12. März 2016

Selbstversuch: Ausstieg aus dem Rausch

Gregor F. über Cannabis, den Reiz des Ritus und das Aufhören

Geist und Gegenwart erhält viele Zuschriften mit der Bitte, einen Gastartikel zu veröffentlichen. Besonders kleine Firmen, Berater und Trainer haben die Blogger fürs Marketing entdeckt. Das wäre ja auch gar nicht schlimm, wenn die Texte nicht oft so platt auf das Geschäft abzielen würden oder einfach abgeschriebene Ratgebertexte wären. Zuletzt aber erreichte mich eine Zuschrift von Gregor F. (Name geändert), mit dem ich schon öfter über Geist und Gegenwart zu verschiedenen Themen im Kontakt war. Getroffen haben wir uns noch nie, weshalb ich überrascht war, als er mir sagte, dass er über Jahre hinweg heftig Cannabis konsumiert habe und nun entschlossen sei, das zu ändern. Würde ich dazu seine Gedanken veröffentlichen wollen? Na klar! Das ist doch mal ein Thema. Der Text ist ziemlich lang geworden und ich habe ihn schon gekürzt. Aber alles weitere Kürzen hätte etwas von Gregors Erfahrungen unterschlagen. Wer Tipps zum Aufhören sucht, kann gleich zum letzten gleichnamigen Abschnitt runterscrollen...

Die Lungen mit Rauch füllen, ist wie eine Aneignung von Welt (Bild: gemeinfrei)

Meine Liebe zum Joint

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich bin kein Junkie und war es nie. Ich habe einen festen Medien-Job für den ich nicht gerade brenne. Aber ich bin ziemlich gefestigt dabei, ich habe eine geliebte Lebenspartnerin, Freunde, fahre viel Fahrrad und stelle meine Fotos erfolgreich in kleinen Galerien aus. Ich bin sogar Nichtraucher (wenn man das so sagen kann), aber ich liebe Cannabis, kiffe schon jahrelang regelmäßig jeden Abend, ohne dass es mich irgendwie im Alltag behindert oder meine Gesundheit darunter leiden würde. Das Inhalieren von Rauch hatte immer etwas Magisches für mich, so als wenn ich mir die Welt nicht nur durch hören, sehen und essen, sondern auch auf diesem Weg aneignen könnte. Jetzt habe ich beschlossen, aufzuhören. Für immer? Nein, dazu liebe ich es zu sehr. Aber für mindestens ein halbes Jahr.

Was genau liebe ich am Kiffen? Das ist so schwer zu sagen! Klar gibt es diese beinahe psychodelischen Erfahrungen zum Beispiel beim Hören von Musik, beim Essen oder beim Sex. Cannabis scheint all Empfindungen und die Berührungen noch viel intensiver zu machen und sogar zu visuellen Täuschungen führen, die besonders beim Musikgenuss wunderschön sein können.

Die wirkliche Macht von Cannabis liegt aber im Ritus. Für mich gibt es einfach nichts schöneres, als nach einem vollen Tag, egal bei welchem Wetter, auf dem Balkon zu sitzen und der Stadt zu lauschen und dabei einen zu rauchen. Bei schlechtem Wetter ist es fast noch schöner, dann bin ich so allein. Dieser Moment, wo man in die Stille raustritt, die frische Abendluft einatmet, die entfernten Geräusche der Stadt hört und dann zündet man die Tüte an, zieht daran und es knistert. Ziemlich schnell kommt es im Kopf an und man taucht in sich selbst hinab. Was gibt es schöneres?

Es ist verrückt. Wenn ich jetzt als bemühter Ex-Kiffer am Abend auf meinen Balkon schaue, dann stelle ich fest, dass ich über die Zeit eine Liebesbeziehung zu diesem Platz, wo ich immer saß, aufgebaut habe. Ich sitze jetzt nicht mehr dort. Wozu auch? Ist viel zu kalt. Aber ich schaue auf diesen kalten kleinen Ort und vermisse ihn. Es fühlt sich ein bisschen wie Liebeskummer an, so wie damals, als mich eine Freundin verlassen hatte. Es war schön, dort zu sitzen und auf die gegenüber liegenden Fenster zu schauen oder durch die Fotogalerien bei Tumblr zu scrollen und ab und zu am Joint zu ziehen und dem Rauch hinterher zu blicken und zu sehen, wie er auf seinem Weg den Schein der Straßenlampen greifbar machte. Es gibt Momente am Tag, an denen ich an nichts weiter denke, z.B. beim Zähne putzen, und in solchen Momenten sehe ich mich auf dem Balkon sitzen und kiffen. Wie ich das vermisse!

Apropos Zähne putzen. Als Nichtraucher war ich nach dem Rauchen immer bestrebt, den ekligen Geschmack aus dem Mund zu bekommen, also ging ich oft nach dem Rauchen sofort ins Badezimmer, um meine Zähne zu putzen und das Gesicht zu waschen. Diese kleinen und sonst so selbstverständlichen Handgriffe waren unmittelbar nach dem Kiffen immer eine riesengroße Anstrengung. Ich konnte das nie leiden. Bekanntermaßen ist auch das Zeitempfinden unter dem Einfluss der Droge ein anderes. Und ich hatte immer das Gefühl, dass es unerträglich lange dauerte, mir die Zähne zu putzen.

Das Programm meiner elektrischen Zahnbürste, dauert zwei Minuten und ist in vier 30-Sekunden-Intervalle unterteilt. Das ist eigentlich ein sehr kurzer Zeitraum, wie ich jetzt finde, wenn ich mir nüchtern die Zähne putze. Unter dem Einfluss der Droge kamen mir diese zwei Minuten immer unerträglich lange vor. Überhaupt waren mir jegliche notwendige Tätigkeiten wie Hygiene oder Essen zubereiten eine große Herausforderung, wenn ich geraucht hatte. Das erklärt mir dann auch, was bei vielen Kiffern zum eigentlichen Problem wird: Die Ernährung, die Gesundheit und andere "lebenserhaltende Maßnahmen", die im Alltag einiges an Aufwand erfordern, der einem Kiffer einfach sehr viel abverlangt. Vielleicht kennt ihr die super lustige Anti-Drogen-Kampagne aus Australien mit dem Faultier als Kiffer. Schaut euch das Video unten an... Die Kampagne ist grandios gescheitert und trägt höchstens zum Kifferkult bei, aber irgendwie hat der Vergleich von Kiffer und Faultier etwas: Ich habe mich wirklich immer so überfordert gefühlt.


 Stoner Sloth: Wie es sich anfühlt, ein Faultier zu sein

Und das ist ja auch genau der Reiz an der Sache, diese Lähmung, die über uns kommt, nachdem wir den ganzen Tag nach der Taktuhr des Kapitalismus funktionieren mussten. Im Rausch kommt man absolut runter von dieser Hektik. Auch das fehlt mir sehr. Auf der anderen Seite fällt mir jetzt auf, wie viel ich am Abend schaffe, wenn ich nicht kiffe. Ich schaue nicht mehr nur Blödsinn im Fernsehen, sondern kann wieder etwas lesen (fett völlig unmöglich), Fotos und E-Mails bearbeiten, öfter zum Sport gehen oder etwas für den nächsten Tag vorbereiten. Dieses Mehr an Lebensenergie ist eines der Dinge, die mir gefallen, seitdem ich aufgehört habe. Alles hat seine Vor- und Nachteile, klar. Und am besten wäre, wenn man es gesund ausbalancieren könnte, aber das ist schwer.

Durch das Rituelle macht Kiffen umso mehr Spaß, je regelmäßiger man es macht. Trinken ist für mich zum Beispiel völlig anders. Ich trinke gern mal einen über den Durst, aber höchstens alle paar Wochen mal, denn es ist einfach nicht so geil, wenn einem kotzübel ist und man die Kopfschmerzen nicht los wird. Kiffen ist alltagstauglicher für mich und es wird mit jedem Tag schöner. Nur manchmal rauchen, ist vielleicht noch schwerer, als gar nicht rauchen. Übrigens, als Tipp für Kiffer, die trotz täglichem Genuss etwas schaffen wollen: Man kann sich Uhrzeiten setzen, z.B. dass man bis 22 Uhr alles das macht, was man gerne erledigen will und sei es nur ein Buch lesen oder E-Mails beantworten. Das war eine Taktik von mir, aber sie hatte einen Nachteil. Dadurch rauchte ich später am Abend, ging also ziemlich fett ins Bett, was mir das Aufstehen und Durchhalten am nächsten Tag erschwerte. Ich habe gern am frühen Abend geraucht, sodass ich nicht mehr so fett war, wenn ich ins Bett ging.

Jetzt, nach einigen Wochen Abstinenz fällt mir noch etwas auf. Ich bin auf Arbeit wirklich schneller im Kopf und weniger launisch. Am frühen Abend kiffen ist ein geniales Schlafmittel für mich. Ganz selten hilft es mal nicht beim einschlafen. Ganz anders als Alkohol: Ich hasse es, mit Alkohol ins Bett zu gehen. Ich schlafe nicht gut und fühle mich am nächsten Morgen schlecht. Mit Cannabis jedoch schlafe ich wie ein Stein und, vorausgesetzt ich kann wirklich ausschlafen, fühle mich am nächsten Tag hervorragend. Eigentlich ist das erstaunlich, wenn man bedenkt, wie ausgeknockt man schon durch einen Joint ist, während ein paar Bierchen sich nicht so krass anfühlen. Am nächsten Tag jedoch ist es mit dem Rauchen, als wäre nichts gewesen, während die "paar Bierchen" dermaßen auf den Organismus schlagen.

Aber wie gesagt, ich muss dazu ausschlafen können und darf auch nicht völlig stoned ins Bett gehen. Ohne genügend Schlaf macht mich das Cannabis im Kopf ziemlich unbrauchbar. Ich will dann gar nicht unter Menschen, kriege den Mund nicht auf, kann den anderen kaum folgen und werde richtig schlecht gelaunt. Seit ich aufgehört habe, haben mich schon einige Leute angesprochen, dass ich ja wohl richtig gut drauf bin. Ja, das ist schon geil im Moment, dass ich mich so fit und voller Energie fühle. Wenn mich nur am Abend der Drang nach dem Runterkommen durch einen Joint nicht so sehr überfallen würde.

Mir fällt aber ansonsten nicht auf, dass es mir gesundheitlich besser gehen würde. Ich weiß nicht, ob das tägliche Kiffen (wohlgemerkt im Schnitt nur ein Joint pro Tag) irgendwelche Langzeitschäden verursacht, so wie Rauchen überhaupt. Aber akute Probleme hat es nicht verursacht. Wenn überhaupt habe ich nun das Gefühl, etwas anfälliger für Erkältungen zu sein, als damals. Cannabis soll ja einige Wechselwirkungen auch mit dem Immunsystem haben.

Alles in allem kann ich jedem empfehlen, mal eine Pause einzulegen. Es ist in vielerlei Hinsicht eine Erfahrung. Außerdem gibt es mir eine Stärke zurück, denn ich weiß jetzt, dass es auch ohne geht. Manchmal hatte ich das schon bezweifelt. Es fiel mir schwer, irgendwo in den Urlaub zu fahren und keine Drogen mitzunehmen. Ich bekam Angst, dass ich nicht wusste, was ich ohne Cannabis machen sollte. Das ist aber Quatsch. Wie nun genau schafft man den Ausstieg?

Tipps zum Aufhören

  • Vorläufigkeit: Da ich das Kiffen insgesamt schon toll finde, hat es mir geholfen, der Pause einen Zeitrahmen (z.B. ein halbes Jahr) zu geben. So fühlt es sich nicht so endgültig an und ich muss keinen Abschied für immer nehmen.
  • Guter Grund: Es hilft, einen guten Grund zu haben. Bei mir war es eine auf sechs Monate angelegte Therapie, durch die meine Lebenspartnerin durch muss. Ich finde, es ist gut, wenn ich ihr in jeder Lebenslage beistehen kann, anstatt irgendwie ausgenockt auf dem Sofa zu liegen.
  • Verfügbarkeit: Ich hatte mir immer wieder vorgenommen, nicht zu kiffen, aber das Zeug war nun mal einfach in Reichweite und jeder kleine Einbruch meiner Motivation ließ mich einfach zugreifen. Motivation unterliegt Schwankungen, wir sind nicht immer stark. Das müssen wir einkalkulieren und den Zugang zur Droge komplett abriegeln.
  • Langeweile vermeiden: Jeder Moment, den ich intensiv lebe, bei dem ich beschäftigt oder kreativ bin, ist ein Schritt weg vom Rausch. Langeweile und Fernsehen lassen mich das Kiffen vermissen.
  • Sport: Das meditative Erlebnis beim Sport, die danach folgende körperliche Erschöpfung und das resultierende gute Körpergefühl hat mir sehr geholfen. Denn ich fühle mich einfach so gut, wie schon lange nicht mehr.
  • Umfeld: Das schwerste mag für einige sein, dass alle im Freundeskreis kiffen oder dass das Kiffen die Gruppe zusammen hielt. Das war bei mir zum Glück immer anders. Einige kifften, andere nicht und selbst wenn, war es nicht das, was uns definierte.

Ich bin jetzt einige Wochen drin in meiner Abstinenz und meine Partnerin kommt gut mit ihrer Therapie zurande. Es gibt mir Kraft zu wissen, dass ich es lassen kann, wenn ich will. Ich fühle aber auch so etwas wie Vorfreude auf das Wiedersehen eines alten Freundes, mit dem ich in der Vergangenheit einige der schönsten Momente meines Lebens teilen konnte. Freund, wir sehen uns wieder, irgendwann!



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Kommentare:

  1. Danke. Ehrliche, glasklare Berichte über den Konsum (wie dieser hier) sind rar.

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  2. Ein Leben ohne Drogen ist möglich, aber sinnlos! Meine Meinung.

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  3. Abends kiffe ich auch regelmäßig - allerdings bevorzuge ich aus Gesundheitsgründen den Konsum in verdampfter Form (mittels Vaporizer). Mir ist es auch wichtig immer mal wieder längere Pausen einzulegen und in diesen auch NICHT vermehrt auf andere Drogen, wie Alkohol, zurückzugreifen, sondern ohne täglichen Rausch zu leben. (Nur auf Kaffee könnt ich nie verzichten...)

    Allerdings lassen sich solche Dinge nicht verallgemeinern - es gibt auch Menschen, die einfach ein besseres Leben leben, wenn sie täglich kiffen. Das Problem ist, dass man da kaum ehrlich zu sich selber sein kann und sich die Wahrheit so hinbiegt, wie es gerade passt.

    Diese längeren Pausen stellen für mich eine gute Gelegenheit dar, den Konsum zu reflektieren und auch wieder mehr zu wertschätzen. Diese Selbstverständlichkeit und Gewohnheit des täglichen Konsums führt bei mir leider dazu, diesen nicht mehr zu hinterfragen - bzw. nicht zu konsumieren, weil ich Lust darauf habe, sondern, weil es eben Abend ist, ich alles erledigt habe und es Zeit für den schönen Rausch ist. Wenn ich dann in Konsumpausen diesen täglichen Rausch reflektiere, komm ich zum Schluss, dass es eigentlich überhaupt nicht wichtig ist, jeden Tag stonted ins Bett zu gehen (trotz der guten Schlafhilfe)- Mein Problem ist, dass ich aber nach solchen Pausen sofort in das alte Konsummuster verfalle.

    ...

    Das Kiffen immer faul macht ist, würde ich nicht unterschreiben. Beim Studium habe ich sehr erfolgreich berauscht gelernt. Auch high kochen kann sehr viel Spaß machen.

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    1. Ich habe auch darüber nachgedacht, was das soll mit dem täglichen Rausch. Zeremonien und Feste von Indianern, Urvölkern oder so gab es ja auch nicht jeden Tag, sondern zu bestimmten Anlässen. Jeden Abend "breit" sein, kann sich eigentlich niemand leisten.

      Du hast Recht, dass man nichts verallgemeinern kann. Bei dem einen wirkt es so, beim anderen so. Und manche haben ein gutes Leben damit und andere nicht.

      Das mit dem Konsummuster geht mir auch so. Wenn ich es da habe, dann sind Pausen schwer. Aber versuch es ruhig mal, selbst mitten drin einfach einen Abend nicht zu rauchen. Das geht. Ich habe es immer dann geschafft, wenn ich wusste, dass ich am nächsten Morgen besonders fit sein musste.

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  4. Mich irritiert der Artikel sehr! Bin schon länger auf der Seite und finde einige Artikel sehr schön und lese immer wieder gern in Anständen!

    Die zugegebene Sucht zum Kiffen. Schade!!! Ich dachte, da wäre mehr dahinter. Schade auch, dass noch zu verherrlichen! Und genau das, macht es so schlimm und für mich so unerträglich. Damit zu prahlen.

    Drogen, Alkohol, jede Art von Sucht ist doch lebensbehindernd... Das Gefühl von Ruhe müsste jeder aus sich selbst heraus entwickeln. Dann ist es echt!!! Dann ist es real!!!

    Mal über Süchte nachgedacht?

    Herzliche Grüße von Susann

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    1. Vielen Dank für den Kommentar, Susann.

      Im Artikel wird ganz explizit Hilfe zum Aufhören gegeben und der Artikel heißt auch "Ausstieg aus dem Rausch". Ich verstehe die Kritik (prahlen, verherrlichen) überhaupt nicht.

      Aus meiner Perspektive bringt es gar nichts, den Konsum zu verteufeln und die Gründe zu verschweigen, warum Leute es schwer finden, mit dem Rauchen aufzuhören.

      Der Ansatz hier ist, den Konsum ernst zu nehmen, dem Verlangen mit Verständnis zu begegnen und denen Hilfe zu bieten, die es für sich ändern wollen. Dazu gehört eben auch zu versuchen, den Reiz des ganzen zu erklären, den Leute offenbar darin entdecken.

      Beste Grüße!

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