24. Juli 2012

Warum regst du dich so auf? Über unsere emotionale Persönlichkeit

Richard J. Davidson
Wer wundert sich nicht darüber, dass manche unserer Mitmenschen (oder gar wir selbst) beim kleinsten Rückschlag im Leben zusammenbrechen, während andere (oder gar wir selbst) größte Schicksalsschläge wegstecken und dabei noch anderen beistehen können? Auch im Alltag kann sich das äußern, zum Beispiel wenn sich jemand vom nicht abreißenden Strom der kleinen Probleme und Unannehmlichkeiten konstant überfordert fühlt, während ein anderer mit Leichtigkeit durchs Leben wandert und kaum Anstoß an solchen Umständen nimmt. Zum Verständnis kann es helfen, diese Phänomene unter dem Gesichtspunkt emotionaler Persönlichkeiten oder Stile zu betrachten. Jeder von uns hat hier seinen ganz eigenen Stil. Aber was sind die Eckpfeiler unseres ganz individuellen emotionalen Stils? Und natürlich wollen wir auch wissen, ob wir diese emotionalen Persönlichkeiten in uns nicht zum Besseren ändern können, sodass wir durchs Leben gehen können, ohne ständig mit den Nerven am Ende zu sein. Richard J. DavidsonProfessor der Psychologie und Psychiatrie an der University of Wisconsin-Madison, hat dazu jahrzehntelang geforscht und ein großartiges Buch geschrieben: Warum wir fühlen, wie wir fühlen: Wie die Gehirnstruktur unsere Emotionen bestimmt - und wie wir darauf Einfluss nehmen können (Deutsch bisher nur als Kindle-Version, ansonsten auf Englisch).

Lernen, Gefühle zu verstehen... ganz erwachsen werden wir nie. (Bild von Missing Kitty)

Neuronale Plastizität
Um es vorweg zu nehmen: Unser Gehirn ist enorm plastisch, das heißt, es kann sich stetig und bis ins hohe Alter ändern und damit auch unseren Geist und unser Seelenleben, beides Produkte unseres Gehirns. Neuronale Plastizität ist die aktivitätsabhängige Änderung der Größe, Verschaltung oder Aktivierungsmuster von kortikalen Netzwerken. Zu einer Möglichkeit, solche Änderung bewusst herbei zu führen, komme ich am Ende des Artikel.

Sechs Dimensionen unserer emotionalen Stile
Was sind nun die Dimensionen, in denen sich Menschen unterscheiden, wenn es um das Meistern emotionaler Herausforderungen geht? Richard J. Davidson ist über seine Studien zu sechs Dimensionen gekommen, die unsere emotionale Persönlichkeit bestimmen. Er nennt sie emotional styles:
  1. Resilienz: Wie schnell erholen wir uns von einem Ungemach?
  2. Aussicht: Wie lange hält das positive Gefühl nach einem schönen Erlebnis an?
  3. Soziale Intuition: Wie akkurat nehmen wir nonverbale soziale Zeichen anderer wahr?
  4. Kontext: Wie fähig sind wir, unsere Gefühle der Situation, in der wir uns befinden, anzupassen?
  5. Selbstkenntnis: Wie bewusst sind uns die körperlichen Signale, die unsere Gefühle begleiten?
  6. Aufmerksamkeit: Wie gut können wir uns konzentrieren?
Davidsons Theorie nach hat jeder von uns eine andere Ausprägung seiner emotionalen Persönlichkeit und diese Ausprägung spiegelt sich in der Kombination dieser sechs Dimensionen wieder. Dabei ist es entscheidend, wie weit wir entweder links oder rechts auf diesen als Kontinuum gedachten Dimensionen liegen. Z.B. kann man entweder weniger oder stärker resilient sein.

x-----------------|-----------------x
wenig resielient                                       stark resilient
Resilienz-Kontinuum

Es ergeben sich aus den individuellen Positionen auf den sechs Achsen schier unendliche Kombinationsmöglichkeiten, die sich dann jeweils in unseren ganz eigenen emotionalen Stilen manifestieren. Hinzu kommt, dass niemand immer gleich gut "funktioniert". Ich kann mich mal mehr und mal weniger gut konzentrieren, positive Gefühle halten mal länger und mal weniger lang an und nicht immer bin ich in der Lage, meinen Gefühlsausdruck auch der Umwelt anzupassen. Aber es zeigen sich Trends: Mir platzt eben nicht in jedem Meeting der Kragen (bzw. es ist bisher nur ein einziges mal passiert) und in der Regel erhole ich mich recht schnell von Rückschlägen. Wir sind ziemlich stabil, was diese Dimensionen angeht.

Hin zu größerer emotionaler Stabilität
Sollten wir jedoch die Notwendigkeit sehen, unsere emotionale Persönlichkeit zu formen, weil wir beispielsweise immer hart am Ausrasten entlang schrammen und das uns selbst und unseren Mitmenschen nicht mehr zumuten wollen, dann ist auch das Dank der oben erwähnten Neuroplastizität möglich. Davidson betont, dass eben wegen der jeweils ganz individuellen Ausprägung unserer Persönlichkeiten auch die Übungen oder Therapien jeweils ganz individuell sein müssen. Als Beispiel führt er in einem Interview mit Sam Harris Meditationsübungen an:
"Eine Definition von Meditation in Sanskrit ist Bekanntmachung. Einer der wichtigsten Aspekte  der Meditation ist, dass sie eine Strategie ist, sich mit dem eigenen Geist bekannt zu machen. Meditation kann helfen, die inneren Linsen der Wahrnehmung zu reinigen, sodass wir unseren eigenen Geist mit mehr Klarheit erkennen. [...] Meditation ist also eine mentale Praxis, die uns helfen kann, Aufmerksamkeit zu kultivieren und Emotionen zu regulieren. Zum Beispiel konzentrieren wir uns bei einigen Übungen auf die Atmung und immer wenn wir merken, dass unsere Gedanken umherschweifen, wenden wir unsere Aufmerksamkeit wieder der Atmung zu. Dadurch kann nach und nach die
Fähigkeit zur gezielten Aufmerksamkeit verbessert werden. Mindfulness meditation ist eine Meditations-Übung, bei der wir darauf achten, keine Werturteile in unseren Gedanken zu halten. Der Lernprozess, sich ohne Urteil auf etwas zu konzentrieren, kann nach und nach unsere Fähigkeiten verbessern, mit Emotionen so umzugehen, dass wir von ihnen nicht fortgerissen werden. Das heißt nicht, dass die Intensität der Gefühle schwindet, sondern dass unsere Gefühle uns nicht gefangen nehmen. Wir werden trotzdem in unangenehmen Situationen vorübergehende negative Emotionen haben, aber sie werden nicht über diese Situation hinaus dauern."
Ich finde Davidsons Theorie aus mehreren Gründen faszinierend und wegweisend: Sie gründet erstens auf harter Wissenschaft und gesicherten Studien.* Zweitens lässt sein Ansatz eine jeweils sehr individuelle Bestimmung einer emotionalen Persönlichkeit zu, das Einordnen in Schubladen wird so vermieden. Allheilmittel wird es nicht geben. Drittens stellt Davidson in aufklärerisch-optimistischer Tradition die Eigenverantwortung und die Möglichkeit eines besseren Lebens in den Mittelpunkt:
"Diese Ergebnisse lassen uns darauf schließen, dass viele der Merkmale, die wir für relativ unabänderlich hielten - wie zum Beispiel unser Glücks-Level und Wohlergehen -, in Wahrheit eher ein Produkt unserer Fähigkeiten sind, die wir zum Beispiel durch Training verbessern können."
Ich weiß auch, dass es irgendwie eine Zumutung ist, dass wir uns selbst und unser Wohlbefinden nun angeblich immer selbst in Kontrolle haben und uns dadurch quasi gezwungen fühlen, uns selbst immer weiter zu verbessern. Aber ehrlich gesagt ist mir das lieber, als ein Opfer von Genen und Erziehung zu sein und dafür ein Leben lang ohne Einfluss leiden zu müssen. Davidsons Ansatz der emotionalen Stile werden wir beobachten müssen. Ich bin mir sicher, dass sich aus seinen Forschungen noch viele für die Praxis relevante Erkenntnisse ergeben werden, die nach und nach die Öffentlichkeit erreichen und Allgemeingut werden. 



*Wie so oft in der Psychologie und Neurologie kamen auch in Richard J. Davidsons Studien die ersten Hinweise auf zugrunde liegende Mechanismen aus Untersuchungen von Patienten mit Hirnverletzungen. Davidson fand zum Beispiel heraus, dass Patienten mit Verletzungen im linken präfrontalen Cortex zu negativen und deprimierenden Gefühlsäußerungen neigten, während Patienten mit Verletzungen im rechten präfrontalen Cortex eher zu übertrieben positiven. Von da an trieb ihn die Frage um, wie wir als Individuen mit Emotionen umgehen. Unter anderem arbeitete er experimentell mit dem Dalai Lama, um der Wirksamkeit von Meditationen auf den Grund zu gehen. Eine Übersicht zu seinen Forschungen findet sich auf den Seiten seines Lab for Affective Neuroscience.

Kommentare:

  1. Sehr interessant! Ob sich diese emotionalen Stile wirklich verändern lassen, bleibt abzuwarten. Zu wünschen wäre es jedenfalls.

    1) Die Resilienz wird bei den Big Five ja beim Neurotizismus mit berücksichtigt, auch sehr spannendes Thema.

    2) Wie lange ein positives Gefühl anhält hat zumindest teilweise auch mit Extroversion zu tun ( http://www.typentest.de/blog/2011/06/extrovertierte-sind-glucklicher/ , Studie: Why Extraverts Are Happier Than Introverts: The Role of Mood Regulation )

    Die Punkte 3-5 dürften bei Menschen mit Asperger-Syndrom sehr niedrig ausgeprägt sein. Da gibt es sicher auch Forschungen dazu.

    6) Mit dem Thema Konzentration hab ich mich bisher gar nicht beschäftigt, da muss ich mich mal reinlesen. Ist damit so etwas ähnliches wie das Flow-Gefühl gemeint?

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    1. Hi Lars, das wäre auch mal ein interessantes Thema: Resilienz und Neurotizismus. Hättest du nicht Lust?

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  2. Deshalb wirds die Psychologie - zumindest diese Art von P. - nicht in den Pantheon der Naturwissenschaften schaffen: Eben weil hier "Geisteswissenschaft" - emotional styles - scheinbar mit Naturwissenschaft ("harte" WIssenschaft) unterfüttert wird. Da ist nix empirisch.

    Das mit dem Dalai Lama ist ein "Experiment"? Au weia.

    LG E. Wilde

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    1. "Au weia" war noch nie ein Argument gegen irgend etwas.

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  3. Wenn ein Klappentext mit "X ist einer der renommiertesten Hirnforscher" anfängt, kann man davon ausgehen, dass irgendeine unbewiesene Theorie kommt.
    "Hirnforscher" dürfte übrigens - wie Journalist - kein geschützter Beruf sein.
    Aber auch das ist kein Argument.

    Die Methodologie unter manchen "Hirnforschern" sieht oft so aus: Hier ist meine "Theorie", jetzt leg ich einen Probanden mal unters MRT und schau, welche Korrelationen zu meiner Theorie passen. Irgendeine Korrelation - ein "Aufleuchten" im MRT - wirds schon geben, dass zu meiner Theorie passt.

    Ernsthafte "Hirnforscher" äußern sich eher so:
    Ein Zitat aus einem Neuroanatomiebuch [Martin Trepel - Neuroanatomie; da kann man sich übrigens über den Forschungsstand informieren]: "Wir sind derzeit noch nicht in der Lage, die anatomisch-physiologische Entstehung und Funktionsweise der intellektuellen und emotionalen Vorgänge unserer Persönlichkeit befriedigend erklären zu können, weshalb man mit Mutmaßungen auf diesem spannenden, aber auch umstrittenen Gebiet zurückhaltend sein muss."

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    1. Ja, aber einer wie Davidson muss auch seine Bücher verkaufen, irgend etwas muss der Mensch essen. Als Wissenschaftler unter Kollegen sagt er mit Sicherheit genau dasselbe wie Trepel. Sie müssen eine Gesamtschau versuchen, um den Menschen verstehen zu wollen! Wir sind schlecht festzunageln, auch wenn dass dem exakten Geist missfällt.

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  4. Das festnageln machen doch grade solche Simplifizierer a la Davidson (da gabs einen Philosophen gleichen Namens, der hatte mehr drauf ;-)).
    Eben alles einfach anhand einer Geraden einteilen und dann mit einem sinnentleerten Fachterminus (Resilienz) belegen und gut is. Tut mir leid, aber das ist grade keine "Gesamtschau". Ok - für Consulter ist das natürlich brauchbar.
    Das ist "Geisteswissenschaft" at its worst. Da frag ich lieber Natur- und Sozialwissenschaften; also die empirischen Wissenschaften.

    Und warum sollte man "den Menschen" verstehen wollen?
    Jeder ist anders. Es gibt biologische, soziologische, vielleicht einige psychologische Fakten über "den Menschen". Aber nicht nach Psycho-Schema F wie oben.

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  5. Resilienz ist eh so ein Thema für sich: armes Heimkind, ganz ohne Eltern, hat es so weit im Leben geschafft (im Gegensatz zu ...). "Armes Heimkind" hatte ja auch gute, kompetente Förderung durch Heimleiterin etc., das sehen die Herren und damen Psychologen nicht. Psychologen sehen die Welt häufig oberflächlich und am besten so, wie es in ihre Denke passt.

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