26. November 2012

Wie können wir mit Neurotizismus leben und lieben?

Kein Wesenszug sagt so zuverlässig ein Scheitern von zwischenmenschlichen Beziehungen voraus, wie ein hoher Wert an Neurotizismus.

Was ist Neurotizismus?
"Neurotizismus ist das Ausmaß der emotionalen Labilität (Störbarkeit, Ängstlichkeit) bzw. Stabilität als Persönlichkeitsdimension; wird durch Persönlichkeitstests ermittelt und soll Aussagen über eine Disposition für neurotische Störungen ermöglichen (H. J. Eysenck)" Lexikon-Institut Bertelsmann, 1995, S. 328.

Michelangelos David: Nervös, besorgt, ängstlich

Wir haben hier schon öfter vom Big Five, dem Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit gesprochen, aus dem sich fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit ableiten. Dieses lexikalische Modell der Persönlichkeitspsychologie wurde über Langzeitsudien und in verschiedensten Kulturkreisen immer wieder bestätigt.

Eine der Dimensionen wird Neurotizismus genannt und gibt darüber Auskunft, wie emotional stabil eine Person ist. Wer in einem Persönlichkeitstest einen niedrigen Wert beim Neurotizismus hat, wird in der Regel ausgeglichen, entspannt und sorgenfrei sein, seltener negative Gefühle erleben und insgesamt emotional stabil sein. Wer hingegen einen hohen Neurotizismuswert hat, der wird eher emotional labil sein, zu Nervosität neigen, öfter über körperliche Schmerzen klagen, sich oft mit Ärger und Ängsten herumplagen, schnell und intensiv auf Stress reagieren und von seinem hohen Stresslevel nur langsam wieder herunter kommen. Neurotische Menschen fühlen sich schnell unsicher und verlegen und neigen eher zu negativen Stimmungslagen.

20. November 2012

Sterben und Tod II

Was passiert mit Körper und Geist, wenn wir sterben?


Sterben ist ganz einfach: Du atmest aus und kannst nicht mehr einatmen – das war's. Sogyal Rinpoche

FUNERAL PER L'ASSASSINAT DE G. FREICHE
Was gibt's da noch zu sehen? (Manel Armengol via Flickr CC)

Was passiert eigentlich, wenn wir sterben? Wann ist unser Körper wirklich tot und was passiert mit unserem Bewusstsein, wenn wir sterben? Der Eintritt des Todes wird von uns in der Regel als ein Zeitpunkt vorgestellt. Vor diesem Zeitpunkt ist man am Leben, danach ist man tot. So einfach ist es nicht. Es ist ein Übergang, ein Prozess. Wenn das Herz aufhört zu schlagen, stellt das Hirn innerhalb von 10 Sekunden mangels Sauerstoff seine Aktivität ein. Mit einer Lampe kann man in den Pupillen prüfen, ob es dort noch Reflexe auf den Lichteinfall gibt. Wenn nicht, dann arbeitet der Hirnstamm, der für die Vitalfunktionen des Körpers sorgt, nicht mehr. Damit sind wir klinisch tot, obwohl es noch eine Menge Leben in uns gibt. Unsere Zellen leben weiter, jedoch geraten ihre Stoffwechselprozesse so außer Kontrolle, dass innerhalb weniger Minuten Zellschäden auftreten. Trotzdem können klinisch Tote heute - selbst nach vielen Minuten noch - wiederbelebt werden. Nach einer Stunde sind die zellulären Schäden aber so groß, dass der Körper und damit das Hirn ihre Vitalfunktionen auch nach einer Wiederbelebung nicht mehr selbständig aufrecht erhalten können. Doch auch damit ist das Sterben noch nicht vorbei, wie wir gleich sehen werden.

17. November 2012

Sterben und Tod I

Das Leben vom Ende her gedacht


Es ist nicht das Schlimmste für einen Menschen, festzustellen, dass er gelebt hat und jetzt sterben muss; das Schlimmste ist, festzustellen, dass man nicht gelebt hat und jetzt sterben muss.
Cicely Saunders

Bist du bereit, hinabzusteigen? (Bild von TheCreatureWalks)

Im Leben denken wir kaum an den Tod, schon gar nicht an den eigenen. Wir verdrängen gern den Fakt, dass auch wir sterben müssen. Dabei kann es jedem von uns enorm viel bringen, dass wir bewusst mit dem eigenen Tod umgehen. Zum einen eröffnet sich dadurch schon im Leben eine neue Dimension, nämlich eine hohe Wertschätzung unserer Lebenszeit durch die Erkenntnis, dass diese endlich ist - wiederbelebte Patienten berichten immer wieder von dieser neuen Wertschätzung nach ihrer Nahtoderfahrung. Zum anderen können wir durch entsprechende Vorbereitung am Ende gelassener sterben, wie es Saskia John im Interview Nach der Dunkelheit: Ich lebe heute mehr! ausdrückt. Das Sterben kann seinen Schrecken verlieren, wenn wir uns darauf vorbereiten und wissen oder gar beeinflussen können, was uns erwartet.

10. November 2012

Es könnte Schlimmeres geben...

Es ist eine Schande, dass wir nach dem ersten abgefahrenen Drittel unseres Lebens den absurd uncoolen Entwurf hinnehmbar finden, eine Familie zu gründen, ein Haus in einem Vorort zu beziehen und immer fleißig zur Arbeit zu fahren. Ist das nicht ein Betrug an uns selbst, an unseren Idealen wie Freiheit, Kreativität und Originalität? Ist es nicht wirklich eine Zumutung, unser Leben mit Arbeit zu verbringen, nur um den Kopf über Wasser zu halten? Ich glaube, Ehe und Kinder sind unglaublich narzisstische Projekte für Leute, denen die Ideen ausgegangen sind.

Was ist von unserer Jugend eigentlich übrig geblieben?
(Foto von Dark Silence In Suburbia)

Als ich fünfzehn war, fragte mich eine mindestens drei Jahre ältere und viel zu geil aussehende Jacqueline in der Hohenschönhausener Jugend-Diskothek: »Soll ick dir een blasen?« Das Poetische dieses Moments traf mich wie der Blitz. Ich hatte einen spontanen Samenerguss und mir war klar, ich würde Rockstar werden oder Schriftsteller. Auf dem Weg nach Hause wurde ich dann von zwei Neonazis verkloppt.

Die ganze Geschichte auf Kolumnen.de lesen >>

6. November 2012

Unternehmerisches Management unserer psychischen Energien?

Wir wissen, dass das Personalmanagement (HR) nicht nur eine Funktion in den Firmen und Organisationen hat, sondern selbst eine Branche ist, die (manchmal möchte man meinen: um jeden Preis) rentabel gehalten werden muss. Klar - es gibt HR-Software, Assessment-Tools, Bewerber-Management-Systeme, Personalvermittlungen und -berater und es gibt die tausenden Firmen, die Seminare, Schulungen und Coachings anbieten. Damit all diese Unternehmen auch rentabel bleiben, gibt es Kongresse, Messen, Zeitschriften und vor allem die halbjährliche Sau, die durchs Personaler-Dorf getrieben wird. Wir denken an solche Begriffe wie "Burnout", "Talentmanagement" oder die Dauersau "Fachkräftemangel", an die wir uns gewöhnt haben und die heute niemanden mehr schreckt. Verstehen wir uns richtig: Diese Themen sind wichtig und benötigen kontinuierliche Arbeit vor Ort, aber keine Medien-Konvulsionen. Es stellt sich der Verdacht ein, dass nicht gewollt ist, solche Probleme zu lösen, bevor nicht neue Geschwüre entdeckt wurden, die man teuer behandeln muss.

special marys
Selbstmanagement unendlicher psychischer Energien (Bild von special marys)

Ein neues großes Thema ist das "Gesundheitsmanagement". Keine Fachzeitschrift, kein Kongress, kein Seminar, wo dieses Thema nicht diskutiert wird. Langfristig ergeben sich daraus tolle Schulungen und Zertifikate, die man den Unternehmen verkaufen kann. Im von mir sehr geschätzten Magazin Human Resources Management kann man dazu ein Interview mit Professor Bernhard Badura lesen, dass mit dem kruden Titel Unsere psychischen Energien sind endlich überschrieben wurde. Ein Glück kommt dieser Satz im Interview selbst nicht vor. Er stimmt auch gar nicht. Unsere psychischen Energien sind nicht endlich, wenn man mal vom Tod des Gehirnträgers absieht, der hier aber nicht gemeint war. Die Metapher von der endlichen Energie legt nahe, dass wir da eine Art Kohlekraftwerk im Kopf haben, dem der Rohstoff ausgeht. Das ist natürlich totaler Quatsch. Wir Menschen als Produzenten der "psychische Energien" sind das Musterbeispiel von erneuerbaren Energien, wenn wir mit uns selbst nachhaltig umgehen. Und dieser Umgang will gelernt werden, z.B. indem wir gesund essen, uns genug bewegen und uns nicht überarbeiten. Dafür sollen nun also verstärkt die Unternehmen sorgen.

3. November 2012

Warum irren wir uns systematisch?

Die häufigsten kognitiven Verzerrungen

Faustregel, Milchmädchenrechnung, über den Daumen gepeilt. Hand aufs Herz: Wir alle irren uns wohl mal hier und da. Oder auch ständig, überall und systematisch. Gut, wenn wir uns unsere Irrtümer eingestehen, das macht uns zu erwachsenen Menschen. Aber was, wenn wir nicht mitkriegen, dass wir uns irren. Und was, wenn auch andere es nicht mitkriegen, weil wir uns kollektiv irren? Zum Beispiel neigen wir alle dazu, negative Nachrichten stärker zu bewerten, als positive (negativity bias). Das hat evolutionär auch seinen Sinn: Wenn in einem Urmenschen-Habitat ein Säbelzahntiger gerade sein Unwesen trieb, war diese Information im Zweifel wichtiger, als die gleichermaßen wahre Information, dass man im selben Gebiet gerade süße Früchte pflücken konnte. Heute, da wir hier solcher elementaren Sorgen enthoben sind, führt diese Tendenz jedoch vor allem noch dazu, dass alle von schlechten Nachrichten besessen sind: Only bad news are good news.


The Duchess and Friends
Typischer Fall von Kontrollillusion (Bild von Quabit)

Solche kognitiven Verzerrungen liegen vielen unserer Entscheidungen und Überzeugungen zugrunde. Sie sind mentale Short Cuts, die unserem Gehirn eine gewisse Effizienz ermöglichen. Man könnte sie auch in die anthropologische Kategorie der Entlastung einordnen. Wir sind evolutionär darauf getrimmt, schnell Entscheidungen zu treffen, das sorgsame, aber energie- und zeitaufwendige Abwägen der Wahrnehmungen und Informationen wurde zugunsten der Schnelligkeit und Sparsamkeit geopfert. Auf einige bekannte kognitive Verzerrungen möchte ich hier etwas genauer eingehen.

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