18. Oktober 2016

Die unerwartete Leichtigkeit, Eltern zu sein

Ich bin erst spät Vater geworden, das hat viele Vorteile, unter anderen den, dass ich nicht das Gefühl habe, viel verpasst zu haben. Viele Eltern (laut YouGov etwa 20%) bereuen später, Kinder gezeugt zu haben, weil sie z.B. unter dem Eindruck sind, ihre persönlichen Entfaltungs- und Karrieremöglichkeiten hätten gelitten. Dazu will ich nicht zählen. Verschiedene Partnerschaften, um die Häuser ziehen, Reisen, lange studieren, an anderen Orten leben, verschiedene Arbeiten ausprobieren und sonst auch Dummheiten machen und unvernünftige Risiken eingehen... all das möchte ich als Vertreter der in die Länge gezogenen Jugend nicht missen. Und lange dachte ich, ich möchte auch nicht unbedingt Vater werden und all die Einschränkungen der Freiheit hinnehmen, die diese Rolle zwangsläufig mit sich bringt. Es ist ein anderes Leben.

Faszination Baby: Plötzlich ein Star (Elvis Presley und Priscilla mit Lisa Marie, Februar 1968)

Nun waren wir gerade zu Besuch bei meinen Schwiegereltern in Frankreich, der erste lange Road Trip mit dem drei Monate alten M. Natürlich ist so eine Reise auf viele Arten anders und auch anstrengender, als wenn man zu zweit oder gar allein unterwegs ist. Pausen sind häufiger und drehen sich um den Kleinen und seine elementaren Bedürfnisse. Wir hören beim Fahren nicht mehr laute Rockmusik oder Hip Hop, sondern entweder nur den Motor oder leicht verträgliches Gedudel. Ich könnte viele Dinge aufzählen, die anders und auch anstrengender sind und die ich auch erwartet hatte. Ich möchte aber auf eine Sache eingehen, die ich gar nicht erwartet hatte: Ein Element der Leichtigkeit, seit dem ich Vater geworden bin.

Unschuldige Fragen

Ich hatte mich früher manchmal beschwert, dass die Gesellschaft, selbst der inzwischen in der Hinsicht sehr individualistisch und liberal geprägte Westen, einen gewissen Druck auf Singles und auf kinderlose Menschen und erst Recht auf kinderlose Paare ausübt. Ich lasse mal außen vor, dass der Druck so gering geworden ist, wie noch nie zuvor und dass dieses historische Nachlassen des Drucks zum Teil verheerende Folgen für unsere Gesellschaften hat. Oder wie wir im Artikel Der wahre Ödipuskomplex geschrieben haben: "Die Kinder scheren sich nicht mehr um die Traditionen ihrer Ahnen, sie schlagen das gesellschaftliche Erbe zu Gunsten einer radikalen Freiheit aus. Freiheit ist immer Freiheit von etwas oder Freiheit zu etwas. In diesem Fall ist Freiheit beides: Freiheit von der Sitte und Freiheit zu einer offenen und unbestimmten Zukunft. Traditionen werden durch Trends ersetzt." Die überraschende Pointe dabei ist, dass es nicht "die Kinder" sind, die den Strom der Tradition zum Abreißen bringen, sondern die Eltern, die sich selbst vor der zukünftigen Entwicklung schützen und sie deswegen verhindern möchten. Das und seine gesellschaftlichen Folgen werden im besagten Artikel weiter ausgeführt, als es hier möglich ist.

Wenn mir also früher der Druck als störend auffiel, so ist es jetzt gar nicht verwunderlich, dass es eine affirmative Rückseite dieser Medaille gibt: Die Belohnung der neuen Eltern durch die Gesellschaft. Ganz abstrakt gesagt, ist es eine Entlastung und Erleichterung, wenn plötzlich solch ein gesellschaftlicher Druck, wie subtil oder gar eingebildet er auch immer sei, von einem abfällt. Ich hatte das schon einmal erlebt, als ich nach einem angeblich brotlosen Studium der Philosophie und Literatur doch einen "ordentlichen Job" bekommen hatte und nicht nur plötzlich ohne Hilfe auskam, sondern auch ganz überraschend das Bafög zurückzahlen konnte. Wie der Druck sich früher auf uns Noch-Nicht-Eltern bemerkbar gemacht hat, ist gar nicht so deutlich zu sagen. Neben den ewig nervenden Baby-Fotos auf Facebook waren es am ehesten unschuldige Fragen wie "Wie lange seid ihr schon zusammen?" und "Habt ihr Kinder?" oder "Wollt ihr mal Kinder haben?" Bei unseren Eltern hat sich die Ungeduld gerade durch ihre Vorsicht gezeigt, uns ja nicht unter Druck zu setzen. Wir wussten, dass sie sich fragen mussten, ob wir nicht auch endlich wollten. Diese Rücksichtnahme war irgendwie schön, zeichnete sich aber auch durch die unausgesprochene Frage nach Enkeln aus, die immer im Raum stand. Damit wird schon deutlich: Der Druck mag mehr aus meiner individuellen Annahme darüber gekommen sein, was die anderen wohl von mir erwarteten.

Bessere Gesellschaft

Dass es aber doch nicht nur ganz eingebildet ist, erfährt man dann, wenn schon während der Schwangerschaft und erst Recht nach der Geburt ein deutliches Aufatmen in der Familie und ein nicht mehr ganz so subtiles "Endlich!" vernehmbar wird. Für mich wurde das in der Beziehung zu den jeweiligen Schwiegereltern besonders deutlich. Meine Mutter begegnete meiner nun ihrerseits Mutter werdenden Partnerin plötzlich mit viel mehr Verbundenheit. Und auch mein Schwiegervater gab mir durch eine plötzliche Herzlichkeit zu verstehen, dass ich nun endlich als Mann ernst genommen wurde. Man könnte in beiden Fällen sagen, dass der jeweils andere nun in die Familie aufgenommen wurde. Jeglicher Zweifel war nun ausgeräumt: Man hatte es nicht nur Ernst gemeint, sondern nun sogar Ernst gemacht. Jetzt die wirklich große Freude der plötzlichen Großeltern zu sehen, gibt auch mir eine Menge zurück, ich fühle mich bestätigt und scheine da etwas geleistet zu haben, was über alles andere bisher geleistete (inklusive Erfolg in Studium und Beruf) hinaus geht. Die Anerkennung ist groß und in Frankreich kommen sogar die Kollegen der Oma vorbei, um das Neugeborene wie einen kleinen König mit Geschenken zu begrüßen.

Zum ersten Mal fühle ich mich nicht mehr wie das etwas zu alt gewordene Kind. Ich wurde in einen höheren Kreis aufgenommen, mein Wort zählt jetzt als ultimativ Erwachsener mehr und die Großeltern haben eine Legitimation, sich endlich wieder um ein wirkliches Kind zu kümmern, indem sie uns helfen.

Auch in der weiteren Gesellschaft fühle ich mich plötzlich ganz anders angekommen. Angefangen von gesellschaftlichen Hilfen wie Eltern- und Kindergeld, dem Respekt und der Vorsicht, mit der manche Eltern nun auf der Arbeit behandelt werden. Das geht weiter über die Rücksicht, die einem mit Kinderwagen von motorisierten Verkehrsteilnehmern entgegen gebracht wird und hört beim Lächeln vorbeigehender Menschen und dem absoluten Anhimmeln des Kleinen von Bäckerinnen und Kellnerinnen noch lange nicht auf. Ein Kleinkind ist ein bisschen wie ein magischer Schlüssel zu einer besseren Gesellschaft. Es fühlt sich gut an, wenn einem plötzlich diese Tür aufgehalten wird und man das Gefühl von Angekommensein wieder und wieder erlebt. Es ist wie im Bild der Presleys oben – so fühlt es sich an, man ist plötzlich ein Star.

Wo kommt die Liebe zu den Kindern her?

Die Kinderliebe des Staates ist einfach zu erklären, schon immer war der Nachschub an Jungen und Mädchen – jeweils aus anderen Gründen und zu verschiedenen Anteilen – wichtig, zum Beispiel um die Wirtschaftlichkeit zu erhalten oder die Bedeutung des Klans durch bloße Mehrheiten gegenüber anderen Gruppen zu stärken. Besonders deutlich wurde das immer in den kriegerischen Zeiten, die noch auf Humanmaterial (oder noch zynischer: Kanonenfutter) angewiesen waren. Heute ist es bei uns die Demographie des Sozialstaates und die gesellschaftliche Dynamik und Innovationsfähigkeit, die den Nachwuchs erfordert.

Schwieriger zu erklären ist die universelle und spontane Freude von Familienmitgliedern und fremden Menschen. Sicher ist es ein stark ineinander verschränkter Komplex aus evolutionären Anziehungskräften (siehe niedliches Kindchenschema bei vielen Tieren) und kulturellen Werten und Vorstellungen, die sich da gegenseitig mal verstärken und mal in Schach halten. Man kann schön beobachten, wie besonders die sprichwörtliche kindliche Unschuld, die Sorglosigkeit und das Spielerische des kindlichen Verhaltens von Erwachsenen bewundert und geliebt wird. Auch in religiösen und juristischen Kontexten, besonders in Hinsicht auf die mangelnde Fähigkeit zur Sünde und die Strafunmündigkeit, wird ja genau diese Unschuld und Naivität auf ihre Weise reflektiert.

Auf jeden Fall ist es angenehm, dass diese Liebe zu den Kindern auch die Eltern streift. Für mich als Vater kommen zu den oben genannten gesellschaftlichen und familiären Belohnungssystemen sicher noch weitere und tiefere Ebenen hinzu, wie zum Beispiel die plötzliche und irgendwie auch ernüchternde Klarheit darüber, dass mich zu all dem Rumgemache (angefangen von der ersten Ferienlagerliebe, über die zahllosen Disko-Nächte, bis hin zu langjährigen und in manchen Hinsichten auch fruchtlosen Beziehungen oder sogar One-Night-Stands) eigentlich kein anderer biologischer Trieb – oder die "Seufzer des Geistes der Gattung" wie Schopenhauer sagt – motivierte, als der nun endlich verwirklichte. Motivierend ist für mich auch die Erfahrung, nun diese eine Grenze im Leben, die vielleicht an Verantwortung und sicher auch an Erfüllungspotenzial höchste Barriere, gerissen zu haben. Welche Karriere, welche sportlichen Erfolge oder künstlerischen Werke können da mithalten?

Ich will jetzt nun nicht meinerseits zu einem vielleicht bestehenden oder von manchen zumindest gefühlten Druck beitragen, Kinder zu bekommen. Macht, wie ihr wollt (oder könnt)! Aber vielleicht anders herum kann ich sagen: Eltern zu werden ist auch nicht so schlimm wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Es hat auch Vorteile und nicht der geringste unter denen hat etwas damit zu tun, dass diese extreme Form des Gestaltens von Leben von unseren Mitmenschen respektiert wird. Von der neuen Liebe, die plötzlich zur Zweisamkeit hinzu kommt, will ich erst gar nicht reden.



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Kommentare:

  1. Eindrucksvoll, was Du schreibst. Sehr klarsichtig und umfassend, was die Aspekte dieses neuen Lebens betrifft.
    Gerhard

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    1. Danke, Gerhard! Fühlt sich gut an und ermutigt zum Weitermachen, wenn man auch solche Rückmeldungen bekommt.

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