18. November 2014

Martha Nussbaum und die Gefühlswelt

Wie wir unsere innere Welt pflegen

Immer wieder finde ich es paradox, wie wir einerseits darauf stolz sind, dass wir freie und autonome Individuen sind und andererseits diese Freiheit und das Autonome nicht aushalten wollen oder damit nicht umgehen können. Was wir nicht alles erfinden, um uns von uns selbst abzulenken und nicht allein zu sein: angeblich Freunde zum Beispiel, die es mit ihren jeweiligen Mikro-Universen nur in sogenannten sozialen Netzwerken gibt oder Shopping als Freizeitbeschäftigung. Gibt es nichts sinnvolleres zu tun?


Martha Nussbaum wikipedia 10-10
Martha Nussbaum: "Wir sind schockierend schwach und inkomplett..." (Bild von Robin Holland)

Jeder will heute zwar irgendwie als sensibel gelten, ein reiches inneres Leben haben, ein guter Zuhörer sein und auch mal nachdenklich sein dürfen. Wir bewundern eher die einsam vor sich hin schaffenden Maler, Komponisten oder Schriftsteller, als die Reden schwingenden Verkäufer von Ideen, Staubsaugern oder politischen Parteien. Aber dann müssen doch alle unbedingt in Teams arbeiten können und große Reden schwingen, um es zu etwas zu bringen. Oder Backpacking: finden wir eigentlich auch besser, als den Massentourismus. Doch dann buchen wir (als Mehrheit der Konsumenten) den Pauschalurlaub.

Es gibt diese große Angst vor dem Alleinsein. Eigenbrötler sind doch kurz vor der Klapse. Also beteiligen wir uns zumindest konsumierend am permanenten Medienrummel, fühlen uns schlecht, wenn wir keine Lust auf After Work Partys haben und schauen eigentlich immer eher nach außen, als nach innen: Was sind wir (von Beruf)? Was haben wir (uns erarbeitet)? Wie können wir unseren Status manifestieren? Was ist das nächste Ding, das wir besitzen müssen? Was dabei zu oft hinten runter fällt sind Fragen wie: Wie geht es mir eigentlich? Was will ich mit meinem Leben machen? Was tut mir gut?

Man muss diese Widersprüche nicht verurteilen, es ist irgendwie verständlich (wenn auch deswegen noch lange nicht gut), dass wir so sind, wie wir sind. Aber was vergeben wir uns damit? Worauf verzichten wir, wenn wir sozusagen selbst- und seinsvergessen einfach mitmachen, was uns vorgeschlagen wird? Was sind die Gefahren, wenn wir vor unserer inneren komplexen Gefühlswelt davonlaufen und die Fähigkeit verlieren, ihr Ausdruck zu geben und mit ihr umzugehen? Es kann passieren, dass wir Gefühle wie Angst gar nicht mehr wahrnehmen können. Im schlimmsten Fall suchen sich solche Gefühle ihren Ausweg in Aggression gegen unsere liebsten Mitmenschen oder sie finden ihre Sackgasse in der Depression.

Gerade las ich auf Brainpickings dazu einen Text der Philosophin Martha Nussbaum aus dem Buch Take My Advice. Leider liegt das Buch nur auf Englisch vor, weshalb ich folgenden kurzen Ausschnitt hier ins Deutsche übertragen habe.

Vernachlässige deine innere Welt nicht!

Das ist die erste und weitreichendste Empfehlung, die ich geben kann. Unsere Gesellschaft ist in ihrem Sehen sehr nach außen gerichtet und schaut fasziniert auf das neuste Ding, hört gern auf das letzte Geschwätz und lässt uns nach Selbstbestätigung und Status suchen. Wir alle beginnen unser Leben als hilflose Babys, von anderen abhängig, um Schutz und Nahrung, ja das Überleben schlechthin zu garantieren. Und obwohl wir im Laufe der Jahre einen gewissen Grad an Selbstständigkeit erlangen, bleiben wir trotzdem für immer schockierend schwach und inkomplett, abhängig von anderen und von einer unsicheren Welt in allem, was wir erreichen.

Während wir erwachsen werden, entwickeln wir eine breite Palette an Gefühlen, die mit diesem Notstand in enger Verbindung stehen: Wir haben Angst, dass etwas schlimmes passieren könnte, das wir selbst nicht verhindern können. Wir lieben die, die uns helfen und unterstützen können. Wir trauern, wenn wir eine geliebte Person verlieren. Wir hoffen auf eine gute Zukunft. Wir werden wütend, wenn jemand etwas beschädigt, das uns wichtig ist.

Unsere Unvollständigkeit wird durch unsere Gefühlswelt vollständig kartografiert. Eine Kreatur ohne jegliche Bedürfnisse, hätte keinen Grund, je Angst, Trauer, Hoffnung oder Wut zu empfinden. Aber aus irgend welchen Gründen sind uns unsere Gefühle und die damit verbundenen Bedürfnisse oft unangenehm. Also laufen wir vor unseren inneren Gefühlswelten davon und verlieren die Fähigkeit, ihr Ausdruck zu geben. [...] Wir alle werden mit Krankheit, Verlust und Alter umgehen müssen, aber wir sind durch eine Kultur der Äußerlichkeiten nicht besonders gut auf einen guten Umgang mit diesen inneren Herausforderungen vorbereitet.

Was hilft gegen unsere Unzulänglichkeit? 

Eine Eigenliebe kann uns helfen, die nicht vor den ärmlichen und inkompletten Teilen unseres Selbsts zurückschreckt, sondern die dieses unzulängliche Selbst mit Interesse und Neugier akzeptiert und versucht ihm eine Sprache zu geben, mit der die Bedürfnisse und Gefühle zum Ausdruck gebracht werden können. Geschichtenerzählen spielt eine große Rolle in der Entwicklung einer solchen Sprache. Wenn wir Geschichten über das Leben anderer erzählen, lernen wir uns in die Erfahrungen einzufühlen, die andere mit den verschiedenen Gegebenheiten des Lebens haben können. Wir identifizieren uns mit ihnen und ihren Gefühlen und lernen dabei etwas über uns selbst. Während wir älter werden, begegnen uns immer komplexere Geschichten - in der Literatur, im Film, in der Malerei oder Musik - die uns zu einem immer reicheren und subtileren Verständnis der menschlichen Gefühle und unserer eigenen inneren Welt verhelfen können.

Meine zweite Empfehlung, die ganz eng mit der ersten verbunden ist, lautet: Lies viele Geschichten, höre viel Musik und denk darüber nach, was diese dir dort begegnenden Geschichten für dich selbst und deine nächsten Mitmenschen bedeuten. Auf diese Art wirst du nie allein und leer sein. Du wirst ein erneuertes, reiches Innen- und Eigenleben haben, das dich auch nach außen mit einer größeren Bandbreite der Kommunikation mit anderen ausstatten kann.



Take My Advice: Letters to the Next Generation from People Who Know a Thing or Two: Der Autor James Harmon wollte inspirieren und helfen, aber nicht wie wir es von den typischen Selbsthilfebüchern und Ratgebern kennen, die seiner Meinung nach nur eine giftige Wolke lauwarmer Möchtegern-Weisheiten produzieren. Er wollte intelligent helfen. Also hat er die seiner Meinung nach inspirierendsten, provokantesten und intelligentesten Leute des 20. Jahrhunderts um Empfehlungen für die kommenden Generationen gebeten, darunter solche, die wie Judith Butler, Alain de Botton, Katharine Hepburn, Bette Davis, William S. Burroughs, Willard Van Orman Quine, Bettie Page oder eben Martha Nussbaum das eine oder andere vom Leben verstehen. Dieses Buch ist leider nur auf Englisch verfügbar.



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Kommentare:

  1. Bei Deinen Posts und meinen Posts könnte man anfangen, an Synchronizität zu glauben. ;-)

    Was in diesem Post nicht steht, bzw. was durch Deinen Ausschnitt aus Martha Nussbaums Werk nicht abgebildet ist: Das Pflegen der inneren Welt braucht vor allem Zeit. Vielleicht sogar Muße. Dieses Pflegen ist nur bedingt optimierbar, was seine Effizienz angeht. Es ist für mich ein klassischer Fall von etwas erreichen, indem man es loslässt. Wer das nun widersprüchlich findet, der ist meiner Meinung nach schon nah am Problem: Es ist nicht unsere Kultur, etwas zu bekommen, indem man "nichts" dafür tut, oder zumindest nichts, was direkt 1:1 in einer logischen Kette steht. Wer sagt: "Ich brauche mal Zeit für mich, ich muss mal kucken wie es mir damit überhaupt geht", der wird sicherlich von seinem Therapeuten verstanden. Von den meisten anderen aber nicht. Gefühlsduselei ist das doch. Und Gefühle haben ja vor allem am Arbeitsplatz nichts zu suchen. Da tun wir doch lieber so, als hätten wir keine. Bis sie uns in den Rücken fallen, denn Menschsein ohne Gefühle zu haben ist unmöglich.

    Die Zeit, sein Inneres zu pflegen, muss für viele leider erstritten werden. Dabei sollte sie eine Selbstverständlichkeit sein.

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    1. Hey, echt... denken wir schon wieder "alike"? Muße und viel Zeit sind wichtige Zutaten. Danke für die Ergänzung. Hast du was dazu geschrieben? Poste doch mal den Link hier, dazu ist doch der Hypertext da :)

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    2. Nun, in diesem Fall ist mein Post dazu nur einen Satz lang: http://zwei.drni.de/archives/1483-Zweierlei.html

      Du zitierst Martha Nussbaum: "Also laufen wir vor unseren inneren Gefühlswelten davon und verlieren die Fähigkeit, ihr Ausdruck zu geben."

      Ich poste zwei Tage vorher: "Wenn ich schneller lebe, als ich fühlen kann, bleibt immer ein wesentlicher Teil von mir zurück und ich laufe am Ende Gefahr, mich zu verlieren."

      Find ich jetzt mal recht verwandt von der Idee her. :-) (Andere können das natürlich anders sehen. Nunja, Denker-Smalltalk.)

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    3. Das ist auf jeden Fall mindestens verschwistert und verschwägert... Ich hatte Nussbaum so verstanden, dass es eher ein "absichtliches" oder zumindest psychisch getriebenes und instrumentalisiertes, wenn auch nicht immer ganz bewusstes Davonlaufen ist. Deinen Satz interpretiere ich eher so, dass die Gefahr eher als Kollateralschaden entsteht, aber nicht im Fokus des durchs schnelle Leben stattfindenden Davonlaufens ist.

      Bei dir reicht es zu sagen: Halt mal inne, atme mal durch. Bei Nussbaum ist es: Jetzt konfrontiere dich gefälligst mal mit deinem Innenleben. Oder?

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    4. Ja, ich denke so kann man das sehen. Aber es reicht nicht zu sagen: "Halt mal inne". Wenn das Rennen von außen gefordert wird, müssen Freiräume erkämpft werden. Manchmal fordert man auch das Rennen von sich selbst, weil man unbedingt etwas bestimmtes erreichen möchte.

      Ob es nur ein Kollateralschaden ist, da bin ich mir nicht so sicher. Vielleicht ist es sogar ein richtig böser Schaden auf Dauer – denn die eigenen Gefühle sind fester Bestandteil unseres Menschseins. Und irgendwann überfallen sie einen von hinten, wenn man ihnen keine Aufmerksamkeit schenkt. Nur haben sie meinem Empfinden nach keinen sehr hohen Stellenwert in unserer Kultur. Rational sein, das ist was zählt.

      Das fällt doch auch in ein anderes Thema, dass Du hier schon mehrfach gebracht hast: Der "Verlust" von Religion. Pfarrer nennt man auch "Seelsorger". Vielleicht war die Kirche für so manchen doch auch ein äußerer Ort für das eigene Innenleben. (Also nicht gerade für die, die halt hin gingen, weil man eben hin ging, damit man im Dorf nicht schief angeschaut wurde.) Konsum in Wellness-Tempeln ersetzt das dann doch irgendwie nicht. Deswegen sind die Menschen auf der Suche - so mancher landet dabei auch nicht bei sich selbst, sondern nur bei einer billigen Esoterik.

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  2. Dieser Bericht zeigt mir das es durchaus Menschen gibt die mein Handeln verstehen,
    dieses sich zurück ziehen: Nur ich * um über das Erlebte, das Gesagte, das Erfahrene,
    gesehen, gehörte nach zu denken, ist ein vollkommen Normales Erleben von mir !

    Wenn man aber diesen Bedürfnis folgt, sich auch gegen gut gemeinte Verabredungen
    nicht davon aus dem Konzept bringen lässt und einfach weiß das ein zuviel für einen selber
    nur schwer zu verkraften ist....wird man leider nicht als sensible sondern als schwierig
    eingestuft ! Unsere Gesellschaft fordert viel von Menschen und wenn jemand hochsensible ist
    wird erwartet sich anzupassen zu erscheinen, wenn nicht eine Krankheit das verhindert !
    Zu sagen das man lieber über einen gesehen Film ein Musikstück das ein so bereichert hat
    oder der Aufenthalt am Meer welches so berauschend schön gewesen ist, das ein Treffen in einer
    großen Menschenmenge vielleicht sogar erwünscht wäre um einen tollen Vortrag zu hören
    aber es meinen Genuss schmälert, wenn X- Menschen mit all ihren Einwänden und Vorschlägen
    meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen !
    Ich bewundere Menschen die da einen Mittelweg finden, nicht zu viel und nicht zu wenige !
    aber im Arbeitsleben einfach unmöglich umzusetzen ! Obwohl ich mich hier tagtäglich mit
    dem beschäftigen muss, was andere gar nicht sehen möchten : Krankheit, Alter, Verlust, Verfall
    um dann doch wieder wie Kinder abhängig von anderen zu werden, egal was dieser Mensch
    sich zuvor aufgebaut oder was auch immer er erreicht hat !
    Somit lebe bewusst und nutze die Zeit dazu alles zu tuen, was Dich mit Freude erfüllt *

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    1. Hallo Andrea,

      Gut, dass es Menschen wie dich gibt, die sich um Kranke und Alte kümmern. Wichtig ist auch, dass du dich um dich selbst kümmerst, wie du es beschreibst. Dabei ist doch ziemlich egal, was andere für richtig halten. Vielleicht helfen dir auch diese Tipps: http://www.geistundgegenwart.de/2011/06/strategien-fur-introvertierte-menschen.html

      Viele Grüße!

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