1. Dezember 2018

Die Enge der Zeit ist die Wurzel des Bösen

Hans Blumenberg und die Moral der Sterblichen

Der 1920 geborene und 1996 gestorbene, stets im Verborgenen denkende Philosoph Hans Blumenberg ist bekannt für seine intellektuellen Untersuchungen darüber, was es heißt, ein Mensch zwischen Mythen, Metaphern und existenzieller Obdachlosigkeit zu sein. Allein die Titel seiner vielen Werke lassen uns die zahllosen Möglichkeiten ahnen, das Leben zu verstehen: "Die Lesbarkeit der Welt", "Schiffbruch mit Zuschauer", "Höhlenausgänge", "Die Vollzähligkeit der Sterne" oder "Zu den Sachen und zurück". Das sind lyrisch-philosophische Titel, die ein ganzes Metaphernkonzert des Welterklärens in einem anklingen und uns so verstehen lassen, dass unsere Vorstellung von Wirklichkeit nie ganz logisch-begrifflich erschlossen werden kann, sondern dass wir auf Bilder angewiesen sind, um uns zu orientieren. Das ist beides: radikal klug und wunderschön.


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Das poetische Weitwinkelobjektiv des Blumenberg'schen Geistes

In seiner Schrift Lebenszeit und Weltzeit geht Blumenberg unter anderem der Frage nach, was uns Menschen zur Bosheit und zu unmoralischem Handeln treibt. Den Rahmen bildet ein "Absolutismus der Wirklichkeit", dem wir nicht entkommen können: Die Sterblichkeit, die Endlichkeit des einzelnen Menschen vor dem Hintergrund der Erkenntnis, dass die Welt weiterexistiert, auch wenn wir als Individuum verschwinden werden. Generell hält Blumenberg im Anschluss an Arnold Gehlens Anthropologie für den Einzelnen und die Gattung "Mensch" die überlieferten Mythen für einen entlastenden Aspekt angesichts der menschlichen Mangelhaftigkeit. Die Kränkung jedoch, dass man selber sterben müsse, während das "Umeinenherum" einfach weiter existiere, ist auch mit Mythen nicht für jeden zu heilen:

"Verzichtet man darauf, menschliche Bosheit zu dämonisieren, sieht man sie aus dem schlichten Mißverhältnis entstehen, daß ein Wesen mit endlicher Lebenszeit unendliche Wünsche hat. Es lebt in einer Welt, die keine Grenzen des ihm Möglichen vorzuzeichnen scheint, ausgenommen die eine, daß es sterben muss." (Lebenszeit und Weltzeit, S. 73)

Das ist ein typischer Blumenberg, gegen den man empirisch so viel einzuwänden hätte, zum Beispiel dass es viele und viel kleinere Gründe für Bosheit gibt, dass es Persönlichkeitsstörungen gibt, die Bosheit zur Folge haben können oder auch, dass die Welt jedem von uns sehr wohl viele andere Grenzen vorzeichnet, als nur die des Ende des Lebens. Wenn man aber Blumenberg liest, dann erscheinen einem diese empirischen Gedanken als zu kleinlich, um überhaupt etwas zum ganz grundlegend Menschlichen zu sagen, um das es Blumenberg geht. Blumenberg schaut anthropologisch darauf, was es heißt, ein Mensch zu sein, er schaut durch das Weitwinkelobjektiv seines Gesites auf unsere Bedingungen und verzichtet dabei auf jegliche Detailauflösung. So auch hier, wo es ihn nicht darum geht, aus wie vielen Gründen man böse sein kann, sondern, wie das Böse in den Menschen kommt.

FOMO als anthropologische Konstante

Das Diabolische ist für Blumenberg "ein Konzentrat der das Leben durchziehenden Techniken und Kunstgriffe [...], Zeit zu gewinnen, um mehr von der Welt zu haben." Richtig gesehen hat Blumenberg in den 80er Jahren, dass sich der Konflikt "immer weniger Zeit für immer mehr Möglichkeiten und Wünsche" in unserer modernen Welt zunehmend verschärft. Wir haben heute einen Begriff dafür, den Blumenberg nicht kennen konnte und der in seiner schnöden Deskriptivität von Blumenberg weit weg ist: FOMO (Fear Of Missing Out). Diese Angst, etwas zu verpassen geht ganz grundlegend darauf zurück, dass die Welt da draußen immer mehr Möglichkeiten für uns bereithält und im Gegenzug unsere Zeit uns immer knapper bemessen zu sein scheint. Also versuchen wir uns, von dieser Angst zu entlasten, indem wir uns anschauen, was andere Leute auf Instagramm oder Facebook posten. Dann haben wir das zwar noch nicht selbst erlebt, aber wenigstens haben wir nicht verpasst, dass jemand anders das erlebt hat. Je nach psychologischem Make-up kann das helfen oder noch viel weiter in den Frust treiben, dass man schlicht nicht alles selbst erleben kann.

Niklas Luhmann hat die naheliegende wenn auch heute völlig unrealistische Lösung des Problems mit der Forderung auf den Punkt gebracht, die Erwartungsstruktur mit dem verfügbaren Zeithorizont in Einklang zu bringen:

"Zeit an sich ist nicht knapp. Der Eindruck der Zeitknappheit entsteht erst aus der Überforderung des Erlebens durch Erwartungen." (Luhmann, Schriften zur Organisation 1: Die Wirklichkeit der Organisation, S. 366)

Es erinnert von Ferne an buddhistische Praktiken und es wäre sicher schön, wenn wir uns darauf besinnen könnten, nicht zu viel zu erwarten, sondern unsere Erwartungen auf das in unserer Zeit machbare herunterzuschrauben. Wären wir dann je zum Mond geflogen? Und die Anschlussfrage: Steht der technische Fortschritt also in einem Zusammenhang mit dem Bösen? Blumenberg geht es um mehr als individuelle Bösartigkeit. Es geht um teuflisches, um faustisches oder wenigstens um geschichtlich böses Handeln. Es geht um...

"... die Essenz der mythischen Verführung zu einem Teufelspakt, der im Kern darin bestehen muss, mit Mitteln der Magie, der Gewalt oder der Illusionen die Weltzeit auf die Maße der Lebenszeit zu zwingen ..." (Lebenszeit und Weltzeit, S. 73)

Und es klingt eindeutig mehr nach Hitler als nach Zuckerberg, wenn Blumenberg fortfährt:

"Nicht überlebt werden zu können, ist der Trost, der an der Mitteilung hängt, man würde zwar – wie ohnehin durch den Tod – verlieren müssen, was man an der Welt hat – aber in und mit dem Verlust aller. Nun wäre das noch immer kein Inbegriff von Hoffnung, hätten nicht Apokalypsen ihren Zusammenhang mit negativen Bewertungen, ja mit Dämonisierungen der bestehenden Welt, die nur die eine Lösung zuzulassen scheinen: den Untergang." (Ebd. S. 79)

Blumenberg bezieht sich hier eindeutig nicht nur auf Individuen, sondern auch auf "Generationen", also Gruppen von Menschen, die in eine bestimmte gesellschaftliche Zeit hineingeboren wurden. Als immer wiederkehrende und auch heute wieder zur reaktionären politichen Ausnutzung anfällige Konstante drängt sich hier die Nostalgie auf und die Mär von einem Früher, als alles besser war. Nostalgie richtig verstanden, liefe darauf hinaus: Früher war alles schlechter, aber wenigstens hatten wir keine andere Wahl.

Was also früher wirklich "besser" war: Wir hatten weniger Transparenz darüber, was andere tun, was sie haben und wie gut sie leben, wir hatten weniger Auswahlmöglichkeiten und nur einen begrenzten Horizont an erreichbaren Dingen im Leben. Natürlich war es nicht besser, im Winter wirklich nur Kartoffeln, Äpfel und Brot und mal ein Kaninchen zu haben. Natürlich war es nicht besser, auf das Schicksal, in das man hineingeboren wurde, festgelegt zu sein. Natürlich war es nicht besser, dass uns das Leben der anderen Menschen weitesgehend verborgen blieb. All das war nicht besser, aber vielleicht passte das auf eigentümliche Weise besser zu unserer Psyche, die nur schwer bis gar nicht mit unendlichen Möglichkeiten der Auswahl umgehen kann und die mit unendlich nagendem Neid reagiert, wenn es anderen unverdientermaßen besser zu gehen scheint. Es passte insofern besser zu uns und unseren Psychen, als dass dieser Mangel an Auswahl, Möglichkeiten und Transparenz gar nicht so etwas wie eine Knappheit an Zeit hat aufkommen lassen. Luhmann schreibt über solche primitiveren oder historischen Gesellschaften:

"Das objektiv Mögliche ist im subjektiven Zeithorizon unterzubringen; es bleibt zugänglich. Die Abstimmung von Zeithorizon und Erwartungsstruktur ist in diesen Gesellschaften relativ leicht zu lösen, und daher wird ihre Zeit nicht knapp." (Luhmann, Schriften zur Organisation 1: Die Wirklichkeit der Organisation, S. 366).

Für unsere Moderne nennt Blumenberg den Zeitgewinn "das Radikal", also die Wurzel all unserer "Wünsche auf Erweiterung und Zugewinn an Lebensrealität" (Lebenszeit und Weltzeit, S. 74). Oder anders gesagt, dem ganzen menschlichen Drama zwischen Verzicht und Überdruss liegt die "Enge der Zeit" zugrunde, egal ob im großen Ganzen der geschichtlichen Verführungen und Auslöschungen oder im kleinen Privaten und seinen Karrieren, Status- und Konsumprojektionen.

Ein ewiger Wunsch, dessen Realisierung sich heute viele Techno-Entusiasten immer näher fühlen, ist der der Unsterblichkeit. Nun kommt – wenn überhaupt – auch die Unsterblichkeit schleichend und wie aller Fortschritt zuerst nur für einige wenige Priviligierte. Aber egalitär zu Ende gedacht: Würde die Unsterblichkeit für alle das Böse auf dieser Erde radikal eliminieren? Und schon sind wir wieder im Bereich der Religionen und ihrer Testamente von Ewigkeit und Paradiesen. Ich habe dazu nicht genug Zeit, ich muss raus und was erleben, sonst werde ich böse.



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