21. Mai 2020

Fortschritt und Enttäuschung

Modernisierung als Entlastung und Verdichtung

"Sie wollten den Fortschritt und 
was sie bekommen haben, 
ist die Komplexität." 
(Peter Sloterdijk)

In diesem Artikel werden wir sehen, wie der falsche Begriff zur falschen Zeit eine ganze Gattung an einen Abgrund von unermesslichen Kosten und tiefer Enttäuschung führt.

Fortschritt ist etwas, ohne das wir uns heute gar nicht denken können. Wir verstehen uns als Ergebnis und Urheber des Fortschritts. Er muss überall sein, ansonsten macht unsere Existenz keinen Sinn. Und er weist immer linear von einem defizitären Moment aus der Vergangenheit in einen besseren Moment in der Zukunft. Dabei war bis zur Antike nur eine runde Sache eine gute Sache. Die Welt war gut und alle Entwicklungen liefen als ewige Wiederholungen ab. Das war das große Rad des Lebens. Heute kennen wir das nur noch aus dem Recycling und auch das ist nur nötig, weil wir das Ressourcenproblem (die Erde als ein geschlossenes System) noch nicht gelöst haben. Diesen Rohstoffkreislauf werden wir aber mit Müllkippen auf dem Mond und Rohstoffminen auf anderen Planeten auch bald abschaffen. Woher kommt dieses Denken in geraden Linien, dieses Denken in Bahnen des Fortschritts, das uns unermessliche Schulden und eine tiefe Enttäuschung einbrachten? Peter Sloterdijk macht dafür einen tiefgreifenden Sinneswandel am Beginn der Moderne verantwortlich:

"...die Umstellung von einer Metaphysik der fertigen Welt zu einer Metaphysik der unfertigen Welt. Das heißt, wir haben von dem Begriff der Schöpfung, also des fertigen Werks, umgestellt auf den Begriff der graduellen Entwicklung – vom vollendeten Sein zum relativen Werden." (Sloterdijk, S. 256)

Bei Platon gab es noch die perfekten Urbilder aller Dinge, nach denen sich alles realisierbare zu richten hatte. Heute ist jedes etwas nur eine Absprungplattform seiner optimierten Version, alles ist immer erst mal Beta-Version oder V 1.0 und muss verbessert werden. Das ist natürlich auch irgendwie anstrengend und vielleicht gar kein richtiger Fortschritt mehr, sondern eher inkrementelle Verbesserung aller bereits erfundenen Technologie. Sowohl gesellschaftlich als auch technologisch scheint ein Ende des Fortschritts absehbar zu sein, ohne dass man – gerade was die Gesellschaft angeht – von zufriedenstellenden Zuständen in der Breite sprechen könnte.

Teil des Problems unserer Fortschrittsideologie ist es, dass wir eigentlich nie dahin streben, irgendwo anzukommen, es muss immer weiter gehen. Im Vorzeigeland der Fortschrittsgläubigkeit ist es deswegen auch das Recht eines jeden Bürgers, dem Glück hinterherzurennen, es zu suchen und zu verfolgen – "Persuit of Happiness". Vom Recht eines jeden Bürgers auf ein Leben im Glück ist jedoch keine Rede. Aber diese Bewegungsmetaphern des Fortschreitens, Hinterherlaufens und Aufbrechens, die im Konzept Fortschritt stecken, kommen aus einer Zeit des tatsächlichen Aufbruchs (siehe die Konquistadoren ab dem 16 Jahrhundert) und reichen weder aus, um die derzeitigen technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen zu fassen, noch um ein attraktives Zielbild moderner Existenz zu zeichnen. Denn, wer will schon immer hinterherrennen? Irgendwo ankommen, das wäre schön.

Auch Peter Sloterdijk sieht zum einen unsere wahre Aufgabe darin, dass wir lernen, in den bald vollendeten Modernisierungen anzukommen und sieht zum anderen, dass die Fortschrittsmetapher nicht geeignet ist, derzeitige Entwicklungen zu beschreiben, ja dass sie deswegen sogar zu massiven Enttäuschungen in der westlichen Welt führt. Anstatt die stattfindenden Modernisierungen als Fortschritt zu bezeichnen, bringt Sloterdijk die Begriffe Entlastung und Verdichtung als analytische Werkzeuge zur Beschreibung der Modernisierung in Stellung.

Entlastung als anthropologische Konstante, Kosten und Folgen

Spielt man mit dem Begriff Entlastung, kann man heutige Phänomene auf interessante Weise neu beleuchten, zum Beispiel die Ausbeutung der Natur oder die Gründe für schwindende Bereitschaft, sich religiös zu binden. Außerdem öffnet der Begriff einen Zugang zu Phänomenen, die unserem Fortschrittsdenken zu verdanken sind, ohne dass der Begriff Fortschritt auf sie hinweist.

Sloterdijk verweist auf Gehlens Kategorie der Entlastung als die wichtigste Kategorie der modernen Humanwissenschaften. Und tatsächlich beschreibt Gehlen nicht den menschlichen Fortschritt mit dieser Kategorie, sondern den Menschen überhaupt. Alles laufe bei der menschlichen Entwicklung (als Gattung und als Individuum) auf Entlastung (und damit unweigerlich auf Entfremdung) hinaus. Der Mensch kann nur existieren, wenn er sich von den natürlichen Zwängen, von den ökologischen Nischen emanzipiert, entlastet und entfremdet. Jeglicher kleiner und großer Fortschritt kann so beschrieben werden, zum Beispiel entlasten sich die frühen fortschrittlichen Menschen schon bald vom Tragen und Laufen, indem sie Tiere dafür einspannten. Auch der noch frühere Faustkeil oder das gezähmte Feuer entlasteten den Menschen, seine Zähne und Hände und ermöglichten ihm, an Nahrung und Werkzeuge zu kommen, die ihn dann weiter entlasteten. Durch solche Entlastungen werden jeweils die nächsten Fortschritte der Gattung möglich, zum Beispiel Distanzwaffen dank geschmolzenem Eisen. Heute sind wir an einem Punkt, an dem man sich fragt, wie man die Gattung eigentlich noch physisch entlasten kann, wenn der Arbeiter zum Nutzer wird, der die Welt mit einem Auflagedruck von fünf bis zehn Gramm steuert (Sloterdijk, S. 263 f.). Wir bewegen tonnenweise Lasten bis ins Weltall und alles, was wir dazu brauchen, ist der Druck auf einen Knopf, die Bewegung einer Maus, das Neigen eines Joysticks, ja letztlich nur noch ein Sprachbefehl. Die nächste denkbare Entlastung wäre nur noch die Telepathie, also das Steuern der Welt mit Gedanken.

Der unter Fortschrittsgesichtspunkten wichtigste Aspekt der Entlastung ist, dass es den Menschen damit immer besser geht – er muss nicht mehr selbst den Pflugschar ziehen, das macht jetzt der Ochse. Tonnenweise Lasten von A nach B mit einer bloßen Geste zu bewegen, ist vielleicht der Endpunkt der physischen Lebenserleichterung und des Sich-gut-gehen-Lassens. Wo der Begriff der Entlastung etwas aus dem Fortschritt hervorzerrt, das der Fortschrittsglaube gern ignoriert, ist die Frage auf wessen Kosten wir uns entlasten:

"... denn die Entlastung des einen muß naturgemäß die Höherbelastung eines anderen nach sich ziehen [...] Wenn beispielsweise die meisten Menschen in der westlichen Welt heute nicht mehr hungern, hat dies unter anderem damit zu tun, daß eine beispiellose Lastenverschiebung auf Kosten der Nutztiere geschehen ist – die Massentierhaltung hat ein unermeßliches animalisches Proletariat erzeugt, dessen Lebensbedingungen nicht nur für Konservative skandalös sind." (A.a.O., S. 264 f.)

Damit schließen wir ein ethisches Verständnis von Fortschritt auf, wir können nach Gerechtigkeit und Vertretbarkeit des Fortschritts fragen, etwas das die eher auf Technik fokussierte Fortschrittsideologen lieber ausblenden. Als Antwort darauf haben wir eigentlich den modernen Staat, der zwar die Leitlinien für Gerechtigkeit bis hin zum deutschen Sozialstaat inklusive Ausstieg aus der fossilen Energiewirtschaft kenntlich macht, aber sich leider nicht souverän artikuliert und sich angesichts seiner enorm wichtigen Stellung nur sehr schlecht verkauft und inszeniert. Sloterdijk sagt, er habe keine eigene Sprache und borge sich jeweils die Sprache von anderen, im Moment die der Wirtschaft. Das lässt mich an einen verschwörungstheoretischen Standard in Deutschland denken: die BRD GmbH. Kein Wunder, dass Kleingeister auf solche Ideen kommen, wenn der Staat es versäumt, seine Werte, Aufgaben und Leistungen differenziert und verständlich zu artikulieren.

Der andere frappierende Aspekt der Entlastung neben der Frage nach seinen Kosten und der Umverteilung dieser Kosten ist, dass der Bedarf an außerweltlicher Erlösung schwindet, wenn das Leben leichter wird. Statt Erlösung suchen die Menschen heute nach Erfüllung und Verwirklichung und das meistens jenseits von sich versammelnden und betenden Großgruppen und -familien. Staat, Familie und Kirche haben es also aus jeweils ganz anderen Gründen ähnlich schwer in der Moderne.

Dichte als Folge und Zumutung der Moderne

Nach Sloterdijk ist die Zunahme an Kontakt- und Kollisionsmöglichkeiten ein essentielles Zeichen von Moderne, das wir als Komplexität im Alltag erleben. Nichts ist mehr einfach, alles kompliziert und irgendwie auch belastend intensiv. Das steht in einem spannungsvollen Zusammenhang zur Entlastung als der anderen Kategorie der Moderne. Alles wird leichter aber irgendwie auch anstrengender. Vereinfacht gesagt, ist alles so leicht und schnell geworden, dass wir immer mehr zur selben Zeit und am selben Ort tun können/müssen und das wiederum erleben wir als Zumutung und Überforderung.

"Unter dem Begriff Dichte lassen sich solche Effekte fassen: Zahllose Partikel [z.B. E-Mails, GD], zahllose Institutionen, zahllose Unternehmen, zahllose Einzelne rücken immer intensiver aufeinander zu, und das in immer höheren Frequenzen. Die Zahl ihrer Kontakte oder Kollisionen steigt exponentiell." (A.a.O., S. 267)

Von dieser Komplexität versuchen wir uns nun wieder durch die nächsten Technologien zu entlasten, z.B. indem wir unsere E-Mails nicht mehr schriftlich, sondern durch Spracheingabe beantworten. Diese Entlastung bereitet dann der nächsten Verdichtung den Weg und so weiter. Dadurch haben wir letztlich das Gefühl, dass alles immer schwieriger wird, obwohl uns der Fortschrittsgedanke doch das Gegenteil versprach. Hier finden wir die große Enttäuschung, das Abwenden vom Fortschritt und den möglichen Rückfall in als einfacher vorgestellte Strukturen. Starke Führer, feste Klassen, einfache Antworten, unhinterfragbare Wahrheiten, klare Feinde... das ist die Drift, in der wir uns befinden.

"Die zunehmende Komplexität ist eine echte Zumutung – und gegen die wird man sich früher oder später auflehnen, wenn man etwas anderes erwartet hat." (A.a.O., S. 268)

Hier ist nun das ureigenste Operationsfeld der Philosophie, denn Sloterdijk weist zurecht darauf hin, dass unsere Erwartungen eng an unsere Begriffe geknüpft sind. Wenn wir also erwarten, dass es einen ständigen Fortschritt gibt und wir nicht analysieren, was Fortschritt eigentlich bedeutet, dann sind wir für unsere Enttäuschung selbst verantwortlich. Wenn wir jedoch um die Kosten und Zumutungen wissen, weil wir sie in unseren Begriffen wie Entlastung und Verdichtung (die sonst nur in der Metapher Fortschritt versteckt sind) explizit machen, dann können wir auch unsere Erwartungshaltung und unser Agieren in der Realität anpassen.

Viele der äußerst unschönen politischen Entwicklungen sind solchen Enttäuschungen geschuldet, sie wären vermeidbar und damit auch der Niedergang der Demokratie. Und auch unser blindes Weiterwirtschaften, als gäbe es keine Kosten und Zumutungen, die aus diesem vermeintlich fortschrittlichen Handeln erwachsen, gründen in einem unklaren Verständnis, was dieser Fortschritt eigentlich sei.

Sagen wir es ganz klar und deurtlich: Fortschritt im Sinne eines Aufbruchs in eine bessere Welt gibt es nicht mehr. An seine Stelle getreten sind jetzt die Aufgaben des Managements von Kosten und Verdichtungen und das Aufklären hin zu einer realistischeren Erwartungshaltung an die Zukunft.




Das passt dazu:

Kommentare:

  1. Spannende Gedanken, inspirierende Einsichten, ein schöner Artikel!

    Ganz grundsätzlich bezweifle ich allerdings, dass sich eine relevante Mehrheit zu veränderten Begrifflichkeiten bewegen lässt - und dass die damit erhoffte Einsicht zustande kommt, bzw. wesentliche Veränderungen bewirkt. Insbesondere jene, die sich in der Drift hin zu vermeintlich einfachen Lösungen befinden, sind so wohl nicht erreichbar.

    Wie man es auch nennen mag: letztlich wollen Menschen die Verbesserung ihrer Situation, das Verschwinden vorhandener Belastungen und Leiden. Dafür bieten sich verschiedene Herangehensweisen an:

    1. individuelle Lösungen durch Verhaltens- und Zieländerungen
    2. Kooperation mit anderen Betroffenen, um gemeinsam den Missstand zu verändern
    3. Forderungen an den Staat, der solle es richten! (mit oder ohne 2.)
    4. Depressiv werden oder wütend - mit entsprechenden Folgen, Abdriften nach rechtsaußen oder in Fantasie-Welten diverser Art.
    5. Verwahrlosung, Sucht, Obdachlosigkeit... einsamer Tod in der Wohnung.

    Wer zu 1., 2. und 3. (in Verbindung mit 2.) in der Lage ist, kommt mit unserer Welt im Grunde zurecht, doch ist es nicht immer leicht, diese Möglichkeiten anzúgehen.

    Meine Idee wäre: ein "Pate für Erwachsene" für jede und jeden. Viele Menschen sind einsam, haben keine Freunde, wissen sich nicht zu helfen und reagieren irrational. Z.B. gibt es das verbreitete Phänomen, unangenehme Briefe einfach zu stapeln und wegzuwerfen, bis im schlimmsten Fall irgendwann die Wohnung weg ist!

    Die Vereinzelung ist eine negative Folge der Individualisierung, der Befreiung von vielen Zwängen, der Liberalität unseres Staatswesens. Jeder hat das Recht, sich selbst zu schaden - und erst, wenn dieser Schaden zur Gefährdung Anderer führt, kümmert sich jemand, wenn überhaupt.

    Könnte man "einen Coach für jeden" kulturell etablieren, wäre eine Menge gewonnen!

    Ja, ich weiß, ziemlich utopisch.... :-)







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    1. Danke für das Kompliment und den schönen Kommentar! Die 5er-Systematik ist ja spitze, hast du die selbst zusammengestellt? Kenne ich so nicht.

      Ich finde die Patenidee gar nicht so utopisch und denke mir, dass es solche Dinge doch vielleicht bereits schon gibt. Notwendig in unserem zur Vereinzelung neigenden Individualismus wäre das allemal!

      Zu deinem ersten Punkt: Ich glaube auch nicht, dass sich viele Menschen davon überzeugen lassen, aber das ist in sprachlichen Dingen (Ideengeschichte) auch nicht nötig, denn es gibt eine sehr kleine Gruppe an Sprachproduzenten, die den Sinn von Wörtern prägen. Stell dir vor, erst Philosophen wie Sloterdijk, dann Historiker, Autoren und schließlich Journalisten, Blogger etc. fangen an, das Wort Fortschritt zu meiden und das Wort Modernisierung mit den genannten zwei Implikationen zu nutzen... Binnen weniger Jahre könnten wir uns von dem irreführenden Begriff lösen und zu einem erhellenden Begriff kommen. Innerhalb einer Generation könnten Menschen von Misstrauen und falschen Erwartungen gegenüber dem Lauf der Geschichte befreit werden.

      Ich würde aber auch verstehen, wenn jetzt jemand sagt: Moment mal, haben wir keine größeren Probleme? Dann würde ich sagen: Akutere Probleme schon.

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  2. Ja, die 5-er-Systematik ist mir einfach so in die Tasten geflossen.

    Werde das Wort "Fortschritt" in Zukunft bewusster nutzen bzw. meiden.

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  3. Fortschritt ist ein wohl schwieriger Begriff. Was man unter ihm verstehen kann, muß ständig neu bestimmt werden.
    Persönlicher Fortschritt wäre für mich weniger Leiden.Leiden am Dasein.
    Fortschritt für die Gesellschaft wäre allene schon das ständige Ringen um Verbesserung.

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    1. Hallo Gerhard, danke für deinen Kommentar!

      Weniger Leiden am Daseion wäre jedem zu wünschen! Ich wünsche es dir!

      Das gesellschaftliche Ringen um Verbesserung ist sicher das, was am ehesten das trifft, was auch ich darunter Verstehe. Die Schwierigkeit ist zum einen, dass es so viele Teilnehmer mit so verschiedenen Interessen gibt, die alle jeweils ganz unterschiedlich urteilen, was Verbesserung ist. Beispiel:

      Einen neuen Flughaven bei Lissabon zu bauen, ist für viele Reisende ein Fortschritt. Für die Menschen, die dort lieber den Kultur-Naturverbund mit seinen Korkeichen und Störchen sehen, wäre ein Naturschutzgebiet und der Verzicht auf den Flughafen ein Fortschritt. Und Bruno Latour würde jetzt sagen, dass es noch komplizierter ist: Wir müssten auch die nichtmenschlichen Interessen dabei vertreten, also z.B. die der Eichen und Störche... Was ist für die Fortschritt?

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  4. Komplexität eines Sachverhalts erfordert im Idealfall ständiges Ringen mit kaum endgültigem Ausgang. So ähnlich wie es Evolution tut.
    Dieses Ringenmüssen und -wollen wird oft als bedrohlich empfunden.

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  5. Sehr interessanter Text! Zum Fortschritt: Das Denken in geraden Linien könnte auch der Bibel entstammen. Entgegen dem zyklischen Denken von Naturreligionen entwirft die Bibel eine Geschichte von einem perfekten Urzustand, Sündenfall und schließlich endgültiger Erlösung: eine lineare Story (nicht mein Gedanke; irgendein Literaturwissenschaftler hat das mal proponiert). Natürlich ist dieses Bild statisch und deshalb nicht wirklich mit einer Fortschrittsideologie in Einklang zu bringen, wie du schon bemerkt hast, aber der Bruch mit zyklischen Vorstellungen ist merklich. Gerade aufgrund dieses vermeintlichen antizyklischen Denkens steht das Christentum bspw. in der modernen Umweltbewegung in der Kritik (vgl. Townsend White Jr. "The historical roots of present-day ecologic crisis", wobei er andere Argumente anführt).

    Zur Entlastung: Die letzte Konsequenz dieser fortwährenden Entlastung wäre die Entlastung des Menschen von sich selbst, von der subtilen Last des bloßen Daseins. Bewusstes Dasein ist im Grunde ein Zwangszustand. Biologische Reize und Strafen empfinden ist beschwerlich, sich ihnen gegenüber verhalten müssen ist beschwerlich, ja das bloße Wahrnehmenmüssen ist letztlich beschwerlich. Werden wir uns je so weit entlasten, um diese letzte, subtilste Last wahrzunehmen und zu beseitigen?

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    1. Danke für die Präzisierung zum zyklischen vs. linearen Denken. In den westlichen Auffassungen muss sich das graduell nach der Antike und trotz der Auffassung ausgeprägt haben. Dass es dann zu wirklichem Fortschrittsdenken kam, hat dann trotz dieser linearen Story noch eine Weile gedauert.

      An diese letzte Konsequenz der Entlastung muss ich auch immer denken. Und es gibt ja diese Leute wie Ray Kurzweil, die darauf hintheoretisieren, dass wir einst nur noch als Bewusstsein und ohne Leib (und dann auch unsterblich) existieren werden. Eine konsequente Spekulation, wie ich finde, aber keine, die mit heutigen Theorien von menschlicher Existenz kohärent ist (wir sind eben doch zutiefst leiblich und auch das geistige funktioniert nur Dank des Konvergierens von Körper und Geist).

      Es gibt aber auch noch die anderen Entlastungsprediger, die aus der Gnosis kommen und bis Emile Cioran im Pessimismus zu finden sind (siehe Die vergnügliche Verzweiflung am Sein oder Misanthropie, die Erkenntnis des verletzten Lebens.

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  6. Die Frage bei der Existenz als bloßes Bewusstsein ist dann: Warum überhaupt noch existieren? Die meisten Menschen beziehen einen Sinn aus (leiblichen) Widerständen und deren Überwindung, die bei der Existenz als bloßes Bewusstsein größtenteils wegfielen. Es bliebe nur Ennui, das andere Extrem beim Pendel des Leidens. (Philosophischen) Pessimismus (Zapffe, Ligotti: Bewusstsein als Holzweg) und Antinatalismus hatte ich auch im Hinterkopf, als ich an die konsequente Entlastung dachte. Wusste nicht, dass du auch über Innozenz III. geschrieben hattest; das werde ich mir zusammen mit dem Misanthropie-Text mal genauer angucken :)

    PS: Das Buch über die Bibel als lineare Story war übrigens "The Bible and Literature: A Reader" von David Jasper und Stephen Prickett.

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  7. Ein sehr schöner Artikel, vielen Dank dafür!

    Zum Thema Entlastung würde ich auch unbedingt zur Lektüre Lacans und darauf basierend das Konzept der Interpassivität von Slavoj Zizek/ Robert Pfaller empfehlen. Es geht unter Anderem bei Pfaller um die Delegation von Genuss. Wir erfinden Kunstwerke, die sich selbst betrachten, um der Last des Genießens aus dem Weg zu gehen. Das erste Beispiel, was zum Thema Interpassivität genannt wird, ist das Dosengelächter in Sitcoms. Von Außen betrachtet könnte man meinen, dass die Darbietung bereits ihren Zuschauer inkludiert und man eigentlich gar nicht gebraucht wird.

    Manchmal frage ich mich, ob der Fortschritt in der KI-Forschung nicht letztlich diesem Zweck dienen soll. Die ganze Komplexität der digitalen Welt soll bereits ihren Rezipienten beinhalten und uns quasi "in Ruhe lassen".

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    1. Großen Dank für diese Hinweise! Es ist in der Tat skurril, sich vom Genuss entlasten zu wollen :) Bei meinem Sohn (4) sehe ich, wie er sich vom Spielen entlastet, indem er darauf besteht, dass ich spiele. Die Frage ist: Was gewinnt er dadurch? Ebenso beim Genuss: es wäre nicht einsichtig, sich davon zu entlasten, wenn man dafür nicht etwas besseres erhält. Genuss gehört ja wie Schlaf oder Faulsein eher auf die Habenwollenseite der Entlastung, dies sind die Dinge, die man erhält, wenn man sich von den belastenden Dingen (Arbeit, Denken, Laufen, Stehen) entlastet.

      Bei den Sitcoms nehme ich das eher als Versuch der Steigerung des Authentizitätserlebnisses wahr. Ist auch paradox, dass man mit Fakes, mit Täuschung die Authentizität steigern kann.

      Die KI geht ganz klar in diese Richtung, die du andeutest. Vor 10 Jahren waren alle im Business super happy und entlastet, als endlich einsehbare Online-Kalender für alle da waren. Heute ist das unzumutbar, in den Kalendern von drei Leuten einen Termin zu suchen und man deligiert das an Algorithmen. Entlastung x-ter Ordnung.

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