9. Juli 2022

Maschinen, denken, Tod

Individuen, fühlen, Leben

Dies ist ein Update zum Artikel Von der Sorge und vom Denken vom 22. Mai 2022. Dort beschrieb ich u.a., wie Hannah Arendt das Denken als eine Art ethischen Imperativ sah, denn das Denken ist Voraussetzung für das gelingende Ringen um richtig oder falsch im Individuum. Wer nicht denkt, kann nicht moralisch fundiert handeln.

Beispielhaft wurde das für sie in der Figur Eichmanns, dessen Prozess in Jerusalem sie begleitete. Hier war ein durchschnittlicher Mensch von normaler Intelligenz, der das Zwiegespräch über richtig und falsch in sich selbst abgebrochen hatte und sich so zu einem gut geölten Rädchen in der Holocaustmaschine der Nazis hat machen lassen. (Von der Sorge und vom Denken)

Apropos Maschine

Die Maschine hat dem Individuum hier das Denken gewissermaßen abgenommen. Sie entlastet, wie Arnold Gehlen sagt, den Menschen vom Denken und das gebiert mitunter grausame Unmenschlichkeiten, wie wir z.B. am Holocaust sehen. 

Auf eine paradoxe Art führt uns das zu einem weiteren Grund, warum das Denken so unpopulär geworden ist. In seiner Vorlesung Einführung in die Systemtheorie (siehe oben: original Tonaufnahme aus dem Wintersemester 1991/92 an der Universität Bielefeld) geht Niklas Luhmann (ungefähr ab Minute 50 in der Aufnahme, siehe Markierung oben im Player) darauf ein, dass das rationale Denken im Westen – obschon im Aufschwung befindlich – spätestens seit und mit der Romantik immer auch deskreditiert wird.

Schon mit dem Aufkommen des Buchdrucks und der fortschreitenden Individualisierung komme es auch zu mehr Toleranz und damit zum Gestatten von divergierenden Meinungen. Stark sichtbar wird später der Trend zu einer Art Gefühlsautonomie: Menschen wird zum Beispiel zunehmend gestattet, für sich selbst zu entscheiden, wen sie lieben, heiraten etc. Auch Konzepte wie Genuss oder Interesse gewinnen zunehmend an Bedeutung. Solche eher ästhetischen Konzepte dienen der "Selbstlegitimierung des Individuums" (Luhmann), denn sie können nicht objektiviert werden: Was ich wirklich genieße, kann nur ich selbst behaupten. Diese Selbstaffirmation des individuellen Menschen wird gewissermaßen ein Schutz gegen die Zumutung der Gleichmacherei. Über die eigenen Gefühle, den Geschmack, die Liebe und auch die Meinungen (siehe Meinungsfreiheit) kann nur die oder der Einzelne selbst Autorität haben, andere haben hier nichts mitzureden. Wir sehen das heute wieder verstärkt, wenn in Diskussionen häufig jemand sagt: "Meine Meinung!" Das bedeutet auch: Das kannst du mir selbst mit den besten Argumenten nicht ausreden. So sehe ich das und basta. Hier steht das Interesse an Autonomie im Vordergrund, nicht die wirkliche Neugierde nach dem, was wahr ist.

Das Individuum ist nur noch abnehmend bereit, sich den "Zwängen" des Denkens, der Logik und wissenschaftlicher Evidenz zu unterwerfen und damit eine Demontage der eigenen Denk- und Gefühlssouverinität zu riskieren. Heute geht das soweit, dass das Äußern fragloser Tatsachen wie, dass die Natur lediglich männlich und weiblich als Geschlecht kennt, schon als Zumutung für "andersfühlende" Menschen gilt.

Vernunft vs Leben?

Hätte es das noch gebraucht, so versetzte die Romantik im 19. Jahrhundert dem regelbasierten Denken gewissermaßen einen Todesstoß, indem sie Vernunft und Leben gegeneinander auspielt. Der Gegenbegriff zum emphatischen Lebensbegriff wird ausgetauscht von ehemals "Tod" zu "Maschine". Die Maschine lebt nicht und sie ist auch nicht tot. Aber sie rechnet, sie handelt nach Logiken, systematisch, automatisch und starr. Während das Erleben mit seinen Unmittelbarkeiten, Unberechenbarkeiten, in seiner Spontaenität, Authentizität und Zufälligkeiten den lebenden Menschen vorbehalten bleibt. Der Gegenbegriff zu Leben ist dann eben die Mechanik, die Maschine oder eben das ganze Gestell wie Heidegger das schicksalhafte technische Verhältnis des Menschen zu sich selbst und zu seiner Welt nannte.

Vor diesem Hintergrund der "reinen Vernunft", die der Technik, Berechnung etc. innewohne, entsteht ein auf dem ersten Blick nachvollziehbarer Vorbehalt gegen das regelbasierte, stringente, logische Denken. Das kann man doch den Maschinen überlassen, ich als Mensch bin Größerem vorbehalten, den tiefen Gefühlen und meinen individuellen und deswegen unbestreitbaren Einsichten.

Und schon sind wir wieder bei Eichmann, der das Denken der großen Maschine überließ, um deren geöltes Funktionieren er sich zwar sorgte, deren Grundlagen oder Motive und damit moralischen Status er aber nicht hinterfragte. Er führte nur Befehle aus. Und das ist es, was uns allen droht, wenn wir nicht mehr denken, sondern nur noch meinen oder fühlen: Wir führen nur noch blind Befehle aus und meinen uns damit auch noch im Recht zu befinden, wenn wir den "Maschinen" das Denken überlassen.


Das passt dazu:

4 Kommentare:

  1. In diesem Artikel stellst du das "regelbasierte, stringente, logische Denken" gegen das bloße "Fühlen und Meinen". Ersteres dürfe man nicht den Maschinen überlassen, als Beispiel dient Eichmann.

    Im Zitat wird der allerdings so beschrieben: "Hier war ein durchschnittlicher Mensch von normaler Intelligenz, der das Zwiegespräch über richtig und falsch in sich selbst abgebrochen hatte". Und danach folgt der Schluss: "Die Maschine hat dem Individuum hier das Denken gewissermaßen abgenommen."

    Ist denn dieses hier gemeinte "innere Zwiegespräch" mit dem "stringent logischen Denken" gleich zu setzen? Nicht mal eine gewöhnliche Debatte über ein aktuelles Thema lässt sich allein damit bestreiten, auch wenn es nicht nur um den bloßen Schlagabtausch geht.

    Als Leitlinie gibst du das "Interesse an dem, was wahr ist" an. Aber was ist wahr - abseits von persönlichen Interessen? Wahr sind belegte Fakten, etwa wie viele Personen bei der Einführung von Trump auf der Straße gestanden haben. Aber in fast allen Gesprächen geht es um nicht so klare Fakten, sondern da spielen Begriffe wie Freiheit, Gerechtigkeit, Verantwortung, etc. eine tragende Rolle. Begriffe, die so unterschiedlich mit Inhalt gefüllt werden können, dass man sie fast als "leer" bezeichnen könnte.

    Freiheit im Straßenverkehr zum Beispiel: Die Freiheit der Autofahrer schränkt jene der Fußgänger und Fahrradfahrer stark ein - umgekehrt ist es aber ebenso, wenn das Auto verdrängt wird oder nurmehr eine schmale Spur zur Verfügung steht. Mit "Gerechtigkeit" lässt sich das auch nicht so einfach lösen, denn Autos sind nunmal größer und behäbiger, zudem erscheinen sie vielen aus nachvollziehbaren Gründen als unverzichtbar. Mit logisch stringentem regelbasiertem Denken lässt sich das nicht lösen - "gelöst" wird es durch Stimmungen, öffentlichem Druck, dem die Politik irgendwann nachkommen und die Autos in den Städten zurück drängen muss. Was früher fraglos hingenommen wurde, wird fragwürdig - weil Individuen mit ihren Gefühlen und Meinungen auf Veränderung drängen.

    Rein "logisch stringentes, regelbasiertes Denken" ist typisch für Maschinen / Algorithmen, die ihre Programmierung abarbeiten - denken kann man das eigentlich gar nicht nennen. Und was dabei heraus kommt, erleben wir ja am laufenden Band im Umgang mit unserer digitalen Infrastruktur. Und übrigens auch häufig mit der Bürokratie, die auch (vermeintlich) "streng regelbasiert" agiert.


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    1. Hallo Claudia, danke für deine guten Gedanken dazu! Eigentlich müsste man dazu ein tiefes Gespräch führen, denke ich. Da ist so viel drin, das man argumentativ nur im Wechselgespräch gut auflösen kann. Aber ich fange mal näherungsweise an zu erklären, was ich in Hinsicht auf deine Fragen und das von mir geschriebene denke:

      Ganz klar, das "innere Zwiegespräch" ist nicht mit dem "stringent logischen Denken" gleich zu setzen. Wie du schon sagst, geht das gar nicht und ich bin auch weit dvon entfernt zu behaupten, dass es "auf der einen Seite" das Denken und auf "der anderen Seite" das Fühlen gäbe. Das durchkreuzt sich gegenseitig ständig.

      Was ich eher meine ist, dass man, um zu ethisch korrekten Entscheidungen zu kommen, zumindest ein starkes Interesse daran haben muss, dass man nicht nur seine eigene Meinung vertritt, sein eigenes Bauchgefühl bestätigen will oder kognitive Dissonanzen vehindern will. Sondern im Gegenteil: Man muss bewusst in Kauf nehmen und das auch begrüßen, dass man sich selbst auf die Schliche kommt, die eigene Meinung ändern kann, das eigene Bauchgefühl korrigieren oder die eigenen Überzeugungen in Konflikte miteinander kommen können.

      Das wiederum ist nur möglich, wenn man "regelbasiert" denkt, also der korrekten Argumentation den Vortritt vor der eigenen gewollten Meinung lässt. Denn was heißt denn "regelbasiert" Denken? Das heißt am Ende, dass meine Agrumente nicht nur für mich selbst gelten, sondern von anderen nachvollzogen werden können, sie können verallgemeinerbar gemacht werden. Und das unterscheidet sie von bloßen Meinungen oder vom Bauchgefühl.

      Das das alles von Gefühlen begleitet wird, von Kreativität oder anderen idiosynkratischen Einflüssen ist natürlich völlig ok und unausweichlich, ja sogar hilfreich.

      Und das "Interesse an dem, was wahr ist", ist eben erst einmal eine Voraussetzung. Das heißt nicht, dass man deswegen auch "alle Wahrheiten" entdecken kann.

      Zu solchen Begriffen wie Freiheit oder Gerechtigkeit will ich dir klar widersprechen: Genau bei diesen Begriffen wird das eben wichtig, dass wir sie "verallgemeinerbar" interpretieren, also "regelbasiert" und von Logik geleitet. Denn sonst wird es "ideologisch"... wo die Idee die Logik determiniert. Nur wenn die Logik die Idee determiniert, kann es in ernst gemeinten Argumentationen überhaupt eine gute Idee sein.

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  2. Stimme in allem zu - aber nicht zum letzten Absatz, in dem du mir ja auch explizit widersprichst. Dazu wünsche ich mir einen weiteren Artikel, der das genauer ausführt - vielleicht auch anhand von Beispielen.
    Es nervt mich selbst, dass ich die genannten Begriffe zunehmend als "leer" empfinde. Man kann sie mit so viel unterschiedlichem Gehalt versehen und immer wieder auf Freiheiten Anderer beziehen (Generationengerechtigkeit ist z.B. neu - und was ist mit der Tierwelt?), dass ich schon fast allergisch reagiere.

    Gerade FREIHEIT ist zum Nichts verkommen: die einen verlangen den Erhalt des Status Quo wg. der eigenen Freiheit, die anderen verteidigen neue Gesetze und Verbote ebenfalls im Namen der Freiheit, die es zu erhalten gäbe. "Logik" ist aus meiner Sicht in diesen Kontexten ein Instrument, das alle Seiten für sich nutzen können. Aber hey, ich hab was auf dem Herd und muss jetzt erstmal stoppen.... :-)

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    1. Ich gebe dir Recht, dass diese Diskussion nicht leicht ist. Wir kommen da in die hohe Schule der Philosophie und ich würde nicht von mir behaupten, dass ich mich darin sehr sicher bewege. Ein eigener Artikel dazu wäre eine echte Herausforderung. Mal sehen. Aber erst einmal versuche ich im Kommentar weiter zu kommen, auch um zu verstehen, was du genau meinst.
      Du sagst es ja selbst, dass du die Begriffe als "leer" empfindest. Das ist so, weil jede/r die Begriffe so füllt, wie es ihrer Meinung entspricht. Und das ist ja im Grunde das Gegenteil von Philosophie. Die ist in ihrem Herzen "konservativ", was Begriffe angeht. Sie kann nicht mit jeder Mode einhergehen und Freiheit mal als das "Recht des Einzelnen, alles zu tun, was er oder sie mag" und das nächste Mal als "das Recht des Einzelnen vor Übergriffen anderer" definieren. Die erste Analyse zeigt schon, dass sich diese zwei Interpretationen regelrecht widersprechen. Daher braucht die Philosophie eine Definition von Freiheit und daraus können nur kohärente Interpretationen abgeleitet werden, also solche, die sich nicht widersprechen. Schau doch einfach in ein (philosophisches) Wörterbuch, um eine Definition von Freiheit zu finden. Diese kannst du dann nehmen, um alle möglichen Äußerungen über "Freiheit" regelbasiert auf ihre Stimmigkeit zu überprüfen (besser ist übrigens, das nicht allein zu tun, sondern im Austausch).

      Die Philosophie kann also genau der Schiedsrichter sein, nach dem du suchst und mit dem sich falsche (nicht ableitbare) Interpretationen disqualifizieren lassen. Auf die Art schützt die Philosophie solche Begriffe vor Aushöhlung und Leere. Dein Satz "FREIHEIT ist zum Nichts verkommen" impliziert im Grunde, dass du all den sorglos von Freiheit daher plappernden Menschen eine Definitionsmacht über den Begriff einräumst. Davon würde ich absehen und eher sagen: Das, was die Leute plappern, ist leer, hat keinen Sinn, hat mit dem Begriff Freiheit, wie er richtig verwendet würde, nichts zu tun.

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