20. Januar 2018

Der Urmensch und der Motor der Geschichte

Ein einmalig raffiniertes Tier

"Es ist ein sonderbarer, surrealistischer, doch naheliegender Gedanke,
daß dieser Erdball seinen Weg weiterstürmt, umkreist von den neuen Monden,
nämlich den Paketen des giftigen Atommülls, die man in die Stratosphäre hinausschießt,
während irgendwo immer noch die Indianer den Tanz des roten Felsenhahns aufführen."
(Arnold Gehlen, Urmensch und Spätkultur, S. 307)

Parallele Welten um 1900: Eine Saami Familie in Norwegen, Nomaden zwischen Steinzeit und Moderne

Die Geschichte ist nicht gerecht und die Evolution ein brutaler und blinder Prozess, so könnte man Yuval Noah Harari zusammenfassen, wenn er in seinem Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit der Zeit hinterher trauert, als der Mensch in Gestalt des Homo erectus, Homo ergaster, des Neandertalers und schließlich für einige zehntausend Jahre auch als Homo sapiens in kleinen Horden sammelnd und jagend durch die Wälder und Savannen streifte. Denn es blieb uns aus evolutionären Gründen nicht vergönnt, diese von Harari sehr romantisch dargestellte Lebensweise aufrecht zu erhalten. Dabei hat der Mensch als Gattung sehr wohl die meiste Zeit, nämlich zweieinhalb Millionen Jahre, als Jäger und Sammler und erst seit relativ kurzen zehntausend Jahren als seßhafter Bauer und Handwerker (und jetzt knowledge worker) gelebt.

"Die landwirtschaftliche Revolution läutete [...] keine Ära des angenehmeren Lebens ein, ganz im Gegenteil, der Alltag der Bauern war härter und weniger befriedigend, als der ihrer Vorfahren." (Eine kurze Geschichte der Menschheit S. 104)

Harari führt weiter aus, dass die Arbeit der Jäger und Sammler interessanter gewesen wäre, auch hätten sie sich gesünder ernährt, mehr Freizeit gehabt und weniger unter Krankheiten gelitten. Eine argumentative Schwäche ist hier sicher, dass Harari selbst sagt, wir wüssten so gut wie gar nichts über den Alltag der Menschen, die uns keine Schriften hinterließen und andererseits will er wissen, dass sie ein freizeitorietiertes, interessanteres und angenehmeres Leben hatten. Ich weiß auch nicht, wie man so ganz sicher sagen kann, dass Jäger und Sammler generell weniger gearbeitet hätten. Das wird wohl sehr von den jeweiligen Umständen und der Verfügbarkeit von Nahrung im Revier abgehängt haben, vielleicht auch von den Jahreszeiten. Auf jeden Fall wird hier ein Bild von relativ friedlichen und freien Kleingruppen von Urmenschen gezeichnet, die in einer Art Paradies "wilde Feigen pflückten" und es sich gut gehen ließen.

Der edle Wilde als Naturzustand des Menschen

Harari hat einen originellen Blick auf die Evolution, wenn er meint, dass sie zugunsten der Gattung und zwar quantitativ, aber nicht qualitativ und erst Recht nicht auf Ebene des Individuums im Auftrag des Lebens wirke. Mit anderen Worten: Die Population wird größer, selbst wenn die Lebensqualität und durchaus auch die Lebenserwartung abnimmt. Für die Menschheit bedeutete das, dass es ihr durch die Landwirtschaft möglich wurde, sich über den ganzen Erdball in immer größeren Gruppen auszubreiten, aber um den Preis des verlorenen Paradieses der Jäger und Sammler. Noch origineller wird Hararis Perspektive auf die Evolution, wenn er den Menschen als eine Art Wirtstier beschreibt, auf dessen Kosten sich der Weizen als wahrer Gewinner der Evolution über den ganzen Erdball verbreitete. Wie genau?

"Indem er den armen Homo sapiens aufs Kreuz legte. Diese Affenart hatte bis vor zehntausend Jahren ein angenehmes Leben als Jäger und Sammler geführt, doch dann investierte sie immer mehr Energie in die Vermehrung des Weizens. Irgendwann ging das so weit, dass die Sapiens in aller Welt kaum noch etwas anderes taten, als sich von früh bis spät um diese Pflanze zu kümmern." (a.a.O. S. 105)

Diese Originalität in der Perspektive zeichnet das ganze Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit aus, zudem ist es sehr leicht "wegzulesen", man benötigt so gut wie gar keine geschichtlichen Vorkenntnisse. Was die Jäger und Sammler angeht, zeichnet Harari ein romantisiertes Wunschbild einer verlorenen Zeit des edlen Wilden, das gar nicht verifizierbar ist. Auch wenn einige Aspekte dieses romantischen Bildes nicht ganz unplausibel sind, z.B. wenn Harari darauf hinweist, dass die Physis des Menschen seit über zwei Millionen Jahren an die Art der Bewegung und Ernährung des Jagens und Sammelns angepasst war, bevor es zum Ackerbau kam. Dabei ist Physis gerade beim Menschen nicht alles, die intellektuelle Entwicklung findet in diesem Bild keinerlei Wertschätzung.

Seit wann ist der Mensch ein Mensch?

Der Ackerbau widerum kam auch nicht plötzlich, sondern schlich sich in den Alltag der Jäger und Sammler durch erste domestizierte Tiere und Pflanzen. Wir kennen das heute noch von ganz wenigen Nomaden- und Hirtenvölkern in Asien, Afrika und in der Nordpolarregion, die sozusagen zwischen Jäger und Sammler auf der einen und seßhaften Bauern auf der anderen Seite stehen. Die gehaltenen Tiere und Pflanzen erforderten schließlich immer mehr Zeit und Aufwand, der sich auf den ersten Blick zu lohnen schien, weil er Unabhängigkeit von äußeren Einflüssen und Jahreszeiten versprachen und zudem noch relativ ungefährlich waren. Der Mensch, so Harari, tappte in die Falle, denn was folgte, waren Bevölkerungsexplosion, Arbeitsteilung, Krankheit, Hierarchien, Transport- und Zahlungsmittel, Krieg, Sklavenhalterschaft und "der Rest ist Geschichte", wie man so schön sagt.

Der Punkt für Harari ist also, dass der "Naturzustand" des Menschen das gemeinschaftliche Jagen und Sammeln in Kleingruppen war. Das ist interessant, denn die unbestrittene Position der philosophischen Anthropologie (Max Scheler, Helmut Plessner und Arnold Gehlen) ist, dass der Mensch "von Natur aus ein Kulturwesen" sei. Die naheliegende Synthese ist, dass der Mensch erst auf langen Wegen vom Urmenschen zum Kulturmenschen wurde. Für Harari scheint die Kultur so richtig erst nach etlichen zehntausenden Jahren Menschwerdung zu zünden also seit der landwirtschafltichen Revolution, denn erst seit dem dreht sich die Geschichte der Menschheit um die eine Frage:

"Wie organisierten Menschen ihr Zusammenleben in großen Gruppen, obwohl ihnen jeglicher biologischer Instinkt dazu abging? Die Antworten der Menschen auf dieses Problem waren die erfundenen Ordnungen und die Schrift. Diese beiden Errungenschaften schlossen die Lücke in unserem biologischen Erbe." (a.a.O. S. 168)

In der Tat ist es auch die Position der philosophischen Anthropologie, dass das menschliche Verhalten in seiner Umwelt nicht wie bei Tieren durch Instinkte abgesichert ist, sondern durch Institutionen, die Harari "künstliche Instinkte" (a.a.O. S. 201) nennt. Erst diese künstlichen Instinkte, programmiert durch raffinierte Mythen und Märchen, also Ordnungszusammenhänge wie Religionen, Kasten oder Hierarchien im Allgemeinen, hätten die Menschen in die Lage versetzt, in millionenstarken Gruppen zusammenzuleben und zusammenzuarbeiten.

Das große Unbehagen

Unter dem Strich, selbst wenn man Hararis romantische Sicht auf den friedlichen, gesunden und freien Urmenschen teilt, kann man wohl sagen, dass die Entfernung vom Instinkt hin zur Institution ein einmalig raffiniertes Tier hervorgebracht hat. Ein Tier, dass gerade wegen seiner Instinklosigkeit, also seiner Offenheit und extremen Anpassungsfähigkeit, wirklich in jedem Winkel der Erde leben kann. Ein raffiniertes Tier, das dank Sprache und später Schrift Unmengen an Informationen speichern und austauschen kann, das die Lichtgeschwindigkeit beherrschen lernt und so etwas wie Antimaterie herstellen kann, etwas, das ohne ihn in der Natur gar nicht möglich wäre. Dieses Tier lebt im Luxus, kann sich jeden Wunsch erfüllen, ist von Lust getrieben, versetzt sich in erweiterte Bewusstseinszustände und treibt die Entlastung bei einem Höchstmaß an Lebenszeit ins Extrem. Dieses Tier ist eigentlich ein Gott! Aber was ist der Preis dafür?

Wir haben dafür viele Ausdrücke gefunden, zum Beispiel "Entfremdung" oder "das Unbehagen in der Kultur" oder "die Vertreibung aus dem Paradies". Die Kultur unserer Gesellschaften in Form von Institutionen kann nicht auf alle unsere zum Teil widersprüchlichen Bedürfnisse Rücksicht nehmen, auch wenn es eines der modernen Versprechen ist, zumindest die Erfüllung der menschlichen Grundbedürfnisse zu garantieren. Aber erinnern wir uns an die Natur und ihren blinden, brutalen Prozess der Evolution, in dem es gar keine "Menschenrechte" oder sonst irgendwie individuell relevante Rücksichtsnahmen gibt. Kulturen, so Harari, seien immer voller Widersprüche, die nach Auflösung verlangten. Und eben diese Harnonisierung kann nicht stattfinden, ein Unbehagen und stetige Konflikte sind die Folge.

"... Widersprüche sind unvermeindlicher Teil jeder menschlichen Kultur. Mehr noch, sie sind der Motor der Geschichte und machen unsere Art so kreativ und dynamisch, wie sie ist." (a.a.O. S. 203)

Ganz genau so finden wir das auch in der Institutionenforschung der philosophische Anthropologie wieder, zu deren Haupterkenntnissen zählt, "dass in Institutionen Spannungen nicht vernichtet, sondern widerspruchsvoll stabilisiert werden." (Karl-Siegbert Rehberg im Vorwort zu Arnold Gehlens Urmensch und Spätkultur, S. XVIII) Als Beispiel können wir hier Grundkonflikte heranziehen wie den zwischen Sicherheit und Freiheit oder, um an eines der grundlegendsten modernen Gründungsereignisse anzuknüpfen, den zwischen Gleichheit und Freiheit. Diese Spannungen werden nicht aufgelöst, können nicht aufgelöst werden, vielmehr hält diese Spannung das Gerüst unserer modernen Gesellschaften aufrecht.

Warum ist diese Erkenntnis heute so wichtig? Ich habe das Gefühl, wir sind im Moment wieder höchst ungeduldig, wenn wir nicht jeder genau das bekommen, was wir zu verdienen meinen, und zwar sofort. Wir sind nicht frei genug wegen all der Bürokratie um uns herum, also Vorschriften weg oder am besten gleich Reichsbürger werden. Wir sind nicht sicher genug, also Grenzen wieder dicht und Kameras mit Gesichtserkennung installieren. Und was ist eigentlich mit meiner Rente – ist die noch sicher? Hoffentlich kümmern sich irgendwelche Bürokraten darum.

Manchmal glaube ich, wir sollten mal durchatmen und realisieren, worüber wir uns eigentlich beklagen. Darüber, dass wir Menschen mit verschiedenen Bedürfnissen sind, die zwar nicht alle bedient werden können, aber die doch immerhin durch die von uns geschaffenen und immer weiter verfeinerten Institutionen einen humanen Ausgleich erfahren? Das nenne ich mal ein hohes Niveau. Wir können entweder weiterjammern oder die in dieser Erdgeschichte einmaligen Chancen und Annehmlichkeiten nutzen und das Beste daraus machen.

Ich hoffe, es gibt sie immer noch, die Indianer am Amazonas, die den Tanz des roten Felsenhahns aufführen. Wenn sie noch tanzen, dann nicht mehr lange. Es dröhnt der Motor der Geschichte.



Das könnte dich auch interessieren:

Kommentare:

  1. Gilbert, ich habe das Buch, das Du anführst, nicht gelesen, aus prinzipiellen Gründen.
    In der mir zur Verfügung stehenden Zeit lese ich vornehmich Sachbücher von Wissenschaftlern wie Kempermann, in deren Bücher jedes Wort abgewogen ist und das, was man liest, für bare Münze genommen werden kann. Und da, wo Kempermann nichts Eindeutiges sagen KANN, da drückt er dies auch aus und spricht von Hinweisen.
    Nichts gegen phantasievolle Erörterungen, doch ich als wissenschaftlicher Laie wünsche mir im Wissensdschungel greifbare und feste Wahrheiten.
    Es ist doch so, wie ich in Robert Sapolskys neuestem Buch mal wieder merke, daß das was man entdeckt und zusammenträgt, dermaßen sprunghaft anwächst und daß, wenn man diese Dinge in eine gute Zusammenschau bringen kann, dies aller Ehre wert ist.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Gerhard, danke dir für deinen Kommentar. Das kann ich gut verstehen und finde es richtig, sich seine Quellen genau auszusuchen, denn wir haben alle nur endlich lange Zeit.

      Ich denke aber, dass Harari durchaus ein ernstzunehmender Geschichtswissenschaftler ist. Hier hat er ein populärwissenschaftliches Buch geschrieben, dass vielleicht zu großen Wert auf den populären Teil legt. Aber das heißt nicht, dass er unredlich vorgeht oder argumentiert. Er würde ja sonst auch vor seinen Fachkollegen die wissenschaftliche Ehre aufs Spiel setzen. Es ist auch eine Kunst, solche Sachverhalte gut lesbar auszuführen.

      Die beiden von dir genannten Autoren werde ich mir gleich mal ansehen. Lieben Dank!

      Löschen
  2. Als Jäger und Sammler hatten wir es bestimmt gut, wenn grade gutes Klima und Wetter war und alle Nahrung prosperierte...
    Auch haben die ersten modernen Menschen Afrika frühestens vor ca. 59.000 Jahren Afrika verlassen. Und spätestens in Mitteleuropa mit seinen Wintern war dann Jagen und Sammeln sicher nicht mehr so easy, stelle ich mir vor.

    Einen festen "Naturzustand" irgendwelcher Wesen gibt es m.E. nicht, sondern immer nur den Zustand, der in der jeweiligen Umwelt gerade erreicht ist und sich im ständigen Wandel befindet. (Im Moment passen wir uns dem technisch bedingt schnellen Wandel hin zum Büromenschen durch Medikamente an, die trotz der ganzen "Zivilisationskrankheiten" eine recht hohe Lebenserwartung ermöglichen. Übrigens ein Grund für die immense Macht von BigPharma).

    Man will den Eisbär retten - für mich spätestens dann unsinnig, wenn es keine eisige Lebenswelt mehr für ihn gibt. Es ist einfach der Bär, der sich farblich angepasst hat. Was ist da "Naturzustand"?

    Ich frage mich: Was motiviert dazu, die Jäger- und Sammler als paradiesische Naturmenschen mit viel "Freizeit" hinzustellen? Das Konzept Freizeit hat nur Sinn im Kontext (ein Stück weit entfremdeter) Arbeit, die es so ja auch nicht gab.

    Wir brauchen keine glorreiche Freizeit-Urzeit, um zu fordern, dass Menschen verdammt nochmal nicht den Großteil ihrer Lebenszeit mit Arbeit verbringen sollten! Kunst und Kultur, Spiel und Sport, Geselligkeit und Beziehungspflege, Erotik/Sex, Muße zum Philosophieren, Kontemplation und Meditation - es gibt so viel Anderes und Besseres zu tun als Erwerbsarbeit, die nur stattfindet, um den heute nötigen Lebensstandard zu halten. Ein Skandal ist das, grade angesichts einer entwickelten Technik, die - eigentlich - viele Arbeit überflüssig macht und noch mehr machen wird.

    Wir müssen nicht nostalgisch zurück schauen auf Urzeiten, sondern nach vorne - und endlich die weitere Befreiung vom Zwang zur Erwerbsarbeit einfordern!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das Wort "Naturzustand" ist auf den Menschen angewendet ohnehin nur ironisch zu nutzen, wenn man in der westlichen Geistestradition redet, nach der der Mensch eben "Kultur" ist (zumindest alles nördlich vom Bauchnabel). Darüber hinaus könnte man argumentieren, dass es eigentlich nur Naturzustände gibt und nichts anderes, dass die Natur schließlich auch das hervorgebracht hat, was wir Kultur nennen.

      Deinen Hinweis auf den ständigen Wandel, indem es kein Original gibt, finde ich auch interessant. Würdest du dann sagen, dass die Anthropologie völlig fehlgeleitet ist, wenn sie danach sucht, "was den Menschen ausmacht"? Solch eine Position könnte man gut verargumentieren.

      Ich weiß gar nicht, ob Harari nostalgisch zurückschaut, um ein Ziel wie z.B. die Abschaffung des Arbeitsfetisches zu erreichen. Mir kam es so vor, als wenn er einfach originell sein will und mal einfach eine Gegenthese zum klassischen Fortschrittsgedanken aufmachen will.

      Davon abgesehen: Jawoll! Weniger Arbeit und wieder lernen, mit freier Zeit umgehen zu können. Das täte uns gut.

      Löschen
  3. Erstmal muss ich mich korrigieren: Die Menschen haben schon viel früher Afrika verlassen - da hatte Wikipedia mal nur einen lange veralteten Stand zu bieten. Hier ein ganz aktueller Artikel:

    "Menschen verließen Afrika früher als gedacht - In Israel fanden Forscher das älteste Fossil eines Homo sapiens, das jemals außerhalb Afrikas ausgegraben wurde: einen 180.000 Jahre alten Oberkiefer."

    Der Inhalt ist auch relevant für deine Nachfrage nach dem genuin Menschlichen im Sinne der Anthropologie:

    "Der Oberkiefer mit seinen acht Zähnen hat demnach ein Alter von 177.000 bis 194.000 Jahren. Dabei wies er sowohl Merkmale von modernen Menschen als auch von anderen Menschenarten, etwa dem Neandertaler, auf. "Eine der Herausforderungen in dieser Studie bestand darin, Merkmale in Misliya-1 zu identifizieren, die nur in modernen Menschen zu finden sind", sagte Co-Autor Rolf Quam von der Binghamton University (USA). Die Forscher fanden die eindeutig modernen Kennzeichen bei den Schneidezähnen und dem Eckzahn.

    "Die Kombination der Merkmale ist charakteristisch für Homo sapiens", bestätigen auch Chris Stringer und Julia Galway-Witham vom Natural History Museum in London"

    Hier wird deutlich, dass sich die Natur (auch unsere menschliche) nicht wirklich scharf in unsere Kategorien einpasst. Wir definieren halt immer selbst (bzw. die Antropologen), was das Menschliche ist oder was den "modernen Menschen" ausmacht - und die Wirklichkeit zeigt statt dessen ein weites Feld mit Mischtypen.

    Soviel ich weiß, ist für den Homo Sapiens nach herrschender Meinung ein besonders entwickeltes Großhirn wesentlich. Da mittlerweile dieser Menschentyp sich als viel viel älter heraus stellt als gedacht, frag ich mich: Warum ist so lange nichts passiert? Mit Mega-Brain hunderttausende Jahr gemütlich gejagt und gesammelt und sonst nichts! Seltsam, oder?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wow, wie interessant, danke dir!
      Was ich auch denken musste bei dem Zitat: Wenn die nur einen Oberkieferknochen fanden, wer weiß: vielleicht hat nur ein Monstervogel oder Fisch an der afrikanischen Küste einen Menschen verschlungen und das unverdauliche in Israel wieder ausgeschieden :)

      Egal, deine Auffassung von den Misch- oder Übergangsformen halte ich für völlig korrekt. Das hat mich bei der historischorientierten philosophischen Anthropologie auch immer gestört, dass sie da von irgend einer nie existierenden Laborsituation ausgegangen sind.

      Harari sagt übrigens zu deiner Frage, warum so lange nichts passiert war: Landwirtschaftliche Revolution! Erst die hat große Mythen, Geld, Sprachen etc. notwendig gemacht, weil sie große Gruppen von Menschen zusammenzwang. In der Kleingruppe der Jäger und Sammler waren all diese Kommunikationsformen nicht nötig und entwickelten sich daher nicht.

      Löschen
  4. Ich empfinde die Darstellungen in dem Buch gar nicht romantisierend. Bei der Vorstellung, dass zu jener Zeit nur ein Bruchteil der heutigen Weltbevölkerung über den Planeten streifte ist ein paradiesisches Leben durchaus denkbar. Vielmehr ers hreckt mich deine idealisierte, vielleicht auch romantisierte Darstellung der Gegenwart. Eine Gegnwart, in der der Grossteil der Menschheit sich die einfachsten Grundbedürfnisse nicht erfüllen kann.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Mathias, danke für deinen Kommentar! Es war nicht meine Absicht, etwas zu romantisieren und wenn ich den Artikel noch einmal lese, finde ich gar keine "idealisierte, vielleicht auch romantisierte Darstellung der Gegenwart." Kannst du mir helfen und sagen, auf was genau du dich in dem Artikel beziehst?

      Was ich bei Harari als romantisierend kritisiere, ist dieses Klischee des "edlen Wilden", der frei durch die Gegend lief und wie im Schlaraffenland lebte. Das ist sehr unwahrscheinlich. In den meisten Fällen dürfte das Leben sehr hart gewesen sein, stell dir nur vor: All das Jagen und Sammeln z.B. ohne medizinische Versorgung. Jeder entzündete Zahn bedeutete das Aus für den Betroffenen. Die Kindersterblichkeit muss hoch gewesen sein (denn schon damals waren wir aufrechtgehend mit einem zu kleinen Becken) und es muss lange Phasen der Nahrungknappheit gegeben haben.

      Die andere romantische Idee ist die, dass der Mensch damals im Einklang mit der Natur lebte, was nachweislich nicht stimmte. Die Jäger und Sammler haben so gut wie alle großen Landsäuger ausgerottet, die ihnen in den Weg kamen, wie z.B. das Mammut im Norden oder die Riesenfaultiere in Südamerika. Schon damals rodete der Mensch Wälder und vernichtete die Natur, wo es nur ging. Das war lediglich deshalb erträglich, weil es vor der Agrarrevolution so wenige Menschen waren. Nach dieser Revolution ging es freilich noch schlimmer weiter, das will ich auch nicht romantisieren.

      Das sind nur ein paar Gedanken zum "edlen Wilden", da gibt es sicher noch mehr. Siehe auch Claudias interessante Statistiken der Verbesserungen, obwohl wir daran gewöhnt sind zu denken, dass alles immer schlimmer wird.

      Löschen
  5. @Matthias: ein Großteil? Soooo groß ist der Teil gar nicht mehr und er sinkt. Siehe den UN-Bericht zur nachhaltigen Entwicklung 2017:

    http://www.un.org/depts/german/millennium/SDG%20Bericht%202017.pdf

    demnach lebten in extremer Armut:

    1999: 1,7 Milliarden
    2013: 767 Millionen

    Wachstumshemmung / Unterernährung

    2000: 198 Millionen
    2016: 155 Millionen

    Die Müttersterblichkeit fiel von 2000 bis 2015 weltweit um 37 Prozent.

    Zweifellos geht es noch viel zu vielen Menschen nicht gut, aber es verbessert sich eben auch was.

    AntwortenLöschen

Top 5 der meist gelesenen Artikel dieser Woche