27. Juni 2018

FOMO, die Suche nach der besten aller möglichen Welten

Ein Artikel von Keyvan Haghighat Mehr

Marcus Tullius Cicero ließ sich Briefe aus Rom schicken, wenn er mal nicht zugegen war, um über jegliche Geschehnisse informiert zu werden. Gute zwei Jahrtausende später fragt man nicht mehr nach Briefen, sondern bekommt sie einfach – rund um die Uhr, wenn man das möchte – und auch nicht nur dann, wenn man gerade nicht da ist.

Wofür sich Cicero entschied, war, an zwei Orten gleichzeitig zu sein – psychisch in Rom, physisch wo auch immer er gerade hin verreist war, denn er hatte wohl Angst, etwas zu verpassen. Angst davor, nicht mehr auf dem aktuellen Stand der Dinge zu sein, wenn er wieder zurückkehrte, denn das nicht informiert Sein resultierte vielleicht in schlechtem Ansehen, verschlechtertem zwischenmenschlichen Dasein.

Die Menschen des zweiten Millenniums würden bei ihm wahrscheinlich FOMO diagnostizieren – die fear of missing out – die Angst davor, etwas nicht zu erleben und vor den dadurch auftretenden Konsequenzen.

Wie wohl fühlen wir uns mit endlosen Auswahlmöglichkeiten? (Averie Woodard, Unsplash License)

Die Angst davor, ab vom Schuss zu sein

Der Mensch bewegt sich stets in einem sozialen Kontext. Er interagiert mit anderen, findet gemeinsame Interessen heraus und identifiziert sich besser oder schlechter mit dem Gegenüber. Je mehr man erlebt und gesehen hat, desto wahrscheinlicher ist es, Schnittmengen mit geschätzten Personen zu finden und mit ihnen auf gänzlich andere Art und Weise in Kontakt zu treten.

Diese Verbindung zu etablieren und fortzuführen bedarf ständiger Pflege, ständigen Aufrechthaltens der wie auch immer gearteten Beziehung. War man einmal nicht dabei, droht die Verbindung schwächer zu werden und man fällt aus dem sozialen Rahmen. Ein Buch- und/oder Film-Abend zuhause auf der Couch, allein, während man via Smartphone daran erinnert wird, dass sich der soziale Rahmen im Pub befindet, lässt diese uralte Angst, nicht dazu zu gehören, aufflammen.

Zwischen diesen Zeilen dieser beiden Absätze steht die FOMO und zwischen den Buchstaben des Akronyms steht die Panik davor, von einer Gruppe von Menschen nicht akzeptiert zu werden, keine Bedeutung in der Gesellschaft zu haben, nichts Bedeutungsvolles zu hinterlassen. Sätze, wie "Hast du das Facebook-Posting gar nicht gesehen?" und genanntes und auch andere soziale Netzwerke sind lediglich Symptome dafür.

Auf den diversen Nutzeroberflächen wird sie uns über sämtliche Bildschirme zugetragen: die Mannigfaltigkeit an Reisen, Projekten, Lebensentwürfen, Erreichtem, Gesehenem, Erlebtem. Man selbst vergisst oft, dass diese Eindrücke, die man da zugespielt bekommt, nicht von einer einzigen Person stammen. Das Gefühl entsteht, jeder müsse so viel unternehmen, wie alle zusammen – ein Zustand, der ohnehin nicht erreichbar ist. Durch Vernetztheit wird der Vergleich mit anderen möglich, bzw. unterschiedliche Lebensrealitäten werden auf eine Ebene gestellt und erst direkt vergleichbar gemacht. Während Lebenswege in anderen Epochen durch die Schicht, in die man geboren wurde, determiniert waren, scheint zu Zeiten, in denen das nicht so ist, eine Verpflichtung, ja gar ein Imperativ, zu herrschen, die bestmögliche Version der Gegenwart und Zukunft zu erschaffen.

Das paradox of choice: mehr Möglichkeiten – mehr Freiheit – weniger Wohlbefinden

Selbst in kleinen Supermärkten zählt man heute weit über zehn verschiedene Buttermarken – nicht Sorten, nicht Margarine, Kräuterbutter, Joghurtbutter – zehn verschiedene Verpackungen mit mehr oder weniger identem Inhalt. Unsere Aufgabe als KonsumentInnen ist es, die beste aller möglichen Butter auszuwählen, denn wenn man sich für eine mindere Variante entscheidet, verpasst man die Chance des perfekten Buttergenusses.

Wie dringend ist das Verlangen an dieser Stelle, nach ein paar hundert Wörtern nach einem besseren Artikel über die fear of missing out zu suchen? Man könnte den perfekten FOMO-Artikel verpassen.

Aber die Fülle an Möglichkeiten bedeutet doch eine Fülle an Freiheit und Freiheit bedeutet Wohlbefinden. Alles, wonach wir seit Jahrhunderten – in Mitteleuropa wohl maßgeblich seit der französischen Revolution – streben, ist ein höheres Maß an Freiheit. Woran viele nicht denken ist, dass frei zu sein bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und das beinhaltet meistens, Entscheidungen zu treffen. Indem wir uns also eine Welt schaffen, in der alles möglich ist, für jede und jeden, verlangen wir jeder und jedem Einzelnen auch ab, Entscheidungen zu fällen. Und je größer die Vielfalt, desto größer die Angst, nicht die bestmögliche Entscheidung zu treffen, und alle anderen Türen für immer zu schließen.

Das ist das Auswahl-Paradoxon (engl. paradox of choice). Je größer die Auswahl, desto geringer ist die Entscheidungswilligkeit, denn desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass, welche Entscheidung wir auch treffen, eine andere die bessere gewesen wäre. Zwischen 100 Türen wird die getroffene Entscheidung weniger Wert, wird weniger geschätzt, weil es wahrscheinlicher ist, dass eine der verbleibenden 99 Türen in ein besseres Paradies geführt hätte als bei der Entscheidung zwischen zwei Türen. Oder gar nur einer.

Gibt es nur eine Möglichkeit, wird sie zur "besten aller möglichen Welten", wie die gegenwärtige Welt von einer Denkrichtung aus dem 17. Jahrhundert auch tatsächlich beschrieben wurde. Gibt es an einem Abend nur die eine einzige Option, auf der Couch zu liegen und Filme zu sehen, ist dies die beste aller möglichen Welten. Solange man von keiner noch besseren Welt erfährt, bleibt der Superlativ bei der Couchoption.

Patentrezepte gegen FOMO gibt es keine. Grundzufriedenheit mit dem Hier und Jetzt scheint eines zu sein, dabei ist es eher das fertige Gericht, statt das Rezept dafür. Was die Myriaden an Möglichkeiten betrifft, die diese Angst auszulösen (wenn auch nicht zu verursachen) scheinen, sei mit einer der abgedroschensten Phrasen unseres Sprachgebrauchs geschlossen: "Weniger ist mehr."



Keyvan Haghighat Mehr ist nicht nur Geschäftsführer von media by nature, sondern auch ein echter Social-Media-Geek, der in seiner Freizeit über die Faszination der modernen Netzwerke oft studiert und philosophiert. Dabei findet er gerade große Themen wie „FOMO“ – welches offensichtlich schon weit über seine Zeit hinaus Bestand hat – unheimlich spannend, obgleich er selbst gestehen muss, in seiner täglichen Arbeit nicht hin und wieder diesem Phänomen selbst zu verfallen.

Das passt dazu:

Kommentare:

  1. "Rezepte" dagegen gibt es - anders als der Artikel nahe legt - durchaus! Man muss sie nur anwenden wollen.

    "FOMO" findet im Denken statt, es ist ein "wildes" außen geleitetes Denken, das niemand in die Schranken weist. Alle Welt beschäftigt sich damit, den Körper zu disziplinieren und zu "optimieren", aber den irrlichterierenden Geist lässt man völlig außen vor.

    Alsdenn, die Rezepte:

    Lernen/erüben, die Denk-Ebene in ihrem Wildwuchs wahrzunehmen (beobachten schafft Distanz). Meditation eröffnet die Arena, sich dem zu stellen, um überhaupt mal richtig mitzubekommen, WIE WILD das Denken stattfindet. Und indem man übt, nicht jedem Gedanken einfach "zu folgen", blitzt die Chance auf, im eigenen Kopf die Macht zu ergreifen - keine "absolute Macht", aber die umfangreiche Kenntnis über die Auslöser und Mechanismen, an denen (nerviges, frustrierendes) Denken einsetzt. Und damit kommt auch die Fähigkeit, dem etwas aus eigenem Willen entgegen zu setzen.

    Achtsamkeitsübungen, ein meditativer Yoga - das funktioniert oft besser als reine Sitzmeditation, die uns zuviel auf einmal abfordert. Mein Yogalehrer sagte einst zum Start: Wir Westler müssen erst einmal im Körper ankommen, bevor wir die Ruhe finden, um sinnvoll meditieren zu können.

    Ankommen hat nichts mit Bewertung oder gar mit Leistung zu tun! Es geht darum, die verschiedenen Ebenen (Empfindungen, Gefühle, Gedanken) zu beobachten, ihre Verschränkungen und Automatismen kennen zu lernen, denen wir üblicherweise ausgesetzt sind und kritiklos folgen. Allein das Erkennen, dass ein Gefühl, das ich genau betrachte, binnen Kurzem wieder verschwindet, bringt schon ein Stück mehr Freiheit. Oder die Erkenntnis, dass Emotionen wie Frust, Wut, Ärger gar nicht möglich sind mit einem entspannten Körper.... und da gibt es noch viel mehr!

    FOMO ist ein "eingebildetes Problem", bei dem der Grund des Problematischen darin besteht, dass wir ihn nicht selbst gesetzt haben. Wer keine Ahnung hat, was er/sie selber will, schaut danach, was andere wollen und umsetzen. Dabei ist es durchaus möglich, das eigene Begehren in seiner Konkretheit (!)kennen zu lernen - und dem ensprechend zu handeln, zu entscheiden, zu wählen.

    Will ich gesalzene oder ungesalzene Butter? Die normale oder die "besonders steichfähige"? Nehm ich die Billigste oder kommts mir bei Butter darauf nicht an?
    3 Dinge, die man über sich durchaus wissen kann - und weg ist die Qual der Wahl.

    Geht doch! :-)

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    1. Danke Claudia! Das ist natürlich ein sehr passender Kommentar zu diesem Thema. Und ich hatte Keyvan eindringlich gebeten, bloß keinen Ratgebertext zu schreiben und sich statt dessen auf das Phänomen zu konzentrieren :) Gut so, auf die Art können Leserinnen wie du nun den einen oder anderen Rat geben.

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