30. Oktober 2016

Postwachstum: Müssen wir uns gesundschrumpfen?

"Degrowth" statt "Wachs oder stirb!"

Die Ausbreitung des Ökologischen Imperativs über die letzten 30 Jahre kann sich den kapitalistischen Entfremdungsdynamiken nicht entziehen. Wie alles gut gemeinte, kann das populäre Ökobewusstsein unter dem Strich nicht mit ausschließlich gewünschten Ergebnissen, also etwa gesunkenem Ressourcenverbrauch oder mehr Natur punkten: Windparks statt Wälder, SUVs statt Käfer und Billig-Bio im Discounter. Zugrunde liegt auch ein Prinzip, nachdem uns effizientere Technologien nicht zum Sparen bringen, sondern dazu, mehr davon zu nutzen und damit zum selben oder zu einem größeren Ressourcenverbrauch zu kommen.

Was hat die Schnecke dem Menschen voraus? Sie kennt keinen Konsumstress zum Beispiel.

Es ist so ähnlich, wie wir auch nicht mehr Freizeit dadurch bekommen, dass wir die Dinge nun schneller erledigen können, denn wir machen dann eben einfach mehr und kommen so unter Zeitdruck. Und wie ökologisch (un-) verträglich die Fertigung und Entsorgung all der Akkus für unsere Elektroautos sein wird, die nun bald den Verbrennungsmotor ersetzen sollen, wird sich noch zeigen. Der Post-Wachstums-Blues macht sich breit.

"Wenn ökologische Effizienzerfolge zu neuer Verschwendung verführen, sollten wir es lieber ganz lassen, lautet die Konsequenz. So schlagen die radikalen Wachstumskritiker die Freunde des grünen Wachstums, von denen sie abstammen, mit ihren eigenen Waffen." (Rainer Hank, FAS vom 14.10. 2016)

Aus einer radikalen Wachstumskritik, die sich selbst gegen ein Wachstum nach Öko- und Bio-Standards wendet, ist eine neue Bewegung entstanden: Degrowth oder eben – schnöde übersetzt – Schrumpfung. Da Schrumpfung sich nicht gerade sexy anhört, firmiert die Bewegung auch im Deutschen unter ihrem englischen Markennamen oder etwas umständlich unter Postwachstum. Was will Degrowth, dessen Symbol die Schnecke ist, mit der Entschleunigung des Wirtschaftswachstums erreichen?

"Nachhaltige Schrumpfung ist ein Rückfahren an Produktion und Konsum, der menschliches Wohlbefinden fördert, die ökologischen Bedingungen verbessert und globale Fairness ermöglicht. Degrowth fordert eine Zukunft, in der Gesellschaften im Einklang mit ihren ökologischen Ressourcen, mit offenen, lokalen Märkten und mit einem durch neuartige demokratische Institutionen gleichmäßig verteiltem Reichtum leben. Solche Gesellschaften werden nicht mehr zwischen Wachstum und Untergang wählen müssen. Anhäufung eines materiellen Wohlstands wird nicht mehr im kulturellen Fokus stehen. Die Vorherrschaft der Effizienz wird abgelöst werden von einer Vorherrschaft der Hinlänglichkeit und innovative Technologie geschieht nicht um ihrer selbst Willen, sondern wird sich auf neue soziale und technische Ausstattungen konzentrieren, die es uns ermöglichen, gemeinschaftlich und sparsam zu leben. Degrowth bezweifelt nicht nur den Nutzen des Bruttoinlandsproduktes als politisches Prinzip, sondern schlägt einen neuen Rahmen für die Transformation zu einem geringeren und nachhaltigen Volumen von Produktion und Konsum vor, mit einem schrumpfenden ökonomischen System, das der menschlichen Zusammenarbeit und den Ökosystemen mehr Platz einräumt." (Meine Übersetzung der Definition auf degrowth.org)

Der oben zitierte Rainer Hank kritisiert diesen Furor des Gesundschrumpfens aus der Perspektive, dass zum einen historisch betrachtet wirtschaftliches Wachstum und sozialer Fortschritt Hand in Hand gingen und dass es zum anderen anthropologisch betrachtet zur Natur des Menschen gehöre, materiell wachsen zu wollen. Dem könnte man entgegnen, dass zum einen der Blick in die Vergangenheit nicht unbedingt der beste Wegweiser für die Zukunft ist und dass es zum anderen stark zu bezweifeln ist, dass eine Art unnötiger Reichtum etwas zwingendes mit der Natur des Menschen zu tun habe. Und selbst wenn: Sich gegenseitig den Kopf einzuschlagen könnte man aus historischer und zeitgenössischer Betrachtung auch für die Natur des Menschen halten, ohne dass wir deswegen meinten, dass es damit immer so weiter gehen sollte.

Vom Grenznutzen des weiteren Wachstums

Matthias Schmelzer vom DFG-Kolleg Postwachstumsgesellschaften der Universität Jena entgegnet Hank ebenfalls in der FAS mit wirtschaftswissenschaftlich guten Argumenten zum erwiesenermaßen geringen Grenznutzen, den weiterer Reichtum in ohnehin reichen Ländern nur hat, weil die sozialen und ökologischen Kosten des Wachstums steigen. Und lange ist bekannt, dass die Lebenszufriedenheit ab einer bestimmten Wohlstandsgrenze (bei uns seit den 1980ern überschritten) nicht mehr steigt und oft sogar wieder sinkt. Schmelzer kommt zu der Überzeugung,

"...dass weiteres Wirtschaftswachstum der reichen Länder kein gutes Leben ermöglicht, sondern diesem entgegensteht. Denn Analysen zeigen: Von Wachstum profitieren vor allem die Reichsten, während es gleichzeitig krasse Armut und Ausgrenzung schafft und die ökologischen Grenzen des Planeten massiv überschreitet. Degrowth oder Postwachstum steht nicht für Verzicht und Rückschritt, sondern für progressive Alternativen zum Wachstumsdiktat." (Matthias Schmelzer, FAS vom 21.10.2016)

Wie könnten wir zu attraktiven Alternativen zum "Wachs oder stirb!" kommen? Zunächst einmal müssten wir wohl Abschied nehmen von einem Denken und Handeln, in dessen Zentrum das Bruttoinlandsprodukt steht, sodass "die ökologischen und sozialen Folgekosten von Wachstum" mit in Betracht gezogen werden. Das ist nicht so neu, denn spätestens seit der Studie des Club of Rome "Die Grenzen des Wachstums" von 1972 wissen wir um die globalen Folgekosten des Wachstums. Neben dem Zurückfahren von Produktion und Konsum, scheint es der kleinste gemeinsame Nenner innerhalb der Bewegung zu sein, die Erkenntnisse zu den Folgekosten endlich ernst zu nehmen und unser wirtschaftliches Denken und Handeln danach auszurichten. Dazu werden verschiedene Dimensionen identifiziert, an denen man ansetzen müsse: Zeit und Ressourcen, Infrastruktur und Finanzen, Ökonomische Institutionen und soziale Vergleichbarkeit, Materielle Bedürfnisse und Konsumgesellschaft.

Was die Ergebnisse der bisherigen Bemühungen angeht, gibt man sich öffentlich bescheiden und weist darauf hin, dass innerhalb der Bewegung viele verschiedene Gruppen zu ganz verschiedenen Themen arbeiten und es durchaus Auseinandersetzungen gibt, welche praktischen und/oder theoretischen Fragestellungen die drängendsten und vielversprechendsten seien. Man sei noch weit davon entfernt, Handlungsrichtlinien für Politik und Wirtschaft aufzustellen.

Die Bescheidenheit ist nicht verwunderlich, wenn man die Komplexität und vielen Ebenen des wirtschaftspolitischen Handelns unserer Gesellschaften betrachtet. Das lässt an Bruno Latour denken, der auch bei der Degrowth Conference 2014 in Leipzig sprach und der mit seiner Idee von einem "Parlament der Dinge", in dem wechselseitige Interessen zwischen Menschen und "Nichtmenschen" (Wälder, Tiere, Naturschutzgebiete, Rohstoffe, Luft, Wasser) ausgehandelt werden könnten, diesem komplexen Geflecht gerecht werden möchte.

Gesellschaftliche und individuelle Reduktionsstufen

Dabei steht Postwachstum nicht nur für ökonomische und ökologische Grenzen des Wachstums, sondern auch für unsere psychischen Grenzen und die permanente Überforderung vieler Menschen unserer Gesellschaft durch durch Konsum und Arbeit, wie der Ökonom Niko Paech meint. Schon zum Selbstschutz müssten wir Mittel gegen die permanente Überforderung der Konsum- und Wegwerfgesellschaft finden. Er schlägt dafür vier Reduktionsstufen vor: 1. individuelle Genügsamkeit; 2. zunehmende Selbstversorgung durch Eigenproduktion, Kreativität, Reparatur, Recycling und Gemeinschaftsnutzung; 3. Regionalwirtschaft und 4. einen Industrierück- und umbau. Wie immer sind viele dieser Zusammenhänge nicht in unserer individuellen Kontrolle. Hoffnung macht aber doch, dass es zum einen eine zunehmend verbreitete Akzeptanz für die Grenzen von Wachstum und Beschleunigung gibt und dass zum anderen eben doch ganz viel auch von uns selbst und unserem Umgang mit Zeit, Menschen und Dingen abhängt. Ich empfehle das Video Postwachstumsökonomie in 20 Minuten, um mehr dazu von Paech zu hören:




Das passt dazu:

Kommentare:

  1. Wenn man ernsthaft versucht, eine Gesellschaftsform zu schaffen, die nicht auf Selbstzerstörung programmiert ist, dann muss es gelingen entweder
    - das menschliche Streben nach Status und Macht unabhängig von Ressourcen- und Energieverbrauch zu machen
    oder
    - das menschliche Streben nach Status und Macht zu beseitigen

    Ich kann mir weder das eine, noch das andere vorstellen... :-)

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    1. Ja, wir sind angewiesen auf eigenes Vorstellungsvermögen und das anderer, um überhaupt etwas bewegen zu können :)

      Das menschliche Streben nach Status und Macht? Ist das etwas, das jeder in derselben destruktiven Ausprägung hat? Ich denke nicht. Ich kenne viele Leute, die es entweder nicht haben oder deren Status sich daraus ableitet, dass sie Gedichte schreiben oder Bilder malen und dafür Anerkennung bekommen (nur als Beispiele). Die Zeit, als Autos und Häuser noch Statussymbole waren, geht vorüber.

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    2. "Die Zeit, als Autos und Häuser noch Statussymbole waren, geht vorüber" Genau dasselbe haben die jungen Steinewerfer von 68 wohl auch gesagt, bevor sie in die Chefetagen von Nestlé, Vattenfall, Microsoft, Apple, Deutsche Bank usw. gingen. :-))

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  2. Mir ist so, als hätte ich als das mit dem Degrowth und der Entschleunigung schon in den 70er Jahren gehört, als der Club of Rome die Grenzen des Wachstums postulierte und wir in der ersten Ölkrise auf den Autobahnen spazierengingen. Dann nochmal in den 80ern und Anfang der 90er Jahre. In derselben Zeit sind Energieverbrauch, Konsum, Staatsschulden, Bürokratie und einiges mehr explodiert. Ab der 90er Jahre wurde die erste Degrowth- und Entschleunigungsbewegung kommerzialisiert und zur Mainstream-Bio-Bewegung. Heute gibt es so viele Bio-Produkte auf dem Markt, dass offensichtlich geworden ist, dass mit Bio nur eine Palette neuer Konsumgüter auf den Markt geworfen wurde, die der Bildung einer neuen Gesellschaftsschichtung dient. Die bewussten, gebildeten, toleranten Bio-Konsumierer können auf den Lidl- und Aldi-Kunden runterschauen und sich als was Besseres wähnen. Entschleunigung wurde ebenfalls kommerzialisiert und in alle möglichen spirituellen Konsumgüter wie Zen-Kurse, Yoga-Matten, Klangschalen und Reisen nach Tibet verwandelt. Geht es bei dieser neuen Degrowth- und Entschleunigungsbewegung darum, eine Mandala-Mal-App auf den Markt zu bringen? Oder etwa wieder mal eine CD mit Ozeanrauschen und dem Geschnatter von Delphinen?

    Übrigens: die Europäer machen nur ca. 10% der Weltbevölkerung aus. 90% möchten erst mal den Sättigungsgrad erreichen, der uns Europäern ein solches Völle- und Überdrussgefühl bereitet. Und selbst in Europa, namentlich Mittel- und Osteuropa, sind längst noch nicht alle so übersättigt, dass sie Degrowth und Entschleunigung für eine interessante Option halten.

    Neulich habe ich gelesen, dass der Wunsch nach Entschleunigung, Degrowth und was damit zusammenhängt, die typischen Kennzeichen einer überalterten Gesellschaft sind, in der sich der Altersscheitelpunkt auf die 50 zubewegt, was heißt, dass es bald mehr Leute gibt, die über 50 sind als solche, die unter 50 sind. In einer solchen Gesellschaft prägen die Alten den Zeitgeist. Und Alte haben es eben gern gemütlich und brauchen nicht mehr so viel.

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    1. Deine Skepsis zum Pseudo-Buddhismus, der sich so prima in den Spätkapitalismus schmiegt, teile ich ungebrochen, wie du weißt. Bei der Degrowth-Bewegung geht es jedoch nicht um Gaia-Esoterik oder Tree-Hugging, sondern um volkswirtschaftliche Forschung und ökonomische Alternativkonzepte. Man findet gegen alles, was sich bemüht, zynische Argumente, mit denen man ein bequemes "Weiter so" begründen kann. Aber das ist mir zu wenig.

      Mit deinem Hinweis auf die 10/90 hast du schon Recht. "Was man allen versprochen hat, kann man nur halten, wenn es nicht allen gewährt wird und wenn nicht alle Betrogenen reklamieren. Das ist die paradoxe Struktur, die jeder modernen Ideologie innewohnt." (Sloterdijk Jetzt gilt es zu beschreiben, was das in der Praxis von Politik und Ökonomie heißt. Zum anderen kann man die 10/90 auch umschreiben, z.B. 20% der Menschheit nutzen 80% der Ressourcen oder so. Dass es nicht gehen wird, dass die anderen 80% im gleichen Maße aufholen, ist beinahe evident. Deshalb eben die Frage: Was tun?

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  3. Ich möchte kein zynisches "Weiter so!" begründen, ich habe nur genug von Weltverbesserungs-Plänen, die das Gegenteil von dem bewirken, was sie inhaltlich aussagen. Was Du als volkswirtschaftliche Forschung und Alternativkonzepte darstellst, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Leitbild, und Leitbilder haben es an sich, das sie nicht Wirklichkeit sind und auch nicht Wirklichkeit werden sollen oder können. Und das ist nun eben mir zu wenig.

    Wirtschaftswachstum und die Notwendigkeit dazu entsteht dadurch, dass seit Generationen permanent Wissen und Kapital in den Produktionsprozess mit einfließen, was den Prozess nicht nur effizienter gemacht, sondern zum Selbstläufer hat werden lassen, den wir heute nicht mehr steuern können. Anzunehmen, der Mensch hätte die industrielle Produktion novh im Griff, ist ein grandioser Irrtum, auf dem jedoch sämtliche Alternativkonzepte beruhen.

    Selbstversorgung durch Eigenproduktion ist ein Konzept, das nach Kriegen, wenn alles zerstört ist, eine Zeitlang funktioniert und dann nicht mehr, weil sich ganz von selbst wieder Tausch- und arbeitsteilige Strukturen bilden. Je mehr Elektronik in den Geräten ist, desto weniger kann repariert und recycelt werden, und elektronische Geräge sind unbestritten des Menschen neue heilige Kuh. Aus der Gemeinschaftsnutzung bilden sich neue Konsumzwänge heraus, das zeichnet sich bei AirBnB & Co. schon deutlich ab. Regionalwirtschaft steht dem Trend zum Veganismus diametral entgegen. Was der Paech da von sich gibt, ist doch bloß leeres Geschwurbel.

    Wie lange wollen wir uns denn noch das Märchen erzählen, dass wir die Welt retten und irgendeinen Status quo bewahren können?

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    1. Ich habe den Eindruck, du bist einer Art Entweder-Oder-Fehlschluss erlegen. Es ist doch keine Frage des Alles-oder-Nichts, keine Frage der Rettung der Welt. Es geht darum, besser zu leben, Alternativen und Erträglichkeiten herzustellen, wo wir jetzt schon absehen können, das es ohne Veränderungen unerträglich wird, bevor es vielleicht ganz vorbei ist. Das schließt die Möglichkeit ein, dass es nur ein Verlängern, ein Hinauszögern eines ganz umwälzenden Prozesses ist (nenn es Apokalypse oder Weltuntergang), auf den wir dann ganz und gar keinen Einfluss mehr haben.

      Wer gern auf Alles-oder-Nichts-Szenarien und Entweder-Oder aus ist, denkt oft auch nicht mit, dass ein Weltende nichts ist, was von heute auf morgen kommt. Wir sind immer mitten drin in einem Untergang, die Frage ist aber, wie wir ihn gestalten. So wenig wie der Untergang plötzlich ist, so wenig ist er auch total, das heißt es macht durchaus einen Sinn, sich über ein Danach Gedanken zu machen.

      Niemand sagt, dass Degrowth die Antwort auf alle Fragen sei, die du vielleicht dahinter erwarten würdest, um es ernst nehmen zu können. Es ist eine Suche unter vielen nach Alternativen und Gestaltungsmöglichkeiten eines "Was-auch-Immer". Siehe auch Der finstere Berg. Eine andere Qualität in der Sorge um die Zukunft.

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    2. Mit diesem Alles-oder-Nichts-Argument kann ich nicht so wirklich was anfangen. Mir geht es drum, darauf hinzuweisen, dass Du das Klima, die Welt, den Untergang oder Ähnliches in dieser Größenordnung nicht gestalten kannst. Du kannst Dein eigenes Leben, dein Haus, deinen Job gestalten und das ist es dann.

      Es geht um zwei völlig verschiedene Größenordnungen, die man auf diese Weise nicht miteinander ins Verhältnis setzen kann. Der Energieumsatz, der sich im jährlichen Zufrieren der Hudson-Bay vollzieht, ist pro Jahr größer als alles, was alle Menschen im Laufe ihrer Geschichte insgesamt an Energie umgesetzt haben. Ein einziger Vulkanausbruch kann das 100fache an CO2 ausstoßen, was die Menschheit in 200.000 Jahren insgesamt an CO2 produziert hat. Das ist das Eine.

      Das Andere: Wer die Gestaltung des Klimas, der Welt, des Untergangs und ähnlich weltumspannender Projekte auf seinem Schirm hat, ist nicht zufrieden damit, er selber zu sein und seinen eigenen Senf zu machen. Du erzählst in Deinem Artikel nicht davon, was DU persönlich tust, sondern was ALLE oder zumindest die große Mehrheit tun sollten. Du sagst nicht: ich gestalte mein Haus umweltfreundlich, und ob andere mitziehen oder nicht, ist allein denen überlassen, sondern zu sagst: Ich gestalte das Klima (mit). Du hast eine Vorstellung davon, wie das Klima gefälligst auszusehen hat.

      Und schon kannst Du den anderen nicht mehr überlassen, was die tun wollen, sondern musst sie zu Deiner Vorstellung bekehren, sprich missionieren. An die Stelle von "Wir müssen Gott dienen", tritt "Wir müssen das Klima retten". Der Impetus ist jedoch derselbe. Es geht darum, durch Überhöhung der eigenen Ziele resp. Möglichkeiten Einfluss auf Andere zu nehmen und Andere zu einem verlängerten Arm seiner selbst zu machen.

      Ich habe Dich jetzt angeredet, tatsächlich referierst Du jedoch nur, was Du gelesen hast. Nimm's also nicht persönlich. Statt "Du" kann auch "Niko Paech" stehen.

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    3. Das wir als Menschen das Klima nicht gestalten ist eine höchst fragwürdige These, ich lasse das mal dahingestellt. Und du hast natürlich Recht, es gibt da etwas Missionarisches an der einen Seite des Spektrums und dann gibt es beinahe zum Handeln zwingende Erkenntnisse aus naturwissenschaftlichen Beobachtungen. Wie gesagt – wie sehr das auf das Klima zutrifft, lasse ich jetzt dahingestellt. Aber wir können nicht jegliche Beobachtung und deren Schlussfolgerungen als "missionarisch" abtun, weder auf der Mikro- noch auf der Makro-Ebene. Und wie zuvor gesagt, auch auf der Mikro-Ebene weiß ich, dass ich am Ende sterben werde, es kommt aber darauf an, wie ich den Weg dahin gestalte. Wie das auf die Makro-Ebene "Menschheit" zu übertragen ist, wäre eine lohnende Frage. Du sagst wohl: "Gar nicht!" Ist für mich nicht nachvollziehbar, aber das soll andere Perspektiven nicht werten.

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  4. " An die Stelle von "Wir müssen Gott dienen", tritt "Wir müssen das Klima retten". "
    Das kann ich so nicht glauben.
    In der Biologie gibt es die sogenannten Landplagen. Eine Art ist zahlenmässig massiv überlegen und schon kippt das Ganze.
    Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß das völlig ungehemmte und hemmungslose "Wirtschaften" hier auf Erden spurlos und wirkungslos ist.

    Gerhard

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    1. Der Mensch mit seinem "Wirtschaften" hinterlässt durchaus mehr als Spuren: er verwandelt das, was mal Natur im engeren Sinne war (Wälder, Steppen, Gebirge, Flüsse, Seen, Ökosysteme), in eine agrarisch-technisch-industrielle Neulandschaft, die es in dieser Form so auf dem Planeten vorher noch nie gegeben hat. Dieser Umbau der Welt ist mit dem sechsten großen Artensterben verknüpft. Natürlich verändert der Mensch dadurch auch das Klima.
      Keine Frage.

      Ja, der Mensch verändert das Klima, aber er gestaltet es nicht. Gestalten ist eine künstlerische Tätigkeit, der eine Idee, ein Plan, ein bewusster Wille zugrunde liegt. Der Mensch hingegen wird ständig überrascht und ist geschockt von den Veränderungen, die seine Umbautätigkeit hervorbringt.

      In seinem eigenen Leben kann man Ideen und Pläne umsetzen und versuchen, sie zu verwirklichen. Insofern kann man sein eigenes Leben zumindest ein Stück weit "gestalten". Ideen und Pläne, die die Menschheit betreffen, kann ein Einzelner oder eine einzelne Gruppe nicht umsetzen, es sei denn, derjenige drückt seine Ziele und Ideen der gesamten Menschheit aufs Auge. Wer das versucht, akzeptiert die Menschen nicht, wie sie sind, sondern behandelt sie ähnlich wie die Pflanzen und Tiere, die er zu seinem eigenen Zweck "verändert", sprich gezüchtet hat. Dadurch diskreditiert sich dieser Ansatz von selbst. Ich wollte dieses Dilemma und den darin steckenden unlösbaren Widerspruch sichtbar machen.

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  5. Das Streben nach Status und Macht hat nicht jeder in der Gesellschaft, aber meist
    die die führen. Das Streben nach Macht und die damit einhergehende Selbstzerstörung schafft auch Sicherheit vor Fremdzerstörung durch andere Staaten. Eine Art Postwachstumsökonomie wird sich meiner Meinung nach nur durchsetzen, wenn die Gefahr vor Selbstzerstörung noch mehr in unser Bewusstsein rückt als die Gefahr vor Fremdzerstörung. Angesichts der Tatsache, dass die Beeinträchtung unserer Umwelt in der Vergangenheit uns auf lange Sicht einen Vorteil verschafft hat, weil wir es sind, die andere ausbeuten, vermute ich, dass es noch einige Generationen und Opfer von Ökozid benötigen wird, bis sich dieses Denken in die Praxis umsetzt.

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