9. Dezember 2011

Was macht Alkohol im Gehirn?

Jack London sagte, Alkohol ist ein Freund und ein Feind, ein König der Lügner und der Ehrlichkeit. Ein schamloser Mörder, Gott und Teufel. Er zeigt den Weg zur Wahrheit und ins Grab.
Gefunden auf MARY MILEY'S ROARING TWENTIES

Was sind die Gesichter des Königs Alkohol und wieso sind sie so vielgestaltig? Ich will die Wirkung dieser unterschätzten und weithin akzeptierten Droge von der hirnphysiologischen Perspektive aus betrachten. Mich interessiert einfach, was da genau passiert, wenn ich mir ein paar Bier reinziehe. Und bei der Recherche dieses Artikels musste ich feststellen, dass ich es am liebsten noch genauer wüsste, als man es bis jetzt sagen kann. Wie ein Kind könnte man auf jede Erklärung wieder fragen: "Und dann?" Die Vorgänge auf dem neuronalen Level sind so komplex, dass sie immer noch nicht völlig erklärt werden konnten. Einige interessante Fakten ließen sich jedoch in Erfahrung bringen...

Hemmen und enthemmen
Anders als zum Beispiel Canabinole wirken Alkohole selbst nicht wie Neurotransmitter, sondern hemmen lediglich die Transmitter. Neurotransmitter sind entweder erregend wie beispielsweise Glutamat oder hemmend wie zum Beispiel Gamma-Aminobuttersäure. Alkohol verändert den Cocktail dieser Neurotransmitter und wirkt dabei dem erregenden Glutamat entgegen und fördert die Wirkung der hemmenden Gamma-Aminobuttersäure. Doppelt hält besser, könnte man sagen: Die Signalübertragung wird gleich zweifach gehemmt. Am Salk Institute hat man erst kürzlich herausgefunden, wie das genau passiert (siehe Site for alcohol's action in the brain discovered). Vereinfacht gesagt, öffnet Alkohol die Kalium-Ionen-Kanäle, deren Ausschüttungen die Neurotransmitter bei ihrer Arbeit hemmen, das Aktionspotenzial der Neuronen wird gedämpft. Je nachdem wo im Hirn die Kommunikation der Synapsen gehemmt wird, können wir die typischen Phänomene des Betrunkenseins beobachten.

In my brain every thought was at home. Every thought, in its little cell, crouched ready-dressed at the door, like prisoners at midnight a jail-break. And every thought was a vision, bright-imaged, sharp-cut, unmistakable. My brain was illuminated by the clear, white light of alcohol.

Großhirn
Das, was Jack London hier beschreibt, ist die erste Phase der Alkoholisierung. Es geht mit einem geringen Alkoholpegel in der Großhirnrinde los, wo vor allem die Synapsen in jenen Regionen gehemmt werden, die für eine gesunde Risikoabwägung, gebotene Vorsicht und unser nüchternes Urteilsvermögen zuständig sind. Diese Hemmung der Synapsen äußert sich also paradoxer Weise in einem enthemmten Verhalten, gesteigertem Selbstbewusstsein und höherer Kreativität. Wie wir wissen hat Kreativität viel mit Enthemmung zu tun. Kühne Gedanken gehen einem schnell über die Lippen: ready-dressed at the door, wie bei einem spontanen Ausbruch aus einem Gefängnis. Das dürfte auch eine Menge des Reizes ausmachen, den Alkohol traditionell für Schriftsteller hat. Das eigene Bewusstsein scheint einem anfangs noch erhellt, bis bald ebenfalls in der Großhirnrinde die Signalübertragung von Auge, Ohren, Mund ebenso behindert wird, wie nach und nach alle klaren Denkvorgänge. Da Alkohol jedoch eine Droge ist, die körperlich abhängig macht, weil sie die Biochemie des Gehirns nachhaltig verändert, benötigen Alkoholiker den Pegel, den Jack London hier beschreibt.

Kleinhirn
Als wenn gestiegenes Selbstvertrauen auf der einen Seite gepaart mit dem Verlust des klaren Denkvermögens und der Verarbeitung der Sinneseindrücke nicht schon tragisch genug sind, geht es bei weiter ansteigender Alkoholkonzentration mit dem Kleinhirn weiter, wo Funktionen wie Bewegungskoordination und Balance beeinträchtigt werden.

Zwischenhirn
Wenn man dann nicht mehr richtig denken, sehen oder gehen kann, kommt der Alkohol im Hypothalamus an, wo unsinnigerweise das sexuelle Verlangen angekurbelt wird, obwohl gleichzeitig die körperliche Bereitschaft für Sex herabgesetzt wird. Praktischer Weise steigt auch das Risiko, dem anderen vor die Füße zu kotzen. Hier versiegt dann meistens jegliches Verlangen.

Hirnstamm
Wer auch diesen Ausstieg verpasst hat, knipst schließlich das Licht im Hirnstamm aus, wo Herzschlag, Atmung und andere unwillkürliche Muskelbewegungen koordiniert werden. Man fällt ins Koma, bevor die Atmung flacher wird, die Körpertemperatur fällt und das Herz stehen bleibt.

Langfristige systemische Auswirkungen
Meistens kommt es nicht so weit, weil der Körper diese toxische Menge an Alkohol mit aller Gewalt und gern an einer Laterne auswirft. Jedoch verändert langfristiger Alkoholmissbrauch in einer Weise das Gehirn, wie es zum Beispiel Cannabis nicht vermag. Zum einen schädigt Alkohol über entzündungsähnliche Zustände die Physiologie des Hirns, es kann zu Schrumpfungen kommen und die Regenerationsfähigkeit des Gehirns wird herabgesetzt. Zum anderen verändern sich die Rezeptoren an den Synapsen als Reaktion auf die ständige Hemmung der Transmitter durch den Alkohol. Die Dopamin- und Glutamataufnahme wird dauerhaft verändert und durch die resultierende gestörte Emotionsverarbeitung kann es zu Depressionen und Angstzuständen kommen. Der Schlaf wird massiv gestört, besonders die REM-Phasen werden unterdrückt oder fragmentiert. Es kommt zum Verlust bestimmter kognitiver Fähigkeiten, wie zum Beispiel dem Erinnern von geplanten Tätigkeiten (die Tür zu schließen, jemanden am Bahnhof abholen etc.). Auch die Vitamin-B-Aufnahme wird gestört, was langfristig zu starken körperlichen Schäden führt.

Die Liste mentaler und körperlicher Probleme ließe sich noch länger fortführen, aber ich will es nicht übertreiben und uns den einen oder anderen Exzess madig machen. Die meisten von uns haben sicherlich einen im Schnitt geringen und unregelmäßigen Alkoholkonsum, der nicht in die Abhängigkeit und den körperlich-geistigen Verfall führt.

Kommentare:

  1. Jaja, der Alkohol... die poetischen Eingangsworte drücken die Ambivalenz wirklich treffend aus.
    Nachdem Du mich über die Wirkung auf die Neurotransmitter aufgeklärt hast, überlege ich wirklich ob ich mein samstägliches Fußball-Hefeweizen heute mal aussetze ;-)
    Und um mal etwas abzuschweifen: Ich habe kürzlich ein sehr interessantes Gespräch mit einer Diplom-Pädagogin mit Zusatzausbildung Psychotherapie gehabt, die mir etwas über Genogramme erzählt hat, in denen die Linie der Hochsensiblen oft identisch mit der Linie der Alkoholiker ist... Sehr interessant... Und wenn ich das mal auf meine Familie beziehe, dann sehe auch ich durchaus Zusammenhänge zwischen hoher Sensibilität und Alkoholismus.

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  2. Interessant! Meinst du, dass Hochsensible größere Gefahr laufen, alkoholabhängig zu werden? Problematisch ist natürlich auch, das zu diagnostizieren. ab wann ist man hochsensibel oder alkoholabhängig? Ein samstägliches Weizen pro Woche sollte gerade noch ok sein ;) Prost!

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  3. Jain. Ich teile die Einschätzung vieler Forscher, daß es einen signifikanten Zusammenhang zwischen Alkoholabhängigkeit und Depressionen gibt. Also einen Zusammenhang in der Form, daß ein nicht unerheblicher Teil der Alkoholabhängigen deshalb abhängig ist, weil sie eigentlich Depressionen haben und gegen diesen Zustand mit dem Alkohol angekämpft haben.

    Da Hochsensible und Introvertierte eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit aufweisen, an Depressionen zu erkranken, wären sie demzufolge auch stärker unter den Alkoholabhängigen zu finden.

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  4. Dem kann ich aus eigenem Wissen nur zustimmen. Ich habe mich übrigens bei meinen Recherchen zur Hochsensibilität gefragt, ob nicht ein Zusammenhang oder vielleicht eine Neigung zu Alkoholismus bei Hochsensibilität herrscht, weil ich kann diesen Zusammenhang einfach sah - und schwupps kann ich es hier lesen :)

    Was Depression und Alkohol anbelangt: In der medizinischen Psychopathologie zählt auch die Melancholie zur Gruppe der Depressionsformen. Ich sehe sowohl den Zusammenhang zwischen Melancholie und Hochsensibilität als auch zwischen Depression und Alkoholabhängigkeit...

    Und jetzt wäre es doch spannend, es therapeutisch von dieser Seite aus angehen zu können: Jemanden unterstützen, mit seiner Hochsensibilität klarzukommen und als "Nebeneffekt" zu entwöhnen statt jemanden zu entwöhnen und ihn dann mit der Welt wie weiterhin klarkommen zu lassen (am besten ohne Hilfe...)!

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  5. Hallo zusammen,

    interessante und von mir ungeahnte Zusammenhänge tun sich hier auf!

    Claudia - kannst du was zum Zusammenhang Depression und Melancholie sagen? Ich war immer der Meinung, dass Melancholie nur das alte Wort für Depression war. Aber ich mag mich irren.

    Hier, was ich dazu hab: "By the 1880 census, seven categories of mental illness were distinguished-mania, melancholia, monomania, paresis, dementia, dipsomania, and epilepsy." (XXV in DIAGNOSTIC AND STATISTICAL MANUAL OF MENTAL DISORDERS FOURTH EDITION)

    Adolf Meyer fand 1905, dass Melancholie zu viele ungleiche Zustände beschreibe. Außerdem impliziere der Begriff die kausale Ursache von "schwarzer Galle" am Zustand der Melancholie. Für Meyer, den psychosoziale Zusammenhänge mehr interessierte, waren solche physischen Ursachen reine Spekulation. Die Psychiatrie folgte Meyer in seinem Vorschlag und der Begriff Depression ersetzte den der Melancholie mehr und mehr. (Melancholie und Depression als Begriffe)

    Was meint ihr?

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  6. Irreparabel - ein gestern und heute - feingeistiger Zustand, des sich nicht annähern "wollen oder können" - danach verpackt in "schwarze Galle" oder "Melancholie". Auch heute sind dies Zustände von Spekulationen - siehe "Burnout Symptome" - kein krankenkassenärztliches System lässt diese Art der Depression und deren Heilung ohne Vergleich und Prüfung an dem Geldkreislauf, der zur Genesung des Patienten nötig "würde" - wenn ein allgemein anerkanntes Krankheitsbild vorliegen "würde", teilnehmen.
    WER ENTSCHEIDET NUN - DER GELDKREISLAUF DER KRANKENKASSEN, die der Politik, der Pharmaindustrie und dem Privatpatienten unterlegen sind. Wer entscheidet - ob dies oder das als Krankheit objektiv anerkannt und akzeptabel, dennoch subjektiv verwerflich und nicht dem Allgemeinwohl willkommen ist? Die Wissenschaft hat dem Menschen auch das Aspirin und das Antibiotikum näher gebracht. Die Frage ist doch - WER ARBEITET MIT BESTEM GEWISSEN UND "WISSEN" (über allüberschaubare möglicherweise zu implizierbaren Umgebenheiten -die uns alle betreffen. Wen wählen wir aus, solch wichtige DASEINSZUSTÄNDE zu definieren?

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  7. "Irreparabel - ein gestern und heute - feingeistiger Zustand, des sich nicht annähern "wollen oder können" - danach verpackt in "schwarze Galle" oder "Melancholie"."
    Das trifft exakt zu. Ich habe das Problem, daß ich zu sehr vielen Menschen keinen "Draht" finde, weil ich das Gefühl habe, daß sie mir zu oberflächlich und zu unsensibel sind. Das finde ich durchaus traurig und das macht auch einsam. Das ist aber nichts, was man behandeln kann (auch wenn man das auf meiner psychosomatischen Kur versucht hat: Hausaufgabe: Lernen sie oberflächliche Gespräche zu führen).
    Ich finde zwar selten aber doch immer wieder Menschen mit denen ich sofort auf einer Wellenlänge bin, teilweise so weitgehend, daß ich sie als "seelenverwandt" bezeichnen würde. Das beruht immer auf Gegenseitigkeit. Und immer sind diese Menschen auch hochsensibel und meistens hochbegabt.

    Und damit bleibt die Frage: Muss man das jetzt behandeln ? Kann man das überhaupt behandeln ?

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  8. Es stimmt, dass Depression den Begriff Melancholie zum Teil ersetzt, aber interessanterweise taucht die Melancholie als Form der Depression noch im DSM-IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) auf, wobei es gerade überarbeitet wird und, ich glaube, nächstes Jahr neu rauskommt. Möglicherweise gibt es dann die Melancholie auch nicht mehr, ebenso wie dann lt. Katalog es keine Persönlichkeitsstörungen mehr geben wird... (wir sprachen schon mal davon im Blog)

    Nichtsdestotrotz wird der Begriff noch als Synonym für eine endogene Depression verwendet, d.h. eine "von innen heraus" entwickelte Depression, als Unterscheidung zur "neurotischen Depression". Auch der Begriff "endogen" ist eigentlich mittlerweile überholt, denn man geht ja heute davon aus, dass sowohl biologische als auch psychische Komponenten zusammenspielen, eine Depression zu entwickeln. Trotzdem wird bislang die Terminierung beibehalten, eine neurotische Depression als Folge verdrängter Konflikte mit einem die Depression auslösenden Ereignis zu betrachten und die Melancholie als etwas dem Menschen Innewohnenden, was bei entsprechender Schwere vom Psychiater/Neurologen als medikamentös zu behandeln eingestuft wird.

    Ich denke, hier muss man auch nochmal differenzieren zwischen dem pathologischen Begriff endogene Depression/Melancholie und dem umgangssprachlichen bzw. der Typenlehre entsprechenden Melancholiker. Zum Glück geht auch nicht jeder Melancholiker zum Arzt, um sich "kurieren" zu lassen - um wieviel ärmer wäre die Welt!

    Und hier würde ich auch gern den Bogen schlagen zum vorstehenden Kommentar, wer über das Wohl der Menschen entscheidet. Kennt jemand das Buch "Irre! Wir behandeln die Falschen - unser Problem sind die Normalen" von Manfred Lütz, Psychiater (und Kabarettist)? Hier geht es darum, die Welt mal anders herum zu betrachten, wann jemand "krank" ist, wieweit man sich einmischen/anmaßen darf, ein Krankheitsbild nebst erwünschtem Therapieerfolg zu entwerfen, und wie das eigentlich zusammengeht, unsere "normale" Welt auch tatsächlich als die "normale" zu behalten (Kriegshetze, Waffenhandel, Bankenbetrug...), während die "Nicht-normalen" "therapiert" werden sollen. Erheiternde Lektüre, aber auch bitter, es mal von dieser Seite aus zu betrachten.

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  9. Danke für die tollen Kommentare!

    Im DSM-IV habe ich Melancholy immer nur als Symptom der Depression gefunden. Aber die Unterscheidung zwischen endogener und neurotischer Depression war mir neu. Und ja: der Melancholiker der Typenlehre ist beileibe nicht immer depressiv. Nach den Typenlehren wäre ich beispielsweise ein Melancholiker, bin (bis jetzt, klopf auf Holz) aber alle andere als depressiv.

    Den Lütz habe ich nicht gelesen, aber die Idee ist natürlich schon alt. Ich bin da etwas hin und her gerissen. Ich verstehe das auf der einen Seite und sehe den heuristischen Sinn darin. Aber ich denke auch immer, es wird denen nicht gerecht, die sehr schwer unter psychischen Störungen leiden. Das ist ja nicht immer nur die Differenz zur Umwelt, sondern durchaus auch ein Leiden an einem selbst.

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  10. They tried to make me go to rehab and I said:
    NO, NO, NO.
    http://ed.iiQii.de/gallery/Querdenkerinnen/AmyWinehouse_wikipedia_org

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  11. Es mag sein, daß ich jetzt abschweife, aber ich bin innerhalb unserer Familie auf einen interessanten Zusammenhang gestoßen.
    Die sehr Introvertierten, teils melancholischen Mitglieder meiner Familie weisen durchgehend sehr niedrige Cholesterinspiegel auf.
    Bei den Extrovertierten ist das nicht der Fall.

    Biochemische Erklärung: Niedriger Cholesterinspiegel bedeutet auch ein niedriges Level an Serotoninrezeptoren.
    Und mehreren Studien zufolge soll es Zusammenhänge zwischen niedrigem Cholesterinspiegel und Suiziden geben.

    Ich bin da gerade am recherchieren und habe noch nichts zitierbares. Vielleicht kann ja jemand etwas dazu beitragen.

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  12. So wie Jan schreibt "Muss man das behandeln?" bin ich immer wieder erstaunt, zu was für "Hilfsmitteln" die ratslosen Helfer greifen, wenn sie eine Eingliederung unter die "Normalen" anvisieren: "Lernen Sie, oberflächliche Gespräche zu führen" - ist das nicht wild?!?! Ich kenne genug Menschen, denen Psychopharmaka verschrieben werden, statt den ihnen zu helfen, eine Brücke zu bauen zwischen denen die "anders" sind und sich. Lütz bringt da ein Beispiel, indem er eine Situation aus den Anfängen seines Ärztedaseins beschreibt: Es geht um eine junge Frau, die Stimmen hörte, woraufhin er die Medikamentendosis so zusammenstellte, dass sie keine mehr hörte. Statt froh darüber zu sein, war sie unzufrieden - und Lütz hatte wohl eine seiner ersten Lektionen gelernt: Ausschlaggebend ist, ob der Mensch an seinem Zustand leidet, und nicht, was wir als "normal" oder "gesund" definieren. Und da gebe ich Dir, Gilbert, recht: Es ist das Leiden an einem selbst, das zählt und Maßstab sein sollte. Aber ist es nicht immer die Differenz zur Umwelt, die leiden lässt? Nur im Vergleich mit anderen/der Umwelt bin ich unglücklich, unzufrieden, neurotisch, paranoid - alleine würde die Bewertung keinen Sinn ergeben. Es entsteht aus der Tatsche, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, das im Austausch mit anderen wächst und gedeiht - oder eben nicht, weil er ausgeschlossen oder die Teilhabe erschwert wird.

    Eigentlich gehört das jetzt gar nicht mehr hierher, aber so ist das nun mal mit Diskussionen: Sie regen zum Denken an, und auch wenn das jetzt nichts mehr mit Alkohol und Depression an sich zu tun hat, so aber doch mit Therapie und "Brücken bauen". Deshalb möchte ich noch gern Giorgio Nardone vorstellen: Er nimmt die Menschen, die unter ihren psychischen Störungen leiden, sehr erst - und zwar richtig ernst. Dann interveniert er nur strategisch-verbal, völlig ohne Medikamente (!) und nutzt wie ein guter Zauberer die Ablenkbarkeit des wachbewussten Verstands, um das psychotische, zwanghafte oder wie auch immer geartete Verhalten quasi "auszutricksen". Dabei sagt er immer (wie ein guter Zauberer): Seien Sie misstrauisch bei dem, was ich tue, je misstrauscher Sie sind, desto mehr helfen Sie mir." Als ich das Buch "Pirouetten im Supermarkt" gelesen hab, war ich schon überzeugt von der Art der Therapie. Und jetzt mache ich gleich noch Werbung für eine super-geniale Arte-Produktion: Seitdem ich gestern aber auf Arte TV "Das automatische Gehirn" gesehen (http://videos.arte.tv/de/videos/das_automatische_gehirn_1_2_-4297992.html) und verstanden habe, wie Zaubertricks funktionieren, d.h. warum wir den Trick nicht sehen (und je mehr wir uns darauf konzentrieren, es sehen zu wollen, desto weniger kommen wir drauf), ist mir klar geworden, wie und warum diese Art der Intervention so brilliant funktioniert! Und was Nardone damit schafft, ist a) das Leid ernst zu nehmen und es nicht einfach wegdrücken zu wollen per Medikament oder Verhaltenstherapie. Und b) die Brücke zu bauen zwischen dem, worunter der Mensch leidet, und einem Zustand, um er mit der Welt, wie sie ist, klarzukommen.

    P.S. Teil 2 der Arte-Produktion kommt am Fr um 21.45 Uhr :)

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  13. Das mit dem Cholesterin klingt spannend, aber der Zusammenhang niedriges Cholesterin-Selbstmord wurde erstmals bei Leuten festgestellt, die Medikamente zur Cholesterin-Senkung einnahmen, bei der Folgestudie habe ich leider noch nichts gefunden, ob hier unterschieden wurde zwischen medikamentös bedingter Senkung und natürlich niedrigem Spiegel. Außerdem wird beschrieben, dass bei zu niedrigem Spiegel (bedingt durch cholesterinsenkende Medikamente) die Gedächtnisleistung nachlässt - und die Introvertierten, Sensiblen sind i.d.R. nicht diejenigen, deren Gedächtnisleistung schlechter wäre, im Gegenteil (jedenfalls, was ich bisher feststellen konnte). Ich denke, da müsste man direkt an die Studien rankommen mit den Werten und den Details außenrum wie Ernährung, Medikamente etc.

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  14. Kurzer Zwischenruf, weils so schön passt: Mein Arzt sagte mir beim 30+ Check Up, dass mein Cholesterinspielgel erschreckend niedrig sei, ich solle "herzhafter" essen. Ich bin zwar als stark introvertierte Person bekannt, aber ebenso als heillos optimistisch und chronisch gut gelaunt. Einen 1:1:1 Zusammenhang zwischen Cholesterin, Introversion und Serotonin/Depression erscheint mir da zweifelhaft.

    Zur Differenz zwischen ich und anderen: So gesehen, Claudia, ist das trivial, denn es gibt kein ich ohne die Differenz zu anderen. Um semantisch sinnvoll bleiben zu können, macht es aber durchaus Sinn, irgendwo eine Linie zu ziehen und zu sagen, hier leide ich an mir selbst und hier leide ich an anderen bzw. meiner Differenz zu ihnen. Da bin ich pragmatisch, sonst müsste man bald ganz schweigen.

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  15. Gilbert schrieb: "Ich bin zwar als stark introvertierte Person bekannt, aber ebenso als heillos optimistisch und chronisch gut gelaunt. Einen 1:1:1 Zusammenhang zwischen Cholesterin, Introversion und Serotonin/Depression erscheint mir da zweifelhaft."

    So hab ich mich auch beschrieben, bis zum Burn-Out. Und seitdem hab ich den Mist. Es bedarf halt in der Regel noch eines externen Auslösers.

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  16. Na, Jan - nun red mal hier nix herbei! Ich versuch erst mal so zu bleiben, wie ich bin, trotz deiner bedenklichen Prognose ;) Wir dürfen, glaube ich, bei aller Liebe zur Neurobiologie nicht alles reduzieren auf ein paar Transmitter, Eiweiße und Hormone. Dazu ist das einfach zu komplex und unverstanden. Ein Beispiel: Jemand der wie auch immer bio-chemisch dispositioniert ist, kann durch das täglich begleitende positive oder negative "Selbstgespräch" seine Grundstimmung fundamental ändern. So etwas kann man lernen - die üblichen individuellen Lernkapazitäten vorausgesetzt. Ich bezweifle, dass ein bestimmter Mix von endogenen und/oder exogenen Substanzen von unserem Verhalten unabhängig und zwangsläufig in Phänomene wie Burn-Out oder depressive Stimmung führt.

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  17. Du hast natürlich absolut recht. Ich wollte hier keine Zwangsläufigkeit ausdrücken, sondern lediglich auf Risikofaktoren hinweisen. Ich habe meinen Burn-Out auch nicht schleichend einfach so bekommen, sondern weil ich über vier Jahre eine 80 - Stunden - Woche gefahren bin, mit Vollzeitjob, Teilzeitstudium, politischem Engagement, Fotostudio usw. und vor allem ohne Ruhepausen !
    Das meine ich mit externem Auslöser.

    Das heißt die Risikofaktoren müssen schon in eine Situation gebracht werden, in der sie auch zum Tragen kommen.
    Wenn ich mich nicht selbst abgeschossen hätte, wäre ich wahrscheinlich immernoch blos etwas melancholisch.

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  18. Die Frage ist ja auch, wer zuerst da war: Henne oder Ei - Biostoffe oder Gefühl? Ich habe gelesen, dass wenn die stimmungsmäßige Grundkonstitution eines Menschen richtig krank ist, können nicht mal Vitamine so verarbeitet werden, wie sie normalerweise den Körper bei der Regeneration unterstützen würden. Wir sind also nicht nur Lego-Baukästen, bei denen man etwas nachkaufen oder dazubauen kann, sondern wir sind wirklich Individuen, die auf der einen Seite sehr "gleich" zu sein scheinen, was den Funktionsapparat anbelangt, auf der anderen Seite höchst unterschiedlich, und es ist ein permanentes Wechselspiel zwischen Gefühl und Botenstoff...

    "Sorge gut für dich, dann ist gut für dich gesorgt." Ich denke, ob 80h-Woche oder Urlaub, Melancholiker oder Sanguiniker, es läuft immer auf das Gleiche hinaus: Es geht darum, wie gut oder schlecht man sich um sich selbst kümmert.

    Und damit wären wir auch wieder beim Thema Alkohol: Ich denke, es ist die Droge schlechthin, die einem vor allem kognitiv irgendwann den Garaus macht und damit auf lange Sicht verhindert, aussteigen zu können - und dann kann man nicht mehr gut für sich sorgen.

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  19. "Sorge gut für dich, dann ist gut für dich gesorgt." Ich denke, ob 80h-Woche oder Urlaub, Melancholiker oder Sanguiniker, es läuft immer auf das Gleiche hinaus: Es geht darum, wie gut oder schlecht man sich um sich selbst kümmert.

    Grundsätzlich hast Du sicher recht. Das Problem an Depressionen ist aber zum Beispiel, daß da hinter eben der unbekannte Grundkonflikt steckt und daß die Bewältigungstrategie für die man sich unbewusst entschieden hat und die man vielleicht schon Jahrzehnte lang praktiziert eben auch eine Form des schlechten Kümmernd darstellt. Ersatzbefriedigung oder um wieder zum Alkohol zu kommen, sind eben durchaus Bewältigungstrategien, die vor dem befürchteten noch Schlimmeren bewahren sollen.

    Grundsätzlich gilt aber meines Erachtens von Anfang an: Ist der Meister (das Bewusstsein/ die Achtsamkeit) nicht da, regiert im Betrieb (Körper/Geist) das Chaos.

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  20. Eine Anmerkung zu den letzten zwei Beiträgen!
    Die genannte "Bewältigungsstrategie" (Jan), die sich je nach Individuum eröffnet, stellt doch gerade in der "unbewussten Entscheidung" dar, dass man als Individuum nicht reif für reflektive Prosesse war und geradeheraus EIN ZWEI DINGE wählt, die man in der Lage ist anzunehmen. Diese Entscheidung bricht natürlicher Weise zusammen. Es ist unmöglich, und das möchte ich mit NACHHALT schreiben, sich kurzfristig zu erkennen. Jeder Mensch ist in fabrizierter Weise ein Unikat. Jeder Mensch ist aber auch eine Kopie von Erziehungsmaßnahmen, die nachhaltig wirken und von Selbstaneignungen nicht verschont werden. Das "Sorge gut für dich" von Claudia Schmoll ist gut gemeint, nur jeder weiß nicht darüber Bescheid, was GUT FÜR IHN/IHR sein könnte. Ich glaube an das AUSEINANDER und doch zusammen. "Das ursprüngliche Auseinander", welches die ganzheitliche Vielfalt der Individuationen ermöglicht, ist die des Raums, welcher den einen hier und den andern dort "Raum gibt". Was sich hier dort und Platz schaffen kann, eingemeindet ist orientiert an urspsrünglichen Auseinandersetzungen, die in Folge der Geschichte wieder auftauchen. Davon HANDELT....
    Noch einen Tip - Jakob Dylan "Woman and Country"

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