25. April 2020

Solastalgie oder wie wir das Ende der Natur verkraften

Die Krankheit des 21. Jahrhunderts und ihr Trost

Warnung: Das ist ein sehr persönlicher Artikel. Lies ihn nicht, wenn du derzeit keine Aufnahmefähigkeit auf Trauer, Pessimismus und Angst hast!

Ästhetik für ein Leben in Enttäuschung und Trauer

Jede Minute verschwinden etwa 30 Fußballfelder Regenwalds auf der Erde. Jede Minute! 30! "Weltweit verlieren wir derzeit rund drei Mal das verbleibende Gletschervolumen der europäischen Alpen. Und das jedes Jahr." (Michael Zemp, ETH Zürich) Die für artenreiche und damit gesunde Meere unverzichtbaren Korallenriffe gehen großflächig an den steigenden Wassertemperaturen kaputt; Unterwasserwüsten breiten sich aus. Und allein während meiner Lebenszeit bisher verschwand mehr als die Hälfte (!) aller wildlebenden Säugetierarten für immer von unserem Planeten. Das Schlimmste: All das sind sich gegenseitig verstärkende Zustände, Teufelskreise wie beispielsweise jener, dass immer weniger Regenwald eben auch immer weniger Luft kühlt oder der, dass weniger Eis an den Polen die Athmosphäre zusätzlich aufheizt und so das Eis noch schneller schmilzt. Mit anderen Worten: Wer heute noch hofft, dass wir diese Entwicklungen wieder in den Griff bekommen, muss komplett irre sein. Die Veränderung beschleunigt sich dramatisch.

In den letzten Monaten macht mir das zunehmend zu schaffen. Ich kann kaum noch Dokumentationen sehen, weil keine Natur-Doku mehr ohne Hinweis auf die alarmierende Verschlechterung der Situation auskommt. Ich kann den sonnig-warmen Frühling kaum noch genießen, seitdem ich sehe, wie hier in Ostdeutschland die Wälder vertrocknen und von Schädlingen zerfressen werden. Ich empfinde eine enorme Trauer, seitdem ich meinem Sohn die Bäche in Berlin Buch zeigen wollte, an denen ich in meiner Kindheit Stichlinge und Frösche fing. Heute ist zum Beispiel der Bach hinter meiner damaligen Schule nicht einmal mehr ein Rinnsal – es ist eine mit Plastikflaschen gefüllte Furche im ausgetrockneten Boden. Ich schlafe schlecht, weil das an mir nagt. Ich bekomme Panikattacken, wenn ich daran denke, was ich meinem Sohn hinterlasse. Ich könnte heulen, wenn ich an die verdreckte und vertrocknete Umwelt denke, in der ich vor gar nicht langer Zeit noch die erfrischende grüne Kühle und Stille fand, die meine Psyche so dringend benötigt. Ich habe Angst vor dem Kippen unserer Gesellschaften als Folge der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Was ist los mit mir, dass mir das persönlich so nahe geht?

Heimweh zu Hause

Ein bisschen geholfen hat mir die Lektüre des Artikels How We Cope with the End of Nature von Stephen Marche. Ich wusste bis dahin nicht, dass es einen Namen – Solastalgie – für meinen mentalen Zustand gibt:

"Solastalgie ist die definitive Krankheit des 21. Jahrhunderts, aber nur wenige kennen überhaupt ihren Namen. Die Symptome sind unter anderem eine allem zugrundliegende Ahnung von Verlust; ein vages Gefühl, entwurzelt zu sein; Heimweh zu Hause. Vielleicht hast du das auch schon gefühlt, ohne genau zu wissen, was das ist. Solastalgie ist die Schwere, die wir uns selbst zumuten, indem wir eine Welt gestalten, in der wir selbst nicht leben wollen, eine Welt ohne Natur." (Stephen Marche, Übersetzung durch mich.)

Der Begriff Solastalgie wurde durch den Umweltphilosophen Glenn Albrecht vor rund 20 Jahren geprägt und harrt seitdem seiner (meiner Meinung nach) längst überfälligen Aufnahme in den allgmeneinen Sprachgebrauch. Laut Wikipedia lässt der Begriff sich so definieren: "Solastalgie ist ein Neologismus, der eine Form des physischen oder existentiellen Stresses beschreibt, welcher durch Umweltveränderungen (vor allem Umweltzerstörung) hervorgerufen wird." Glenn Albrecht selbst beschrieb es als ...

"... Schmerz oder Leiden, hervorgerufen durch die Unmöglichkeit, Trost durch den derzeitigen Zustand unserer heimatlichen Umwelt zu erlangen. Solastalgie trifft uns, wenn wir verstehen, dass der geliebte Ort, an dem wir leben, zerstört wird." (Glenn Albrecht, Übersetzung durch mich.)

Im Englischen lässt der Begriff Solastalgia nicht nur an Nostalgie denken, sondern auch an "desolation" (Verwüstung) auf der einen und "solace" (Trost) auf der anderen Seite. An diesem Punkt kann ich mir nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, dass "Trostlosigkeit" (de-sola als Gegenteil von solari) bereits im lateinischen Begriff für Verwüstung und Verlassensein (desolatio) angelegt ist. Im Unterschied zur Nostalgie, in der man sich an einen früheren Ort, in eine frühere Zeit zurücksehnt, konzentriert sich die Sehnsucht der Solastalgie auf das Hier und Jetzt, auf einen Zustand, wie er hier und jetzt sein sollte.

Von der Ästhetik der Solastalgie zur Ethik der Bewahrung

Denken wir noch einmal an den Moment, als ich meinem vierjährigen Sohn den Bach mit den Stichlingen und Fröschen hinter meiner Schule zeigen wollte: Die Trauer, die mich beim Anblick der vermüllten Erdfurche überfiel, kam vor allem aus der Enttäuschung, die sich einstellte, als ich meinem Sohn einen Ort zeigen wollte, wie er heute immer noch sein könnte, vielleicht sollte. Heute brauchen wir diesen Bach noch mehr, als wir ihn damals gebraucht hätten. Statt dessen sah mein Sohn einen Ort, wie er ihn überall in der Stadt sehen kann: Müll in trockenem Gestrüpp. Es gibt keinen Grund, warum wir das heute auch nur einen Deut eher tolerieren sollten als damals vor 30 Jahren, als ich an diesem Bach spielte. Unsere Kinder aber werden mit diesen täglichen und allgegenwärtigen Ansichten in eine neue vermeintliche Normalität geboren und drohen damit die Ästhetik zu verlieren, die jemandem wie mir noch seit der frühesten Kindheit mitgegeben wurde. Diese Ästhetik ist aber ein Anspruch, der keine Toleranz gegenüber Verwüstung zulässt und mich deshalb für Solastalgie anfällig sein lässt. Für mich ist es keine Option, meinen Sohn ohne diese Ästhetik aufwachsen zu lassen, selbst wenn das heißt, dass auch er unter Solastalgie leiden muss.

Inzwischen ist der Begriff Solastalgie für ein psychisches Leiden auch wissenschaftlich gut gefasst und kann getestet werden. Demnach ist Solastalgie eine typische Reaktion dort, wo jemandes "physische Umwelt (Heimat) so verändert wird, dass die eigene Identität, das Wohlbefinden und die Autonomie unterminiert werden" (How We Cope with the End of Nature, Übersetzung durch mich). Das Leiden kann durch Zustimmung zu Aussagen wie den folgenden quantifiziert werden:

  • Mir fehlt das Gefühl von Ruhe und Frieden, das ich hier früher genossen habe
  • Ich finde es traurig, dass die mir bekannten Tiere und Pflanzen verschwinden
  • Der Gedanke, dass ich gezwungen sein könnte, von hier wegzuziehen, macht mich wütend

Mit solchen Abfragen in Tests kann man zeigen, wie sehr Menschen unter der Zerstörung ihrer Umwelten leiden. Stress, Angst und Wut nehmen zu mit all den bekannten körperlichen und psychischen Nebenwirkungen. Man kann inzwischen sogar erhöhte Suizidraten in Gebieten feststellen, die besonders von Umweltzerstörung betroffen sind. Und Metastudien konnten nachweisen, dass mit jedem bisschen Klimaerwärmung immer auch eine Gewaltzunahme und eine Zunahme von Konflikten zwischen verschiedenen Gruppen einhergeht. Dass jedes Individuum persönlich und gesundheitlich von einer intakten, ästhetischen und natürlichen Umwelt profitiert, ist lange bekannt und wird in Ländern wie Japan durch Konzepte wie Shinrin-yoku schon viel länger auch praktisch genutzt. Ironischerweise ist auch hier eine Kur für Solastalgie zu finden und völlig unwissend habe ich diese schon lange für mich selbst entdeckt:

"Das intensive Verlangen, organisch mit der lebenden Landschaft verbunden zu sein, ist zum Teil ein Verlangen, die Solastalgie zu überwinden, indem man versucht, ein irdisches Zuhause in Verbindung mit den anderen Organismen dieser Erde zu finden." (Glenn Albrecht, Übersetzung durch mich.)

In der Tat tröstet es mich, wenn ich trotz der allgemeinen desolaten Lage noch naturbelassene oder naturnahe Räume finde. Dazu nehme ich meinen Sohn immer mit, wohl wissend, dass ich ihm ein Verlangen nach Natur, Ruhe und Freundschaft mit der natürlichen Welt einpflanze, das er in seinem Leben nur schwer wird befriedigen können. Aber ich denke auch, dass wir unseren Kindern diese Ästhetik mitgeben müssen, wenn wir nicht wollen, dass sie die vermüllten Büsche und Bäche in ihren städtischen Umwelten als gegeben hinnehmen. Am Ende ist die einzige Ethik die der Ehrfurcht vor dem Leben, wie Albert Schweitzer meinte. Hat man diesen Respekt vor dem Leben, auch dem nicht-menschlichen Leben, dann folgt daraus alles andere. Die Verwüstung unserer Landschaften sind mit solchem Respekt eben nicht vereinbar, ich erlebe diese Dissonanz als mentalen Stress.

"Während einige auf solchen Stress mit Nostalgie reagieren und zurück zu einer besseren Zeit oder an einen besseren Ort wollen, reagieren andere darauf mit Solastalgie mit dem starken Verlangen, diese Orte, die uns Trost spenden, zu erhalten." (Glenn Albrecht, Übersetzung durch mich.)

So ist vielleicht die Ästhetik der noch verbliebenen Natur eine letzte Hoffnung darauf, dass unsere Kinder ein ethisches Verständnis gegenüber ihrer Umwelt entwickeln. Eine Ethik, die an die Stelle der reinen Verwertungslogik tritt, mit der wir der Natur als Menschheit bisher begegnet sind. Naturzerstörung ist ein Teufelskreis, der auch unsere menschlichen Psychen korrumpiert. Solange wir noch unter Solastalgie leiden, ist nicht alle Hoffnung verloren.



Das passt dazu:

Kommentare:

  1. Vom Ende der Natur zu sprechen ist angesichts der vielen Dinge die sich nun auftun nur verständlich: das Eis am Nordpol schmilzt wohl unvermeidbar wie schon die Gletscher;zum Borkenkäfer gesellt sich nun auch ein neuer baumvernichtender Asiatischer Laubholz-Bockkäfer; Klimaumschwung zeigt anhaltende Trockenheit und läßt Ernteertrag einbrechen; usw.. Aber besser wäre es, von einer neuen Natur für die Zukunft zu sprechen, an der sich Menschen neben politischen Maßnahmen auch anpassen werden- weil sie es so wollen?. Der Mensch selber war noch nie "Natur" sondern von Beginn an "in Opposition"zu ihr. Er hat mit der Zeit alles tierische(also begrenzte)abgelegt und in der Art wie wir ihn heute kennen, ist er das offenere Wesen, was Vorteile (Kultur, Entwicklung) aber auch Risiken und Nachteile (unberechenbar, Kriege)birgt. Eine Besonderheit die ihn besonders macht, ist seine fötale Situation und seine zu frühe Geburt, die ein hohes Maß an Schutz und Verwöhnung-(-snotwendigkeit) mit sich bringt. Was ihm nicht mitgegeben ist, ist ein (innerer) Bauplan für die Welt, für sein Leben. So ist er gezwungen, alles auf eigene Faust anzugehen, mit dem hohe Risiko des Irrtums. Was verwundert: das Verwöhnwesen scheint dabei auf einer offenen Richterskala der Verwöhnung und des Risikos zu leben. Irgendetwas lockt ihn, das Unwahrscheinlichste Wirklichkeit werden zu lassen, koste es was es wolle. Die anfängliche Hilflosigkeit schwenkt schnell um in manischer Risikobereitschaft, in Fortschrittssklaverei. Bis..ja wenn man dass wüßte..wohin wohl? Corona zeigt ihm, wie keine Pandemie vorher,das er von Lebensgefahren umgeben, auf Messerschneide lebt. Das er dass nicht akzeptiert, zeigen die Lockerungsdrängler, die das Eingeschlossen sein (wie in der fötalen Zeit???) einfach nicht akzeptieren wollen. Koste es auch Tote. Ich bin ungerne Pessimist, aber es wird m.E.ein hochriskanter aber offener Menschheitsweg bleiben. Vielleicht ohne viel Natur, vielleicht mit viel Erleichterung wie Roboter, Apps, Technik. Denn eines scheint mir der rote Faden-bei allem Hoch`s und Tief`s- es wird ein Weg der unbedingten Erleichterung, sprich grenzenlosen Verwöhnung sein. Der Mensch hat nichts anderes gelernt, oder man kann auch sagen: dazu hat er viel und bitte schön! nicht umsonst gelernt. Aber Natur, das ist ja etwas "unberechenbares, schwieriges". Die kann ich nicht kontrollieren, die macht was sie will: weg damit. Was sich der Erleichterung in den Weg stellt kann weg. Autobahn sticht Naturschutzgebiet!

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    1. Danke für diesen Kommentar! Ich lese darin viel Arnold Gehlen und Peter Sloterdijk, sehr schön (eine Suche nach den beiden Namen hier auf Geist und Gegenwart würde viele Artikel über die beiden zu Tage fördern)! Ich bin ja weit von einem naiven Naturverständnis entfernt und sehr skeptisch, wenn Leute angeblich zurück zur Natur oder die totale Freiheit wollen. Das ist naiv und zeigt komplette Ahnugslosigkeit vom eigenen Stand im Weltgefüge.

      Hier geht es mir aber um den Nexus Trost/Ort/Natur - also: gehen die Orte in der Natur, die mir ganz persönlich über ihren intakten Charakter Trost spenden, verloren oder können wir sie erhalten. Das ist auch der Kern von Solastalgie - der starke Wille, einen persönlichen Ort zu schützen.

      Persönlich ist nun in der Globalisierung auch so ein Begriff. Ist nicht auch das Great Barrier Reef ein Ort, den ich ganz intim kenne, der mir persönlich ganz wichtig ist, ohne dass ich jemals anders als über den Bildschirm dort war?

      Als Tipp zum Lesen: Wie es kam, dass wir die Erde beherrschten.

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  2. Bist du mit deinem Sohn schon im Tegeler Fließ gewesen?

    https://berlin.nabu.de/stadt-und-natur/naturschutz-berlin/18942.html

    Es ist auch sehr hilfreich, einen Garten zu bewirtschaften - sei es ein Stück Hinterhof, Teilhabe an Gemeinschaftsgärten oder eine Parzelle in der Kleingartenanlage (da kommen seit ein paar Jahren immer mehr Jüngere und Familien) - und dort selbst etwas für die Artenvielfalt zu tun.

    Was sie Dokus angeht, finde ich jene ganz erholsam, die von der "Wildnis in der Stadt" berichten. Wie viele Tiere sich doch im Stadtgrün niederlassen und auch in den Häuserschluchten herum wuseln. Kürzlich ging ich durch die Corinthstraße in Freidrichshain und neben mir lief ein Eichhörnchen unter den Autos entlang - es schien sich gut auszukennen und war wohl auf dem Weg zur nächsten grünen Insel (gar nicht weit, eine Gartenschule).

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    1. Hallo Claudia, lieben Dabnk für deine Tipps!

      Ja, im Tegeler Fließ und Umgebung sind wir öfter. Wir wohnen in Pankow Niederschönhausen und erreichen lauter so schöne Ecken im Norden ziemlich schnell. Weitere Tipps will ich lieber nicht geben ;)

      Das mit den Tieren in der Stadt als Doku ist eine gute Idee. Das hebt die Stimmung. Ich bin öfter abends noch in unserem Garten im Hinterhof (wo wir auch kleine Beete anbauen) und finde besonders jetzt die Nachtigall so unheimlich schön. Stell dir vor, keine Flugzeuge, kein Verkehr, alle schlafern und durch die weiten Hinterhöfe schmettert die Nachtigall. Wunderbar. Und die Waschbären! Da mache ich mir sorgen, dass sie die Vögel bzw. deren Brut fressen. Die sind so zahlreich und forsch, dass man selbst als ausgewachsener Mensch vor solch einer Meute eine Menge Respekt im Dunkeln haben muss.

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  3. Seit 3 Jahren pflege ich in die Natur zu gehen, um Insekten zu fotografieren.
    Das erdet mich oft ungemein. Dieses Sich-konzentrieren auf das kleine, kaum wahrnehmbare Leben zwischen Halmen und Blüten, das Sich-hinabsenken zu einer Welt, in der mich mich heimisch fühle.
    Ganz unmittelbar nehme ich auch die Intelligenz dieser sehr kleinen Wesen wahr. Ausser Bewusstsein kann man ihnen allerlei intelligente Leistungen zubilligen, manche davon selbst dem Menschen nicht zugänglich.

    Diese Zuwendung zu dieser besonderen Welt geschah vor 3-4 Jahren zufällig. Ich wollte mein Makro endlich nützen und nicht mehr ungenutzt liegen lassen. So kam ich dazu, Natur zu lieben.

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    1. Hallo Gerhard, dieses individuelle Wertschätzen der Natur, indem man z.B. fotografiert oder einfach nur genießt, ist unheimlich wichtig. Ich glaube, dass über die Ästhetik ein Weg zur Ethik geht. Man erhält nur, was man als wertvoll auch wirklich erlebt.

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  4. Toller Artikel!
    "Solastalgie" ... schön immer mal wieder Wörter zu finden die irgendwie nötig sind.
    Mir fehlen häufig präzise Wörter ... zwischen "Bescheidenheit" und "Verzicht" gibt es für mich auch irgendwie eine Lücke. Ebenso zwischen "Tolleranz" und "Akzeptieren".
    Daber das nur so am Rande ...

    Philosophisch hat das auch mit "Anschauung" zu tun. Natur und die Ästhetik.
    Ich könnte Stundenlang (Habe ich auch jetzt Tagelang dank Corona-Stayathome!) nur Naturdokus anschauen. In dem Zusammenhang frage ich mich aber auch häufig ob dieser 4K-HD-TV-Slogan "schärfer als die Realität" nicht auch wahr ist aber auf eine negative weise: so wie der ein oder andere Erdbeerjoghurt mehr nach Erdbeere schmeckt als echte Erbeeren (künstliche Aromen, Zusatzstoffe, etc.) so könnte auch, visuell, eben durch das Fernsehen das Bild der Natur schon etwas verfälscht werden. Natur und Natürlich gehört ja auch zusammen.

    Gerade eben erst Szene aus dem Altag:
    Hab beim Reifenhänder neue Sommerreifen aufziehen lassen. Gebäude war ein großes recht neues Dienstleistungs- und Handelszentrum mit China Restaurant, Sonnenstudio, Fitnesscenter, Matrazengeschäft etc. Alles halt typisch moderne Architektur: Glas, Stahl, Beton ... ordentlich aber steril und langweilig. Der ganze Parkplatz betoniert und eingezäunt, jede Ritze Kies und Schotter. Aber die Natur suchte sich ihren Weg. Überall wachsen da durch den Schotter am Zaun verschiedene wilde Pflanzen... "Unkraut" ... und es schwirrten die Bienen und Schmetterlinge um die Blüten... herrlich :)

    Es ist schon traurig das wir das Leben so extrem ausschließen in manchen Bereichen.
    Auch mein Arbeitgeber hat ein völlig zugepflastertes Firmengelände. Da gibt es nur ein paar ganz kleine Grünflächen die Spießig ständig jeden Monat kahlgeschoren werden müssen. Da, auch dank Corona, der Gärter aber Wochenlang nicht gearbeitet hat und der Frühling ja Sonnig war ... es wuchsen so viele wilde bunte Blüten und Pflanzen darauf!!! Herrlich, wild, natürlich, schön ... warum muss das alles immer abgehackt werden?! Ich versteh es nicht ... stört doch nicht, nützt nur ... Menschen fühlen sich wohler, Insekten haben was zu futtern, die Vögel dann auch ... aber nö, ständig alles niedermähen. Ätzend!


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    1. Danke für deinen Kommentar, in dem ich meine Gedanken zu großen Teilen wiedererkenne. Um es kurz zu sagen: Ich glaube es ist das Suchen nach Entlastung in den Prozessen oder anders gesagt, eine Frage des Preises und diese Fragen (Geld, witschaftliche Optimierung, greinger Pflegeaufwand etc.) lassen uns so viel aussperren.

      Was meinst du, wie sauer die Gärtner und Hausmeister sein werden, wenn sie zurüclkkommen und all die ins Kraut geschossene Vegetation zurückschneiden müssen und die ganzen Löcher unter dem Beton, die von Wurzeln, Ameisen und Würmern kommen, wieder auffüllen müssen, damit das Gebäude oder der Parkplatz nicht ganz verkommen!?

      Halte deinen Rasen immer schön kurz, das Unkraut und das Ungeziefer schön in Schach und dein Aufwand zum Erhalt der Struktur wird gering bleiben.

      So leben wir unser Leben: Ein Versuch, unsere offensichtlichsten Bedürfnisse zu befriedigen und bloß nicht einen Schritt weiter denken.

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  5. ich bin auch ein Bewunderer der Schöpfung und verstehe die Welt, die mich umgibt als ein Ort, der mir geschenkt wurde. Aber mir auch leider, ohne mich zu fragen, wieder genommen werden kann. Und das von irgendeinem "Nächsten". Dazu werde ich nicht nur nicht gefragt, sondern nach Strich und Faden belogen und von der Erkenntnis der Wahrheit, bzw. dem Charakters des Zerstörers und Widersachers ferngehalten. Die Lüge beginnt mit der Geburt im "Krankenhaus". Hier beginnt die Konditionierung. Diese Sozialisation des Lebendigen, ist nichts anderes als belogen zu werden von den eigenen Eltern, Geschwistern, Freunden, Schulen, Medien, Pfaffen und und und bis man selbst am Ende auch einer von denen ist und diese Lügenwelt weitergibt... Keiner fühlt sich schuldig. Was als Lüge von dem Feind des Lebens ausgeht wird bei den Mensch zur Wahrheit, an die er auch glaubt und das Resultat ist der jetzige Zustand unseres Außenlebens.
    Im Großen und Ganzen gesehenen, reicht es zu begreifen, dass der moderne Mensch seit Jahrhunderten im Absturz befindlich ist, weil er den göttlichen Boden verlassen hat. Aber es gibt einen Trost und Ausweg aus diesem Alptraum und zwar sich einzugestehen, dass man eben genauso ist wie es schon die Christliche Botschaft mitteilt. Da ist keiner gut und ohne Sünde. Wem das dämmert, der kann was von dem Leiden spüren, dass dem Jesus Christus widerfuhr, als er den Hohen der Welt einen Spiegel vorhielt und diese ihn hinrichten ließen.
    Und wie er zum Zeichen ihrer Ohnmacht von den Toten auferstand, so ist es auch beim Menschen hier in der Finsternis.

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    1. Vielen Dank für den Beitrag! Ich habe zwei Fragen dazu. Zuerst zur Behauptung, 'Die Lüge beginnt mit der Geburt im "Krankenhaus".': Wie sähe denn eine Geburt ohne Lüge aus?

      Und zweitens worin besteht die Lüge in der Sozialisation genau? Eine Lüge hat ja immer den Charakter einer unwahren Aussage, die zu einem täuschenden Zweck vorgetragen wird (anders als eine Unwahrheit, ein Irrglaube oder eine Phantasie). Was wäre also die Lüge der eigenen Eltern, Geschwister, Freunde etc.? Und wieseo wollen sie uns vorsätzlich täuschen?

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  6. diese Finsterniss, verursacht durch die Strafandrohungen durch Kirche, Herrschaften und Adel, sollte ein Ende haben durch die Aufklärung und Erkenntnis. Hier entstand die Wissenschaft, die sich aber zu einen noch schärferen Gegner der Natur und des Friedens erwies und Heute Hand in Hand mit der falschen Kirche (!) und den Reichen dieser Welt der Natur den Rest geben. Es sind nur Wenige, die das sagen haben, aber die haben das Geld und die haben Waffen. Genau das wollen die Übrigen auch. Und was die Großen nicht haben, nämlich Liebe zu Gott und dem Nächsten, das wollen die anderen auch nicht. Daher trifft es keinen Unschuldigen

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    1. Hm, ok - das ist eine mögliche sdehr verkürzte Interpretation dessen, was man Geschichte nennt. Finde ich jetzt schwierig, dazu etwas Sinnvolles zu sagen.

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  7. Ich bin auch so jemand, der an Solastalgie leidet. Endlich begegne ich diesem Begriff wieder. Ich lebe in der Schweiz und habe von Solastalgie das erste Mal vor über zehn Jahren im Rahmen einer Vortragsreihe am Gottlieb-Duttweiler-Institut gehört. Ich war wie elektrisiert. Endlich hatte ich einen Begriff für das, woran ich litt! Und ich frage mich, wie es möglich sein kann, dass diese ganze Thematik in den deutschsprachigen Medien bis heute überhaupt nicht präsent ist. Denn ich glaube, da kommt noch etwas auf uns als Gesellschaft zu. Immer wieder einmal habe ich den Begriff gegoogelt, gefunden habe ich ihn bloss in der wissenschaftlichen Berichterstattung und auch da hauptsächlich in der englischsprachigen. Darum war ich so überrascht, bin ich nun hier auf dieser wunderbaren Website fündig geworden.
    Du sprichst mir so sehr aus dem Herzen. Alles, was du geschrieben hast, hätte auch ich schreiben können. Ich empfinde exakt gleich. Ich kann zu Landschaften Beziehungen aufbauen wie zu Menschen. Ich kann mich in Landschaften verlieben, wie ich mich in Menschen verlieben kann. Ich empfinde Landschaften als Wesenheiten und darum würgt es mir jeweils schier das Herz ab, wenn ich sehe, wie diese Landschaften verschandelt werden. Ich kann nicht verstehen, wie wir Menschen mit diesem kostbaren Gut so wenig achtsam umgehen.
    Wo ich den grössten Teil meiner Kindheit und meine Jugend verbracht habe, diese Region betrachtete ich als meine Heimat, wenn auch meine Eltern nicht von dort stammten. Diese Region ist mir vertraut, ich kenne mich sehr gut aus darin und weiss von vielen schönen, auch geheimen Plätzen darin. Doch seit vier Jahren lebe ich nicht mehr dort. Musste fortziehen aus einer Landschaft, die ich nicht mehr als die meine erkennen kann. Die Region, das Zürcher Oberland, gehört zum Grossraum der Stadt Zürich. Sie ist voralpin, hügelig, vielseitig, mit Seen und Wäldern. Eigentlich wunderschön. Und ich erliege hier nicht einer verklärten Erinnerung oder einem idealisierten Heimatbild, das in dieser Form nie existiert hat. Das ist übrigens ein oft gehörter Vorwurf in Leserforen zum Thema Bevölkerungs-/Wirtschaftswachstum und Zersiedelung/Zubetonierung der Landschaft. Nein, „mein“ Gebiet war schon immer eine Gegend, wo Industrialisierung stattgefunden und die Ortschaften entsprechend geprägt hatte. Also nicht die reine Naturidylle. Dennoch wirkte die Landschaft auf ihre Weise intakt, zusammenhängend. In den vergangenen 30 Jahren hat jedoch ein schleichender Prozess stattgefunden, der überall in grösseren Ballungsgebieten zu beobachten ist, auch in Deutschland: Ortschaften wuchern zusammen, in den Randzonen entstehen immer grössere Gewerbegebiete mit Einkaufszentren und Riesenparkplätzen davor, die in die umgebende Natur ausufern. Autodiscounter dazwischen, Zu- und Abbringer, Strassen- und Bahnerschliessung, eine Architektur, die vor allem ökonomisch/zweckmässig ist und nicht in dem Sinn ästhetisch, dass sie sich in die umgebende Landschaft einfügt. Gesichtslose Siedlungen, ohne Zusammenhang und Plan erstellt, überziehen die Landschaft und wachsen zu Orten ohne Zentrum und Charakter zusammen. Zu recht wird diese Entwicklung „Siedlungsbrei“ genannt. Eine abscheuliche Hässlichkeit sondergleichen. Wie können Menschen an solchen Orten glücklich sein?
    Das ist mir mit meiner Heimat geschehen. Ich litt unter ihrem Verlust, obwohl ich immer noch da lebte. Immer noch hat es schöne Plätze da. Sie sind aber alle wie vereinzelte Inseln, getrennt durch die eben beschriebene Zersiedelung. Man geht dort in der Natur keine Stunde, ohne immer wieder auf Strassen- und Bahnverkehr, Siedlungen, Gewerbe zu stossen. Die Wälder sind zerstückelt und zerschnitten mit neuen Strassen und Wegen. Und wie es so ist mit diesen Entwicklungen: entlang der Strassen im Wald oder der Böschungen an den Autobahnen, auch in der einst so sauberen Schweiz, überall Müll, der gedankenlos aus dem Auto in die Natur entsorgt wird. Wo ist bloss die Landschaft geblieben, die ich einst gekannt und geliebt hatte?
    (Fortsetzung folgt)

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  8. (Teil 2)
    So bin ich weggezogen. Jetzt lebe ich in der Nordschweiz, an der Grenze zu Deutschland, und geniesse diese wunderschöne Region mit einer noch intakten Landschaft mit kleineren Ortschaften und mit dem süddeutschen Raum vor der Haustür habe ich nun Zugang zu eher ländlicheren Gegenden. Aber leider ist es auch eine eher trockene Region und seit ich hier bin, hat es Sommer um Sommer wenig bis gar nicht geregnet, der Rhein führte immer weniger Wasser, die Fische starben im Hochsommer an Überwärmung und in diesen herrlichen Wäldern findet man nicht nur vereinzelte abgestorbene Bäume, sondern ganze Flächen, Folge dieser trockenen Sommerhalbjahre. Mir tut es im Herz weh, wenn ich die geschwächten und von Schädlingen angegriffenen Bäume sehe, wenn sie nicht schon durch die vielen letztjährigen Winterstürme entwurzelt kreuz und quer übereinander liegen. Der Waldspaziergang beelendet mich immer mehr und ich kann dich darum so gut verstehen angesichts der fortschreitenden und wohl auch unaufhaltsamen Zerstörung. Es gelingt mir immer weniger, dies alles ständig auszublenden, und den Blick auf das Schöne zu lenken, wie es mir von meinem wohlmeinenden, aber in dieser Hinsicht doch eher ignoranten Umfeld geraten wird. Wo soll ich denn hin, wenn es unseren Wald nicht mehr gibt? Er ist mir Zuflucht und Heimat. Eine Heimat, die mir nun schon wieder abhandenkommt, obwohl ich sie ja gar nicht verlassen habe. So ist Solastalgie für mich etwas völlig Akutes und ich glaube, dass noch viel mehr Menschen daran leiden, vielleicht einfach eher unbewusst.
    Du tust völlig richtig: Zeige deinem Sohn, was dir an Orten gefällt, lass ihn ein Gefühl für die Kostbarkeit einer intakten Landschaft entwickeln. Mute ihm zu, unter ihrem zunehmenden Verlust leiden zu müssen. Er wird dafür im Gegenzug eine Sehnsucht in sich tragen, die es ihm unmöglich macht, gleichgültig zu werden, abzustumpfen und nicht zuletzt zu verrohen. Im Gegenteil, es wird ihn empfindsam halten für die Schönheit dieser Welt und ihre Zerbrechlichkeit. Er wird vielleicht etwas haben, wofür es sich einzusetzen lohnt: den Schutz unserer Umwelt, der Landschaft, der Natur. Denn nur wer Zuflucht finden kann in der Natur, wer eine Vorstellung von einer intakten Landschaft hat, wird sie auch bewahren und schützen wollen. Wir brauchen unbedingt solche Menschen. Denn was ich auch beobachten konnte in meiner ehemaligen Heimat: dass Menschen, die sich nicht zugehörig fühlen, keine Verantwortung übernehmen wollen für eine lebenswertere Umgebung, sei dies eine Gemeinschaft, ein Ort, eine Landschaft. In diese Gross-Siedlungsräumen kommen Menschen aus wirtschaftlichen Gründen, weil sie hier Arbeit finden. Sie ziehen auch wieder weg für eine neue Stelle. Sie bleiben nicht lange und fühlen sich nicht zugehörig, nicht zuständig. Sie sehen es nicht und wenn, kümmert es sie wenig, dass alles um sie herum verdreckt, vermüllt. Sie sind in drei Jahren ja wieder weg. So entsteht eine Zivilgesellschaft, die es als gegeben hinnimmt, dass wir eine immer weniger lebenswerte Umwelt haben, die davon ausgeht, dagegen nichts unternehmen zu können und diesen Zustand als normal ansieht. Das ist für die Menschheit wie den Planeten überhaupt nicht gut. Wir brauchen die Menschen, die nicht gleichgültig sind, sondern empfindsam, auch wenn sie immer wieder mal daran verzweifeln. So wie ich, so wie du. Menschen, die das auch kundtun. So wie hier auf dieser wunderbaren Website. Danke dafür.

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    1. Vielen Dank, Rosanna, für deinen Kommentar! Ich kann spüren, wie ernst dir das ist und es ist schön zu sehen, dass man damit nicht alleine ist. Ich will gar nicht noch einmal wiederholen, was wir beide jetzt schon oben geschrieben haben, aber auch ich finde mich wieder in deinen Schilderungen von trockenen Sommern (in Berlin kommt noch der ausbleibende Schnee seite vielen Wintern hinzu).

      Großsiedlungen sind definitiv das Problem für zusammenhängende Landschaften und gleichzeitig gibt es keine ALternative für 7 Milliarden Menschen auf diesem Planeten.

      Anders als du habe ich aber auch viele Beobachtungen gemacht, wo ansässige Menschen, die in ihre Landschaft geboren wurden und dort auch nicht weg gehen werden, kein Problem mit der Vermüllung ihrer Landschaften haben. Und gleichzeitig habe ich auch Besucher von Landschaften, von denen sie bald wieder abreisen werden und in die sie vielleicht nie wiederkehren werden, beobachtet, die diese Landschaften aktiv aufräumen, säubern, pflegen und achten. Ich vermute eher, dass es ein Sozialisationsproblem ist: Wie wächst man auf und welche Werte bekommt man vermittelt?

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