22. August 2012

Introversion - die neue mediale Faszination

SPIEGEL, 34/2012
Geist und Gegenwart widmet sich schon lange dem Thema Introversion. Wir stellen Bücher vor, erklären psychologische Hintergründe und helfen Introvertierten mit praktischen Tipps dabei, sich besser in einer extrovertierten Welt zu bewegen. Nun hat - nachdem das Thema durch die US-Amerikanische Öffentlichkeit getrieben wurde und sich auch hierzulande Susan Cains Still: Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt wie geschnitten Brot verkauft, der Spiegel die Introvertierten entdeckt. Das Titelthema der aktuellen Ausgabe ist: "Triumph der Unauffälligen. Warum Introvertierte zu oft unterschätzt werden." Faszinierend, wie sehr dieses Thema zur Zeit auch in die deutsche Öffentlichkeit drängt. Mich freut das, wenn es Introvertierten, die sich vielleicht selbst noch nicht im Klaren darüber waren, dass sie ganz normale und doch besondere Menschen sind, dabei hilft, sich besser kennen und lieben zu lernen.

Die Auferstehung der Geeks und Nerds
Warum wird das Thema immer populärer? Ich habe die Theorie, dass es ganz stark mit dem Internet zusammenhängt und vor allem auch mit den neuen Jobs, die da dran hängen. Zuerst einmal kommen Introvertierte aus der ruhigen Sicherheit ihrer eigenen vier Wände endlich in gesellschaftliche Diskurse, die ihnen zuvor verschlossen blieben. Vor dem Internet waren diese Diskurse vor allem auf physisches Zusammentreffen angewiesen. Man musste auf Konferenzen, Partys, Lesungen und Vernissagen herumstehen und Small Talk betreiben, um hoffentlich in einen sinnvollen Gedankenaustausch zu kommen. Die neue Schriftlichkeit oder Mittelbarkeit über Social Networks, Blogs oder Online Spiele, gibt denen eine Chance, die lieber nicht in Menschengruppen zusammenstehen und Small Talk machen. Das sind die Introvertierten. Endlich können sie ihre Meinung äußern und zwar wohl überlegt, schriftlich und ohne das Dazwischengeplapper der extrovertierten Party Animals.*

Außerdem sitzen Introvertierte nun häufig an der Quelle der technischen und gesellschaftlichen Innovation. Die kontaktscheuen Geeks, die ewige Nächte vor den Bildschirmen sitzen und die Interfaces programmieren, über die sich nun die ganze Welt unterhält, sind plötzlich die neue Elite. Sie arbeiten in Firmen wie Skype, Apple, Google und Facebook treiben den Fortschritt voran, nach dem wir alle inzwischen süchtig sind, steigen in die Top-Wirtschaftspositionen ein und verdienen nebenbei eine große Menge Geld. Das Zeitalter der Introvertierten hat begonnen.

Spiegels grundlegende Fragen zu Introvertierten
Ich vermute hinter diesen technologischen Revolutionen zumindest einen großen Grund dafür, dass populäre Magazine wie der Spiegel das Thema der stillen, leisen Menschen, der Introvertierten mehr und mehr bearbeiten. Sie müssen, denn diese Menschen sind in den letzten Jahren für alle sichtbar immer wichtiger geworden. In einem Interview mit Stefan Ludwig hat der Spiegel versucht, ein paar grundlegende Fragen zu klären:
  • Was sind die Stärken der Introvertierten?
  • Wie können Introvertierte an sich arbeiten?
  • Gibt es ein Training für Introvertierte?
  • Wie können Unternehmen das Potential von Introvertierten besser nutzen?



Eigenständigkeit und Unabhängigkeit als Stärken der Introvertierten
Wenn Ludwig hier sagt, die Stärken der Introvertierten seien Gründlichkeit, Genauigkeit und die Fähigkeit, sich tief in Themen einzuarbeiten, dann mag das auf Introvertierte eher zutreffen, als auf Extrovertierte. Allerdings sind es nicht die originären Aspekte der Introversion, sondern eher die der Gewissenhaftigkeit in den Big Five oder der Judging-Dimension im MBTI. Eigenständigkeit jedoch und die Unabhängigkeit von äußerer Ermutigung und Stimulanz sind direkte Stärken der Introvertierten.

Sich selbst kennen lernen, auf Bedürfnisse achten und für sich kämpfen
Ludwig hat völlig Recht, wenn er hervorhebt, dass es für Introvertierte enorm wichtig ist, sich selbst kennen und schätzen zu lernen. Ebenso wichtig ist es, die passenden Arbeitsstrukturen zu finden oder zu konstruieren, damit man im Job nicht hinten ansteht. Dazu habe ich bereits mit Strategien für introvertierte Menschen einen ausführlichen Artikel geschrieben.

Wie auch Ludwig betont, ist es für Introvertierte enorm wichtig zu lernen, für sich selbst einzutreten. Interessant finde ich seinen Ansatz der Körperlichkeit, um diesen Einsatz für sich selbst zu lernen. Die Theorie ist, dass es in Fleisch und Blut übergeht, für sich selbst zu "kämpfen" - etwas, das Introvertierte oft für unangemessen halten -, wenn man es körperlich trainiert und dabei das bewusste Denken ausschaltet. Ich selbst trainiere seit langen Jahren im Boxsport und kann bestätigen, dass es mir ungeheuer geholfen dabei hat, mich vor anderen zu behaupten. Man lernt auf ganz basale, eben körperliche Weise, dass es gut ist, sich vor anderen zu behaupten.

Hilfreiche Strukturen in der Arbeitswelt oder Eigenverantwortung?
Bedenkenswert sind auch Ludwigs Ideen zur Mehrperspektivität in der Arbeit ("die Wahrheit aller ohne Urteil hören"), um den Introvertierten mehr Gehör und Wirksamkeit zu verschaffen. Solche Strukturen sind gut, helfen aber den Introvertierten nicht, die unter normalen und weniger rücksichtsvollen Arbeitsbedingungen ihre Position behaupten müssen. Hier ist es doch besser, nicht zu hoffen, sondern sich selbst kennen zu lernen und die Tricks und Tipps zur Anwendung zu bringen, auf die man eigenverantwortlich zugreifen kann.

Wir werden das Thema weiter begleiten und jede Auseinandersetzung mit der Introversion begrüßen. Das Zeitalter der Introvertierten ist gekommen!


*Gunter Dueck hat vor einiger Zeit schon etwas bösartig auf den Zusammenhang des "Sinn-Bloggens" und einer bestimmten Gruppe Introvertierter hingewiesen: Über die typische Sinn-Blogger-Psyche oder über "INFP".

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Kommentare:

  1. Interessant, dass das Thema Introversion neuerdings so einen Boom erlebt. Ich habe ja auch bereits mehrfach darüber geschrieben und denke auch, dass das mit den neuen Medien zusammenhängt: heutzutage haben Introvertierte Extrovertierten gegenüber viel weniger Nachteile wie früher, weil es viel mehr Möglichkeiten der Kommunikation und Informationsvermittlung gibt.
    Auf jeden Fall sehr gut, dass so viel auf dieses Thema aufmerksam gemacht wird.

    Das oft alle möglichen Eigenschaften mit Introversion in einen Topf geworfen werden, finde ich dagegen nicht so gut. So wie hier von Ludwig "gründlich & genau", oder oft auch kreativ und intelligent. Introvertierte können natürlich gründlich & genau sein. Aber sie sind es nicht öfter als Extrovertierte und können es genauso auch nicht sein. Bei Big Five, MBTI und Co. sieht man deutlich, dass diese Eigenschaften unabhängig voneinander sind. Spricht meiner Meinung nicht für Herrn Ludwig als "Experte", wenn er diese Dinge einfach zusammenwirft.
    Unabhängigkeit im Zusammenhang mit Introversion klingt erstmal logisch, ist aber vielleicht auch gar nicht so richtig: im Reiss Profile gibt es den Faktor Unabhängigkeit. Vergleichsstudien mit Big Five und MBTI haben allerdings keine Zusammenhänge mit Introversion ergeben, bzw. Unabhängigkeit hatte allgemein gar keine direkten Zusammenhänge mit irgendwelchen anderen Faktoren.

    Das Prinzip mit der Körperlichkeit erschließt sich mir nicht ganz. Für Selbstbehauptung und Selbstsicherheit ganz klar und ganz wichtig. Aber Introvertierte sind ja nicht automatisch alle unsicher.

    Ich würde die Introversion eher als getrennt sein von der Welt beschreiben:
    Extrovertierte fühlen sich mit ihrer Umgebung verbunden.
    Introvertierte fühlen sich getrennt davon und brauchen daher Überwindung, aus sich selbst herauszugehen.

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  2. guter Beitrag;
    ich verstehe nur nicht, warum Stefan Ludwig nur thematisiert, dass sich die Introvertierten, und nicht etwa /auch/ die Extrovertierten 'ändern sollen'. Jedes Ökosystem ist umso stabiler je diversifizierter die Organismen darin sind, dies gilt selbstverständlich auch für uns Menschen.

    John Alford wird etwa folgendermassen zitiert:
    "Trying to persuade someone not to be a liberal is like trying to persuade someone not to have brown eyes...
    We spend a lot of energy getting upset with the other side...
    we often think our opponents are misinformed or stubborn.
    Accepting that people are born with some of their views changes that.” New Scientist, 02.02.08
    http://ed.iiQii.de/gallery/Science-TheOnlyNews/JohnRHibbing_unl_edu

    Frauen etwa werden schon seit Jahrzehnten 'schlaue Karrieretipps' gegeben, wonach sie /nur/ die besseren Männer sein soll(t)en(?!?),
    dann wird alles besser...

    Gunter Dueck bringt das wieder mal prägnant auf den Punkt: www.omnisophie.com/day_135.html

    Glauben wir wirklich, dass wir 'Die mit den brauen Augen' und 'Die Linkshänder' erfolgreich umpolen können und sollen?

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    1. Guter Einwurf.
      Bei Introvertierten wird viel zu automatisch davon ausgegangen, dass sie sich ändern müssten. Introvertierte sollten sich jedoch nur dann zu ändern versuchen, wenn (starke) Introversion ein Problem für sie darstellt. Gleiches gilt auch für Extrovertierte.

      Interessanter Artikel von Dueck zur F-Quote. Da werde ich mich mal näher mit beschäftigen.

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    2. ganz ehrlich leute Introvertierte sind selbstbewusst haben ausdauer und passen sich jedem an! Gründlichkeit habe schon lange nicht mehr so gelacht im Hirnhaus natürlich :D
      Introvertierte sind leute die sich "bewusst" selber ausgrenzen weil unabhängikeit wie soll das heute noch gehen ?
      ist ungefähr zu vergleichen wie Junkies und die Gesellschaft
      und warum sollen sich leute ändern die Introvertiert sind ? schadet bestimmt nicht die gesellschaft im gegenteil sogar in der ruhe liegt die kraft ^^
      gruss Cyborg

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