
Kleine Lektionen in individueller Lebenskunst
Wir leben in einer Zeit, die uns vieles ermöglicht, wenig definitives von uns verlangt, einiges an subtilen Druck ausübt und gerade deshalb viele von uns etwas desorientiert durchs Leben irren lässt. Was wollen wir wirklich erreichen und was wird uns über Sozialisation und Werbung als erstrebenswert verkauft? Wir entwickeln irgendwie ein Verlangen nach einem authentischen Ziel im Leben, aber oft lässt sich das nicht entdecken. Und das frustriert viele von uns. Der Philosoph Wilhelm Schmid meint nun, dass auch das ziellose "In-den-Tag-hinein-leben" eine mögliche Form der Existenz sei. Manche brauchen große Ziele, manchen helfen mittelfristige Ziele, andere wieder können ganz gut ohne Ziele leben, segeln auf Sicht und bewältigen das, was ihnen gerade begegnet. Es gibt also kein Rezept für jeden, kein Ziel für jeden. Wir müssen durch Selbsterkenntnis verstehen lernen, was uns antreibt. Wenn es gelingt, kann man das Lebenskunst nennen.
"Anders als viele Menschen glauben, ist die Lebenskunst nicht auf ein bestimmtes Leben festgelegt, sondern besteht darin, sich selbst darüber klar zu werden, was für einen selber das erfüllte Leben sein kann. Und das kann sehr unterschiedlich sein!" (Schmid, Philosophie Magazin Nr. 05/2015, S. 64)
Man muss diesen Gedanken sogar noch erweitern, indem man feststellt, dass es auch für einen selbst nicht nur eine Möglichkeit eines erfüllten Lebens gibt, sondern eine Reihe von Alternativen. Der Mensch ist das nicht festgestellte Tier, das offene Wesen, das sein Schicksal selbst in die Hand nehmen kann und dabei eine Auswahl unter verschiedenen Möglichkeiten treffen muss.


