20. Dezember 2015

Du sollst alles für mich sein!

Von Umgang mit überzogenen Erwartungshaltungen in der Liebe 

Liebe ist unmöglich und ohne geht es auch nicht. Denken wir mal an unseren letzten Streit in der Partnerschaft zurück. Ziemlich wahrscheinlich gab es einen Moment, wo wir uns erstens unzureichend gefühlt haben, zweitens den anderen als irgendwie völlig daneben und drittens als absolut unfair erlebt haben. Als Beispiel: Ich ging mit Freunden zu einem Konzert, es war laut, es war fröhlich und auch ein bisschen feucht. Ich trank vier Bier und war etwas angeheitert. Als ich zu Hause ankomme, geht es meiner Frau nicht besonders gut. Magenschmerzen, etwas Übelkeit, aber nach eigener Aussage nichts dramatisches. Am nächsten Morgen merke ich schon, die Stimmung ist mies und es entsteht ein Streit, in dessen Verlauf sich eine Hauptaussage herauskristallisiert: Du bist nicht für mich da, wenn ich dich brauche.

Dagegen lässt sich schwer etwas sagen, wenn ich ja tatsächlich nicht da war, als es ihr nicht gut ging. Und dann war ich auch noch angetrunken, als ich endlich da war und konnte vielleicht nicht so verständnisvoll reagieren, wie normalerweise. Trotzdem fühlte ich mich unfair kritisiert. Was aber stimmte mit dieser Kritik an mir nicht?


Die bessere Hälfte

Es ist ganz normal, dass wir mit einer Menge Erwartungshaltungen an unsere geliebten Partner herantreten. Und das nicht nur, weil wir mit diesem romantischen Konzept der Liebe aufwachsen, das uns vorgaukelt, wahre Liebe bestünde darin, vom anderen immer verstanden und bedingungslos zurückgeliebt zu werden. Diese romantische Vorstellung meint, in der Liebe würden wir uns gegenseitig komplett ergänzen, ja unsere "bessere Hälfte" finden. Das ist natürlich alles sehr überzogen, denn wir wissen ja mittlerweile, dass eine wahre Liebesbeziehung schon dann ein Erfolg ist, wenn man sich nicht jeden Tag gegenseitig vollmault, wenn man ab und zu mal einen "romantischen Tag" hat und wenn man drei Mal im Monat zusammen im Bett tatsächlich Spaß hat. Das ist die Realität. Sie ist viel mehr vom gegenseitigen Missverständnis, vom Ganz-Anders-Sein und jeweils verschiedenen Bedürfnissen geprägt, als etwa von einer dauernden Romantik, kompletter gegenseitiger Ergänzung und daraus resultierender Harmonie.

Ein noch schwierigeres Thema als die romantische Erwartungshaltung ist unser psychisches Gepäck, das wir seit unserer frühesten Kindheit ansammeln und immer mit uns rumschleppen. Wahre Meister der Weisheit schaffen es vielleicht, dieses Gepäck hier und da über Bord zu werfen und den Umfang minimalistisch klein zu halten. Das benötigt eine anstrengende und nie nachlassende Übung in Selbstreflexion. Denn enttäuscht werden wir nur dann, wenn wir uns zuvor täuschen.

Wir alle suchen etwas in unseren romantischen Beziehungen. Was aber suchen wir? Denken wir zurück an unsere erste feste und tiefe Beziehung, die fast alle von uns haben: Die zu unserer Mutter und unserem Vater. Die meisten hatten Glück und wurden von ihren Eltern einfach geliebt. Unsere Eltern haben uns versorgt, beschützt, in der Krankheit umhätschelt und gepflegt, sie haben jedes Bäuerchen bemerkt und waren immer für uns da, wenn wir sie brauchten. Niemand von uns wird die tiefe Sehnsucht an diesem beinahe paradiesischen Zustand wieder los. Ganz ohne dass es uns bewusst wird, gehen wir als vermeintliche Erwachsene auf die Suche nach der Wiederherstellung dieses kindischen Paradieses. Wir sind verlorene Kinder, die mit einer naiven Vorstellung von Liebe und völlig überzogenen Erwartungshaltungen in Beziehungen mit Menschen stolpern, die so extrem anders als wir selbst und vor allem anders als unsere Eltern sind, dass sie unsere Erwartungen niemals werden erfüllen können. Schlimmer noch: Diese anderen kommen genauso mit ihren eigenen überzogenen Erwartungshaltungen auf uns zu und auch wir können diese nie erfüllen.

Natürlich gibt es noch viele andere als diese romantischen und naiv-kindlichen Erwartungshaltungen. Das können materielle sein oder sexuelle oder ideelle Erwartungen, die wir über die späteren Jahre in uns selbst aufgebaut haben. Und noch einmal: Das alles ist völlig normal. Aber nur weil es normal ist, ist es noch lange nicht gut!

Unverstandene Erwartungen

Ich denke, dass wichtigste ist, dass wir unsere Erwartungshaltungen dann hinterfragen, wenn wir merken, dass sie immer wieder enttäuscht werden. Einfach nur sagen: "Du bist nicht da, wenn ich dich brauche", ist nicht genug. Überlegen wir doch mal, welche Erwartungen konkret dahinter stehen könnten? Zum Beispiel, dass der andere

  • immer auf Abruf auch wirklich da ist, wenn es mir nicht gut geht?
  • immer genau weiß, wie er oder sie helfen kann und was die richtigen Worte und Handlungen sind?
  • selbst gerade in diesem Moment nicht auch Probleme hat, die ihn oder sie hindern uns zu helfen?
  • "Gedanken lesen" kann und mir meine Sorgen und Wünsche von den Lippen abliest, bevor ich sie noch ausspreche?
  • dass der andere unsere Eltern ersetzt und sich aufopfernd um uns sorgt?
  • dass der andere immer "fahrbereit" ist, um mich im Notfall zum Arzt zu fahren?

Lassen wir es mal bei diesen möglichen Erwartungshaltungen, die hinter dem Satz "Du bist nicht da, wenn ich dich brauche" stehen könnten. Ich denke, jeder erkennt sich darin selbst oder geliebte Personen wieder. Auf den ersten Blick mag das gar nicht so verrückt klingen. Zusammengefasst heißt "immer für den anderen da sein" aber, dass man nur für die Eventualität lebt, dass es dem anderen nicht gut geht. Das kann man unmöglich erfüllen und es ist auch gar nicht nötig.

Das sich direkt anschließende Problem ist, dass wir uns die Erwartungshaltungen gegenseitig gar nicht klar machen. Ich weiß gar nicht genau, welche Erwartungshaltungen meine Frau mir gegenüber hat und sie kennt viele meiner Erwartungen gar nicht. Und das ist auch nicht verwunderlich, sind uns doch unsere eigenen Erwartungshaltungen oft gar nicht einmal bewusst. Im Ergebnis werden wir vom anderen also oft mit Erwartungen überrascht, von deren Existenz wir nichts wussten, die wir so auf Anhieb in ihrer Gänze gar nicht verstehen und die zudem auch der Erwartende selbst oft gar nicht durchdacht und verstanden hat.

Dreischritt der Erwartungen 

Wir haben also drei mögliche Probleme mit Erwartungshaltungen in der Liebe: Beide sind sich über die bestehenden Erwartungen gar nicht im Klaren, sie sind oft überzogen und sie werden gar nicht klar als legitime Erwartungen zwischen den Partnern kommuniziert. Ich habe daraus für mich einen Umgang mit meinen eigenen Erwartungen in drei Schritten entwickelt:

  1. Wenn ich merke, meine Erwartungen werden enttäuscht, überlege ich erst mal, was diese Erwartung eigentlich ist. Ich gehe ihr auf den Grund und überlege, wo sie herkommt und wie essentiell sie für mich ist.
  2. Ich versuche zu bewerten, ob es eine faire Erwartungshaltung ist, die meine Partnerin auch tatsächlich erfüllen kann oder ob es eine überzogene Erwartungshaltung ist, die ich entweder von anderen erfüllt bekommen oder die realistischerweise nie erfüllt werden kann.
  3. Sollte ich zu dem Schluss kommen, dass es eine faire und realistische Erwartungshaltung ist, dann spreche ich meine Erwartungen ganz klar und deutlich mit meiner Partnerin an, damit sie diese Erwartungen auch kennt, denn ansonsten kann sie sie gar nicht erfüllen.

Natürlich ist mir immer bewusst, dass selbst wenn ich durch diesen Dreischritt der Erwartungen gegangen bin, meine Partnerin deswegen noch lange nicht die Pflicht hat, meine Erwartungen auch zu erfüllen, egal für wie fair ich sie selbst halte. Denn das ist die wirkliche Weisheit, zu der wir gelangen können: Nichts steht uns wirklich zu, niemand hat einfach so eine Pflicht uns gegenüber. Alles, was wir in der Liebe erhoffen können, ist das der andere einige unserer Erwartungen erfüllt, weil er oder sie es eben will, weil es in ihrer Natur liegt und weil wir selbst dem anderen mit Leib und Seele zur Verfügung stehen. Und zwar, nicht weil wir müssen oder weil es vernünftig ist, sondern weil wir selbst es so wollen.



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Kommentare:

  1. Ein wunderbarer Artikel - und so schön konkret und detailliert!

    Einer der meistgelesenen Artikel in meinem Blog handelt ebenfalls von diesen überzogenen Erwartungen - ich hoffe, es ist ok, ihn hier ergänzend zu verlinken:

    Vertrauen und Beziehung

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    1. Danke, Claudia! Und wirklich gut ist auch dein hier verlinkter Artikel dazu! Ich sehe viele Parallelen, zum einen im explizit Machen, also im zur Sprache bringen und in deiner Ablehnung gegenüber dem stillen sich Verbiegen mit der Folge des Differenzverlustes. Dieser Verlust kommt dann irgend wann sowieso wie ein Bumerang und zerstört spätestens dann die romantische Illusion von der Einheit. Liebe Grüße!

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