13. Januar 2017

Mehr Melancholie wagen!

Die Rehabilitierung eines guten Gefühls von Michael Kauberger

Von Michael Kauberger, studierter Philosoph aus Wiesbaden, ist gerade das Buch Melancholisch und stolz darauf: Kein Glück ohne Schwermut erschienen. In folgendem Artikel geht Kauberger auf die für uns unverzichtbaren Aspekte der Melancholie ein, erklärt, warum wir zu ihr stehen sollten und bricht mit den typischen Vorurteilen gegenüber Melancholikern.

Ist der Melancholiker einfach eine Spaßbremse?

"Ich bin Ich" lautet der Schlachtruf unserer Spaß- und Konsumgesellschaft. Er steht als Sinnbild für eine tautologisch individualistische Scheinoriginalität: Jeder will "Ich" sein. Um ein starkes "Ich" zusammenzustellen, bedarf es allerlei: Neben den typischen "Mein Haus, mein Auto, mein Boot"-Besitztümern gehören ein durch Ellenbogeneinsatz erkämpfter, oberer Platz auf der beruflichen Hierarchieleiter oder zumindest eine klare Perspektive in diese Richtung genauso wie ein gewisser Lifestyle aus Partys und albernem Posen für Selfies in den sozialen Netzwerken dazu.

Melancholiker widersetzen sich diesem Zeitgeist. Beim rücksichtslosen Wettbewerb um die Karrierespitze scheitern sie aufgrund innerer Zweifel meist kläglich oder treten erst gar nicht zu ihm an. Statt auf die blinde Aneignung von immer mehr Besitz setzen sie gerne auf Bescheidenheit. Und auf Partys und angesagten Massenevents sieht man sie vergleichsweise selten bis gar nicht. Aufgrund des letzten Punkts werden sie häufig als "Spaßbremsen" bezeichnet, schlimmstenfalls werden sie sogar als Kranke fehldiagnostiziert, denen es offensichtlich an Unbeschwertheit und Lebensfreude fehle.

Als krank sind Melancholiker jedoch erst dann einzustufen, wenn sie sich in ihrem Schwermut dauerhaft verfangen und dieser in eine Depression umschwenkt:

"Die Depression ist ein Zuviel, ein deutliches Zuviel an Melancholie. Wenn man auf den Begriffen 'krank' und 'gesund' besteht, dann ist die Melancholie – wie noch andere Befindlichkeiten – eine gesunde Art, in dieser Welt zu sein." (Josef Zehentbauer, Melancholie: Die traurige Leichtigkeit des Seins, S. 33) 

Depression und Melancholie sind voneinander abzugrenzen, wobei letztere neben anderen Gemütslagen zum gesunden Seelenhaushalt eines jeden Menschen gehört. Daher legen wohl eher diejenigen ein "krankhaftes" Verhalten zutage, die nur nach immer mehr Spaß streben und ihrer, dem Glück als entgegengesetzt empfundenen Melancholie keinen Platz zum Ausleben einräumen. Dieser Zustand hat nicht nur für den eigenen Seelenhaushalt fatale Folgen, sondern auch für unser Miteinander.

Melancholie im moralischen Miteinander

In seinen melancholischen Phasen bezieht sich ein Mensch mit seinem Trübsinn auf nichts Konkretes. Melancholie ist einfach (plötzlich) da. Zum Ausleben dieses Schwermuts kann beispielsweise traurige Musik hören, spazieren gehen in der Natur oder auch mal eine Prise schwarzer Humor helfen. Im Umgang mit anderen geht der Melancholiker dabei zwar vorrangig auf Distanz, schafft sich dadurch aber zugleich Raum zur Reflextion von Geschehenem sowie Kraft für Zukünftiges – auch oder insbesondere in Bezug auf seine Mitmenschen. Wer Selbstreflexion, Sensibilität, Empathie und Tiefsinn – alles positive Facetten der Melancholie – nicht zulässt, der wird nicht aus der einengenden Sphäre des egoistischen "Ich bin Ich"-Gedankens ausbrechen können. Nach Arthur Schopenhauers Mitleidsethik in der Preisschrift über die Grundlage der Moral gilt für einen mitfühlenden Menschen: "[...] die Anderen sind ihm kein Nicht-Ich, sondern 'Ich noch ein Mal'." Das Erkennen der Verbundenheit zu den Anderen wird durch die Unterdrückung melancholischen Innehaltens und Feingefühls stark beeinträchtigt. Die Folge davon ist ein zunehmender gesellschaftlicher Mangel an Mitgefühl und eine fehlende Weitsicht, zum Beispiel bei unserem Umgang mit der Natur.

Möchten wir dieser Entwicklung entgegenwirken, müssten wir über einen Paradigmenwechsel nachdenken. Nein, wir müssten nicht alle zu grübelnden Außenseitern werden und Samstagabends einsame Spaziergänge und Orte der Stille einer geselligen Party vorziehen. Wir müssten aber damit anfangen, das Ausleben von Melancholie zu akzeptieren und als Normalzustand zu betrachten. Melancholiker sind nicht krank und auch keine "Spaßbremsen", sondern bedachte Persönlichkeiten, die hinter die Fassade blicken und sich nicht von Oberflächlichkeiten täuschen lassen. Eine Fähigkeit, die mit wenig Anerkennung vom Mainstream quittiert wird, lässt sich damit doch kein Geld verdienen bzw. sieht man die Vermarktungsstrategien durch solche zweifelnden Personen sogar bedroht.

"Alle Menschen, alle tragen Melancholie in ihren Herzen, manche nur wenig, andere umso mehr. Jedenfalls ist Melancholie ein in jedem Menschen vorhandenes Element." (Zehentbauer, S.29)

Grundsätzlich kann jeder Mensch melancholisch gestimmt sein. Für viele Menschen wäre es aber derzeit eine Umstellung, ihrer Melancholie, so sie eintritt, nachzugeben und freien Lauf zu lassen. Suggeriert von Medien, Politik und Gesellschaft gilt es, stark zu bleiben, zu funktionieren und im Sinne des Kapitalismus verwertbar zu bleiben. Wer plötzlich damit aufhört, immer mehr und immer das Neueste zu wollen, sich auf das "Sehen und Gesehen werden"-Spielchen bei Massenevents einzulassen und an seinen so klaren Berufs- und Lebenszielen nicht zu zweifeln, der wird als "Verlierer" angesehen.

Selbstbewusster Umgang mit dem Schwermut

Es stellt sich die Frage, ob gar eine gewisse Angst der Hüter der derzeitigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung vor der Melancholie umhergeht. Immerhin schafft Melancholie die Grundlage für (Selbst-)Erkenntnis und den sogenannten "Weltschmerz", also Mitgefühl mit den anderen "Verlieren" und verlässt dadurch die Gedankenwelt der propagierten Ich-Tautologie.

Die Ausgangsbasis für einen Paradigmenwechsel wäre eine scharfe Differenzierung von Melancholie und Depression. Dazu können auch die Melancholiker selbst beitragen, indem sie selbstbewusster mit ihrem Schwermut umgehen und die positiven Aspekte der Melancholie nach außen tragen. Alle, die sich bislang nicht als Melancholiker begreifen, müssten sich dahingehend öffnen, Momente des Tiefsinns, des Innehaltens und Überdenkens entgegen der herrschenden Meinung verstärkt in ihrem Alltag zuzulassen.

Wer mehr darüber lesen möchte und zusätzlich verstehen will, wie ein selbstbewusster Umgang mit Schwermut in Liebe, Beruf und Alltag aussehen kann, dem sei Melancholisch und stolz darauf: Kein Glück ohne Schwermut empfohlen.




Das passt dazu:

Kommentare:

  1. "Die Depression ist ein Zuviel, ein deutliches Zuviel an Melancholie.“
    Bei dieser Art einer „Definition“ von Depression regt sich bei mir Widerspruch.
    Vielleicht verstehe ich die Intention des Satzes nicht!
    Depression entsteht nicht durch ein „Zuviel“( sonst könnte man ja dem Depressiven immer den gesundheitlichen Rat geben: „Gönne Dir ein Qunatum mehr an positiven Gedanken).
    Ich kann den Satz, den ich zitiert hatte, nur als „literarische Formulierung“ deuten, als Umschreibung.
    „Zum Ausleben dieses Schwermuts kann man beispielsweise traurige Musik hören…“
    Ich habe meinen Vater praktisch nie weinen sehen. Nur einmal sah ich ihn weinen, als er eines seltenen Nachmittags Zigeunermusik auflegte. Was da in ihm aufstieg kann ich nicht wissen. Diese sehr lebhafte und etwas fremde Puszta-Musik berührte ihn offenbar tief!
    „Alle, die sich bislang nicht als Melancholiker begreifen, müssten sich dahingehend öffnen, Momente des Tiefsinns, des Innehaltens und Überdenkens entgegen der herrschenden Meinung verstärkt in ihrem Alltag zuzulassen.“
    Der Begriff Melancholie selbst verursacht mir etwas Unbehagen. Ich kenne den Begriff „melancholischer Anflug“. Ich kenne jemand, der das immer wieder „hat“ und der sich dann ganz zurückzieht und lange Spaziergänge im dunklen Wald macht. Man überlässt sich den dunklen, wenn auch durchaus feinen,zartgliedrigen Gefühlen, lässt sich von ihnen bewegen, führen und taucht vielleicht Tage später wieder daraus auf, quasi wie von einer Grippe genesen. Wobei der Begriff Grippe hier nicht taugt, denn diese melancholische Phase schöpft ja in einem, sammelt die Säfte, formt und richtet neu aus.
    Vielleicht ist es auch einfach so, daß in mir „ein harter Vater“ sagt, das darf niemand und sollte niemand. Ich weiß jedenfalls von mir, daß ich in jungen Jahren sehr melancholisch war, oft in den Wäldern zu finden war. Ich war eine zarte Pflanze.

    Gerhard
    Kopfundgestalt.com

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  2. Michael Kauberger13. Januar 2017 um 23:53

    Hallo Gerhard,
    die Intention hinter besagter Definition ist, dass die vielseits verpöhnte Melancholie zu einem ausgeglichenen Leben dazugehört. Finden diese melancholischen Phasen jedoch kein Ende mehr, verbleibt der Mensch also in seinem Schwermut und erlebt keine Momente des Frohsinns mehr, dann ebnet sich der Weg in eine Depression. Genau wie heitere Momente zum Leben dazugehören, gehört auch die Melancholie dazu - tritt diese jedoch "zu viel" hervor, gerät die innere Balance aus den Fugen und mündet in der Depression.

    Deine Beschreibung des "melancholischen Anflugs" spiegelt gleich 2 Aspekte unseres heutigen Umgangs mit Melancholie wieder: 1. Wie du richtig sagst, tut sie dem Menschen gut - abseits des Alltagsstress lässt er sich "bewegen, führen" und taucht dann "genesen" wieder auf. 2. Zugleich ist Melancholie von negativen Assoziationen umgeben ("Dunkle Gefühle"). Wir täten gut daran, die "Negativität" hier zu hinterfragen, oder - vermutlich noch besser: die "dunklen Gefühle" als Ausgleich zu unseren "hellen Gefühlen" und damit als normalen Wechsel unserer Gemütslagen zu akzeptieren. Ein Mensch fühlt niemals nur "hell", und ohne "dunkel" wäre "hell" nicht zu definieren.

    Michael Kauberger

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  3. Es sträubt sich in mir nachwievor, lieber Herr Kauberger, Melancholie und Depression in Zusammenhang zu sehen.
    Melancholie ist ja an sich ein geadelter Begriff. Es gibt die „Melancholia“ von Dürer, es gibt einen zarten Song „My solitude“ von Billie Holiday, den ich vor 15 Jahren mal von einer anderen, jüngeren Künstlerin intoniert, so toll fand. Die Melancholica hier war eine Art Kunstform, die Celebration eines besonderen Gefühls –so verstand ich den Song ohne Kenntnis der Lyrik.
    Einer Depression muß nicht zwingend, sogar eher selten, eine Melancholia voranschreiten. Eine Depression wird doch meist durch stumpfe Gedankenwiederholung verursacht, etwa: Schuldgedanken; Wertlos zu sein; Keine Möglicheiten zur Hand zu haben ect. Eine Melancholica, wenn sie denn „edel“ ist, beschwingt am Ende letztlich, entlässt einen aus dem Dunkel wie einen Phönix.
    Es ist daher für mich schwer, die stumpfe Zerstörungsarbeit einer Depression irgendwie in Zusammenhang zu sehen mit einer vorausgegangenen Melancholie.

    Es sei denn, wie immer, ich habe etwas übersehen ?!!

    Gerhard

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  4. Ich stimme Gerhard zu, wenn er sagt, dass Depression und Melancholie nicht in denselben Topf gehören. Meiner Erfahrung nach ist ein depressiver Mensch in seinem ICH gefangen und kreist beständig um sich selbst, während in der Melancholie die ICH-Struktur aufgebrochen ist. Das ist was grundlegend anderes. Ein melancholischer Mensch erkennt die dem Menschsein, dem Leben, der Existenz immanente Tragik und akzeptiert diese letztendlich als seine conditio humana. Melancholie kann man deshalb auch nicht überwinden, denn ihr liegt Erkenntnis und Einsicht zugrunde. Da die ICH-Struktur im Melancholiker aufgebrochen ist, ist der Melancholiker nicht abgeschnitten von der Welt und zwar gerade dann nicht, wenn er die Einsamkeit sucht. Es ist anders herum: der Melancholiker sucht die Einsamkeit, eben weil er nicht abgeschnitten, sondern mit der Welt und dem Sein verbunden ist.

    Melancholie ist keine Krankheit, sondern die Seinsgestimmtheit, aus der schließlich Weisheit erwächst.

    Eine Depression hingegen ist eine Krankheit, wie jedes Um-sich-selber-Kreisen eine Krankheit ist. Deshalb stumpft ein Mensch in einer Depression ja auch tatsächlich ab.

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    1. Danke allen für die guten Diskussionsbeiträge. Ich hätte noch eine dritte Position anzubieten, nämlich dass die beiden Wörter eigentlich Synonyme sind. William Styron schreibt in seinem Buch Darkness Visible, das ich jedem hier empfehle:

      "Depression, wie die meisten wissen werden, hieß zuerst 'Melancholie', ein Wort, dass im Englischen bereits im Jahr 1303 auftaucht und immer wieder auch bei Chaucer vorkommt, der sich in seinem Gebrauch offenbar den pathologischen Nuancen bewusst war. 'Melancholie' scheint immer noch ein viel zutreffenderes und ausdrucksstarkes Wort für die schwärzeren Formen der Krankheit zu sein, doch wurde es überwältigt von einem Substantiv mit fader Tonalität, ohne jede gebieterische Präsenz, ohne Unterschied gebraucht für eine ökonomische Krise oder geologische Unebenheiten, ein wahrer Kümmerling für eine so bedrohliche Krankheit."

      Ich habe in Melancholie und Depression als Begriffe mal eine kleine historische Analyse zum Gebrauch der beiden Wörter gemacht, an der man sehen kann, wie "Depression" das Wort "Melancholie" ablöst.

      In dem Zusammenhang ist vielleicht auch Lars von Triers Film Melancholia interessant.

      Und noch etwas will ich zur Depression sagen: Sie entsteht nicht (nur), weil man "falsch denkt" oder sich für wertlos hält o.s.ä. Hier wäre vielmehr die Frage nach Ursache und Wirkung zu stellen: Waren es zuerst die "falschen Gedanken", die die Depressin auslösen (ich meine ganz klar nicht) oder die Depression, die die "falschen Gedanken" auslöst? Wir dürfen nicht verkennen, dass Depression auch ein ganz klinisches Phänomen ist, das man auf ein Ungleichgewicht verschiedener Neurotransmitter zurückführen kann und der man oft auch mit Medikamenten Abhilfe schaffen kann. Das ist oftmals die Voraussetzung dafür, dass Depressive wieder lernen können "richtig zu denken". Dieses Verständnis gab es zu Zeiten des Begriffs "Melancholie" noch gar nicht.

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    2. @Gilbert: Ich denke, Gedanken und Chemie im Kopf werden Hand in Hand gehen, sind aneinander gekoppelt.
      Man macht eine (ungünstige) Erfahrung in der Aussenwelt. Die wird gedanklich und emotional verarbeitet – auch und gerade nachts. Diese Verarbeitung, die an meist unbewusste „Grundannahmen“ über sich selbst andockt und diese einbezieht, bewertet das Erlebte negativ, es geschieht als Folge biochemisch Gravierendes im Kopf. Durch die veränderte Chemie entstehen zunehmend zwanghafte Gedanken, Eigenläufer. Das Ganze verstärkt sich zunehmend.
      Soweit ich aber weiß – und da bin ich Laie – gibt es auch Depressionsformen, bei denen die Chemie von sich aus in Ungleichgewicht gerät.
      Gerhard

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  5. Da ist sicher etwas dran, aber das würde nicht erklären, dass Depressionen in Familien genetisch (nicht übers Verhalten) vererbt werden. D.h. man kann bereits mit einer "unausgeglichenen Chemie im Kopf" auf die Welt kommen.

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  6. Schöner Beitrag

    Melancholie und Introversion haben enorme parallelen, nicht wahr?!
    Partymuffel, Spaßbremse, Ungesellig, ... and proud of it ;)

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    1. Ja, an Introversion musste ich in dem Zusammenhang auch denken. Ich meine, dass es Introvertierte leichter haben, melancholisch zu sein :)

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