31. Mai 2011

Wie wir Melancholiker ticken

Ich bin ein Melancholiker. Bei verschiedenen Persönlichkeitstests, die ich über die letzten Jahre gemacht habe, traten die mit dem Melancholiker verbundenen Aspekte immer deutlich hervor. Der Melancholiker/die Melancholikerin sind keine psychologisch aussagekräftigen Begriffe mehr. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts beschrieb der Begriff Melancholie unter anderem die Krankheit, die wir heute Depression nennen (siehe Melancholie und Depression als Begriffe). So wie wir Melancholie heute umgangssprachlich verwenden, meinen wir so etwas wie Traurigkeit, Trübsinn und Nachdenklichkeit. Diese Verwendung kommt aus der Temperamentenlehre der Hippokratiker, die die Menschen in vier Temperamente einordnete:
  1. Zäher Schleim (Phlegmatiker)
  2. Aufbrausende gelbe Galle (Choleriker)
  3. Spielerisches Blut (Sanguiniker)
  4. Schwarze Galle (Melancholiker)
Schubladen und Vorurteile
Auch wenn man sich davor hüten muss, Menschen in Schubladen zu stecken, können uns solche Typologisierungen zu verstehen helfen, wie verschieden wir alle ticken. Es handelt sich dabei weniger um psychologische Merkmale, als um ein Konstrukt, das Verhalten von Menschen zu interpretieren. Niemand ist nur ein Melancholiker oder nur ein Sanguiniker, wir haben immer alle Temperamente zu verschiedenen Anteilen in uns. Insbesondere muss man sich vor Kurzschlüssen hüten. Wir Melancholiker sind nicht ständig deprimiert, niedergeschlagen und pessimistisch. Ich glaube sogar, dass die Melancholie zu meinem ausbalancierten psychischen Haushalt gehört. Ohne sie würde mir etwas ganz essentielles fehlen. Wer als typischer Melancholiker klassifiziert wird, hat ganz spezielle Stärken und Schwierigkeiten. Beim Lesen der folgenden Beschreibungen, muss immer daran gedacht werden, dass solche Typologisierungen künstliche Interpretationen sind und die Gefahr bergen, Charaktere oder Temperamente zu überzeichnen und in ein Cliché zu verwandeln...

29. Mai 2011

Alain de Bottons The Architecture of Happiness

Was habe ich bei diesem Buch geflucht! Nicht etwa wegen des Inhalts (dazu komme ich später), sondern wegen der furchtbaren Bindung dieser Penguin-Ausgabe von 2007. Es ist die pure Ironie, denn in de Bottons Buch geht es um Design und wie es dem Menschen und seinen Gewohnheiten entgegen kommen muss. Diese Ausgabe ist so stramm und unflexibel gebunden, dass man sie im Grunde gar nicht lesen kann. Ich muss ein Buch auf den Tisch legen, eine beliebige Seite aufschlagen, dann ein Glas Tee in der einen Hand und die Seiten mit der anderen Hand umblättern können, ohne dass das Buch sich von alleine umblättert oder gar zusammenklappt, wenn man nicht beide Hände dran hat oder die Deckel und Seiten durch schwere Gegenstände fixiert. Man kann dieses Buch nicht auf einen Tisch legen, ohne dass es zusammenklappt. In meiner Rage habe ich irgendwann angefangen, den Buchrücken zu brechen, nur damit ich lesen kann. Eine Schande. Eine unglaubliche Fehlentwicklung. Auch de Botton sieht das so ähnlich und hat mir auf seinem Facebook-Profile geantwortet "I [...] agree that the UK edition suffers, but only because the book is sewn rather than glued together." Aber nun zum Inhalt, denn der hat mich doch versöhnt....

22. Mai 2011

Glückliches Leben in der modernen Stadt

Von der Hölle der Industrie zum urbanen Paradies 

Seit ich in eine neue Stadt gezogen bin, beschäftigen mich die Fragen nach dem heutigen Leben in modernen Städten, die ja auch immer ihre Geschichte haben. Es ist nicht ganz selbstverständlich und vielleicht auch erst ein moderner Gedanke, dass Menschen sich in Städten wohl fühlen sollen. Wir haben immer den Reflex, mit romantischer Brille in die Vergangenheit zu schauen. Wir denken, dass alles schlechter wird: mehr Menschen, mehr Verkehr, mehr Abgase und Umweltverschmutzung, mehr Lärm und Hektik. 

Menschen sollen sich in der Stadt wohlfühlen (Leipzig, Gohlis)

Die Hölle der Industrialisierung
Aber gerade in den europäischen und nordamerikanischen Städten* stimmt das überhaupt nicht. Denken wir an London, Paris und selbst Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts, mitten in der Industrialisierung, als Menschen nur in der Stadt lebten, um die Fabriken 24 Stunden an 7 Tagen in der Woche am Leben zu halten. Da ging es nicht darum, Arbeitsplätze für Menschen zu schaffen, sondern Menschen für die Arbeit heranzuschaffen. Rücksicht auf Nachtruhe, grüne Rückzugsgebiete oder saubere Atemluft und unverschmutztes Wasser gab es für die Massen gar nicht. Der Verkehr war größtenteils ungeregelt, LKWs stießen mit Pferdewagen zusammen, täglich gab es Unfälle mit Auto, Bus und Straßenbahn, in denen Leute ihre Beine verloren. Die Zeitungen der 20iger Jahre sind voll davon. Oder lesen Sie einmal Döblins Berlin Alexanderplatz, da wird das ganz plastisch erzählt.

Unsere Städte als post-industrielle Paradiese
Heute gibt es Einbahnstraßen, 30er-Zonen, Fußgängerüberwege und Ampeln. Umweltzonen und für den Verkehr gesperrte Innenstädte setzen sich durch. Parks und Begrünung sind in jeder modernen Stadtplanung ein zentraler Aspekt. Überall ziehen Menschen in alte Fabrikgebäude, in Schlachthöfen werden Ausstellungen eröffnet, Kinos, Theater und Musik-Clubs ziehen in Brauereien ein (siehe z.B. Kulturbrauerei in Berlin Prenzlauer Berg). Uns kommt das heute ganz normal vor, aber vor 90 Jahren schrieen die Schweine in der Innenstadt, es stank bestialisch, Kohle und Schwefel lagen in der Luft und die Hämmer der Fabriken ließen die Wohnhäuser Tag und Nacht erzittern.

Später kam in Ostdeutschland dann noch die sogenannte Diktatur des Proletariats hinzu, die auf immer zu arm blieb, die vom Krieg verschonten Gebäude in Schuss zu halten oder anders ins Wohlbefinden der Arbeiterklasse zu investieren, als durch triste Plattenbauten und klassenkämpferische Wandgemälde. Man kann ja über den heutigen Kapitalismus sagen was man will, aber durch die Anreiz- und Ausbeutungsmechanismen bleibt bei uns immer noch genug übrig, alte Gebäude zu renovieren, Parks in Schuss zu halten und sogar neue Architektur zu fördern. Gerade das heruntergekommene Erbe des Sozialismus hält die Mieten in Städten wie Leipzig niedrig. Viele Gebäude sind noch nicht saniert, weshalb die Durchschnittsmiete niedrig ist und so auch die Maximalmieten beschränkt sind.

Die Zutaten der Architektur
Architektur ist die größte Schnittstelle zwischen individueller Psychologie, Massenpsychologie oder besser Anthropologie und der handfesten Formung unserer Umwelt. Das Geheimnis der Architekten, die es schaffen, etwas zu bauen, in dem wir uns als Individuen, aber auch als Gruppen dauerhaft wohlfühlen - seien es ganze Städte, Parks, Gebäude oder auch nur eine Wohnung - ist, dass sie sich selbst und ihre Mitmenschen genau beobachten und sich die Mühe machen, unsere Reaktionen auf Raum, Licht und Material zu verstehen. Darüber hinaus verstehen sie die ästhetischen Herausforderungen, die geschichtlichen Traditionen und widerstehen dem Kitsch und der platten Wiederholung der Geschichte. Am Ende ist es dann auch noch wichtig, wo sich ein Lichtschalter so befindet, dass man ihn nicht sucht, wenn man einen dunklen Raum betritt. Steckdosen müssen sinnvoll angebracht sein, die Türen müssen in die richtige Richtung aufgehen und dergleichen Kleinigkeiten mehr. Mich fasziniert, dass in der Architektur all das zusammen kommt: Handwerk, Kunst, Psychologie, Geschichtsverständnis, "gesunder Menschenverstand" und nicht zu vergessen die Physik und all die komplizierten Dinge, die es zu verstehen gilt, damit ein Haus auch stehen bleibt und nicht in sich zusammen sackt.

Wenn Sie demnächst durch Ihre Wohnung, Ihren Ort oder Ihre Stadt gehen, schauen Sie sich einmal um und versuchen Sie zu empfinden, wo es Ihnen gut geht, wo Sie sich wohlfühlen, wo Sie sich verlassen und verunsichert fühlen und wo behütet oder frei. Dann sehen Sie sich die Architektur an und Sie werden die kleinen aber entscheidenden Unterschiede sehen, die diese Gefühle auslösen.

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*In vielen asiatischen und manchen afrikanischen Städten hingegen, wird die Geschichte jetzt in brutaler Zeitraffer nachgeholt.

19. Mai 2011

Die Melancholie und Dürers Bild einer bedrängten Figur

Eingezwängt in einen Raum des Stillstands
Albrecht Dürers Stich Melencolia I von 1514 fasziniert durch seine überladenen Symbolik. Mich trifft besonders die Inaktivität in diesem Bild. Die Gestalt mit den Flügeln sitzt inmitten ungetaner Arbeit und nutzlos rumliegenden Handwerkzeugs. Im Hintergrund brennt unbeachtet ein Topf, eigentlich um etwas zu schmieden. Die Szene mutet demotivierend an. Die Figur sitzt da, offenbar vor sich hinbrütend, mit Sorgenfalten auf der Stirn in sich selbst versunken - wie es ja auch ein stereotypes Merkmal des Melancholikers ist - unfähig, sich den unbearbeiteten oder angefangenen Dingen der Welt produktiv zu widmen. Obwohl sie doch den Lorbeerkranz auf dem Kopf, den Zirkel zur Vermessung der Welt und die Flügel am Leib hat, also eigentlich zu allem befähigt ist.

Aber dort liegt ein riesiger aus dem Berg gebrochener Felsbrocken schwer im Bild, versperrt sozusagen den Ausweg ins Freie des Horizonts. Die Figur sieht regelrecht eingeengt aus, bedrängt von den Dingen. Im freien Hintergrund liegt ein Meer mit einem versöhnlichen Regenbogen, aber auch einem gewaltigen Kometen. Es bricht also etwas Neues an, eine Zeit läuft ab, wie man auch an der Sanduhr sehen kann. Die melancholische Figur scheint an all dem keinen Anteil zu nehmen, nicht einmal der Komet am Himmel scheint sie zu interessieren. Auch die beiden anderen Lebewesen, der kleine dicke Engel auf dem Rad oder Mühlstein und das zu Füßen liegende Tier, sind komplett lethargisch. Ich will mich gar nicht in die historischen Interpretationen vorwagen oder anfangen, das Zahlenquadrat zu entschlüsseln (das haben andere Interpreten bereits getan), aber die bildhafte Umsetzung von Melancholie oder - wie man heute sagen würde - Depression fasziniert mich. Was zu mir spricht ist die alptraumhafte von körperlicher Gewalt freie aber nichtsdestotrotz grauenhafte Zange, die die Figur in die Untätigkeit zwängt. Damit kann ich mich identifizieren. Das ist der wahre Horror, der unserem Geist innewohnt.

Auch wir, die wir oft alles Nötige zur Verfügung haben - eine Ausbildung, ausreichend materielle Ressourcen, vielleicht sogar Menschen, die uns lieben - finden uns manchmal eingesperrt in diesen dunklen Raum des Stillstands. Die Welt draußen treibt voran, eine neue Ära bricht an, es gibt genug zu tun, aber wir können nicht da raus und teilnehmen. Es macht alles keinen Sinn. Wir sind gelähmt, wie in klebriges Gelee gegossen, kaum zur Bewegung fähig. Irgendwie wird es weiter gehen, das wissen wir, aber wir können es uns nicht vorstellen. Trotzdem!

15. Mai 2011

Essen, gehen, sitzen, schlafen, atmen... alles falsch?

Dass wir die Relativitätstheorie nicht erklären können und Fehler in unserer Steuererklärung machen, war ja zu erwarten. Aber dass wir nicht einmal die alltäglichsten Dinge wie atmen, sitzen und essen auf die Reihe kriegen, ist dann doch etwas enttäuschend.

Nicht sitzen, nicht einmal atmen ist selbstverständlich (Infografik von Mashable.com)

Es erstaunt mich immer wieder, dass wir so viele zum bloßen Leben notwendige und vermeintlich ganz einfache Sachen kontinuierlich falsch machen. Klar, wir essen falsch, das wissen wir und damit finden wir uns meistens ab. Auch trinken wir nicht genug oder eben zu viel vom Falschen. Außerdem und jetzt wird es absurd: Wir kauen falsch (zu wenig), schlucken falsch (meist zu schnell), sitzen falsch (siehe Bild), gehen und laufen falsch, liegen falsch, schlafen falsch und so weiter und so fort. Meistens bezahlen wir das mit unserer Gesundheit, kriegen Magengeschwüre, Herzinfarkte, Bandscheibenvorfälle, schiefe Hüften und sogar Depressionen. Wenn man Spezialisten wie Ernährungswisschenschaftlern, Orthopäden und Schlafwissenschaftlern glaubt, machen wir fast andauernd alles falsch.

Falsch leben als Conditio Humana

Was mich wirklich schockt: Wir atmen sogar falsch! Gibt es auch Fische, die falsch schwimmen, Vögel, die falsch fliegen? Klar, wenn sie verletzt sind, oder sonst irgendwie in ihren natürlichen Abläufen behindert. So ist das auch bei uns: Unser Lebensalltag ist nicht natürlich, wir sitzen den ganzen Tag am Schreibtisch, haben zu wenig Bewegung, leiden unter Heuschnupfen und verlernen somit auch das richtige Atmen. Das Letzte, was wir wollen können, ist allerdings, dass wir zurück zu einem natürlichen Lebensablauf kommen. Das hieße nämlich, dass wir den ganzen Tag hinter unserem Essen hinterherrennen müssten und - trotz richtiger Atmung - mit ca. 33 Jahren sterben würden. Anthropologisch könnte man sogar argumentieren, dass der Mensch per Definition kein natürliches Leben führt, denn dann wäre er ein Tier. Angefangen vom unnatürlichen aufrechten Gang, über die Entfremdung der Arbeit, bis zur Kunst der Medizin - all das gehört zum menschlichen Leben, zur Kultur und nicht zur Natur.

Atmen ist mehr als Sauerstoffzufuhr

Das heißt aber nicht, dass wir gar nichts tun sollten, uns in einigen Aspekten einem natürlicheren Leben wieder anzunähern. Das Atmen sitzt an einem interessanten Punkt, es überschneidet sich vielfältig mit psychologischen Zuständen wie Angst, Aufregung, Anspannung und auf der anderen Seite mit Ruhe, Schlaf, Entspannung. Atmung und diese Zustände bedingen sich jeweils gegenseitig in beide Richtungen: Wer falsch atmet, kann sich in ungünstige psychologische Zustände versetzen, wer bewusst richtig atmet, kann sich aus solchen Zuständen befreien. In der anderen Richtung verursachen bestimmte psychologische Zustände auch eine bestimmte Atmung, z.B. eine ruhige, tiefe Atmung, wenn wir schlafen oder eine schnelle, flache Atmung, wenn wir Angst haben.

Sich selbst beobachten und bewusster leben

Die gute Nachricht: Alle diese alltäglichen Lebensnotwendigkeiten vollziehen wir unbewusst und oft hilft es schon, sich einfach selbst zu beobachten und die Tätigkeiten bewusst zu begleiten, um die gröbsten Schäden zu vermeiden. Wenn man bewusst länger kaut und langsamer schluckt, dann genießt man nicht nur das Essen mehr, sondern man tut auch seiner Gesundheit etwas Gutes. Das Atmen scheint eine Kunst für sich zu sein, hier gibt es zahllose Techniken, die man erlernen kann, um besser zu sprechen, weniger aufgeregt zu sein oder sogar Depressionen und Angst entgegen zu wirken. Schon ausreichend Bewegung oder Sport hilft hier, aber auch alle möglichen Meditationen, Therapien oder Yoga erfordern und befördern die richtige Atmung. Am einfachsten ist es aber, sich einfach mal selbst zu beobachten: Wie esse ich? Wie laufe ich und wie ist meine Haltung, wenn ich sitze? Wie tief oder flach ist meine Atmung? Sie werden es merken: Durch die bloße Selbstbeobachtung, werden wir anfangen, tiefer zu atmen, besser zu sitzen und langsamer zu essen.

14. Mai 2011

Ordnung und Symmetrie zum Überleben

Parkanlage - der Sieg über die Natur
Als ich den letzten Artikel schrieb, fing ich an, darüber nachzudenken, warum ich eigentlich Geometrie, Symmetrie und Sachlichkeit dem Gemütlichen, etwas Chaotischen vorziehe. Und ich bin damit ja nicht alleine. Besonders in der Architektur (und hier besonders in der Moderne) herrschen rechtwinklige Formen, helle Räume und Symmetrie vor. Zum einen ist es viel einfacher, schneller und billiger, wenn man rechtwinklig baut. Alles runde und unregelmäßige ist kompliziert herzustellen, zu transportieren und zusammen zu setzen. Das ist aber nicht der Grund, warum wir meistens das Symmetrische und Geometrische lieben.

Warum wurden symmetrische Parks angelegt, auf die der Adel und später das Bürgertum aus dem Schlossfenster oder dem Balkon herunterblicken konnte? Es ist der Sieg über die Natur, die menschliche Ordnung, die das teuflische Chaos besiegt. Aus unserer heutigen natur-romantischen Betrachtungsweise heraus, fällt es uns manchmal schwer zu verstehen, dass die rohe Natur der Feind des Menschen ist. Erst die Kultur, die Ordnung, die Zähmung und Bewirtschaftung macht die Natur ungefährlich und dem Menschen zu Diensten. Das liegt dem Gedanken des gepflegten Parks zugrunde: Planzen und Tiere in eine vom Menschen entworfene und kontrollierte Ordnung eingegliedert. Entschärfte Natur, nützlich und erholsam.

Warum spüren wir eine Ruhe im Geist, wenn wir durch einen schönen Park, durch einen weiten, hellen und aufgeräumten Saal gehen oder wenn wir von einem hohen Berg auf die Stadt mit ihren sie wie ernährende Blutgefäße durchziehenden Straßen hinunterschauen? Wir können vorausschauen und ohne Sorge oder Angst auf unser Lebensumfeld sehen. Das Chaos und seine überraschenden Gefahren (z.B. im Urwald) ist besiegt. Die von uns geschaffene Ordnung versichert uns, dass wir überleben werden.

13. Mai 2011

Architektur: gemütlich oder sachlich?

Klare Formen, Platz und Licht
Über die letzten paar Wochen bin ich von Dublin in Irland nach Leipzig in Deutschland gezogen. Eine der interessanten Beobachtungen für mich war dabei, wie sehr Architektur unser Leben beeinflusst. Dublin wirkt auf mich immer wie eine sehr alte und ländliche Stadt. Seine Geschichte geht bis ins erste Jahrtausend zurück, ohne dass zwischendurch mal ein Bombenhagel Platz für Neues geschaffen hätte, wie es in den meisten deutschen Städten der Fall war. Dadurch ist in Dublin alles sehr eng, die Häuser sind klein, stehen eng beieinander, auf die Bürgersteige passen kaum zwei Leute nebeneinander, durch die kleinen Gassen zwängen sich die Busse. Ganz anders etwa in Berlin oder Leipzig. Die Städte sind auch alt, aber hier haben ein paar mörderische Kriege aufgeräumt und schon davor mussten die Alleen und Plätze weit gebaut werden, damit die preußischen und sächsischen (später die sozialistischen) Truppen aufmarschieren konnten. In Deutschland hat man Platz, da kommt die Sonne auch Zwischen die Häuser, es gibt weite Plätze und Parks, alles ist einfach ein paar Nummern größer als in Irland.

Höhlen oder Hallen
Das gilt auch für die Wohnungen. Ich habe mir in Leipzig einige Wohnungen von Maklern zeigen lassen und ich war bei fast jeder Wohnung erstaunt vom Platzangebot. Das war ich einfach nicht mehr gewohnt. Außerdem ist mir aufgefallen, dass alle Wohnungen entweder in die Kategorie "Höhle" (gemütlich, warm, etwas verwinkelt und manchmal dunkel) oder in die Kategorie "Halle" (groß, rechteckig, hell, klar und etwas steril anmutend) fielen. Ganz deutlich war ich immer von der zweiten Kategorie angezogen, ich ziehe die Klarheit, das Kühle eindeutig der erdigen Wärme und Gemütlichkeit vor.

Architektur ist idealisisch
Ich lese gerade dss Buch "The Architecture of Happiness" von Alain de Botton. Der behauptet, dass es in der Architektur wie in der Kunst die zwei Gegensätze von Naturalismus und Abstraktion gibt. Ich glaube, das entspricht in etwa meiner Beobachtung von gemütlicher Höhle vs. schlichter Halle. Im Grunde ist die Halle ein abstrakt geplantes Kulturkonstrukt, während die Höhle eine gewachsene Unterkunft ist, in die man einzieht, ohne sie vorher geplant zu haben.

De Botton meint, dass wir in Kunst und Architektur das suchen, was wir vermissen oder anstreben. Architektur, die wir mögen, verkörpert unsere Ideale. Da ist etwas dran: Ich benötige kühle Klarheit in meinem Leben, das Dumpfe und Gemütliche, das Warme verschafft mir ein beengendes Gefühl. Ich benötige klare Formen und Regeln, um mich zu orientieren. Wenn ich in eine gemütliche kleine Hütte komme, dann kann ich das Gefühl der Geborgenheit für ein paar Minuten genießen, dann muss ich aber raus an die frische Luft. Wenn ich in eine der großen und hellen modernen Wohnungen komme, dann merke ich, wie ich tief atme, wie ich mich auch körperlich aufrichte und wie mein Geist frei wird im Anblick der klaren und großzügigen Formen.

Artgerecht leben in Ästhetik und Praxis
Architektur ist zum einen ästhetisch zugänglich, zum anderen muss sie sich aber auch in der Praxis bewähren, schließlich lebt man in ihr und möchte produktiv sein. Aus dieser Komplexität heraus hat sie solch einen enormen Einfluss auf unser Leben und Wohlbefinden. Als Tourist durch ein mittelalterliches Städtchen mit seinen romantischen Gassen und Häuschen mit Miniaturfenstern zu schlendern, ist die eine Sache. In einer modernen Stadt mit Platz, Licht, Grün, Fahrradwegen und freundlichen Quartieren zu leben und arbeiten, ist eine andere Sache. Tourist will ich nur drei Wochen im Jahr sein, die restliche Zeit möchte ich "artgerecht" leben.

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