29. April 2018

Der Mensch ist das Tier, das lügen kann

Wie entfesseltes Lügen unsere Zivilisation bedroht

Sich gegenseitig der Lüge zu bezichtigen ist eine altbekannte Kampfhandlung oder ging und geht zumindest vielen Konflikten, Duellen und Kriegen voraus. Heute bezeichnet Donald Trump alle, die nicht seiner Meinung sind, als Lügner. Und er selbst wird ebenso gern als Lügner bezeichnet (allein diese Symmetrie sagt eigentlich alles darüber aus, was man über das Präsidentenamt der heutigen Zeit, der Nach-Obama-Ära, wissen muss). Oder denken wir an das neue polnische Gesetz, das die vermeintliche Lüge, es hätte Polen gegeben, die beim Mord an Juden mit den deutschen Nazis kollaborierten, unter Strafe stellt und damit selbst in einer offensichtlichen Lüge gründet.

Karikatur von DonkeyHotey (Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Das Lügen scheint also heute wieder eine sehr bedeutende gesellschaftliche und politische Relevanz zu bekommen. Und das nicht, weil die Politik heute mehr lügen würde als je zuvor. Was aber auffällt, ist die zunehmende Schamlosigkeit, das Kindische am derzeitigen politischen Lügen. Wenn Donald Trump ganz leicht durch Bilder zu widerlegende Lügen verbreitet, wie beispielsweise, dass zu seiner Amtseinführung mehr Menschen kamen und feierten als zu jeder Amtseinführung zuvor, dann liegt das Erschütternde daran nicht in der Unwahrheit, sondern darin, dass es völlig akzeptabel geworden ist, dass der Präsident lügt. (Aber hat Trump wirklich gelogen? Dazu kommen wir gleich.) Oder es ist nicht akzeptabel, sondern völlig egal geworden. Keiner weiß mehr noch, wo vorn oder hinten ist, was war oder falsch ist. Das war bei Bill Clinton noch nicht so, 1998 regte sich das ganze Land über seine Lügen auf.

Der Reflex heute ist einer, den ich auch auf dem Kinderspielplatz beobachten kann: Es wird einfach mit dem Finger auf den anderen gezeigt. CNN oder die NYT belegen eine Lüge des Präsidenten und der sagt einfach "ihr seid Fake News" und damit hat sich das. Keiner setzt sich damit mehr auseinander. Bei uns ist es nicht anders: Man sagt einfach "Lügenpresse" und schon benötigt man kein Argument mehr.

Was ist eine Lüge?

Dabei ist es gar nicht so einfach zu sagen, was eine Lüge ist. Immer wieder hört oder liest man, dass jemand als Lügner bezeichnet wird, nur weil er etwas unwahres behauptet. Etwas unwahres oder falsches zu behaupten, ist jedoch noch keine Lüge. Warum? Weil das Lügen ein Täuschen mit sprachlichen Mitteln ist. Das heißt also, dass zur Unwahrheit auch die Absicht des Täuschens hinzukommen muss. Wenn ich also guten Glaubens etwas unwahres behaupte, dann lüge ich nicht. Ich lüge erst, wenn ich wider besseren Wissens etwas falsches sage, um jemanden zu täuschen. Um noch einmal auf das Beispiel oben zurück zu kommen: Wenn der Präsident sich also selbst täuscht oder von anderen getäuscht wird und daran glaubt, dass zu seiner Amtseinführung mehr Menschen als je zuvor kamen, dann lügt er nicht, wenn er das behauptet, sondern er irrt sich und verbreitet seinen Irrtum weiter.

Der philosophisch aufmerksame Leser wird hier fragen, was mit all den Sprechakten ist, mithilfe derer ganz bewusst etwas unwahres gesagt wird, ohne dass eine täuschende Absicht dazu kommt. Dann handelt es sich meistens um eine Art der Performance oder Vorführung, zum Beispiel wenn jemand eine fiktive Geschichte schreibt, erzählt oder sonst irgendwie aufführt. Das besondere daran ist auch, dass die angesprochenen gar keine "wahre Aussage" erwarten.

Übrigens kann man auch ohne Sprache täuschen, wir kennen das von einigen Tieren oder auch vom Sport, wo das Fintieren zur Kunst gemacht wird. Lügen ist also etwas, das nur wir Menschen können, einfach weil nur wir sprechen. Täuschende Absichten sind jedoch auch im sonstigen Tierreich verbreitet.

Darf man lügen?

Ja, man darf, meistens jedenfalls. Das Gesetz verbietet das Lügen nur in bestimmten Situationen. Man darf auch die Polizei oder Staatsanwaltschaft anlügen, ohne dass einem daraus rechtliche Konsequenzen drohen. Anders ist das als Zeuge vor Gericht, dort darf man grundsätzlich nicht lügen, höchstens schweigen, wenn einem durch wahrheitsgemäße Aussage selbst die Strafverfolgung droht. Der einzige, der vor Gericht lügen darf, ist der Angeklagte. Und auch hier ist das Lügen die bewusste Falschaussage und nicht mit einem Irrtum zu verwechseln.

Soll man lügen?

Wenn man lügen darf, dann heißt das natürlich nicht, dass es gut ist, zu lügen. Man darf viele schlechte Dinge tun, ohne dass sie deswegen empfehlenswert wären. Die Philosophie hat seit der Antike verschiedene Gründe geliefert, warum eine Lüge nicht empfehlenswert ist. Platons Philosophenkönig sollte zwar auch der großen Wahrheit dienen, dazu konnte er sich allerdings kreativer Ideen bedienen und also andere bewusst täuschen. In der Renaissance bei Machiavelli wurde die Lüge fast zur Pflicht des Redlichen, um sich gegen die Gemeinen durchzusetzen. Immanuel Kant wiederum wäre zu nennen als der Philosoph, der die Lüge absolut ablehnt:

"So werde ich bald inne, dass ich zwar die Lüge, aber ein allgemeines Gesetz zu lügen gar nicht wollen könne; denn nach einem solchen würde es eigentlich gar kein Versprechen geben, weil es vergeblich wäre, meinen Willen in Ansehung meiner künftigen Handlung andern vorzugeben, die diesen Vorgaben doch nicht glauben." (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten)

Das baut auf Kants berühmten kategorischen Imperativ auf: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde." Aus der Zusammenschau dieser beiden Sätze sieht man, das Kant das Lügen kategorisch ablehnt. Das bringt natürlich einige Absurditäten mit sich, wie man an bekannten Beispielfrage wie dieser hier sieht: Was ist, wenn eine Lüge der einzige Weg ist, mein Leben oder das eines anderen Menschen zu retten?

Dennoch beinhaltet Kants kategorischer Imperativ das wahrscheinlich beste Argument gegen die Lüge: Das Lügen untergräbt das Vertrauen in die Sprache, in den Lügenden sowieso und insgesamt auch das Vertrauen in die Gemeinschaft. Denn wenn ich lüge, dann gestatte ich mithin auch anderen die Lüge zu, gehe vielleicht sogar davon aus, dass alle anderen auch lügen. Dann stellt sich die Frage: Lügen die anderen systematisch, lügen sie ständig oder nur in Ausnahmenfällen? Man fängt ganz automatisch an, den anderen zu misstrauen, ihrer Sprache und ihrer Gesellschaft.

Meine Maxime wäre also die zu sagen, dass ich nur in seltenen Ausnahmesituationen lügen darf und ich würde somit auch wollen können, dass diese Maxime zu einem allgemeinen Gesetz würde. Denn wenn alle nur in Ausnahmesituationen lügten und nicht nur, weil sie sich davon einen kleinen persönlichen Vorteil versprächen, wäre dieser Welt schon sehr geholfen und ich könnte den anderen in der Regel glauben. Ich müsste dann den anderen nicht systematisch misstrauen, sondern würde realistischer Weise immer davon ausgehen, dass die anderen die Wahrheit sagten, außer wenn es um den Schutz ganz hoher Werte ginge.

Die akzeptierte Lüge erodiert unsere Gesellschaft

Ins heutige Gesellschaftliche übersetzt, kann man sagen, dass die entfesselte Lüge, wie wir sie in den ersten Sätzen des Artikels beschrieben haben, tatsächlich die Demokratie gefährdet. Denn es ist nicht nur so, dass wir einem lügenden Präsidenten nicht mehr trauten, sondern dass dieser wiederum alle anderen der Lüge bezichtigt und wir nach einigem Hinundher gar nicht mehr vernünftig urteilen können, wer noch die Wahrheit sagt. Wenn die Person mit dem höchsten Amt im Staate fröhlich und systematisch lügt, dann ist sie damit ein Beispiel für alle anderen. Der Wert der Wahrheit und des Vertrauens untereinander nimmt rapide ab. Das ist dann die Grundlage für weitere Lügen, für unüberprüfbare Behauptungen, für Verschwörungstheorien und politische Trolle im Netz. Es ist so, als würden von allen Seiten Blendgranaten geworfen werden und nach zweimal umdrehen weiß man nicht mehr, wem man noch glauben kann, also glaubt man bald niemandem mehr und fühlt sich selbst auch nicht mehr an die Wahrheit gebunden. Denn die Wahrheit ist oft unbequem und die Lüge oft ein schneller Ausweg aus unangenehmen Situationen.

Politik und Diplomatie können die Wahrheit nicht in den Vordergrund stellen, denn wenn eine Partei nicht auch unangenehme Wahrheiten verschweigen würde oder nur solche Dinge versprechen würde, die sie auch wirklich umsetzen kann, dann würde niemand diese Partei wählen. Das Balancieren dieses Graubereiches zwischen Wahrheit und Lüge ist unumgänglich für eine pragmatische Politik, die auch irgend etwas umsetzen will. Mit der Diplomatie ist es noch etwas schwieriger, ihr Zweck ist es gerade, nicht auf der Wahrheit im Einzelnen zu bestehen, sondern sich gegenseitig auch um den Preis der Lüge näher zu kommen und Beziehungen zu pflegen. Und so ähnlich ist es auch im persönlichen Alltag: Wer kategorisch auf der nackten Wahrheit beharrt, wird um sich herum vielen vor den Kopf stoßen und Komplimente wohl meistens meiden müssen. Was wäre unsere Zivilisation ohne Diplomatie?

Nur wir dürfen die Lüge nicht normalisieren, wir müssen weiterhin hohe Maßstäbe an Präsidenten und andere Mächtige anlegen, wenn wir unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt schützen wollen. Natürlich lügen Präsidenten und das ist auch verständlich. Aber wenn wir sie dabei ertappen, müssen wir sie absetzen, denn ansonsten werden wir alle zynisch und unsere gesellschaftlichen Standards gehen den Bach runter. Nicht die einzelne Lüge, sondern dass das Lügen akzeptabel wird, erschüttert unsere Standards und erodiert unser Zusammenleben.



Das passt dazu:

Kommentare:

  1. Ein sehr weitreichendes und ungemein weites Thema.
    "Der Mensch ist das Tier, das lügen kann". Das stimmt m.e. insofern nicht, als Täuschung schon Modus operandi auf Zellebene ist.

    Irgendjemand hat festgestellt, daß wir mind. 20 x am Tag lügen.
    Vielleicht ist das zu wenig.

    Ich hatte mal einen Artikel vorbereitet, in dem ich Lüge als Verrat thematisierte, der so entzweien kann, daß man nicht mehr erkennen kann, wenn wirklich Hilfe benötigt wird.

    Das Thema ist wie gesagt zu weit.
    Ein Autor hat an die 20 Lügen-Varianten zusammengestellt.

    Dein Text hat an mindestens 3 Stellen orthographische Fehler. Bitte korrigieren. Du hast ihn offenbar recht schnell verfasst.

    Vielleicht die nächsten Tage mehr zum Thema.

    Gruß
    Gerhard
    Nicht nur der

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  2. Mein Text war auch recht schnell verfasst, vor dem Zubettgehen. Bitte den letzten Satz entfernen.

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    1. Hallo gerhard, der letzte Satz ist ja sicher berechtigt und muss nicht entfernt werden (würde mir helfen, die Fehler genannt zu bekommen).

      Was mir allerdings nicht gefällt, ist dieser Satz:

      "Der Mensch ist das Tier, das lügen kann". Das stimmt m.e. insofern nicht, als Täuschung schon Modus operandi auf Zellebene ist.

      Den Unterschied zwischen lügen und täuschen thematisiert der Text ja ausdrücklich. Also es bleibt dabei: Nur Menschen können lügen (in Zukunft vielleicht auch Maschinen, insofern wir ihnen Absichten unterstellen können).

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  3. "Was ist, wenn eine Lüge der einzige Weg ist, mein Leben oder das eines anderen Menschen zu retten?"

    Raphaël Enthoven hat so ein Beispiel ja mal entwickelt. Was ist wenn man im 2. Weltkrieg ein paar Juden im Keller versteckt hat und die Gestapo klingelt und fragt: "Ist sonst noch jemand bei Ihnen im Haus außer Sie?"

    Meiner Ansicht nach MUSS man hier lügen. Es kann also eine moralische/ethische Pflicht sein zu lügen.

    Nur wie erklärt man das einem Kind? Wann darfts bzw. musst du lügen und wann nicht? Gar nicht so einfach ...

    Gut finde ich Deine Differenzierung zwischen Lüge und Täuschung bzw. Irrtum.
    Ein Journalist der etwas falsches berichtet lügt ja nicht zwangsläufig, seine Datenbasis ist ggf. einfach falsch. Dann sagt man ja auch "in guten Glauben" gehandelt.

    Bezüglich Diplomatie usw. denke ich würde mehr Wahrheit durchaus nützen.
    Sowohl im großen (politischen) ganzen als auch im kleinen alltäglichen.
    Es gibt sehr viele Situationen die durch und durch "verlogen" sind.
    Vorstellungsgespräche beispielsweise.

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  4. Hallo Gilbert, hier die Fehler (mir geht es einzig um den Text.
    Kannst das dann löschen.
    1)dener -derer?!
    Der philosophisch aufmerksame Leser wird hier fragen, was mit all den Sprechakten ist, mithilfe dener ganz bewusst etwas unwahres gesagt wird
    2)adere
    Platons Philosophenkönig sollte zwar auch der großen Wahrheit dienen, dazu konnte er sich allerdings kreativer Ideen bedienen und also adere bewusst täuschen.
    3)Immauel
    Immauel Kant wiederum wäre zu nennen als der Philosoph, der die Lüge absolut ablehnt:
    4)bekannten Beispielfrage
    wie man an bekannten Beispielfrage wie dieser hier sieht
    5,6,7:
    Was ist, wenn eine Lüge der eizige Weg ist, mein Leben oder das eines anderen Menschen zu retten?

    Dennoch beinhaltet Kants ketegorischer Imperativ das wahrscheinlich beste Argumet gegen die Lüge:

    8)Balanzieren
    Balanzieren dieses Graubereiches zwischen Wahrheit und Lüge ist unumgänglich für eine pragmatische Politik, die auch irgend etwas umsetzen will.

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    1. Dankeschön, Gerhard! Ist alles korrigiert.

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  5. Wahrheit und Lüge sind ein Einheitlicher Gegensatz innerhalb dessen die Vorherrschaft des Jeweiligen durch den Charakter und den freien Willen des praktizierenden Wesens definiert wird. Die Masse bestimmt das Vorherrschende kollektive Paradigma, das Individuum das Eigene

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    1. Sorry, aber der erste Satz ist aufgrund falscher Wortstellungen unverständlich (zu viele "des"), der zweite Satz scheint nicht beendet zu sein (Prädikat im zweiten Halbsatz und Punkt fehlen). Außerdem werden Adjektive nach deutscher Rechtschreibung klein geschrieben.

      Ich will nicht pingelig wirken, aber all das gepaart mit einem wohl gewollten enigmatischen Raunen, lässt mich daran zweifeln, dass man sich mit dem Kommentar inhaltlich auseinander setzen kann (deshalb hier meine formale Auseinandersetzung damit).

      Ich lade den anonymen Kommentierenden aber ein, das genauer so zu erklären, dass auch andere als er oder sie selbst es verstehen können.

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