4. Oktober 2014

Weder war es noch wird es sein. Was ist es?

Präsenzbewusstsein und Dauer


"Wir erzeugen als Organismen, als Lebewesen ständig unsere eigene Zeit.
Atmend sind wir diese Zeit. Dies ist unsere elementare Weise zu sein."
(Gernot Böhme, Bewusstseinsformen, 172)


Unser Herz schlägt die Zeit. Wir atmen Dauer. Sesshū Tōyō, Japan, 1496 (gemeinfrei)

Was, wenn wir immer schneller atmen, wenn wir völlig außer Atem geraten? Das scheint mir heute immer häufiger der Fall zu sein. Wir verbringen unsere Zeit indem wir von einem Termin zum anderen rennen und auf der Arbeit messen wir die Zeit in Zielen und Milestones, von denen wir häufig mehrere parallel erreichen sollen. Was wir dafür immer weniger erleben, ist die Zeit als Dauer. Betrachten wir als Gegenentwurf das Bild oben, stellen wir uns vor, wir sind ein Teil dieses Bildes, vielleicht in den kleinen Figuren rechts. Stellt sich nicht ein großes Gefühl von Dauer ein? Aber die Zeit als Augenblick, der nicht verweilt, ist bereits in unserer abendländischen Philosophie angelegt, wie Gernot Böhme in seinem Buch Bewusstseinsformen. beschreibt:

"Nach der dominierenden europäischen Zeittheorie, von Aristoteles bis zur Gegenwart, ist von der Zeit nur die Gegenwart wirklich und die wird als ausdehnungsloses Jetzt gedacht. Das war anders bei Platon, nach dem Zeit in den planetarischen Rhythmen, also Tag, Monat, Jahr, besteht - und insofern Aufenthalt für den Atem des Lebens gibt." (Gernot Böhme, Bewusstseinsformen, 147)

Von wenigen Ausnahmen, wie etwa Henri Bergson, abgesehen, ist für die moderne Philosophie die Zeit immer nur im Jetzt, also in einem Punkt zwischen Vergangenheit und Zukunft zu finden, noch kürzer als ein Sprung des Sekundenzeigers. Konsequent weitergedacht, bedeutet das, dass es die Gegenwart bei uns nur als Erinnerung gibt. Möglicherweise hat sich dieses philosophische Verständnis wie ein Schleier über unser westliches Alltagserleben von Zeit gelegt. Damit ist für Böhme die Tragödie unseres Zeitverständnisses noch nicht vorbei, zu allem Überfluss findet Zeit bei uns nur im Kopf statt, der Körper spielt im westlichen Verständnis von Zeit keine Rolle. Im Grunde gilt das nicht nur für die Zeit, sondern auch für unser Verständnis von Bewusstsein. In der westlichen Philosophie ist Bewusstsein traditionell reflexiv und intentional, also ein Geisteszustand, den ich auf etwas richte und der mir gleichzeitig selbst bewusst ist. Böhme versucht unser Verständnis von Bewusstsein durch einen Blick auf die Mannigfaltigkeit von Bewusstseinsformen wie Selbstbewusstsein, Präsenzbewusstsein, Leibbewusstsein oder auch das leere Bewusstsein aus der Meditation zu erweitern. Ein wirklich inspirierendes Buch, nicht nur für ein erweitertes Verständnis und einen besseren Umgang mit der Zeit.

Seinsvergessen

Was ist jetzt mit der Zeit, die wir nicht mehr haben? Ausgehend von dem beschriebenen verkopften Verständnis der gegenwartslosen Zeit, gekoppelt mit den technischen Zeitvernichtungsmöglichkeiten (z.B. Flugzeug oder Internet) ist all unser Tun und all unsere Bewegung auf Ziele ausgerichtet. Das Wort Aufenthalt, indem sich Leib und Zeit treffen, klingt beinahe schon veraltet: Einen Aufenthalt kennen wir aus Sanatorien bei Thomas Mann, ansonsten aber sind Aufenthalte zu vermeiden, denn sie sind zu Störungen auf unserem Weg zum Ziel geworden: Eine Zwischenlandung auf dem Weg zum Urlaubsziel oder das Umsteigen auf Bahnhöfen - diese Nicht-Orte, die man nur mit wippendem Fuß und einem Magazin oder iPad in der Hand erträgt, bis es endlich weiter geht. In solchen Momenten, die uns vermeintlich aufhalten, in denen wir uns aber nicht aufhalten, haben wir keine Präsenz, wir vergessen völlig, dass wir leben, wollen am liebsten das Band wie bei einem Video vorspulen. Und sind wir dann endlich am Urlaubsziel angekommen, dann auch nur, um dort Zeitpunkte fotografisch festzuhalten, aber nicht, um einen Aufenthalt tatsächlich in seiner Dauer zu erleben. Wir sind seinsvergessen und leben nicht in der Gegenwart, sondern nur für die Zukunft, in der wir die Urlaubsbilder als Spuren eines vergangenen Augenblicks auf Facebook posten können. Unseren Aufenthalt in seiner Dauer zu erleben, hieße aber, den Blick (ohne Kamera vor Augen) schweifen lassen, die neuen Eindrücke auf uns wirken lassen und einfach mal nichts tun, dafür aber etwas mehr zu sein.

Aktualisierung - refresh

Wie finden wir zurück zu einem wirklichen Erleben von Zeit, sodass sie uns nicht permanent davonläuft? Gernot Böhme nutzt den treffenden Begriff der Aktualisierung (ein refresh in der Computersprache) dafür, dass wir eine Wahrnehmung in den Vordergrund unseres Erlebens stellen und dort für eine gewisse Dauer halten bzw. immer wieder neu hervorrufen. Für solch ein Präsenzbewusstsein und das bewusste Erleben von Zeit überhaupt, beschreibt Böhme zwei Voraussetzungen, die wir einüben können:

  1. Sorglosigkeit: Wir haben beschrieben, wie uns die Sorge, also der auf die Zukunft gerichtete Zustand von Erwartungen und Befürchtungen, im Weg stehen kann, den Augenblick zu erleben. Einen Zustand der Sorglosigkeit zu erreichen, ist nicht einfach. Entweder er stellt sich unverhofft ein, wenn man es am wenigsten erwartet oder wir schaffen es durch Übung, beispielsweise durch meditatives "Dahingestellt-sein-Lassen" unserer Sorgen. Jegliches Schaffen von Distanz, zum Beispiel über Rituale, aber auch über die Beschäftigung mit größeren Zusammenhängen in der Reflexion, in der Philosophie oder mit Literatur, kann uns die Perspektiven öffnen und uns von den kleinlichen Sorgen wenigstens zeitweise befreien.
  2. Ziellosigkeit: Solange wir immer nur einem Ziel nach dem nächsten hinterher laufen, werden wir keine Dauer erfahren. Eine Möglichkeit wäre hier tatsächlich die ziellose Bewegung. Ich habe in meinem Artikel Spontane Glücksmomente beschrieben, wie ich auf einer staubigen Straße ohne Ziel unterwegs war und plötzlich von einem enormen Glücksmoment erfasst wurde. Auch hier gibt es wieder meditative Möglichkeiten: Gernot Böhme nennt die Konzentration auf das Atmen als Möglichkeit, die Zielorientierung auszuschalten.

Mit einem Bewusstsein unserer eigenen Präsenz könnte es uns gelingen, die Zeit, die in uns wohnt, die sich durch unseren Herzschlag, unsere Atmung, unsere Rhythmen von Schlaf und Ernährung manifestiert, wieder stärker in den Mittelpunkt unseres Lebens zu rücken. Das Vernachlässigen dieser schon von unserem Organismus vorgegebenen Eigenzeit zugunsten einer an Terminen und Zielen orientierten Zeit, lässt uns nicht nur das Leben verpassen, es geht auch an unsere Substanz und macht uns krank.

Permenides war es, der sagte: "Weder war es noch wird es sein, denn es ist jetzt zumal und als Ganzes." Was meint er? Er meint den Augenblick, den wir durch Aktualisierung bewusst aufladen und ausdehnen können, um Zeit wieder zu erleben, anstatt ihr nur hinterher zu rennen.



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Kommentare:

  1. Gernot Böhme scheint da ein interessantes Buch geschrieben zu haben. Vielen Dank für den Buchtipp und für diesen weiteren wunderbaren Artikel, der mir aus dem Herzen spricht, wie man an meinen nachfolgenden Worten wahrscheinlich unschwer erkennen wird:

    Um in unserer Leistungsgesellschaft mithalten zu können, haben wir bereits im Kindesalter die Eigenschaft entwickelt, unser Gefühl von unserem Verstand und unseren Körper von unserem Gehirn zu trennen. Diese sonderbare Kunst des Abtrennens hat den Vorteil, dass wir Menschen unglaublich viel erreicht haben, denn sie ermöglicht uns ein rationales Denken und das Ratiodenken hat im Gegensatz zum Fühlen und Empfinden eine viel höhere Priorität in unserer Leistungsgesellschaft.

    Seit Jahrzehnten fristen wir ein Dasein wie Maschinen, aber neuerdings funktioniert die von Generation zu Generation überlieferte Lebensphilosophie nicht mehr und wir geraten zunehmend in eine Sackgasse, die Depression, Demenz oder Burn-Out heißt. Die Menschen müssen umdenken, sie müssen lernen sich wieder Zeit zu nehmen, den Augenblick zu entdecken und aufhören sich wettbewerbsmäßig zu vergleichen. Ein Weg um Zeit zu erleben wäre, wenn wir zum Beispiel unseren Aufenthalt am Bahnsteig dafür nutzen, unserem Atem zu folgen oder beim Wippen mit dem Fuß auf dem selbigen einfach mal auf den eigenen Körper zu achten. Man kann sich vielleicht die Frage stellen, welchen Muskel bewege ich, um den Fuß zum Wippen zu bringen, anstelle das Magazin oder i-Pad zur Hand zu nehmen, um sich vom Warten abzulenken.

    Ein Weg heraus aus unserer veralteten Lebensstrategie ist Meditation. Aber was sagt die Gesellschaft dazu, wenn ich mich plötzlich auf den Augenblick besinne? Werde ich dann ausgestoßen oder nur belächelt? Oder werde ich bestaunt, wenn ich infolgedessen nämlich meine Ängste und Sorgen verliere und mein Selbstbewusstsein für alle sichtbar wächst? Schaun wir mal. Ich bin schon sehr gespannt.

    Herzliche Grüße!
    Janett Marposnel

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    1. Danke, Janett, für den schönen Kommentar!

      Auch Böhme hält offenbar viel vom Meditieren. Ich habe das an dem Buch sehr genossen, dass ein sehr klarer und analytisch denkender Philosoph eine Lanze für die Meditation bricht.

      Es ist auch ein Indiz dafür, dass sich solche Praktiken mehr und mehr etablieren. Vielleicht ist es bald umgekehrt und wir werden "ausgestoßen und belächelt", wenn wir nicht meditieren.

      Beste Grüße!

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  2. Spontaner Gedanke: So wie das Jetzt ein Punkt auf einer Gerade ist, also keine Ausdehnung hat, so sind auch erreichte Ziele ein solche Punkte. Haben wir sie erreicht, sind sie auch schon vorbei und werden zur Erinnerung. Außer vielleicht Ziele, die etwas Dauerhaftes schaffen, sagen wir mal, wenn man sich ein eigenes Haus gekauft hat, in dem man dann jeden Morgen aufwacht. Aber die viele der Ziele, an denen wir uns festkrampfen, sind ja berufliche Ziele. Sie sind abstrakt und ungeheuer wichtig und wenn sie erreicht sind, geht es auch gleich weiter. Oder muss gleich weitergehen, denn so ist das eben im Job.

    Der Mensch hat keine Zeitwahrnehmung, hat mir mal eine Psychologin erklärt. Wir haben schlicht in unserem Gehirn keine Uhr. Der Körper kennt sich mit Zeit schon aus - das ist aber an den Stoffwechsel gekoppelt, hat sie mir erklärt. Wie die Zeit im Kopf vergeht, hängt also von unserer "Software" ab. Vermutlich führen immer neue Ziele zu einer gefühlten Beschleunigung. Wir wollen ja immer schon dort sein. "Keine Zeit", ist immer eine Ausrede, die nicht als Ausrede daherkommt. Oder, die abwertende Version: "Dafür ist mir meine Zeit zu schade."

    Wenn ich doch mal samstags einkaufen gehe, dann schlägt mir diese Haltung hart ins Gesicht. Die totale Hektik, um 10 Minuten früher zuhause zu sein - und was dann dort, 10 Minuten früher den Rasen mähen, 10 Minuten eher das Klo putzen... und am Ende von all dem Zeitsparstress so müde, dass die eingesparte Zeit zur Erholung nicht mehr reicht? (Falls sie überhaupt dafür genutzt wird.) Dafür aber hektisch auf dem Supermarktparkplatz fast 2 Leute und 3 Autos angefahren. Und am nächsten Samstag genau das selbe Spiel – wozu, wenn es sich doch immer wiederholt und nichts bleibt?

    Ich persönlich finde das Leben dann besonders reich, wenn Zeit keine Rolle mehr spielt. Das bedeutet eben nicht, wie der schwäbische Schaffer nun gleich meinen könnte, dass man faul herumhängt. Sondern dass eben eines zum anderen kommt, alles fließt aus sich heraus ohne Druck. Diese Zeitlosigkeit erlebe ich oft beim Musizieren. Mit Meditation möchte ich mich noch mehr befassen, aber ich vermute, dass das eigentlich eine wesentliche Komponente dabei ist.

    So und nun noch ein bisschen Trommeln: Einen etwas zu lang geratenen Gedankengang über die Zeit und was wir mit ihr machen, habe ich im März 2012 mal hier gebloggt: http://zwei.drni.de/archives/1232-Willkommen-in-der-Sofortzeit.html

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