28. Januar 2026

Arbeit und Lifestyle im liberalen Kapitalismus

Arbeit und Zeit als Ausdruck persönlicher Freiheit

Wieso sollte ich irgend jemandem anders als meiner Mama gegenüber rechtfertigen müssen, wie viel ich arbeiten will?

Was geht euch mein Lifestyle an? 

Der peinliche Reflex in der CDU und bei anderen Wirtschaftsliberalen, die Arbeitnehmerrechte zurück zu drehen, sobald die "Nachfrage" nach Arbeitnehmern abnimmt, war vorhersehbar. Durchgehen lassen kann man es ihnen aber dennoch nicht. Wer gerade noch bei seinen Arbeitnehmern um Verständnis für Kurzarbeit oder Mehrarbeit bat (und beides zeitgleich während der Pandemie), hat nun offenbar kein Verständnis für die jeweils ganz individuellen Herausforderungen jener Arbeitnehmer? 

OK, irgendwie verständlich, wenn auch hässlich, in einem Kapitalismus, der je nach sich verändernden Umständen kleine Margen jeweils flexibel managen muss. Mann vergisst da schnell, dass man es nicht nur mit "Ressourcen" zu tun hat, sondern mit Menschen. Der liberal und individualistisch sozialisierte Arbeitnehmer fragt sich natürlich: 

Darf ich in meinem einzigen Leben auf diesem Planeten nicht selbst entscheiden, wie viel ich arbeiten möchte oder kann?

Kann es wirklich sein, dass ein Arbeitgeber, mit dem man mal vereinbart hat, 40 Stunden zu arbeiten, dann in ganz private Lebensplanung reinfunkt, wenn der Arbeitnehmer irgendwann weniger arbeiten möchte? Und der Arbeitgeber oder der Staat können entscheiden, was triftige Gründe für sich ändernde Entscheidungen über individuelle Lebenszeit sind?

Also wenn ich Angehörige pflegen muss, ist das ok, aber wenn ich z.B. 12 Stunden in einer gemeinnützigen Tätigkeit arbeiten möchte oder neben der Arbeit Kunst produziere, dann sind das keine ausreichenden Gründe? Wer sagt denn das? 

Wer sagt denn das?

Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT), also der Wirtschaftsflügel der CDU stellt die Forderung nach Abschaffung des derzeitigen gesetzlich garantierten Anspruches auf Teilzeit infrage. All dem voran steht die Bundevorsitzende Gitta Connemann.

Meine Frage wäre: Würde Connemann es sich gefallen lassen, wenn sich irgend jemand in ihr privates Zeitmanagement einmischte und ihr vorschriebe, wie viel sie zu arbeiten habe? Oder was ist mit anderen "Lifestyle-"Entscheidungen, die Einfluss auf die Gesellschaft haben? Wer fliegt Kurzstrecke? Wer fährt mit dem Auto zum Einkaufen? Wer kauft einen krummgezüchteten Hund mit zu kurzer Schnauze? All das sind Lifestyle-Entscheidungen, die Menschen treffen, ohne dass sie dafür gute Gründe haben oder sich gar rechtfertigen müssen.

Connemann, die ansonsten überall "staatliche Regulierungswut" sieht, die die Eigenverangtwortung des Bürgers liebt, auch sonst Vertrauen in den Bürger fordert und gegen staatliche Vorgaben eintritt, fordert bei der "Lifestyle-Teilzeit" eine Begründungspflicht für eine private Lebensentscheidung und einen Staat, der definiert, was gute Gründe sind? Zu bequem!

Fluchtpunkt Oligarchie 

Mir ist schon klar, dass der Sweet Spot für eine Arbeitgebervertreterin tatsächlich ein kompletter Liberalismus für Unternehmen und eine komplette Unterwerfung von Arbeitnehmern wäre. Das eben ist der Bruch in der gesamten liberalen Gesellschaftsphilosophie, den wir gerade sehen können und er geht soweit, dass sich viele Ultra-Reiche oder Arbeitgeber inzwischen nicht mehr an die Demokratie als Staatsform gebunden fühlen. Sie unterstützen nicht nur in den USA, sondern auch bei uns ohne Scham die Kräfte, die die Demokratie abschaffen möchten.

Sie möchten eine Oligarchie, in der sie selbst die Gesetze machen und über Arbeitnehmer (soweit sie denn noch gebraucht werden) verfügen können, beziehungsweise sie möchten so viel wirtschaftlichen und sozialen Druck auf diese ausüben, dass sie "gefügig" werden.

Ich will nicht sagen, dass Connemann und Friends hier gleich zu Oligarchen werden. Aber es ist konsequent gedacht genau ihr Fluchtpunkt: Oligarchie, ein System, in dem eine kleine reiche Wirtschaftselite über die Rechte und Freiheiten der Bürger bestimmt. 

Vor allem will ich hier den Widerspruch zwischen den Ansprüchen der CDU, FDP und sonstigen Wirtschaftsliberalen an die Freiheit des Individuums und den Rückbau von staatlichen Eingriffen in individuelle und private Entscheidungen auf der einen Seite und die Entmündigung des individuellen Arbeitnehmers auf der anderen Seite aufzeigen.

Was denn nun, liebe CDU? Wollt ihr die Liberalen für freie Bürger und einen Staat sein, der sich raushält oder wollt ihr den Staat, der in die privaten Entscheidungen seiner Bürger eingreift?


Das passt dazu:

5 Kommentare:

  1. Darf der AG jetzt auch keine Kurzarbeit mehr ansetzen? Denn das ramponiert ja meinen Lifestyle der auf Vollzeit ausgerichtet ist.

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    1. Da hast du völlig Recht, Kurzarbeit darf der AG nicht einfach anordnen. Dazu wird eine rechtliche Grundlage wie einen Tarifvertrag, eine Betriebsvereinbarung oder die Zustimmung jedes einzelnen Arbeitnehmers benötigt. Gibt es keine dieser Regelungen, muss der Arbeitgeber mit jedem Mitarbeiter eine individuelle Vereinbarung treffen oder bei fehlender Zustimmung eine Änderungskündigung aussprechen, was rechtlich anfechtbar ist.

      Genau aus dem von dir genannten Grund: Dein Lifestyle darf nicht einfach so ruiniert werden.

      Macht auch Sinn, oder?

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  2. Aus einer individuellen Perspektive und in Beachtung liberaler Werte völlig richtig! Aber ich versuche immer auch, die Gegenseite zu verstehen (auch wenn sie sehr kritikwürdig argumentiert) - hier denke ich, es geht um die Konkurrenzfähigkeit zu anderen Ländern weltweit, mit denen DE auf die eine oder andere Weise konkurriert.

    Habe mal die Google-KI befragt, wieviel denn so im Vergleich zu anderen EU-Ländern hierzulande gearbeitet wird. Hier das Ergebnis:
    https://share.google/aimode/PZokahnuhd1ncsxvt

    "Fazit: Wenn man die Gesamtzahl der gearbeiteten Stunden pro Jahr betrachtet, wird in Griechenland am meisten und in Deutschland sowie den Niederlanden am wenigsten gearbeitet."

    Wie ich schon bei Horst schrieb, denke ich, dass das SINNGEFÜHL und das Betriebsklima am Arbeitsplatz für viele wichtiger sind als die Stundenanzahl. Vielleicht sollten die Arbeitgeber und Führungskräfte hier mal ordentlich investieren und motivieren!

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    1. Top 3 in der EU-Statistik nach Teilzeit:

      Niederlande: 38,6 %
      Österreich: 30,7 %
      Deutschland: 28,9 %

      In den Niederlande arbeiten zudem über 60 % der Frauen in Teilzeit, in Deutschland sind es unter 50%. Teilzeit ist ja nicht perse gut. Viele würden lieber mehr arbeiten, wenn die Strukturen es hergäben oder es sich finanziell lohnte.

      Worum es mir aus philosophischer Perspektive geht, ist die eigenartige Argumentationsstruktur und die jahrzehntelange Erziehung des Europäers zum individualistischen Konsumenten, der sich bitte nichts vorschreiben lässt, der tun und lassen kann, was er will, der nicht solidarisch handeln muss, sondern an sich denken soll. Und dann kommen die Leute, die hinter dieser Erziehung stehen – vorgeblich Liberale – und möchten jetzt, dass der Staat die Entscheidungen der Bürger über ihre eigene Arbeitszeit in gut oder schlecht begründet klassifiziert?

      Nee, das ist unlauter, das ist inkohärent und eine Verarsche der Leute. Die passierte jetzt natürlich nicht mit diesem Vorschlag, sondern die Verarsche ist implizit in allem, was diese Liberalen sagen, denen es nur um ihre eigene Freiheit geht und denen die Freiheit der Menschen (wenn sie über Konsumfreiheit hinausgeht) eher ein Dorn im Auge ist.

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    2. Insofern volle Zustimmung! Wie ich grade beim Rumlesen feststelle, werden aus allen Richtungen viele gute Gründe angeführt, Teilzeit NICHT einzuschränken. Aber von den Befürwortern lese ich NICHTS, außer "Fachkräftemangel". Wohl weil ihnen die Diskrepanz bewusst ist...

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