4. Oktober 2020

Das Schicksal und sein Lauf

Aufklärung, Überheblichkeit, Corona und der faktische Fatalismus

Das Schicksal war einmal die Versicherung des Menschen, in einem Geflecht von sinnhaften Zusammenhängen zu existieren. Es war tröstend, eine Art Vorsehung zu erfüllen, einem Lauf unterworfen zu sein, der einer höheren Weisheit folgt. Die antiken Griechen hatten die Schicksalsgötting Tyche und die Römer hatten ihre Fortuna. Deren Wege waren unergründlich und schon deswegen musste man an seinem eigenen schlimmen Schicksal nicht zerbrechen, so unbegreiflich es auch war. Es war zu groß, um es zu begreifen, also konnte man sich darauf verlassen, dass es richtig war. Nichts von dem trifft heute noch zu. Machbarkeitswahn und Trostlosigkeit gehen Hand in Hand. Schlimmer als früher, ist das nicht. Es ist anders.

Taddeo Kuntze: Fortuna, 1754 (gemeinfrei)

Haben wir ein Schicksal als Individuen, vielleicht sogar als Gesellschaft?

"Ja und nein" ist so eine typisch postmoderne Antwort auf große Fragen. In der Tradition der nicht enden wollenden Aufklärung (Oder befinden wir uns bereits in einer Art Abklärung?) würden wir sagen, nein – wir haben kein Schicksal in dem Sinne, dass uns das Leben vorherbestimmt wäre. Wenn wir uns aber philosophische Definitionen von Schicksal anschauen, dann muss man sagen, ja – das Leben nimmt seinen Lauf, wir haben natürlich auch ein Los zu akzeptieren, wir können nicht über alles verfügen. Wir sind in größere Strukturen eingebunden, die uns nur einen kleinen Ausschnitt aller denkbaren Wahlmöglichkeiten lassen.

Ganz anschaulich könnte man sagen, dass es auch heute noch ein anderes Los ist, mit einem Millionenerbe geboren worden zu sein, als in einen präkeren Hausstand von Sozialhilfeempfängern. Oder unser Aussehen, unsere Intelligenz, unsere gesamte genetische Ausstattung, auch damit haben wir ein Los zu akzeptieren. Weiterhin werden uns Dinge im Leben zustoßen, über die wir keine Verfügungsgewalt haben und die deshalb über unser Schicksal mitentscheiden. Dennoch ist es offensichtlich, dass wir heute dem uns so mitgegebenem Schicksal weniger unterworfen sind, als das noch vor 100 Jahren der Fall war. Armut, Ungebildetsein, Krankheiten – all diese Dinge sind heute weniger Schicksal als sie es einmal waren, weil wir selbst als Individuen und auch als Gesellschaften immer mehr Einfluss auf solche Umstände und ihre Auswirkungen nehmen können. Nicht zuletzt prägt das auch unser moralisches Verständnis, unseren Begriff von Verantwortung in Leben und Gesellschaft.

Faktischer Fatalismus

Metzlers Lexikon Philosophie beschreibt das Schicksal als eine "Einwirkung auf das Leben des Menschen, die außerhalb seiner Verfügungsgewalt liegt." (Spektrum.de) Und wie wir gerade gesehen haben, liegen viele ganz wichtiger Determinanten unseres Lebens außerhalb unserer Verfügungsgewalt. Seit der Aufklärung jedoch, ist uns der Begriff Schicksal nicht mehr geheuer, Kant und Voltaire wollten ihn ganz aus dem philosophischen Diskurs verbannen. Eine göttliche oder fremdbestimmte "Prädestination", also eine Vorbestimmtheit des Lebens, passte nicht zum neuen Geist der Machbarkeit:

"Die Aufklärung meinte zu wissen, Menschen haben keine Schicksale, sie machen Geschichte [...] Alle Aufklärung ist ein Unternehmen zur Sabotage des Schicksals [...] Das starke Ich der Aufklärung will künftig ohne Schicksal auskommen, es will die Heteronomie der Ereignisketten durchbrechen, um das Schicksal in selbstgemachte Geschichte aufzuheben. Damit beginnt der lange Prozeß der überanstrengten Subjektivität, der ungefähr mit der Geschichte des neueren Denkens identisch ist." (Peter Sloterdijk, Schicksalfragen: Ein Roman vom Denken – I Karlsruher Gespräch)

Dabei hatte die antike Philosophie eine mahnende Lehre, an die wir heute in einer entfremdeten, einer uns entgleitenden Welt sehr gut anknüpfen können: So sehr die Götter sich auch scheuen, in das Leben der Menschen einzugreifen, gibt es einen Wesenszug, den sie den Menschen nicht durchgehen lassen – die Überheblichkeit, die Anmaßung des Menschen, sich selbst gottgleich zu machen:

"Sämtliche Versionen antiker Schicksalsberatung konvergieren in der Mahnung, der Mensch dürfe niemals der Hybris erliegen. Wer sich von der Überheblichkeit locken läßt, wer sich in seiner dicken Haut, in seiner Eigenmächtigkeit, in seiner phallischen Frechheit allzu sicher fühlt, der beschwört Unheil auf sein Haupt herab." (Peter Sloterdijk, Schicksalfragen: Ein Roman vom Denken – I Karlsruher Gespräch)

Wenn also Macho-Populisten wie Boris Johnson, Jair Bolsonaro oder Donald Trump sich ganz überheblich gegenüber dem Phänomen einer Infektionskrankheit – und Covid-19 ist ein ganz starkes Beispiel für moderne Unverfügbarkeit – verhalten und laut tönen, dass diese Krankheit nur ein medialer Hype, fake news sei, dann müssen sich die Götter doch geradezu einschalten und diese Männer ganz persönlich bestrafen. Man muss natürlich keine Götter bemühen und kann ganz einfach sagen: Wer das Unverfügbare nicht ernst nimmt, droht an ihm zu scheitern.

Das Schicksal taugt aber immer auch wieder als Ausrede. Es ist kein Wunder, dass manche lieber in einer vorbestimmten Welt leben möchten, in der man selbst keine Verantwortung für das eigene Leben oder gar die Geschichte hat. Das entlastet vom schlechten Gewissen und auch von der Anstrengung, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Nur passt das nicht zum antiken Schicksal, als man noch wusste, dass man schon das Richtige tun muss, damit einen nicht ein schlimmes Schicksal ereilt. Auch die in großen Zügen missratene moderne Geschichte von der Kolonialisierung und Sklaverei über die französische Revolution bis hin zu den KZs und Gulags animiert uns zuweilen, jegliche Verantwortung von uns zu weisen. Meistens hat man es ja gut gemeint, wer kann was dafür, wenn es dann doch anders kommt? 

Wenn nun die ganz großen unverfügbare Ströme des Klimas und der Meere eine schicksalshafte Wendung nehmen und beginnen, sich gegen uns zu drehen, dann werden wir hier eine ganz große Rückkehr eines faktischen Fatalismus bestaunen können: Wir dummen Zauberlehrlinge haben es zwar angerichtet, aber umkehren können wir es nicht mehr.


Das passt dazu:

Kommentare:

  1. "Oder unser Aussehen, unsere Intelligenz, unsere gesamte genetische Ausstattung, auch damit haben wir ein Los zu akzeptieren."
    Daran wird gearbeitet!

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    1. Ja, klar! Wie Sloterdijk oben im Text sagt: "Alle Aufklärung ist ein Unternehmen zur Sabotage des Schicksals." Diese Sabotage geht weiter, aber eben nicht ohne Ausschläge des Pendels in die entgegengestzte Richtung.

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