23. August 2017

Warum wir nur in der Beziehung zu anderen existieren

Freiheit und Zivilisation sind kein Widerspruch

In den Kommentaren des Anfang August erschienenen Artikels Ist der Mensch von Natur aus gut oder böse? wurde ich auf meine zugegeben auf den ersten Blick steile These angesprochen, dass es uns nur in Relation zu anderen Menschen geben könne:

"Bist Du echt der Meinung, dass es Dich nur im Außen und in Relation zu anderen Menschen gibt? Das ist eigentlich eine sehr archaische Denkweise. Die schlimmste Strafe für den Urmenschen bestand anscheinend darin, von den Stammesmitgliedern fortan ignoriert zu werden."

Ich will auf die Frage in einem eigenen kurzen Artikel eingehen, weil es eine sehr wichtige Frage ist und weil die die Frage begleitenden Sätze bereits interessante Einblicke in eine mögliche Anwort geben. Dem Hinweis auf die Archaik dieses Denkens und die schlimmste Strafe, die einem Urmenschen widerfahren konnte, kann ich nur Recht geben. Ich meine, dass es unstrittig ist, dass wir diese archaischen Ängste nie losgeworden sind. Noch heute gehört es zu den größten Ängsten vieler Menschen, richtig allein zu sein. Es ist gewissermaßen die Mutter aller Ängste, "dass man trotz – beinahe wegen – der vielfältigen Beziehungen zu anderen Menschen fundamental allein ist".

Ausschnitt aus Carl Blechen - Landschaft mit Eremit (ca.1822)

Es gibt keine ewigen Eremiten

Und wenn wir es dennoch genießen, allein zu sein, dann nur, weil wir wissen, dass es nicht in Einsamkeit umschlägt. Den Eremiten gibt es nur, weil es die Gemeinschaft gibt, zu der es auch wieder zurück kehrt. Und die größte Eremiten-Figur überhaupt, Zarathustra, ist alles andere als privat, denn schließlich meint dieser Eremit, zur gesamten Menschheit zu sprechen. Zehn Jahre "genoss er seines Geistes und seiner Einsamkeit" im Gebirge und dann sprach er:

"Ich bin meiner Weisheit überdrüssig, wie die Biene, die des Honigs zu viel gesammelt hat, ich bedarf der Hände, die sich ausstrecken." (Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra)

Selbst der stärkste Eremit sucht also die Resonanz der anderen Menschen (nicht wenige der schwächeren Eremiten sind übrigens einfach verreckt wie Christopher McCandless). Richard Herzinger stellt die Verbindung von Alleinsein des Individuums und Gesellschaft folgendermaßen her:

"Verantwortungsbewußtsein und zivile Formen im Umgang mit anderen können nur aus der selbstverantwortlichen Ausübung individueller Freiheit entstehen. Erst das Bewußtsein, ein 'vereinzeltes' Individuum mit allen positiven und negativen Anlagen zu sein, macht es überhaupt erst möglich, den anderen in seiner eigenen Individualität anzuerkennen und ihn nicht bloß als Repräsentanten eines Kollektivs zu betrachten." (Herzinger, Die Gemeinschaftsfalle: Wider die konservative Klage vom Untergang der Werte)

Insofern sind also mehr temporäre Eremiten gerade zugunsten einer funktionierenden Gesellschaft wünschenswert. Und vergessen wir nicht: Die Demokratie ist ja gerade eine "Erfindung" des liberalen Bürgertums, damit in der Überwindung des Feudalismus eine Freiheit für das Individdum überhaupt ermöglicht wird.

Psychogenese der Identität

Warum ist die Angst vor Einsamkeit so archaisch und warum bleibt sie modern? Eben weil der Mensch ein Wesen ist, dass auf Gemeinschaft angewiesen ist. Er kann schlicht ohne die Hilfe der anderen nicht überleben und wird verrückt ohne den Austausch mit den anderen (siehe auch Robinson Cruso oder die Qual der Isolationshaft). Und das gilt für viele der höher entwickelten Lebewesen. Wer kennt nicht die Kaspar-Hauser-Experimente aus der Verhaltensbiologie, die auf einen 16 Jährigen in Isolation aufgewachsenen und deswegen auf Kleinkind-Niveau stehengebliebenen, völlig lebensunfähigen Jungen aus dem 19 Jahrhundert zurück geht?

Die menschliche Identität benötigt zwingend Gemeinschaft. Erst die offenkundige Differenz zum anderen ermöglicht uns Identität. Ich kann das auch gut an meinem einjährigen Sohn verfolgen: Er muss im Laufe seiner ersten Monate unter uns erst lernen, dass er ein eigenständiges Lebvewesen ist und dass die anderen um ihn herum nicht die gleichen Erlebnisse und Eindrücke haben wie er. Noch denkt er, wir sehen ihn nicht, wenn er sich die Augen zuhält. Noch versteht er nicht, dass es uns weh tut, wenn er haut.

Festzuhalten bleibt, dass wir ohne Mitmenschen, die auf uns reagieren, die uns ansprechen und uns damit verdeutlichen, dass wir jemand sind, dass wir auf andere wirken, keine gesunde Persönlichkeit ausbilden oder auch nur erhalten können.

Es würde zu weit gehen, wenn man meine Worte, dass es mich nur in Relation zu anderen Menschen gibt, buchstäblich nehmen würde. Natürlich verschwinde ich nicht, wenn niemand bei mir ist. Und sollte ich der einzige Überlebende nach einer globalen Katastrophe sein, dann gäbe es mich natürlich trotzdem noch für mindestens ein paar Tage. Wenn ich sage, dass es uns nur im Außen gibt und in der Verbindung mit anderen Menschen, dann meine ich das, was uns selbst zu Menschen mit einer Persönlichkeit macht. Natürlich bin ich gern allein und tue nur das, was ich möchte. Aber ohne meine Beziehungen zu anderen als Arbeitskollege, als Vater, als Sohn, als Ehemann und Freund, wäre ich allein doch nur ein Briuchteil dessen, was ich in voller Entfaltung meiner Beziehungen sein kann.



Das passt dazu:

Kommentare:

  1. Deine Gedanken sind elementar richtig, sodaß man kaum etwas hinzufügen braucht.
    Dennoch ein paar Anmerkungenn: Als junger Mensch spürte ich das Bedürfnis, ganz für mich alleine zu sein, irgendwo in den Bergen – und dort Schach zu studieren. Das stellte sich für mich wie ein wunderbarer Traum dar. Wieso das so war, kann ich bestenfalls erahnen. Jedenfalls kommt mir das heute sehr merkwürdig vor.
    Ein weiterer Gedanke: Wir sind ja ein Holobiont, d.h. es gibt den Menschen gar nicht solo, er ist ein zusammengesetztes Tier und nur so lebensfähig. Für die Nervenstruktur des Gehirn braucht es ebenso Auseinandersetzung mit den Menschen – du sagtest ja das schon in Zusammenhang mit deinem Sohn.
    Höchste Höhen können wir nur im Miteinander. Ich kann mir Forschung und Entwicklung neuer Ideen immer nur durch Austausch und Reibung vorstellen. Das erzeugt Funken, Gedankenblitze, kreiert etwas Neues.
    Gerhard von Kopfundgestalt.com

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    1. Danke für deinen Kommentar Gerhard. Was du sagst spiegelt ganz gut meine eigene Entwicklung wieder.

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  2. Neben der Todesangst ist die Angst vor der Einsamkeit die zweite der großen existenziellen Ängste, die den Menschen umtreiben. Und wie die Todesangst führt die Auseinandersetzung mit der Angst vor der Einsamkeit in den sogenannten "horror vacui". Die beiden Ängste schenken sich in ihrer Intensität nichts. Doch während die Todesangst schon seit vielen Jahrhunderten eins unserer "spirituellen" Hauptthemen ist, führt die Angst vor der Einsamkeit doch eher ein Nischendasein. Es gibt Literatur darüber, es gibt die Auseinandersetzung, ja, aber längst nicht im selben Ausmaß. Und wenn die Einsamkeit Thema ist, dann meistens in der Psychologie, weniger in der Spiritualität. Wie mancher Mensch die Todesgefahr sucht, um sich damit auseinanderzusetzen, so sucht mancher Mensch eben auch die Einsamkeit.

    Wie man den Tod weder ignorieren noch überwinden kann, so ist es auch mit der existenziellen Einsamkeit. Es beruhigt den Geist, wenn er sich mit dem Tod auseinandersetzt und ihn letztendlich akzeptiert, so wie sich das Bewusstsein in der Auseinandersetzung mit der Einsamkeit beruhigt.

    Sich aus einem existenziellen Bedürfnis heraus an andere Menschen (oder andere Lebewesen) zu klammern, schränkt die Lebensqualität ebenso ein wie sich ans Leben zu klammern. Um zu verdeutlichen, worum es geht, wird manchmal das Bild des Schmetterlings benutzt, der sich auf die Hand setzt. Wenn die Hand zugreift und den Schmetterling umklammert, ist er hinterher tot oder doch schwer lädiert. Wenn einer die Hand offen lässt, kann er sich am Schmetterling erfreuen, ihn aber auch wieder ziehen lassen.

    Technische Entwicklungen versprechen uns die Befreiung von diesen beiden Todesängsten. Deshalb fahren die meisten Menschen wie die Verrückten auf Tablets und Smartphones ab. Diese Geräte erzeugen die Illusion von Verbundenheit. Aber natürlich ist und bleibt diese Verbundenheit eine Illusion. Es ist auch kein Zufall, dass ausgerechnet Google & Co. am meisten in die Unsterblichkeitsforschung investieren. Nach der Abschaffung der Einsamkeit ist die Abschaffung des Todes das nächste Projekt, das auf dem Plan steht.

    Was den Menschen auszeichnet, ist, dass er in seiner Entwickung, stärker aufs kollektive Bewusstsein als aufs individuelle gesetzt hat. Der Mensch wird heute nur als Kollektiv intelligenter, als Individuum ist er dümmer und weniger fähig als seine Vorfahren. Entsprechend dieser Entwicklung wird die Angst vor der Einsamkeit natürlich immer größer.

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    1. "Der Mensch wird heute nur als Kollektiv intelligenter, als Individuum ist er dümmer und weniger fähig als seine Vorfahren. "
      Damit kann ich leider garnichts anfangen. Das bedarf näherer Erläuterung.

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    2. Das mit der Beschäftigung mit diesen Ängsten hast du sehr gut ausgedrückt, das kann ich nur unterschreiben. Ich habe in meinem Leben genau das durchgemacht (die Links oben im Text gehen zu diesen Berichten): Ich war sehr schizoid veranlagt und habe das geradezu gefeiert (und ich bin immer noch sehr gern allein). Bis ich einen wirklichen Zusammenbruch mitten im Philosophiestudium hatte und dadurch erkannte, dass dieses Feiern der Einsamkeit naiv und kindisch war, denn ich gaukelte mir vor, niemanden zu brauchen und feierte das als Stärke. In Wirklichkeit war es eine Schwäche, ein Ausblenden der anderen Seite im Leben. Die Seite der Familie, der Liebe, der Freundschaft - all das habe ich durch den Zusammenbruch schätzen gelernt. Nun habe ich beides, ich bin sehr stark allein, brauche tagelang niemanden, fahre allein in den Wald campen und gehe jedem aus den Weg. Auf der anderen Seite habe ich nun Menschen, die mich schätzen oder lieben, die mir viel bedeuten, die z.T. auch von mir abhängig sind (mein Sohn). All das ist Leben, vollstes Leben, alle Seiten, nicht nur einseitig individuelle Stärke. Zur Verfügungstellen dieser Stärke ist geradezu meine moralische Pflicht.

      Sich zurückziehen und denken, man braucht niemanden und man ist viel hellsichtiger als alle anderen, das ist leicht aber auch pubertär. Die zweite Seite ist schwieriger und macht dich zum Erwachsenen.

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    3. Sehr interessant was Du da schreibst. Ich bin auch sehr schizoid geprägt und balanciere gerade wohl gerade auf dieser Grenze des Zusammenbruches. Ich bin ständig alleine, seit weit über 10 Jahren. Keine Beziehung, keine Kinder, keine Freunde. Aber ich empfinde keine Einsamkeit, keine Sehnsucht oder ein Verlangen nach anderen Menschen. Da ist nichts. Man steht in den Bergen und ruft "Echo" ... aber es kommt nichts, obwohl es das doch müsste, wenn der Mensch so ist, wie hier beschrieben? Hellsichtiger als andere sehe ich mich nicht, dennoch treibt es es mich immer mehr von Menschen und Gesellschaft weg als hinein. Meine Zukunft sehe ich eher abseits, einzelgängerisch und unabhängig. Keiner braucht mich, ich brauch keinen. Sicher sehe ich das aber nicht als Stärke, eher neutral. Halte mich dabei weder für besser noch für schlechter. Zu tiefe Bindungen zu anderen Menschen empfinde ich pauschal eher "schmerzend" anstatt das diese mir gut tun. Können, nicht müssen ... die Wahl haben ist mir immer wichtig. Das schließt nur tiefere Bindungen ohne hin aus, da diese ja eine gewisse gegenseitige Treue, Loyalität und VerPFLICHTung beinhalten.

      Mein Wille kämpft gegen das (soziale) Wesen in mir. Schizoid eben, voneinander abgespalten. Das zerreißt schon irgendwie. Kann das alles sehr gut verstehen, habe selbst derzeit sehr große Mühe damit umzugehen ...

      Erlaube mir die vielleicht etwas persönliche Frage: Was genau hat Dich denn dazu gebracht, es rückwirkend als kindisch, naiv und pubertär zu betrachten? Tue ich nicht, etwas vielleicht ... ich will versuchen das zu verstehen. Bezweifle nur ob ich das kann. Ich bin häufig eher den Menschen und des Mensch seins überdrüssig. Ich sehne mich eben gar nicht nach "vollstem Lebem"! Ganz im Gegenteil ...


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    4. Das mit dem pubertär und kindisch meine ich wirklich für mich selbst. Ich kann für niemanden anders sprechen oder über andere urteilen. Aus meiner jetzigen Perspektive stellt es sich so dar, dass ich meine Unfähigkeit zu einer Stärke verklärt habe, gekoppelt mit Ideen von "ich bin was besodneres" und "ich brauche niemanden". Das hat sich im Nachhinein alles als Blödsinn erwiesen, denn in meinem Zusammenbruch habe ich auch bemerkt, wie fragil diese eingebildete Stärke ist. Ich habe mich also einfach nur typisch pubertät selbst üerschätzt.

      ich habe das hier ausführlicher geschildert: Schizoid - die Angst vor dem Ich-Verlust.

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    5. Ich habe hier übrigens gerade zu der These, dass wir nur in Beziehungen zu anderen exostieren können ein sehr passendes Interview mit dem Primatenforscher, Sprachwissenschaftler und Philosophen Michael Tomasello gelesen: "Letztlich geht es darauf zurück, dass die menschliche Lebensform auf Kooperation basiert. Unsere Spezies begann in Form von miteinander kooperierenden Jägern und Sammlern." "So ist bereits das, was wir Kindheit nennen, eine evolutionäre Besonderheit. Beim Menschen ist diese Lernphase nun besonders lang. Selbst mit drei oder vier Jahren kann ein Kind noch lange nicht selbst für sich sorgen. Will es überleben, muss es lernen, sich sowohl an seine Umwelt als auch an das Verhalten der Gruppe anzupassen, in die es hineingeboren wird." Ich empfehle sehr die Lektüre des gesamten Textes!

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  3. Wer mit "gewissermaßen", "beinahe" und Konjunktiven arbeitet, sollte keine steilen Thesen aufstellen, die noch dazu auf längst überholte Kollektiv-Vorstellungen rekurrieren ... und am Ende eingestehen, dass er nur ein bisschen Aufmerksamkeit haben wollte und es nicht so ernst gemeint hat. Ich lese hier ab und zu rein, sonst wird wenigstens der letzte Part ausgespart und es ist ein bisschen verquastes Rumgeier mit großen Namen und Begriffen - aber ein abgeschwächtes Ende, das geht gar nicht.

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    1. Sie müssen aber erst mal richtig lesen lernen, bevor Sie andere kritisieren. Im ersten Absatz steht ganz klar "auf den ersten Blick steile These" und der Rest des Beitrags argumentiert ja genau in die Richtung, dass es keine steile These ist, sondern eher eine philosophische Selbstverständlichkeit. Insofern ist das Ende nicht abgeschwächt, sondern einfach folgerichtig.

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  4. Ich denke, wir leben da in einem seltsamen Spannungsfeld: Einerseits mittendrin und ständig am Raushauen (zumindest viele von uns) in den sozialen Medien und zugleich tief im Inneren einsam. Denn der Mensch braucht meines Erachtens nicht igrendwelche andere Menschen, sondern die, bei denen er ganz er selbst sein kann. Die stiften Heimat. In einer Welt, in der keiner mehr so genau weiß, wie es richtig wäre, zu sein, weil so viel möglich ist, und deswegen immer krassere Ideale laut propagiert werden, ist Heimat umso wichtiger.

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