26. November 2016

Familie – der letzte Schutzraum des Individuums

Das Philosophie Magazin fragt: Zuflucht oder Zumutung?

Cover Philosophie Magazin
Philosophie Magazin Nr. 01 / 2017
Familie? Ich würde mal sagen, ich habe Glück gehabt. Denn niemand kann sich die Umstände aussuchen, in die er geboren wird. Ich habe noch sehr deutliche Erinnerungen an das immer wiederkehrende und furchtbare Gefühl des Verlorenseins, als ich als Kind den Institutionen übergeben wurde. Egal ob Kindergarten, Schule, Ferien- oder Trainingslager – ich wäre lieber im Schoße der Kleinfamilie geblieben. Ich schrieb verzweifelte Briefe voller Heimweh aus den Ferienlagern an meine Eltern. Ich bat sie dringend, mich abzuholen und wenn irgendwo in der Nähe ein Hubschrauber vorbei flog, gab ich mich der Fantasie hin, dass er im Hof landen würde und meine Mutter ausstiege, um mich abzuholen. Ich weinte bitterlich. Familie war für mich immer Zuflucht, immer Geborgenheit und Schutz vor dem Chaos da draußen. Jetzt, da ich selber eine Familie "gegründet" habe, kommen diese Gefühle manchmal zurück und ich würde lieber gern bei Frau und Kind bleiben, anstatt raus zu gehen und mich dem Kampf um den Radweg oder den Parkplatz, dem Wettbewerb um Anerkennung und der Willkür im Verhalten anderer Menschen auszusetzen. Aber natürlich kommt die Sehnsucht danach erst daher, dass es kein Dauerzustand ist. Wäre es einer, dann würde ich die Differenz vermissen und die Geborgenheit nicht fühlen.

Der Philosoph Richard Sennet meint in seinem Buch Zusammenarbeit: Was unsere Gesellschaft zusammenhält, dass die Familie der letzte Bereich sei, der vom sozialen Verteilungskampf und dem Konsumzwang noch nicht ganz durchdrungen wurde.

"Dieses Refugium zwischenmenschlicher Nähe, ist der letzte Schutzwall gegen die Härten der modernen Gesellschaft. Und das in zweifacher Hinsicht. Zum einen bietet sie auch heute noch das, was im alten China unter dem Namen guanxi bekannt war: ein Prinzip, das verschiedene Generationen zur gegenseitigen Hilfe verpflichtet. Der andere Grund, warum sich die Familie als Bollwerk gegen die Zumutungen des Finanzkapitalismus verstehen lässt, zeigt sich etwa in dem aus der christlichen Lehre stammenden Begriff der agape, der gemeinsamen Mahlzeit im Kreise der Liebsten. Hier wird in ritueller Manier der Vereinzelung entgegengewirkt." (Philosophie Magazin, Nr. 01 / 2017, S. 49)

Dass der Finanzkapitalismus gar keinen Einfluss auf die Familie hätte, kann man natürlich auch nicht sagen, wie wir unter Hinsicht auf gegenseitige finanzielle Abhängigkeiten unter den Familienmitgliedern wissen. Aber die gegenseitige Unterstützung und der so selbstverständliche Zusammenhalt in der Kleinfamilie machen sie weiterhin für mich zum Schutzraum. Dort kann ich sein, der ich bin, ohne große Sanktionen zu befürchten. Die Großfamilie hingegen, nach altem bürgerlichen Muster, ist mir ein Graus. Das ständige Ankämpfen gegen Meinungen, wie die Dinge zu sein haben, das Gängeln der Jüngeren durch die Alten, die unmögliche Toleranz gegenüber einem dummen Onkel, die weitverzweigten Verpflichtungsbeziehungen, die Schuldgefühle, die Erwartungshaltungen der Alten gegenüber den Jüngeren, all das kann mir gern gestohlen bleiben. Zumal es philosophisch gesprochen kein Recht der Alten auf Dankbarkeit oder Gegenleistung der Jungen gibt, wie Barbara Bleisch in ihrem Text "Ich schulde euch gar nichts" ausführt:

"Jemanden in die Pflicht zu nehmen, weil man ihm etwas geschenkt hat, wovon man nicht weiß, ob er es haben wollte, ist unfair. Das würde bedeuten, dass man andere in Schuldverhältnisse zwingen kann, selbst wenn sie keine Wahl haben, einem entsprechenden Tauschhandel zuzustimmen." (Philosophie Magazin, Nr. 01 / 2017, S. 58)

Und nicht selten passiert ja in Familien genau dieses Zwingen in Schuldverhältnisse. Dabei ist alles, was Eltern am Ende von ihren Kindern erwarten können, so etwas wie eine Dankbarkeit ohne Verpflichtungen. Die Aufzucht ist gelungen, wenn der Spross sich bei seinen Eltern für ihre Hilfe bedankt, sie endlich verlassen zu können. Und das ist schon das beste Szenario. Denn selbst die Kleinfamilie, die in der Moderne die bürgerliche Großfamilie als Standardmodell abgelöst hat, findet jetzt ihr Nachfolgermodell in der Patchworkfamilie, wie aus dem Gespräch zwischen der Autorin Jana Hensel und dem Kulturwissenschaftler Andreas Bernard hervorgeht. Eine zunehmende finanzielle Unabhängigkeit der Frauen von den Männern und die moderne Reproduktionsmedizin machen ganz neue Konstellationen möglich, die man gemeinhin unter dem Label Patchworkfamilien zusammenfasst und die ihre eigenen Schwierigkeiten haben.

Aber ob Patchwork oder Classic, was jedes Format bieten kann, ist ein Schutzraum des Privaten, ohne dass man ganz auf andere Menschen verzichten muss. Der Soziologe Dirk Baecker drückt die Differenz zwischen Familie und Gesellschaft so aus:

"Die Familie ist einer der Orte, an denen man in der Gesellschaft zur Gesellschaft auf Distanz gehen kann. Das halte ich für unverzichtbar, um mit einer der Grundanforderungen komplexer Gesellschaften umgehen zu lernen, die darin besteht, dass man, wenn immer es erforderlich ist, den Kontext switchen kann.

[...]

In der Gesellschaft wechseln wir laufend unsere Handlungszusammenhänge und Rollen [...] Unter 'Gesellschaft' verstehen Soziologen nicht etwa die Addition dieser Handlungszusammenhänge und Rollen zu einem Ganzen, sondern die Möglichkeit, hier und jetzt den Kontext zu wechseln: [...] sich in eine Interaktion zu begeben, die sich nicht stringent aus der vorherigen ergibt. Wenn man sich den sozialen Zusammenhang so vorstellt, dann gibt es kein Ganzes der Gesellschaft mehr. Und dann brauche ich Individuen, die diese Situation, in der sie nirgendwo das Ganze finden können, nicht nur aushalten, sondern auch von sich aus bedienen können. Die Familie bereitet ihre Angehörigen auf diese Zumutung vor – auch wenn sie selbst natürlich ein Teil der Gesellschaft ist." (Philosophie Magazin, Nr. 01 / 2017, S. 51)

Insofern waren die frühen Zumutungen, denen mich meine Eltern ausgesetzt haben, sicher sinnvoll und ich sollte ihnen – unverbindlich – danken. Die Liberalisierung unserer Gesellschaften hat für das Individuum viel Gutes getan: Man muss sich meistens nur noch milden Hierarchien, Konventionen und Traditionen in der Familie unterwerfen, die sexuelle Identitäten sind nicht mehr stigmatisierend und auch mit sexuellen Orientierungen kann man ziemlich offen umgehen. Und wenn es doch nicht passt, kann man die Familie immer auch hinter sich lassen und/oder eine neue gründen. Viele der Freud'schen Problemstellungen sind damit vom Tisch und jeder kann heute viel mehr er oder sie selbst sein, als es je möglich war.

Das Ganze hat auch eine Schattenseite, es gibt eine Art Traditionsabriss. Peter Sloterdijk zeigt in seinem Buch Die schrecklichen Kinder der Neuzeit wie wir ohne Tradition und damit ohne Projektion einer werthaltigen Zukunft aus den Weisheiten der Geschichte in eine Zeit eintreten, die nur noch wenige Versprechen für uns bereit hält. In Eine Übung für schreckliche Kinder ohne Zukunft haben wir nachgezeichnet, welche Hoffnungen wir unter welchen Voraussetzungen dennoch hegen dürfen.




Das passt dazu:

Kommentare:

  1. Ich weiß nicht so recht zu fortgesetzter Stunde, ob meine Gedanken hier hilfreich sind, beitragend sind oder nichts mit dem Artikel zu tun haben.

    Als mein Vater starb, suchte ich verstärkt den Kontakt seiner jüngeren Schwester, weil ich mehr in Erfahrung bringen wollte, über meinen Großvater und meine Großmutter väterlicherseits. Ich hegte den Verdacht, daß ich so manches in mir trage, das sehr stark mit ihnen zu tun hatte. Und das ist wohl so, weil ich gerade jetzt auch gewahr werde, wie der 18-jährige Sohn meines gestorbenen jüngeren Bruders entwaffnend ihm immer ähnlicher aussieht, fast wie ein Abziehbild, ungeachtet, daß er seinen Vater mit 7 Jahren verlor.
    Es gibt also starke Anleihen und wir tun wohl gut daran, das genau anzuschauen.
    Gerhard

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Gerhard, das ist sehr relevant! Interessanterweise gab es eine Zeit, in der philosophisch und gesellschaftlich die Blutsverwandtschaft ad acta gelegt wurde, so wie auch das Thema Vererbung und Geschlecht. Alles war in dieser Auffassung nur gesellschaftlich und nichts biologisch determiniert. Ich denke, davon kommen wir jetzt auch dank moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse wieder zurück. Genetik, Verwandtschaft, Vererbung sind keine reaktionären Begriffe mehr, sondern haben einen enormen Einfluss auf Individuen und Gesellschaften. Die Suche nach den verwandtschaftlichen Gemeinsamkeiten ist ein Ausdruck davon und kann zur Bewusstwerdung und Zukunftsgestaltung viel beitragen. Danke für deine offenen Worte.

      Löschen

Top 5 der meist gelesenen Artikel dieser Woche