Merleau-Ponty (Wikipedia)

Der Leib der Welt

"Der Mensch steht der Welt nicht gegenüber, sondern ist Teil des Lebens, in dem die Strukturen, der Sinn, das Sichtbarwerden aller Dinge gründen." (Merleau-Ponty, Das Sichtbare und das Unsichtbare)

Die Philosophie ist als eine Form des Weltverstehens oft von einer Dualität ausgegangen, die darin bestand, dass der Mensch als beobachtendes Subjekt der Welt als zu beobachtendes Objekt gegenübersteht. Diese Dualität löst Merleau-Ponty auf und verortet den Menschen als Teil des sich Beobachtenden. Eine klare Trennung in Subjkekt und Objekt erübrigt sich, wichtig ist vielmehr der diffuse Zwischenbereich, den Merleau-Ponty den "Leib der Welt" oder auch die "Ambiguität" nennt.

Wir sind immer beides, Subjekt und Objekt und so erleben wir uns auch. Von diesem Erleben geht Merleau-Ponty aus, wenn er beispielsweise beschreibt, wie wir unsere eigenen Hände berühren und dabei das eigene Objektive (das berührte) und das eigene Subjekive (das berührende) spüren. Damit ist der Leib also weder nur ein Körper, noch nur Bewusstsein, sondern das Dazwischen.

Maurice Merleau-Pontys Hände (Wikipedia)

Der Leib ist das Vermittelnde zwischen Geist und Körper, der Leib ist somit die wirkliche Verortung des Menschen, wir sind, wo der Leib ist. Daraus folgt nun auch, dass wir den Raum um uns herum nur deswegen haben, weil wir Leib sind, der Raum ist eine Folge unserer leiblichen Verortung in der Welt. Das widerspricht unserer intuitiven Auffassung vom eigenen Körper als Teil des Raums.

Was sagt uns das? Zum einen wohl, dass die Wahrnehmung im Wahrgenommenen verschwindet und wir uns also nicht anmaßen können, die Welt und uns so zu sehen, wie sie ist, wie wir sind. Solch ein naiver Realismus würde der Wirklichkeit nicht gerecht.

"Die Phänomenologie zeigt, daß unser Wahrnehmen und Denken anders verlaufen, als wir gemeinhin – denken; sie zeigt, daß das Bewusstsein ein Phänomen des »Dazwischen« ist, so hat es der französische Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty genannt: weder Subjekt noch Objekt im herkömmlichen Sinne." (Rüdiger Safranski, Ein Meister aus Deutschland: Heidegger und seine Zeit, S. 100)

Ich nenne die Phänomenologie einen nicht-naiven Realismus, weil sie weder die Wirklichkeit in ihrer Unabhängigkeit vom Wahrnehmenden leugnet, noch den Wahrnehmenden einfach als einen Beobachter des "offensichtlich" Wirklichen situiert.

Was folgt aus diesem nicht-naiven Realismus?

Was mir neben dem Realismus persönlich sehr an der Phänomenologie Merleau-Pontys gefällt, ist die Aufhebung des Dualismus durch die Hervorhebung des Leiblichen. Zu verstehen, dass wir nicht entweder Körper oder Geist sind, sondern dass sich das Entscheidende des Lebens immer in einem Dazwischen abspielt, ist originell und schlechthin revolutionär für die Philosophie.

Übrigens gilt das Dazwischen als das Entscheidende für alle Aspekte des Lebens: Nicht bei mir selbt passiert die Magie der Liebe, sondern zwischen meinem Partner und mir. Nicht das gute Essen ist das Himmelsreich, sondern das Aroma, die Textur, der Geruch, wenn ich mich mit meinem Leib am Essen abarbeite, also diesen Zwischenzustand herstelle zwischen dem Essen als Objekt und dem Gegessenen als Teil von mir. Nicht das Buch, das ich lese, ist die große Literatur, sondern das, was passiert, wenn ich selbst lese. Diese Beispiele ließen sich unendlich fortführen.

Und was macht es mit uns, wenn wir uns auf den Leib, also auf das Zwischen Körper und Bewusstsein, konzentrieren? Könnte es sein, dass wir die Welt (also auch uns selbst) intensiver wahrnehmen, könnte es sein, dass wir ein größeres Mitgefühl für andere entwickeln? Könnte es sein, dass wir alle Maurice Merleau-Ponty lesen sollten, um eine bessere Welt zu schaffen?



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