27. Juli 2016

Die drei Phasen des Feuers

Eine Grundfrage der Philosophie: Was ist der Mensch?

Von Marian E. Finger

Seit mehr als zweitausend Jahren diskutieren Philosophen, Theologen und Wissenschaftler über diese Frage. Meistens geht es darum, ob der Mensch durch Gott, die Seele oder sein Schicksal, durch Gene oder Umwelt oder durch seinen freien Willen bestimmt ist. Die verschiedenen Positionen sind entweder idealistisch oder materialistisch oder eine Mischung aus beidem. In der Nacherzählung unserer Menschwerdung zeichnet sich eine weitere Perspektive ab, die den klassischen Gegensatz zwischen idealistisch und materialistisch auflöst und den Menschen stattdessen einfach als evolutionsbiologische Neuheit begreift.

Eine übermächtige Erscheinung: Waldbrand (John McColgan, 2005)

Die Geschichte unserer Menschwerdung begann vor etwa fünf Millionen Jahren, als unser schimpansenähnlicher Vorfahre sein Leben in den Regenwäldern aufgab und in die Savannenwälder zog. Was er dort suchte, war die Nahrung, auf die er sich spezialisiert hatte, eventuell war es die Yamswurzel. Das Leben in den Bäumen gab der Waldaffenmensch deswegen noch lange nicht auf. Erst zweieinhalb Millionen Jahre später entwickelte er mit dem aufrechten Gang, dem schwächeren Unterkiefer und einem größeren Gehirn die ersten menschlichen Züge. Es ist kein Zufall, dass das Auftauchen dieser Merkmale mit dem Beginn einer neuen Eiszeit in eins fällt. Die Vereisung des Nordpols führte in Afrika zu einer langanhaltenden Dürre, die die Fruchtbäume in den Savannen verschwinden ließ und unseren Vorfahren endgültig auf den Boden zwang.

Neben Tundra, Taiga und Steppe ist die Savanne ein Ökosystem, in dem Feuer ein häufig auftretender Umweltfaktor ist. Vor zweieinhalb Millionen Jahren begegnete unser Vorfahre in der nunmehr von extremer Trockenheit geprägten Savanne dem Phänomen, das seinen weiteren Werdegang entscheidend prägte: dem Feuer.

Phase I: Geburt von Dualismus und Religion aus dem Feuer

In den Augen des Waldaffenmenschen muss Feuer furchterregend und überwältigend gewesen sein: von Blitz, Donner und Unwettern begleitet, fuhr es vom Himmel herab. Oder es brach unter gewaltigen Eruptionen aus dem Erdinnern hervor. Es breitete sich mit rasender Geschwindigkeit aus und vernichtete auf einen Schlag ganze Lebensräume. Es konnte innerhalb weniger Minuten die ganze Sippe auf einmal töten. Es bereitete Schmerz und hinterließ Narben, nicht nur auf der Haut, sondern auch in der Landschaft. Feuer war so ganz anders als jedes Lebewesen und schien trotzdem lebendig zu sein. Eine Feuersbrunst fauchte und brüllte, während einzelne Flammen geheimnisvoll flackerten und tanzten. Wenn das Feuer an einer Stelle erlosch, konnte es unvermittelt an einer anderen wieder aufflammen. Feuer konnte also sterben und wieder auferstehen. Unser affenähnlicher Vorfahre konnte gar nicht anders, als Feuer für eine übernatürliche und übermächtige Erscheinung zu halten. Feuer erschien ihm als etwas Geisterhaftes, das aus dem Nichts auftauchte, die vertraute Umgebung in Asche und vertraute Lebewesen in verkohlte Gerippe verwandelte, bevor es auf geheimnisvolle Weise wieder verschwand. Brennende Bäume, brennende Grasflächen und wohl auch brennende Artgenossen erweckten die Vorstellung, dass das Übernatürliche Besitz von Körpern und Gegenständen ergreift und dessen Existenz bestimmt. Daraus formte sich der Glaube an ein vom Körper unabhängiges Leben, an Geister und Dämonen, an eine Seele. Die bis dahin einheitliche Welterfahrung zerbrach. Für unseren Vorfahren existierten nun zwei Welten gleichzeitig, eine geistige und eine materielle. Es war die Geburtsstunde der ursprünglichsten aller Religionen, des Animismus. Die Begegnung mit dem Feuer war auch die Geburtsstunde des Geist-Materie-Dualismus, der die Geschichte unserer Menschwerdung von Anfang an wie ein roter Faden durchzieht.

Trotz seiner Furcht wurde unser Vorfahre vom Feuer jedoch unwiderstehlich angezogen. Vielleicht überlebten auch nur diejenigen Waldaffenmenschen, die sich mit dem Feuer verbündeten. Gerade in einer Eiszeit hat das Feuer entscheidende Vorteile: Gebratene oder gekochte Nahrung ist leichter verdaulich, verdirbt nicht so schnell und stellt dem Körper bedeutend mehr Energie zur Verfügung als Rohkost. Es eröffnete unserem Vorfahren zudem neue Nahrungsquellen wie Hülsenfrüchte. Sicher fing es damit an, dass er nach einem Brand den Boden nach Essbarem absuchte, bis er irgendwann schließlich auf die Idee kam, selber Bohnen und Wurzeln in die noch vor sich hin kokelnde Glut zu legen. Feuer liefert Wärme, was auf den in harten Wintern und kalten Nächten frierenden Waldaffenmenschen einen großen Reiz ausgeübt haben muss. Es ermöglicht das Leben in Höhlen, die aufgrund der darin herrschenden Dunkelheit bislang nur zum Schlafen genutzt werden konnten. Zudem vertreibt Feuer die Raubtiere, für die der seiner Schutzbäume beraubte Waldaffenmensch zunächst eine leichte Beute war. Das alles zusammen sind überwältigend gute Gründe, sich näher mit dem Feuer zu befassen.

Zwischen Furcht und Faszination hin- und hergerissen, geriet unser Vorfahre in den Bann des Feuers, das für ihn lange Zeit schlechthin das mysterium tremendum et fascinosum blieb. Das Feuer war identisch mit dem Übernatürlich-Göttlichen, das heilige Scheu hervorrief, wie Rudolf Otto die Grunderfahrung des Religiösen beschreibt. Indem der Waldaffenmensch anfing, das Feuer zu zähmen, wurde er gleichzeitig zum religiösen Tier. Feuer und Religion gehören unabdingbar zusammen.

Der Begriff Religion wird zum einen auf das Verb "religare" (rückbinden) zurückgeführt. Damit ist die Rückbindung an einen transzendenten, geistigen Ursprung gemeint. Das heißt, in dieser Rückbindung identifizierte sich der Frühmensch mit dem Feuer, das ihn aus seiner Tierhaftigkeit herausholte. Bis heute schätzen die allermeisten Religionen das Diesseits, das Körperliche und die materielle Welt gering, ja verachten sie häufig. Die Welt ist ihnen bloß ein vorläufiger Ort, den es zu überwinden gilt. Dass der Mensch rücksichtslos die Natur zerstört, hat auch damit zu tun, dass die Religionen über Jahrtausende gelehrt haben, sie gründlich zu missachten. Außer "religare" gibt es noch eine andere Ableitung, die von "relegere". Cicero bezieht das Wort auf den Tempelkult, den es sorgfältig zu beachten gilt, also auf die gewissenhafte Einhaltung überlieferter Regeln und Gebräuche.

Was den Umgang mit dem Feuer betrifft, sind beide Ableitungen korrekt: einerseits die Identifikation mit dem übermächtig-göttlichen Feuer, andererseits der Kult als Gesamtheit von Ritualen und religiösen Handlungen, die dazu dienten, den Umgang mit dem Feuer zu erlenen, es zu bewahren und die Gruppe nicht zu gefährden. Der von seinem Instinkt geleitete Waldaffenmensch musste eine Vielzahl neuer Eigenschaften und Verhaltensweisen lernen, die seinem Instinkt zuwiderliefen, die wir aber bis heute für wertvoll halten: Sorgfalt, Achtsamkeit, Geduld, Vorsicht, Verantwortungsgefühl, Pflichtbewusstsein, Disziplin, Gehorsam und die Fähigkeit, von körperlich Schwächeren, aber Klügeren zu lernen. Er musste lernen, Bedürfnisse wie Hunger hintanzustellen zugunsten von Arbeiten, die zunächst keinen unmittelbaren Nutzen für ihn hatten, wie Holz sammeln oder Glühkohle transportieren. Der Erwerb dieser Eigenschaften und Verhaltensweisen war die Voraussetzung, um später überhaupt Ackerbau und Viehzucht betreiben zu können.

Phase II: Die Erleuchtung

Der Umgang mit dem Feuer veränderte den Menschen ebenso wie der Mensch das Feuer veränderte. Zunehmend ersetzte das Lernen den Instinkt, die manuelle Geschicklichkeit die ungestüme Wildheit, die Fähigkeit zur Kommunikation die gruppeninternen Kämpfe. Feuermachen und damit verbundene Tätigkeiten wie Kochen erforderten Kooperation und Arbeitsteilung, was den Zusammenhalt der Gruppe stärkte. Während einer das Feuer hütete, sammelten andere Holz, während wieder andere jagten oder Früchte und Wurzeln suchten. Die Kontrolle des Feuers, Kochen, Lernen, die Organisation einer arbeitsteiligen Gruppe sind Elemente von Kultur. Sie führten zum Ausbilden einer Sprache, die weit über bloße Laute hinausging. Von einer durch den Klimawandel bedrohten Spezies wurde unser Vorfahre zum mächtigsten Wesen auf diesem Planeten.

In die Hände des Menschen gegeben, verwandelte sich aber auch das Feuer. Aus unkontrolliert wütenden Buschfeuern wurden gezielte Brandrodung und heimeliges Lagerfeuer. Feuer brannte in Herden und Öfen und wurde die Grundlage einer unglaublichen Vielfalt neuer Techniken und Handwerke, von denen die Töpfer- und die Schmiedekunst zu den bedeutendsten gehörten.

Als der Gebrauch des Feuers Routine geworden war, trat die Menschheit in ihre nächste Entwicklungsphase ein. Die Verehrung des erdgebundenen Holzfeuers wich der Verehrung des Feuerballs am Himmel, der als globaler Licht- und Wärmespender erkannt wurde. Statt des Feuers wurde nun die Sonne zum Gegenstand des religiösen Kults, was zur Erfindung des Rads und überall auf der Welt zu Hochkulturen führte. Um Tempelanlagen herum wuchsen die ersten Städte, Landwirtschaft und Viehzucht ersetzten das Jagen und Sammeln, aus halbnomadischen Stämmen wurden sesshafte Völker. Die Erfindung der Schrift und die Vereinheitlichung von Maßen und Kalender ermöglichten immer umfassendere Handelsbeziehungen. In der Organisation zu größeren Einheiten wie Städten bildete sich bald ein Klassensystem heraus. Die höheren Schichten wie Priester, die über die Schrift und astronomische Kenntnisse, und Krieger, die über die Waffen verfügten, sicherten sich den Zugang zu Macht, Besitz und Prestige, während die niedrigen Schichten wie Handwerker, Kaufleute und die große Masse der Bauern die schwere Arbeit erledigen und zudem noch Steuern und Abgaben zahlen mussten, um den Luxus der höheren Klassen zu finanzieren.

Phase III: Die Welt im Anthropozän

Heute befinden wir uns in der dritten Phase dieses immer noch andauernden evolutionsbiologischen Prozesses, der den Menschen aus seiner Tierhaftigkeit herauslöst und in eine neue, noch nie da gewesene Lebensform verwandelt. Parallel mit dem Menschen verwandelt sich auch die Umwelt, und da es inzwischen überall auf der Welt Menschen gibt, spricht man bereits von einem neuen Erdzeitalter, dem Anthropozän. Begonnen hat die dritte Phase mit der Erfindung von Maschinen, die nicht nur Energie verbrauchen, sondern welche erzeugen, was körperliche Arbeit zunehmend unnötig macht. Nur noch ungefähr ein Viertel der arbeitenden Bevölkerung in Deutschland ist im produzierenden Gewerbe inklusive Landwirtschaft beschäftigt, der Rest tummelt sich in Verwaltungs- und Dienstleistungsberufen. Gegenüber der zweiten Phase, der Agrarisierung, wird also eine Verschiebung sichtbar. Das seinerzeit überwiegend mit Schrifttum, Verwaltung und Organisation beschäftigte Priestertum ist nun auf den Bürger übergegangen, während die Arbeit der niedrigen Schichten zunehmend von Maschinen erledigt wird. Die neuen Priester sind heute Wissenschaftler und jene, die ihren Job im Finanzwesen haben. Tatsächlich herrscht an wissenschaftlichen Instituten, im CERN und am DESY sowie in Banken eine oft weihevolle Atmosphäre, wie man sie auch in Kirchen findet, nur eben moderner und nicht so verstaubt. Als neues Kommunikationsmittel kommt neben Sprache und Schrift mit dem Internet heute die Digitalisierung hinzu.

Sonnenkult betreiben wir heute nur noch am Strand. Stattdessen verehren wir eine abstraktere Form des Feuers, nämlich Licht, oder noch abstrakter gefasst: Energie. Wie anno dazumal geht es dabei immer noch um die Identifikation mit einer anscheinend höheren, umfassenderen Macht. Identifizierte sich der Hominide in der ersten Phase seiner Menschwerdung mit dem Feuer, in der zweiten mit der Sonne, so wird heute in esoterischen Kreisen Energie mit Bewusstsein und das eigene Bewusstsein mit dem Kosmos identifiziert, um den Menschen in Stand der Göttlichkeit zu erheben. Wie seit eh und je geht es um die eigene Überhöhung, um das Heraustreten aus dem Körperlich-Materiellen zugunsten einer angeblich ewigen geistig-immateriellen Existenz. Das Spiel, das der religiöse-spirituelle Mensch spielt, bleibt dasselbe, nur die Formen wandeln sich von Phase zu Phase.

Die meisten Menschen glauben, dass Religion und Technik nichts miteinander zu tun haben. Viele spirituelle Menschen sind sogar ausgesprochen technikfeindlich eingestellt. Heute wird Spiritualität überwiegend mit Natur in Verbindung gebracht, wie es in der Öko-Bewegung der Fall ist. Das ist eine Fehlinterpretation dessen, was Religion ihrem Ursprung nach bedeutet.

So kommt es zu einer, ich möchte fast sagen, tragischen Verwechslung. Feuer, Sonne, Licht sind seit jeher unsere bevorzugten Symbole für eine geistige Existenz und damit für Unsterblichkeit und ewiges Leben. Es gibt jedoch kein Feuer, das ewig brennt. Es ist ja gerade das Wesen des Feuers, dass es irgendwann erlischt. Feuer kann nicht ewig brennen, weil seine Existenz von anderen Stoffen abhängig ist. Die Identifikation des Menschen mit Feuer, Sonne, Licht oder Energie ist verhängnisvoll, weil der unmittelbare Effekt von Feuer zerstörerisch ist. Das Leben ist bestrebt, immer komplexere Strukturen hervorzubringen. Feuer hingegen reduziert komplexe Strukturen zu Asche und Rauch. Solange Feuer begrenzt bleiben und lokal auftreten, dienen sie der Verjüngung der Natur und spenden Leben und das macht im Gesamtgefüge durchaus Sinn. Feuer ist katastrophal, wenn es ziel- und zügellos um sich greift und in einen Weltenbrand ausartet.

Der Mensch wird solange ein zerstörerisches Wesen bleiben, wie er seine Identifikation mit dem anscheinend Göttlich-Übernatürlichen, hinter dem sich das Feuer in all seinen Formen verbirgt, nicht löst und die wahre Funktion von Religion und Spiritualität nicht durchschaut. Solange der Mensch sich als göttliches Wesen imaginiert, definiert er sich als grenzenlos, allumfassend, übermächtig, und genau das macht ihn zum Weltenbrand, zur Katastrophe für den Planeten, die er ja eigentlich verhindern will. Wenn wir die Welt wirklich retten wollen, müssen wir aufhören, sie zu retten und uns darauf besinnen, dass wir, selbst wenn wir Feuer machen und Atome spalten können, doch keine Götter sind, sondern eben Menschen, sterbliche Wesen aus Fleisch und Blut.



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