22. Februar 2020

Psychologie und Philosophie der Pferdestärken

Das Auto als Mutterersatz und Antidepressivum?

Wir haben ein Auto. Meistens steht es rum, in unserer Freizeit bringt es uns in den Wald, an den See oder in den Urlaub. Werden wir Menschen das Auto jemals wieder loswerden können? Das frage ich mich manchmal, wenn ich einerseits sehe, wie wenig sinnvoll, wie klimaschädlsich ein eigenes Auto ist und wenn andererseits klar ist, dass es industriell gar keinen Schwenk weg vom Auto gibt. Statt vernunftorientiert in der Breite auf öffentliche Verkehrsmittel zu setzen, sehen wir momentan das Hinüberretten des Individualverkehrsmittels Autos in eine Zeit, nach dem Verbrennungsmotor. Das lässt vermuten, dass es beim Individualverkehr gerade nicht um Vernunft geht. Was steckt denn vielleicht philosophisch und tiefenpsychologisch hinter diesem Fetisch Auto?

Fetisch Auto: Ausschnitt aus "Natural Beauty" von Sebastian Schrader

Der Mensch muss sich bewegen

Der Philosoph Peter Sloterdijk stellte in einem Interview einmal den Zusammenhang zwischen der Sesshaftigkeit der Menschheit und ihrer Neigung zur Depression her. Vor rund zehntausend Jahren, mit dem Beginn des Ackerbaus, hörten wir Menschen – von Ausnahmen abgesehen – auf, als Jäger und Sammler durch die Gegend zu streifen. Ob dies nun ein großer Glücksfall für die Menschheit war, weil es dem technischen Fortschritt, der Wissenschaft und Kunst den Weg ebnete oder ob es eine große Tragödie war, weil Menschen nun zu Sklaven ihrer Scholle wurden, Krankheiten und eine große Unzufriedenheit sich ausbreiteten, bleibt sicherlich Ansichtssache. Auf jeden Fall hat es das Bewegungsprofil des ursprünglich nomadischen Menschen stark verändert:

"Dieses größte Attentat auf die Beweglichgkeit, das jemals unternommen worden ist, trägt den schönen Namen Seßhaftigkeit [...] Der Boden, auf dem der Bauer festsitzt, die Scholle, die den Menschen selber in eine zweite Pflanze verwandelt, ist eine Macht von unerhörter Intensität und Dauer, und wir sind weit davon entfernt, uns von ihr völlig befreit zu haben." (Sloterdijk, Ausgewählte Übertreibungen: Gespräche und Interviews 1993-2012, S. 85)

Die Bewegungslosigkeit habe die Menschheit depressiv gemacht und zu noch mehr Stillstand geführt, denn Bewegung und Begeisterung hängen zusammen. Schamanen und Religionen hätten dagegen die Seelenreisen in Stellung gebracht, bevor letztlich die großen Aufbrüche mit dem Schiff neue Horizonte eröffneten. Die letzten Hundert Jahre, so Sloterdijk, zeigten eine starke Tendenz, "das Weltalter der Sesshaftigkeit wieder zu beenden und in den Menschen das kinetische Potential freizusetzen, das über 10 0000 Jahre lang gebunden war" (a.a.O.). Diese letzten Hundert Jahre fallen genau in den Zeitraum der Verbreitung des Automobils als massentaugliches Konsumgut. Das mag auch bei dem Einzelnen antidepressiv wirken, "denn das Auto ist eine Maschine zur Steigerung des Selbstbewusstseins" (a.a.O. S. 87). Die Depression abgeschafft, hat das Auto bisher sicher nicht.

Die rollende Gebärmutter

In einem Spiegel-Interview beschrieb Sloterdijk das Auto einmal als einen rollenden Uterus, "der sich von seinem Vorbild dadurch vorteilhaft unterscheidet, daß er mit Selbstbeweglichkeit und Autonomiegefühlen verbunden ist." Man kann das auch an uns Autofahrern (vor allen den männlichen) gut sehen, wenn wir mit dem Einsteigen ins Auto sofort kindliche Regressionsmerkmale zeigen, uns beispielsweise wie kleine Könige aufführen oder eine enorme Freude beim Überholen verspüren, wo "der Langsamere, fast wie beim Stuhlgang, zum abgestoßenen Exkrement gemacht wird". Die Sehnsucht zurück in die vorgeburtliche Geborgenheit ist ein bekanntes psychoanalytisches Motiv. Die Kopplung, um die es Sloterdijk hier geht, liegt aber darin, dass man im Auto gut behütet "zur Welt kommen kann" (das zur Welt kommen sei philosophisch betrachtet die Grundstruktur jeder Bewegung). Man kann sich also ins Ungewisse, in die Offenheit und Gefahr begeben und das in einem so geschützten privaten Raum, wie wir ihn sonst nur vor der Geburt kannten. Die vorgeburtliche Geborgenheit und die Offenheit schließen sich aber gegenseitig aus, im Auto sind sie vereinbar.

Diese Kombination aus Sicherheit und Bewegung spielt den großen Sehnsüchten nach Regression und Geborgenheit auf der einen und nach Aufbruch und Autonomie auf der anderen Seite in die Hände. Das Auto sei die Lösung der ewigen Denkaufgabe: "Wie kann ich mich souverän bewegen, obwohl ich mich nicht hinauswage?" (a.a.O. S. 88) Wir wissen, dass wir uns ins Offene wagen müssen, wir wollen aber nicht. Das kennen die unter uns, die manchmal mit dem Auto zur Arbeit fahren: Die Immobilie Richtung Arbeit (oder Haifischbecken) zu verlassen ist schwer, aber der Schritt ins eigene Mobil dämpft die ängstliche Nervosität oder den Widerwillen etwas.

Souveränität und Demokratisierung der Fortbewegung

Wenn solche Kombinationen ihren Ausdruck in Konsumgütern finden, kann man davon ausgehen, dass diese Güter mehr sind, als nur ein Mittel zum Zweck, also hier Mittel zum Zweck der Fortbewegung. Und es gibt noch weitere solcher Aspekte, die ein baldiges Abschaffen des privaten Autos unwahrscheinlich machen.

Mit Autos stellen wir noch viel mehr dar, wir zeigen eine relativ neugewonnene Souveränität im Zuge der Demokratisierung von Fortbewegung. Nach der "Stillegung" des Menschen im Zuge der Sesshaftigkeit durch die Agrargesellschaft, war die schnelle Fortbewegung ein Privileg der wenigen, die Pferde, Kutschen oder gar Schiffe hatten. Das ist heute grundlegend anders, eine kraftvolle und entlastende Fortbewegung steht heute beinahe jedem zur Verfügung und die fantastischste aller Bewegungen, das Fliegen, ist nach Kilometern gerechnet häufig sogar die günstigste und sicherste Fortbewegung.
  
Aber nur ganz wenige dieser Fortbewegungsmittel erlauben eine erschwingliche Verschränkung aus privater Geborgenheit und Aufbruch wie das Auto. Hinzu kommt, dass die Wege bei öffentlichen Verkehrsmitteln, insbesondere beim Schienenverkehr letztlich auf null hinauslaufen: Hinweg minus Rückweg gleich Stillstand. Wir fahren gewissermaßen immer nach Hause. Das Auto kann auch anders, ist also nicht nur Geborgenheit, sondern trägt auch das Versprechen, in gänzlich neue Gebiete vorzudringen, "zur Welt zu kommen", wie Sloterdijk das ausdrückt.

Es ist also gänzlich unwahrscheinlich, dass wir solch ein demokratisierendes und zudem noch tiefenpsychologisch wirksames Gut wie das private Auto einfach so aus Vernunfts- und Umweltgründen abschaffen. Freiwillig nie!

"Wer Mittel zur Darstellung oder Simulation von Souveränität anbieten kann, kann immer mit Nachfrage rechnen. Eben dies tun Automobilhersteller. Sie bieten eines der überzeugendsten Souveränitätsdarstellungsmittel in der gegenwärtigen Welt an, und wir können nicht nicht nachfragen." (A.a.O. S. 89)

Sloterdijk, der ewig übertreibende Philosoph, geht sogar so weit zu behaupten, dass das Auto der wahre Grund dafür sei, dass die Menschen sich heute gleichwertig fühlten: "weil der kleine Mann den reichen Herrn jederzeit überholen kann" (a.a.O. S. 93). Im Autofahren kommen also so starke und grundlegende Motive wie Geborgenheit, Aufbruch, Souveränität und Selbstbewusstsein zusammen. Wer sich mit Persönlichkeitspsychologie auskennt, wird auf Anhieb sehen, dass das alles ganz starke psychische Anker sind, um die herum sich Persönlichkeiten ausprägen. So etwas schafft man nicht einfach ab.

Die Frage, die man sich also stellen müsste, wenn man das Auto loswerden wollte, ist nicht: Was ist ein ökologisch und ökonomisch sinnvolles Transportmittel? Sondern: Wie erfüllen wir die ganz tiefen Bedürfnisse der Menschen, von denen sie selbst manchmal gar nichts ahnen?



Das passt dazu:

Kommentare:

  1. Dieser ganze "Automobilismus" ist totaler Irrsinn. Das sage ich als jemand der viele Jahre in und mit der Branche arbeitet und damit bewusst in die Hand beißt die ihn füttert denn ich lasse nicht zu das ökonomische Zwänge meine Meinung beeinflussen.

    Früher war ich selbst ein "Petrolhead" und hatte eine hohe, wenn nicht schon fast obsessive Begeisterung für Automobile. Mit den Jahren hat sich aber die Vernunft durchgesetzt. Warum nennen wir sie FAHRzeuge, wenn diese im schnitt 23 von 24 Stunden am Tag Nutzlos rumstehen und Platz kosten? STEHzeuge wäre passender.
    Warum verdienen wir Geld um ein Auto zu kaufen und zu unterhalten das wir häufig nur brauchen um dahin zu kommen wo wir dieses Geld verdienen? Insbesondere in den Zeiten wo es technisch schon längst möglich wäre wesentlich mehr im Homeoffice zu arbeiten. Es gibt immer weniger klassische Arbeitsplätze die physische Präsenz an einem bestimmten Ort benötigen. Der Präsentismus ist allgegenwärtig. Nun könnten man auch annehmen das bewusst auf dem Land Deutschland kaum schnelles Internet angeboten wird ... weder per Funk noch per Kabel ... damit eben viele Leute mit dem Auto pendeln MÜSSEN und die Automobilbranche nicht zu gefährden usw.

    Auto fahren macht in bestimmten Situationen sicher Spaß; die Geschwindigkeit, die Kontrolle usw ... aber als Fortbewegungsmittel wird es immer bekloppter. Wir stehen nicht im Stau, wir sind der Stau. WIR sind selbst schuld, nicht alle anderen. Fast jedes Auto hat 5 Sitzplätze. Besetzt ist der einer. Mehr Fahrgemeinschaften, Weniger bis gar kein Stau! Aber nein ... der Frust bleibt wegen der Bequemlichkeit des eigenen privaten Raums ... im Stau. Während man auf der Autobahn häufig zur gleichen Zeit die anderen gleichen Leute zur gleichen Zeit in der gleichen beknackten Situation sieht. Täglich grüßt das Murmeltier ...

    Elektromobilität ändert nichts wenn wir nicht die Anzahl der Fahrzeuge massiv reduzieren. Außerdem die soziale Frage: an die Tankstelle kann und muss jeder fahren; vor der Zapfsäule sind alle gleich. Aber E-Autos sind für privilegierte mit eigenem Haus und Garage und Steckdose usw. im Plattenbau kann nicht jeder ne Kabeltrommel zum Parkplatz werfen, sofern er überhaupt einen findet.

    Mittel bis Langfristig wird sich das Thema aber eh erledigen: Autonomes fahren in Kombination mit KI und Schwarm-Intelligenz werden selbst gefahrene Autos so selten machen wie heute die gelegentlich sichtbaren Pferdekutschen. Es wird sein wie ein Aufzug; einsteigen, ziel wählen, ankommen und aussteigen ... alles perfekt, effizient und effektiv abgestimmt und genutzt. Gut zu sehen in den Filmen "Minority Report" mit Tom Cruise oder "I, Robot" mit Will Smith.

    Der Fetisch Auto ist aber wir der sonstige Waren-, Marken-, und Wachstumsfetischismus ein Symptom dieser "erlernten Hilflosigkeit" oder des "Stockholmsyndroms" zu Geld, Marktwirtschaft, Erwerbsarbeit und Lohn: Wir sind irgendwie völlig unfähig geworden uns eine Welt vorzustellen die ohne das alles funktioniert. Obwohl wir hundert, ach was, tausende Jahre so gelebt haben... Als Jäger und Sammler und dann eben als Bauern usw. Subsistenzwirtschaft! Suffizienz!

    Aber leider gibt selbst es selbst in der einst so schön progressiven Welt von Jean Luc Picard plötzlich wieder Jobs, Geld, Werbung und den ganzen kapitalistischen Scheiss der Roddenberrys Vision eigentlich ohne dies eben so sympatisch gemacht hat. Aber Autos gibts da auch nicht. Wozu auch, wenn man Beamen kann :)

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    1. Hallo lieber Gast und vielen Dank fürs Kommentieren und ausführliche Darstellen der Vernunftgründe gegen das Auto.

      Die Pointe meines Artikels (oder vielmehr der Gedanken Sloterdijks, die ich hier darstelle) ist ja aber gerade, dass wir all diese Vernunftgründe kennen und ihnen sogar zustimmen und trotzdem nicht aufs Auto verzichten. Und zwar aus den tiefenpsychologischen und vielleicht sogar anthropologischen Gründen, die ich im Artikel darstelle.

      Ideen und Gedanken dazu?

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    2. 1/2

      Ideen und Gedanken dazu hätte ich mehr als hier Kapazität ist :)
      Es ist nur alles viel zu Komplex und vielschichtig als das ich das in Form eines Kommentares darstellen könnte. Tiefen-psychologisch hat das Automobil sicher viel Bedeutung jedoch je nach Kultur, Land, Entwicklungsniveau, Wohlstand etc. sehr unterschiedlich. Ich würde aber nicht so weit gehen das es schon eine anthropologische Dimension hat. "Das Rad" als Erfindung bestimmt, aber nur das Auto?! Das geht mir zu weit.
      Global betrachtet ist das Automobil ein Wirtschaftsfaktor der sowas von "Too Big Too Fail" ist. In Deutschland ja ganz besonders. Wir erkennen überwiegend die Irrsinnigkeit aber eben auch die Nachteile des Verzichtes, weil dann jeder 5. Arbeitsplatz verloren oder irgendwie aufwendig "rumgebastelt" werden müsste.
      Es ist irgendwie so wie wenn wir auf dem Ast sitzen und sägen, obwohl wir wissen, wir stürzen ab ... aber wir rechtfertigen das sägen mit "Ja, aber muss doch sein. Ich verdien doch meinen Lebensunterhalt damit usw."
      Das Problem rund um das Auto ist weniger das ganze unmittelbare emotionale, bequeme, Chrom, Status, Statussymbol etc. ... das sind alles so viele Partikularinteressen wie es Menschen gibt. Es ist diese völlig konstruierte geschaffene Abhängigkeit.
      Henry Ford hat damals den Leuten die das T-Modell an den ersten Fließbändern gebaut haben besonders hohe Löhne gezahlt, damit diese sich selbst auch das Auto kaufen konnten. Dadurch wurde alles gepusht ... (heute hat die Wirtschaft eher eine gegenteilige perverse Nachhaltigkeit entwickelt im Niedriglohnsektor damit Leute nur wenig Geld für billige Waren haben, insb. Nahrung usw. ... aber anderes Thema)
      Autokonzerne haben dann schon recht früh Straßenbahngesellschaften aufgekauft und zerschlagen damit Busse und Autos gekauft werden. Machte damals schon keinen Sinn, aber man konnte halt Geld verdienen.

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  2. 2/2
    Das Automobil hat aber seinen Zenit erreicht und überschritten. Wir sind längst beim Abstieg. Man will es nur nicht richtig wahrhaben, weil es gute 100 Jahre so gut geklappt hat. In den nächsten Jahren wird es mit Sicherheit eine platzende Spekulationsblase bei Gebrauchtwagen geben, vergleichbar mit den Immobilien in den USA. Das ganze System kannibalisiert sich selbst.
    Dazu kommt noch das die div. Autohersteller mit ihren hauseigenen Banken über die Finanzierungs- und Leasingverträge mehr (Kapital)Erträge erwirtschaften als mit der tatsächlich (eigentlich) wertschöpfenden Produktion der Fahrzeuge. Am liebsten würden die nur noch die Finanzierung ohne das Auto verkaufen…
    Nicht nur durch den Dieselskandal, auch unabhängig davon, werden unzählige Gebrauchtwagen in den USA bewusst nicht am Gebrauchtwagenmarkt verkauft damit die Leute gezwungen werden Neuwagen zu kaufen. Das ist wie das Retouren verschrotten beim Onlinehandel...
    Meine persönliche automobile Leidenschaft war früher riesig. Heute kaum noch vorhanden. Früher ein loderndes Feuer, heute eine glimmende Glut. Ist einfach so. Ich verstehe gut die Begeisterung für durch die spezifische Zündfolge entstehenden Sound eines V8 usw. Habe selbst mal eine Rennlizenz gemacht, div. Runden Nordschleife gefahren. Kann ich nachempfinden. Dennoch gehen mir Autos einfach nur noch auf den Sack: die sind mehr Ballast als Entlastung geworden.
    Sehen wir es doch einfach endlich ein. Als Sport/Spaßgerät Track/Ringtool am Wochenende schön und gut. Als Fortbewegungsmittel insbesondere in Ballungsgebieten kaum noch zu ertragen. Die Aggressivität nimmt immer mehr zu im Straßenverkehr. Zu viele Menschen auf zu wenig Raum. Dann die ganzen Drecks-SUVs die alle Gelände können es aber nie sehen. Man sucht zum Teil länger einen Parkplatz als die Fahrzeit zum Ziel gedauert hat und zahlt für den Parkschein mehr als fürs Busticket ... es ist Absurd!
    Mir würde noch sehr sehr viel mehr dazu einfallen, spezifischer, genauer...
    Alleine die Tatsache das der Hersteller mit dem Dieselskandal Abgaswerte manipuliert hat um letztendlich Entwicklungskosten zu sparen aber gleichzeitig Ingenieure und Techniker beschäftigt um Lautsprecher in den Auspuff zu bauen (!) um künstlich den oben von mir angesprochen "Sound" zu designen ist kaum zu ertragen und sag viel über den ganzen Irrsinn rund um das Automobil aus.
    Aber ich denke das reicht erst mal ;)

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    1. Ja, na klar nervt das alles total, sehe ich auch so. Fun-fact: Man baut jetzt sogar schon in Diesel SUVs SOundgeneratoren, die sie wie einen V8 Benziner klingen lassen. Das ist echt arm. Ich bin seit Jahren täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit unterwegs und ich muss sagen, dass es einen riesen Unterschied macht, seit die vielen kleinen Turbodiesel unterwegs sind. Man merkt sofort, dass man giftige Luft atmet. Das macht mich richtig sauer, wenn ich an die Industrie und diesen Betrug denke.

      Ich hoffe, dass mein Sohn später seine tiefenpsychologischen Bedürfnisse woanders befriedigen kann. Dennoch: jetzt als kleiner Junge schon liebt er Spielzeugautos. Wir dürfen gespannt bleiben.

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    2. Erst einmal dir, lieber Gilbert, vielen Dank für diesen aufschlussreichen Artikel.

      Und dir auch, lieber Gast, vielen Dank für diese, man möchte fast meinen, Enthüllungen aus dem Inneren der Automobilbranche. Nach dem was ich so sehe, scheinst du wohl aber auch nicht der einzige in dieser Branche zu sein, der diesem Autonarrentum kritisch gegenübersteht: tatsächlich kenne ich einen Automechaniker, der selbst meint, dass ihm eine Welt ohne Autos auch nicht wehtäte, und einen Ingenieur bei einem namhaften Autohersteller, der seinen Anspruch auf einen Dienstwagen nicht wahrnimmt...wegen Parkplatzmangel in seiner Stadt.
      Du scheinst ja aber fast schon desillusioniert zu klingen, wenn man dich so liest.

      Ich sage das als ein überzeugter Fußgänger und Bahnfahrer, der selbst noch nie ein eigenes Auto hatte, diese Begeisterung fürs Auto nie so recht verstehen konnte und es eher als eine Schrulle abgetan hat. Dass ihr beide mir das solche Einblicke in fast Abgründe gebt, ist für mich aufschlussreich, aber dann auch schon etwas erschreckend.

      Zustimmen tue ich auf jeden Fall dahingehend, dass das Auto als Fortbewegungsmittel in Städten eindeutig ausgedient hat. Da brauche ich nur immer bequem an all den geparkten Autos und den Staus vorbeizuflanieren, um das zur Genüge zu sehen. Wer sich den Wahnsinn freiwillig antut, dem ist wohl nicht mehr zu helfen.

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    3. Gerne :)
      Wie beschrieben hätte ich noch soooo viel mehr zu erzählen bzw. zu schreiben.
      "desillusioniert" ist ein gutes Stichwort. Im Grunde ja auch ein anderes Wort für "Ent-täuschung"; Allgemein ja eher negativ assoziert verschafft es, nüchtern betrachtet, aber einen objektiven blickt auf die Fakten. Daher ist es denke ich notwendig das wir in Deutschland endlich alle mal im Bezug auf Autos und die Chancen der Branche endlich ent-täuscht werden ...

      Es ist aber wie in vielen anderen Branchen auch. Es werden nicht Lösungen für Probleme erfunden und verkauft, was legitim wäre, sondern wes werden Probleme erfunden und (künstlich) Nachfrage erzeugt um einen Grund zu haben etwas zu verkaufen. Daraus entsteht dieser metastasierende Kreislauf von immer größerem Ressourcenverbrauch usw.

      Ein großer Premiumautomobilhersteller in Süddeutschland lässt gerade eine Testphase für Automechaniker mit anlegbaren Exoskeletten laufen. Der Monteur schlüpft also wirklich wie in SciFi-Filmen (Elysium, Edge of Tomorrow,...) in so eine Apparatur um seine Körperkraft zu steigern und die Belastung auf Knochen und Muskeln zu reduzieren. Grundsätzlich faszinierend und sicher sehr fortschrittlich. Sinnvoller wäre das aber im Nutzfahrzeug/LKW-Bereich und nicht bei einem Hersteller der seine technisch eigentlich sinnlosen 24 Zoll Felgen auf die SUV's schraubt die eh am nächsten Bordstein schrott sind.

      Weiteres Thema das viel zu denken gibt und zeit das Problem und Lösung häufig das gleiche ist: Wir können alle glücklich und froh über Automobile im Notfall sein. Polizei, Feuerwehr, Notarzt, THW... hätten wir da keine Automobile in allen möglichen Formen und für unzählige Einsatzzwecke wären wir arm dran bei bsp. einem Schlaganfall oder so. Hilft ggf. nur der Hubschrauber, der kann aber nicht überall landen. Allerdings wird die Mobilität dieser Fahrzeuge durch ihresgleichen wieder aufgehoben: Unfähigkeit eine Rettungsgasse zu bilden, Folgeunfälle die durch gaffende Bremser verursacht werden und Vollidioten die Rettungswege sowie Rangierparkverbote blockieren/zuparken aus purer Bequemlichkeit.

      Es steckt einfach viel "Denkpotenzial" in all diesen Punkten.
      Leider ist (das weiß ich eben aus fast 20 jähriger Berufserfahrung) die Automobilbranche unfassbar zeitgeistresistent und erzkonservativ. Insbesondere Autohändler- und Häuser haben ein unfassbar dickes Brett vorm Kopf. Lauter Patriarchen (meistens Männer, selten Frauen! Die können es besser!) in Inhaber-geführten kleinen durch Erbschaft in 3. oder 4. Generation erlangten Betriebs-mini-nordkoreas die lieber alles den Bach runter gehen lassen als mal Ihr Ego zu überwinden und zu diversifizieren und Innovationen zuzulassen. Verbissen infantil-pubertär hält man an Traditionen und Methoden fest die schon vor 40 Jahren aufgehört haben wirklich zu funktionieren. "Flache Hierarchien" sind nur lockende Lippenbekenntnisse in Stellenanzeigen, selten tatsächlich vorhanden.
      Ach, alleine darüber könnte ich ewig schreiben...

      Brems mich jetzt mal selbst, sonst platzt hier der Server :)

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    4. Danke für den erweiterten Kontext! Und: Es ist ein Google Server, der platzt nicht so schnell (und wenn doch, gibt es Redundanzen und wir merken es gar nicht).

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