15. März 2015

Individualität und Einheit

Zur Trennung und dem Eins-Sein von allem

Wie wird man "Administrator" seines Lebens, anstatt immer nur "User" zu bleiben? Diese dringende Frage stellt Reinhard Herrmann und entfaltet dabei beinahe kosmologische Erklärungsansätze, um sie wieder ins Praktische unseres Lebens zu übersetzen. Aber lesen Sie selbst...

Räumen Sie noch Ihren Schreibtisch auf oder stellen Sie sich schon andere Fragen? (Lizenz: CC0)

Irgendwann kommen Menschen an den Punkt, wo sie beginnen, andere Fragen zu stellen. Fragen, die viel tiefer greifen, als bisher. Die Gründe dafür sind so unterschiedlich wie die Individuen und das Lebensalter. Der eine ist erst 25, der andere schon 78. Manche haben eine schwere Krankheit überstanden, die Existenz oder den Lebenspartner verloren. Vielleicht ist man einfach auch nur der ewig seichten Oberflächlichkeit überdrüssig, die den Lebens-Pool mit Belanglosigkeit überschwemmt hat und man hat es satt, in diesen Pfützen Tag für Tag gelangweilt herumzutreten. Entscheidend ist nicht das Entstehungsdatum oder der Beweggrund, sondern die Tatsache, dass man sich auf die Suche begeben hat, um Antworten für sich selbst zu finden, die nicht auf der Straße liegen. Wissen Sie, welche Art von Fragen ich meine? Gut, dann haben Sie sich schon einige in dieser höheren Qualität gestellt. Herzlich willkommen.

Individualität und Chaos

Es ist ein herrlicher Sommertag. Gebannt beobachten Sie von Ihrem Gartenstuhl aus, wie plötzlich der Hund aufspringt und mit lautem Gebell Ihre Katze durch das von Ihnen heute Morgen frischbepflanzte Blumenbeet jagt. Die bedrohliche Situation für Mieze rettet wiederum einem Spatz das Leben, den die Katze zur Mahlzeit gefangen hatte und gerade zubeißen wollte. Er entkommt im Moment des Panik-Miau-Schreies aus ihrem Maul und flattert in die Freiheit seines Lebens zurück. Die Hatz zwischen Hund und Katze nähert sich ihrem Höhepunkt, aber Miez ist schnell, kann gut klettern und bringt sich im oberen Geäst des Baumes in Sicherheit. Der Hund springt laut bellend hinterher, doch der Baumstamm markiert das Ende seiner Fahnenstange. Er kratzt wahnsinnig aufgeregt noch ein Loch in die Baumrinde, um schließlich das Spielfinale zu akzeptieren und knurrend davon zu trotten. Natürlich tritt er auf dem Rückweg auch noch die letzten unversehrten Blümchen nieder. Nun toben Sie höchst selbst durch den Garten und beschimpfen Hund, Gott und die Welt, obwohl keiner der Adressaten die Herrichtung des Blumenbeetes übernehmen wird. Chaotische Zustände!

Dieses kleine Schauspiel hat jedem seiner Protagonisten etwas Persönliches hinterlassen – Hund, Katze, Spatz, Blumen, Baum - auch bei Ihnen. Jeder war auf seine individuelle Art Protagonist und Antagonist. Niemand der beteiligten Individualitäten käme auf die Idee, während der Aufführung gemeinsame Identitäten wahrzunehmen oder gar mit dem Gegenüber zu verschmelzen. In Einheitssuppe kann das Schauspiel mit seinen individuellen Erfahrungen gar nicht stattfinden. Hund hätte sein Jagderlebnis nicht ausleben können, Katze fehlte das erhabene Gefühl, wie man sich vor großen Tieren retten kann, Spatz wäre tot, Blumen wüssten nicht, wie man einen Knick in der Wachstumsphase korrigiert, Baum hätte keine Ahnung, seine Wunden zu heilen und Sie wären nicht im Stande, den Gästen Ihrer abendlichen Grillparty diese Geschichte zu präsentieren – vom nachträglichen Buddeln im Blumenbeet mal abgesehen. Ist doch gut so, dass alles völlig getrennt voneinander abgelaufen ist. Stimmt. Aber entspricht die subjektive Wahrnehmung auch der objektiven Realität?

Alles hängt miteinander zusammen, alles ist in Allem enthalten und stammt aus einer einzigen Quelle. Den Satz haben Sie bestimmt schon mal gehört und gleich wieder zu den Akten Unerklärliche Phänomene abgeheftet, weil Sie damit nichts anfangen konnten. Sie sind als Person völlig autark und das, was Sie beobachten, ist es für sich auch. Jede Schneeflocke ist ein Unikat. Ich gehe da noch weiter: alle Atome sind einzigartig. Wenn ich zwei Wasserstoffatome vergleiche, sind ihre grundsätzlichen chemischen Eigenschaften nach außen zwar nahezu identisch. Schaut man sich die innere Struktur an (Myriaden von winzigen positiven und negativen Ladungswirbeln in differenzierten Anordnungen) gibt es allerdings feine Unterschiede.

Kurzum: Vielfalt hat offensichtlich ihren Sinn im Universum, sonst würde sie sich nicht derart unverhohlen vor uns ausbreiten – eine unleugbare Objektivität. Wir sind mit unserem Bewusstsein befähigt, das zu erkennen und unser wacher Verstand zieht uns in jeder Sekunde des Daseins in die Trennung zurück. Das ist sein Job, weil das Überlebensprogramm in einer isoliert wahrnehmbaren Welt absoluten Vorrang hat. Für diesen Zweck erledigt er seine Aufgabe hervorragend und tadellos.

Erst wenn wir Fragen nach dem Sinn unseres Seins und bezüglich unserer Aufgabe als winziges Ritzel im universellen Getriebe stellen, stößt das Programm an seine Grenzen. Wer den Weg vom User zum Administrator gehen möchte, sollte sich sogar auf kurze Systemabstürze gefasst machen. Keine Angst. Eine Anmeldung zur Hirntransplantation ist nicht nötig. Nach der inneren Chip-Umprogrammierung läuft der Verstand wieder ordnungsgemäß – nur klarer als vorher. Er folgt der neuen Programmstruktur. Aber wie wird man Administrator seines eigenen Lebens? Ein Administrator erfasst den Kontext zwischen Individualität (Trennung) und Einheit (universeller Wissenspool) als neue Erfahrung, die er bewusst in sein Leben integriert.

Kann ein individueller Tropfen aus einer subjektiv getrennten Welt mit dem Meer der objektiven Einheit in Kontakt treten, ohne darin unterzugehen? Starten wir einen Versuch. Zunächst verlassen wir den festgenagelten Standpunkt der Trennung und öffnen uns unvoreingenommen der verborgenen Intelligenz hinter dem Vorhang. Damit wir durch diese bewusste Rückbindung zur Einheit allen Seins Werkzeuge in die Hand bekommen, die dazu dienlich sind, an den richtigen persönlichen Lebensschrauben zu drehen, müssen wir kosmische Gesetzmäßigkeiten beleuchten, in dessen Ergebnis der Mensch entstanden ist.

Einheit und Ordnung

Unternehmen wir zunächst eine Reise zu dem Moment, kurz bevor der Startknopf für die Genese unseres Universums gedrückt wurde. Alles, was wir heute 13,7 Milliarden Jahre danach beobachten, war in einem winzigen Punkt VEREINT – Galaxien, Sterne, Planeten, Raum und Zeit. Auch Hund, Katze, Blumen, Baum und – Sie. Das ist unwiderlegbare kosmische Logik. Dann kam es zum Urknall – keine Explosion, sondern Implementierung von Energie in einen neu erschaffenen Raum hinein. Reines Chaos, hervorgerufen durch unzählbare Elementarteilchen und Strahlung. Dem aufmerksamen Beobachter fällt jedoch auf, dass im Laufe der Evolution des Weltalls dieses Chaos nicht die Oberhand behielt, weil sich aus der ursprünglichen chaotischen Gaswolke autarke Himmelskörper gebildet haben. Unsere Erde – ein Paradies für biologisches Leben – ist ein solches System. Der Mensch auch. Offensichtlich hat hier ein energetischer Einfluss stattgefunden, sodass sich Ordnung manifestieren konnte.

Um den tiefen Sinn zwischen Individualität und Einheit allen Seins verstehen zu können, ist zudem eine physikalische Analyse des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik nötig:

"Führt man einem geschlossenen System keine äußere Energie zu, erhöht sich die Entropie."

Das ist ein kosmisches Gesetz, weil unser Universum ein geschlossenes System ist. Gilt diese Definition auch für kleinere Systeme innerhalb des Universums? Sterne, Planeten, Pflanzen, Tiere und Menschen sind zwar autarke Atomgruppierungen, stehen jedoch in Verbindung mit dem äußeren Umfeld. Um die Erde ist kein Kasten errichtet worden, der sie zu einem geschlossenen System macht. Dennoch ist sie aus einer chaotisch zusammengewürfelten Gaswolke, die mit schweren Elementen (Sternenstaub) durchsetzt war, entstanden. Kein Zufall. Billionen von anderen Planeten erging es genauso. Der 2. Hauptsatz funktioniert offensichtlich auch in kleineren Systemen innerhalb des Universums, ohne dass es eines Kastens bedarf. Werfen wir einen Blick auf die Auswirkungen dieses universellen Gesetzes:

  • Urknall - Chaos: diffuse Wasserstoff- und Heliumgaswolken stellen das Material für die Sternenbildung bereit.
  • Protosterngenese - 1. Ordnungssystem: Gravitation mit der Folge, dass neue chemische Elemente entstehen.
  • Supernovae - Chaos: Explosion von Sternen mit der Folge, dass sich neue Materialien im Weltall verteilen und die Grundlage für Planeten bilden.
  • Sonnensystem - 2. Ordnungssystem: Durch die Gravitation und Materialauswahl entstehen Planeten wie die Erde mit einer Sonne als Energieversorger.
  • Erdevolution - Chaos: die Oberfläche brodelt, es kommt zu Kollisionen mit anderen Himmelskörpern, denen wir das Wasser verdanken, zusammen mit Vulkantätigkeit werden die Voraussetzung für biologisches Leben geschaffen.
  • Leben - 3. Ordnungssystem: aus der Kombination von 6 Elementen entstehen Prokaryoten, Eukaryoten, Pflanzen, Tiere und letztlich der Mensch. 

Halten wir folgende universelle Gesetzmäßigkeit fest: Energie wandelt Chaos zu Ordnung. Chaos ist der Übergang zwischen zwei Ordnungssystemen. Richtig, das ist eine neue Sichtweise. Aber was hat die mit Ihrem Leben zu tun? Dazu ein Beispiel:

Schauen Sie auf Ihren Schreibtisch. Es ist Montag früh. Alles liegt perfekt an seinem Platz. Da Sie ein ordnungsliebender Mensch sind, haben Sie letzten Freitag aufgeräumt – also Zeit und Energie aufgebracht. Jetzt profitieren Sie von dieser Investition und können alle Projekte aufgrund der selbst erschaffenen Systematik reibungslos erledigen.

Nun gab es im Laufe der Woche wieder viel zu tun. Zeit und Kraft zum Aufräumen – Fehlanzeige. Wenn Sie am Freitag keine Lust mehr haben, auch noch Energie für die Wiederherstellung der Schreibtischordnung aufzuwenden, ist das verständlich. Aber bedenken Sie: Je länger Sie damit warten, desto mehr Energie braucht es, die wachsende Entropie in Ordnung umzuwandeln. Zudem wird auch die Abwicklung Ihrer Projekte zunehmend chaotischer.

Was wir im Universum beobachten, passiert in der Atomwelt und im menschlichen Lebensraum gleichermaßen. Zwischen Chaos und Entropie besteht eine Wechselwirkung. Sie ist Ausdruck der ständigen Bewegung im Kosmos und liefert unablässig neue Gestaltungsspielräume. Diese Interaktion verkörpert den Katalysator für höchstmögliche Vielfalt aus der Einheit allen Seins heraus (Urknall). Nur Vielfalt (Individualität) erschafft neue Lebensenergie, um diesen Prozess am Laufen zu halten. "Bewegung" ist gleichzusetzen mit "Evolution des Lebens". Sich diesen Gesetzmäßigkeiten permanent zu widersetzen, ist töricht, aber die menschliche Gemeinschaft tut es trotzdem – mit entsprechenden Folgen.

Wissen und Handeln

Die menschliche Entwicklung hat bisher nach einem bewährten Modell funktioniert, das alle Zeiten ziemlich schadlos überstanden hat. Wir haben uns ein geschlossenes System erschaffen. Aber dieses Modell hat seine Grenze erreicht, weil es seit Anbeginn einen Fehler beinhaltet, der es zum Bersten bringen wird. Das naturgegebene Ordnungssystem Mensch hat einen imaginären Kasten um sich herum gegenüber dem Universum errichtet. So kommt es zu Hierarchien, die wenigen nutzen und die die Masse abhängig machen. Nun ist die Zeit gereift, sich den kosmischen Gesetzen beugen zu müssen, weil der Kasten sonst implodiert.

Wenn keine Verbindung zum Außen besteht und innerhalb des Systems nicht genügend neue Energie erzeugt wird, entsteht Chaos - Krieg, Völkerhass, wirtschaftlicher Zusammenbruch, Verwerfung des Geldsystems, menschliche Tragödien, Mobbing usw. - Entropie zum Anfassen. Das ist die Momentaufnahme unserer Zeitqualität. 7,2 Milliarden Menschen bevölkern die Erde. Jeder besitzt einzigartige Fähigkeiten, Stärken und Facetten, die ihn von anderen unterscheiden. Diese Eigenschaften wären pure Energielieferanten, würden sie erkannt und bewusst eingesetzt. Aber die meisten kennen sie nicht einmal. Milliardenfache Entropieproduzenten, die täglich daran erinnert werden, dass sie selbst Schuld(en) haben.

Administrator des eigenen Lebens zu werden ist kein Sonntagsspaziergang, das kostet Schweiß und Mühe. Wenn Sie bereit sind, diese Investition in sich selbst zu leisten und dazu das Wissen als Hilfsmittel benutzen, können Sie es schaffen. Treffen Sie Entscheidungen. Stärken Sie zunächst Ihr Selbst-Wert-Gefühl. Das ist nichts Verwerfliches. Egal, was andere dazu äußern. Lassen Sie diese Fremdenergien vorbeiziehen. Ordnen Sie alles, was Sie heute belastet. Benutzen Sie dabei die objektive Draufsicht auf die Dinge. Diese Perspektive wird Ihnen Abstand lehren und das Gefühl der Distanz von allen quälenden Problemen vermitteln.

Wenn beim Aufräumen prägende Bilder auftauchen (meist stammen sie aus der Kindheit), erleben Sie bitte die damit verknüpften Emotionen ein zweites Mal und lassen sie los, wenn diese Gefühle heute nicht mehr zu Ihnen gehören. Das alles sind nur erste Schritte, aber Sie werden sich anders fühlen, als vorher.

Haben Sie eine Vorstellung davon, was aus dem Energiezustand der menschlichen Gemeinschaft hervorsteigt, wenn das nur 5% aller Menschen tun würden? Darum ist Ihr Handeln für sich SELBST ein unverzichtbares Ritzel im Getriebe der neuen Ordnung.

Sinn von Einzigartigkeit ist Ausdruck der Evolution des Lebens, die aus Einheit geboren wurde und nur in Vielfalt weiterleben kann. Bewegung und ständige Veränderung ist ihr Merkmal. Dieses kosmische Gesetz sollten wir uns wieder zu Nutze machen, weil wir ein Teil davon sind. Wir haben viel Energie in dunkle Kanäle verschwendet und sehen nun, was dabei herausgekommen ist. Es ist höchste Zeit, sie in Richtung Ordnung umzulenken.

Falls Sie die Impulse aus meinem Beitrag noch nicht veredeln konnten, tun Sie mir bitte einen Gefallen und räumen wenigstens Ihren Schreibtisch auf.



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