21. Oktober 2016

Der allwissender Gott – Reloaded

Technische Trenszendenz und Weltgewissen

Ich mag den neuen Peter Sloterdijk, der sich in seiner Essay-Sammlung Was geschah im 20. Jahrhundert? als Konservativer im ökologischen Sinne outet. In einigen Essays des Buches äußert er sich mahnend dazu, was es für uns Menschen heißt, ein ganzes geologisches Erdzeitalter als Anthropozän zu prägen oder wie kurzfristig unser Leben der Verschwendung und jenseits jeder Normalität sein dürfte.

Sputnik 1: "Dawn of the Space Age" (Gregory R Todd CC BY-SA 3.0)

Im Essay "Starke Beobachtung: Für eine Philosophie der Raumstation" (kann auch in der NZZ nachgelesen werden) bringt Sloterdijk eine unerwartete Parallele ins Spiel – die von Technik und Gott, oder genauer gesagt von Satellitentechnik und einem allwissenden, alles sehenden und am Ende jeden richtenden Gott. Sloterdijk geht darin über die bisherige Technikphilosophie hinaus, die Technik immer als Prothesen und Erweiterungen der menschlichen Sinne und Aktionsradien beschreibt. Zum einen ist die Raumstation keine bloße Erweiterung menschlicher Fähigkeiten oder ein Vordringen in neue Räume, sondern ein wirklich neues Erschaffen von "Weltraum", in dem sich der Mensch aufhalten kann: "Die Einpflanzung einer Welt in ein vormaliges Nichts" (Sloterdijk, S. 179). Zum anderen ist es die erste wirklich gottgleiche Perspektive, die hier von Menschen erschaffen wird. Während sich die verschiedenen Religionen noch streiten und im Kern erodieren (Wer fühlt sich heute schon in seinem sündhaften Treiben von oben beobachtet?), "hat die Astronautik bereits eine pragmatische Form von gemeinsamer Transzendenz hervorgebracht, die alle [...] in gleichem Abstand umkreist und gleichmäßig überblickt."

"Die höheren Götter kamen in Umlauf, als es galt, die Menschen an den Gedanken zu gewöhnen, dass ihr Leben durchgehend unter der Beobachtung einer ebenso allwissenden wie allaufmerksamen Intelligenz stehe, einer Intelligenz, die zugleich die Vollmacht besitzt, jedem einzelnen Menschen post mortem die moralische Bilanz seines Handelns zu präsentieren. Alle höheren Kulturen beruhen auf der Idee, es existiere eine externe Beobachterintelligenz, die imstande sei, sämtliche Lebensvorgänge synchron zu erfassen, auch jene, die sich in der Dunkelheit des Unwissens oder des bösen Willens verstecken. Mit der Erhöhung einer göttlichen Beobachterintelligenz ging die korrespondierende Figur der beobachteten Intelligenz einher – diese nennen wir seit antiken Zeiten die Seele oder etwas moderner das Gewissen." (Sloterdijk, S. 182)

Wer denkt beim Lesen dieser Zeilen nicht an das Zusammenkommen von Orwells Dystopien mit dem, was heute durch Satelliten, GPS und Drohnen bereits verwirklicht werden kann? Mir will es in diesem Zusammenhang auch konsequent erscheinen, dass es die atheistischen Russen waren, die mit dem Sputnik 1 als erste 1957 einen Satelliten ins All schossen. Wer wenn nicht sie mussten Gott und seinen allwissenden Blick durch Technik ersetzen? Interessant ist Sloterdijks vergleichsweise positive Lesart der ebenso als "Beginn der totalen Überwachung" zu charakterisierenden Phänomene, die sich unter anderem in Formulierungen wie "alle höheren Kulturen beruhen auf der Idee, es existiere eine externe Beobachterintelligenz" zeigen. Aber angesichts unserer aufgeklärten Emanzipation muss dieser neue technische Gott uns auch erschrecken, denn wie Sloterdijk selbst schreibt:

"Wenn übrigens die moderne Welt die Religion zurückgedrängt hat, dann nicht zuletzt deswegen, weil die Einzelnen ein Recht auf Privatheit reklamierten – das heisst eine Weltform, in der selbst Gott, wenn es ihn gäbe, nur nach Aufforderung eintreten dürfte." (Sloterdijk, S. 183)

Und das nur, um nun den perfekten allwissenden und nicht mehr anzuzweifelnden Gott selbst zu erschaffen und am Himmel zu installieren? Zumindest unter der Perspektive eines neuen globalen und bei Sloterdijk auch ökologischen Rechtschaffenheit kann dieser übergöttlichen Schöpfung etwas abgewonnen werden:

"Das Weltgewissen [...] kann sich tatsächlich nur entwickeln, wenn die Autorität der exzentrischen Beobachtung stark genug wird, um ein Gegengewicht zur Egozentrik der lokalen Interessen bilden zu können. Damit gewinnt die Raumfahrt eine Bedeutung, die sich nur mit dem Drama vergleichen lässt, in dem vor drei- oder viertausend Jahren die Götter über den ersten regionalen Imperien emergierten.
Die Menschen des globalen Zeitalters schauen erneut an den nächtlichen Himmel. Sie glauben aber nicht nur, dass sie beobachtet werden, sie wissen es auch, und indem sie dieses Wissen ernst nehmen, werden sie fähig zu handeln, wie ihr Gewissen es fordert." (Sloterdijk, S. 183)

Das ist aus heutiger Perspektive – zwar werden Klimaziele inzwischen weltweit vereinbart, aber dass sie erreicht werden (wollen), ist zu bezweifeln – sehr optimistisch. Kurzfristige Interessen werden sich weiterhin in Ermangelung wirklicher Sanktionen gegen das langfristige richtige Handeln durchsetzen. Sloterdijk führt die Parallelen des göttlichen Strafgerichts weiter, das, wenn man Dante glauben möchte, die heißesten Ecken der Hölle jenen reserviert, die wider besseren Wissens nicht für das Richtige eintreten:

"Die Gewissenlosen aber müssen wissen, dass man ihre Gewissenlosigkeit schon vom Weltraum aus sieht. Es wäre falsch zu verschweigen, dass diese Bilder in einem Prozess gegen jene, die noch immer nichts wissen wollen, als belastendes Material vorgelegt werden können." (Sloterdijk, S. 183)

Nun muss sich ein Philosoph leider und zum Glück nicht an dem messen lassen, was kurzfristig eintreten wird. Vielmehr sind es langfristige Zeiträume, die hier zur Debatte stehen. Völlig abwegig ist so ein Welterhaltungsgericht ja nicht. Es gibt internationale Kriegsgerichte wie den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, warum sollen wir also nicht auch internationale Gerichtshöfe für die Welterhaltung etablieren? Wie schon an anderen Stellen im neuen Buch hat sich Sloterdijk hier von Bruno Latour inspirieren lassen, der ein "Parlament der Dinge" fordert. Das sei ein Rat in dem nicht die Menschen, sondern die Nichtmenschen (sprich Pflanzen, Tiere, Berge, Seen etc.) vertreten würden, "zumal das leben der einen aufs Engste mit dem Leben oder dem Zustand der anderen verknüpft ist! Um ein Parlament der Dinge einzusetzen, müsste man im Prinzip damit beginnen, die Gebiete zu kartografieren, die sich im Konflikt befinden, eine Aufgabe, für deren Umsetzung sich viele mit mir gemeinsam engagieren." (Philosophie Magazin Februar/März 2016, S. 39, siehe auch Das Parlament der Dinge: Für eine politische Ökologie) Das ist in der Tat eine hervorragende Idee, auch weil sie so intuitiv und anschlussfähig an bestehende politische Praxen ist und daher eine Chance auf Umsetzbarkeit besteht. Satteliten, Drohnen und Raumstationen werden dabei helfen (tun sie jetzt schon zum Beispiel bei der Überwachung der Verschmutzung durch Schiffsverkehr).

Bis aber all das in seiner Totalität umgesetzt und vernetzt ist (was aus anderen Gründen auch beängstigend ist), hilft vorerst nur weiter ans altmodische Gewissen zu appellieren und die Gesetze anzuwenden, die heute schon die Interessen der Nichtmenschen (und daher auch der Menschheit) vertreten. Gut ist es allemal, dass Philosophen wie Sloterdijk und Latour solche Ausblicke bieten und theoretisch und praktisch an der Erlebbarkeit der Zukunft arbeiten.



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1 Kommentar:

  1. Liest sich gut, klingt aber trotzdem wie eine Utopie. Zwar müssen jetzt langsam "utopische" Massnahmen ran, um die mit rasender Geschwindigkeit voranschreitende Zerstörung aufzuhalten, aber: Welche Utopien reussierten denn in der Vergangenheit?
    Das wäre doch eine spannende Untersuchung.
    Umgesetzte Utopien, in großem Maßstab?
    Immer wieder denke ich an einen Alptraum zurück, den ich mal hatte: Ein rehähnliches Tier wurde von hinten von einem Löwen angegriffen. Es hatte keine Chance. Satt wie sich wie wild (und natürlich ergebnislos) zu wehren, fraß es weiter Gras, als wäre es das Wichtigste auf der Welt. Ignoranz, weil eh nix geht.
    Gerhard

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