15. April 2018

Wenn immer gleich alles übergriffig ist

Denken braucht spontane Zumutungen

Ich halte es durchaus für eine zivilisatorische Leistung, freundlich, diplomatisch und rücksichtsvoll zu kommunizieren. Gleichzeitig halte ich es für unabdingbar, dass man offen sprechen kann und auch mal kontroverse Thesen zur Debatte stellen kann, ohne sich gleich innerlich zu zensieren oder gar von anderen per Totschlagargument zensiert zu werden.

Weder ist das dumm-dreiste "Das-wird-man-doch-wohl-noch-sagen-Dürfen" eine Entschuldigung für Rassismen, Sexismen oder sonstige plumpe Angriffe auf den zivilisierten Umgang unter Menschen, noch sind die "safe spaces" eine diskursive Option, wie sie jetz in manchen amerikanischen Unis gefordert werden und wo nichts mehr gesagt werden darf, das irgend eine/n Anwesende/n vor den Kopf stößt. Solche Zensur im Namen der "political corectness" schafft nicht nur das Denken und Argumentieren ab, es ist auch mitverantwortlich für die Blüte des politischen Populismus, der sich zurecht gegen einen vorauseilenden Konsens im Austausch wehrt.


Wer nicht spricht, wird nicht gewürgt... Mal richgtig übergriffig

Beispielsweise wurde mir gestern auf Facebook vorgeworfen, ein Artikel von mir sei "übergriffig", weil er generalisiere und Leuten einen Stempel verpasse. Konkret ging es um den mittlerweile veralteten Text 10 Gründe, warum Facebook schlecht für uns ist (inzwischen ist ja bei Facebook alles noch viel schlimmer gekommen, als ich damals befürchtete). In dem Artikel sage ich so kontroverse Dinge wie "Facebook macht doof". Nun besteht der Witz an der Sache ja auch darin, dass ich selbst Facebook nutze und mich eben damit auseinandersetze. Mir wurde zum einen geraten, nicht das Netz zu beschmutzen, in dem ich selbst sitze (Facebook) und nur über mich selbst und meine Erlebnisse zu schreiben und nicht "übergriffig" zu implizieren, dass auch andere Menschen von Filterblasen und Emoticons negativ betroffen sind, wenn sie Facebook nutzten. Mir hingegen war genau das wichtig, dass sich auch andere Menschen angesprochen und vielleicht sogar herausgefordert fühlten, denn nur das befördert wirkliches Denken und ermöglicht damit einen Diskurs. Wer sich heute jedoch in einem sozialen Netzwerk herausgefordert fühlt, der "entfolgt" dieser Herausforderung, denn schließlich will man sich ja nicht auch noch in seiner Freizeit mit den Gedanken anderer auseinandersetzen müssen, wenn sie sich nicht mit den eigenen Meinungen decken. So kommt es zu den bekannten Filterblasen, in denen man nur noch seine eigenen Meinungen bestärkt findet.

Safe Spaces, keine Übergriffe!

Im Klartext wurde also von mir gefordert, Facebook oder das gesamte Internet als einen "safe space" zu behandeln, in dem ich andere Menschen nicht mit kontroversen Thesen konfrontieren darf, die sie auf sich selbst beziehen könnten. Gerade Facebook, gerade das Internet!? Der Philosoph Robert Faller beschreibt im letzten Philosophie Magazin solche "safe spaces" als Orte, wo "Menschen nichts mehr dulden, was ihrem spontanen Empfinden zuwiderläuft" (Philosophie Magazin, Nr. 3 / 2018, S. 37).

Das Wort übergriffig finde ich in dem Kontext besonders perfide, denn es weitet einen ehemals engen und ernsthaften Begriff so inflationär aus, dass er bald nichts mehr bedeutet. Eigentlich beschreibt der Begriff "Übergriffe in die Rechte, den Bereich, die Angelegenheiten und insbesondere in die sexuelle Selbstbestimmung anderer" (Wiktionary). Wenn jetzt schon eine Generalisierung wie "Facebook macht doof" einen Übergriff in die Selbstbestimmung anderer darstellt, dann ist das Wort völlig entwertet oder im schlimmsten Fall sind wahrliche Übergriffe (z.B. sexuelle Belästigung) damit verharmlost. Wo kommt der Impuls her, gleich all das als "übergriffig" zu zensieren, durch das man sich irgendwie angegriffen fühlt? Ich meine, es ist eine Faulheit des Denkens, eine Aversion gegen die Auseinandersetzung, wenn man es nicht schafft, die eigenen "spontanen Empfindungen" und deren Provokation zum Anlass einer Reflexion zu nehmen.

Explizit versus implizit

Das mit den "spontanen Empfindungen" ist der ausschlaggebende Punkt. Das Verletzen von spontanen Empfindungen, Meinungen oder Intuitionen ist der Ausgangspunkt allen Denkens. Ohne eine Provokation dessen, was ich im Moment für richtig halte, kommt erst gar kein Denkprozess in Gange. Denken braucht Reibung, erst durch solche Reibung kann ein Funke entfacht werden. Man muss sich die Widersprüche, die man zwischen dem, was man glaubt und dem, was dagegen behauptet wird, explizit klar machen. Erst dieses explizite Klarmachen ist überhaupt ein Denkvorgang, alles implizite ist lediglich Intuition, Gefühl. Intuition oder Gefühl sind natürlich nichts schlechtes, aber sie eignen sich nicht dazu, neue Erkenntnisse zu gewinnen oder überkommende Meinungen über Bord zu werfen und damit selbst klüger zu werden und zu wachsen. Um zu wachsen, muss man explizit über die eigenen impliziten Regungen, Gefühle und Intuitionen reflektieren.

Von Befindlichkeiten abrücken

Im großen gesellschaftlichen Kontext wird das Bewahren diskursiver Freiheit noch wichtiger. Ich ließ ja schon oben anklingen, dass eine zensierende political correctness schnell umschlägt in eine überschießende Gegenbewegung. Wenn man über Ängste und Bedürfnisse nicht mehr frei sprechen kann, dann können sich plötzlich Rassisten und Sexisten wie Trump als Retter des weißen Mannes und seiner Redefreiheit inszenieren. Außerdem führt die Selbstzensur dazu, dass wir nicht mehr herausfinden, wohin wir uns als Gesellschaft bewegen wollen, was uns wichtig ist und welche politischen Pfade wir am klügsten einschlagen sollten. Robert Pfaller dazu noch einmal:

"Es scheint mir entscheidend, zu erkennen, dass bestimmte Debatten andere ausschließen können – dass also zum Beispiel die Diskussion über Empfindlichkeiten hinsichtlich ethnischer oder sexueller Identität die Verständigung über gemeinsame Interessen blockiert. Würde oder Erwachsenheit bedeutet, ein Stück weit von seinen Befindlichkeiten abzurücken. Erst das ermöglicht es, den anderen auch immer als jemanden zu sehen, mit dem man Allianzen bilden kann. Momentan werden die Menschen jedoch in viele empfindliche Interessengruppen zersplittert. Und das ist ganz im Sinne des Neoliberalismus." (Philosophie Magazin, Nr. 3 / 2018, S. 40).

Verwechseln wir also nicht wirkliche safe spaces (wie z.B. Frauenhäuser, Kitas etc.) mit einem generellen Verbot, anderen unsere Hypothesen zuzumuten. Und verwechseln wir nicht solche diskursiven Zumutungen mit wirklichen Übergriffen auf die Selbstbestimmung anderer. Eine diskursive Konfrontation ist genau das Gegenteil: Sie bietet einen gedanklichen Absprungspunkt zur geschärften Selbstbestimmung und sollte darüberhinaus auch einen sicheren Gesprächsraum bieten, in dem niemand wirklich persönlich angegriffen wird. Ohne solche Konfrontationen ist alles nur ein Kindergarten und wir überlassen das Feld denen, die nicht weiter reden, sondern einfach Fakten schaffen.


 
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Kommentare:

  1. Ein wunderbarer Text. Denn genau die gleichen Überlegungen (und Ängste?) stehen seit einigen Monaten bezüglich des NetzDGs im diskursiven Raum. Dort werden dann die "übergriffigen Aussagen" als "Hatespeech" deklariert und mit Gesetzesunterstützung gelöscht. Im Endeffekt klopft man sich dann selbst auf die Schulter, da man es endlich geschafft hat den Hass aus den Menschen zu treiben; denn jeder weiß: Ist der Hass im Internet erst einmal gelöscht, gibt es ihn auch nicht mehr im echten Leben.

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    1. Danke für den Kommentar. Es ist schon ein schmaler Grat, der da nevigiert werden muss. Denn es ist schon wichtig, Grenzen zu setzen und nicht alles zu dulden. Denn wenn du echtem Hatesprech zu viel Raum gibst, normalisiert sich das und wird eher zunehmen. D.h.: Im Netz Grenzen setzen kann schon helfen, auch den Hass einzuhegen. Nur wenn wir hypersensibel auf jede Provokation reagieren, erreichen wir eben eher das Gegenteil. Dann wird Hass plötzlich "ehrlich".

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    2. Danke für die Antwort! Eines würde mich aber noch interessieren (und das soll wirklich keine Anfeindung sein!): Wie definieren Sie "echten Hatespeech" oder "Hatespeech" im Allgemeinen? Wo hört der "Hatespeech" auf und wo fängt "Beleidigung" an? Was ist eigentlich der Unterschied zwischen "Hatespeech" und einer "Beleidigung"? Und wenn es keinen deutlich erkennbaren Unterschied gibt, warum benötigen wir dann ein "Hatespeech-Gesetz", wenn "Beleidigung" in unseren Gesetzestexten bereits ein behandelter Punkt ist?

      Das sind jetzt eine Menge Fragen auf einmal, aber das würde mich doch interessieren.

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    3. Gute Fragen! Ich würde erstmal sagen, Hassreden und Beleidigungen können sich überlappen. Insbesondere werden Hassreden meistens auch als beleidigend empfunden. Was Hassreden wohl im Wesentlichen ausmacht, ist die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer unänderbaren (oder nicht leicht änderbaren) Zugehörigkeiten oder vermeintlichen Zugehörigkeiten, also z.B. geht es gegen "die Behinderten", "die Ausländer", "die Juden", "die Homosexuellen" etc. Es geht in Hassreden also immer gegen Gruppen und in dieser Gruppendiskriminierung werden alle vermeintlich dazuheghörigen allein wegen ihrer Zugehörigkeit und unter Vernachlässigung ihrer Individualität angefeindet. Beleidigungen hingegen können ganz persönlich und individuell ausgerichtet sein und ein Aspekt der Diskriminierung steht nicht zwingend im Vordergrund.

      Warum gesonderte rechtliche Behandlung? Wie oben gesagt, sind Hassreden nicht immer persönlich beleidigend und sollten deshalb auch ohne eine individuell angesprochene Person geahndet oder entfernt werden können. Bei Beleidigungen brauchen wir immer einen konkret Beleidigten, der sich dann beschwert oder klagt. In manchen Ländern gibt es sogenannte geschützte Gruppen, wie die "Veteranen" in den USA oder die "Traveler" (ziehendes Volk) in Irland. Die Beleidigungen von Angehörigern dieser Gruppen im Zusammenhang mit ihrer Zugehörigkeit ist dann gesetzlich bereits "Hatespeech". Ich weiß nicht, ob es solche gesetlich geschützten Gruppen auch im deutschen Gesetz gibt.

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    4. Aber wie unterscheidet man dann noch "Kritik" von "Hassrede", wenn "Beleidigung" kein Teil einer Hassrede sein muss? Sobald man über Menschen generalisiert und ihre Individualität vernachlässigt? Dann dürfte man keine Partei mehr anhand einzelner Aussagen ihrer Mitglieder kritisieren ohne in eine "Hassrede" zu verfallen, wenn man die Partei etwas ruppiger anpackt. Jede Generalisierung wird zur "Hassrede" oder zum "Übergriff", wie Sie es oben im Text genannt haben.

      Weiterhin finde ich solche "geschützte Gruppen" als bedenklich. Denn es gab eine solche Gruppe im deutschen Gesetz und dieses Gesetz löste vor nicht allzu langer Zeit eine Kontroverse bezüglich Böhmermann aus. Ich rede hier von der "Majestätsbeleidigung".

      Und genau das passiert auch (m.E.) mit den neuen Überlegungen zur "Hassrede". Man stellt Gruppen unter gesonderten Schutz. Man nimmt an, dass diese Gruppen besonders viel Aufmerksamkeit vom Gesetz benötigen. Diese Gruppen hebt man in eine Sonderstellung und erteilt ihnen Immunität. Die Folge ist dann eine (überempfindliche) Gruppe, die gegen Kritik immun ist, weil jede "Kritik" als "Hassrede" deklariert wird.

      Schaffen wir es dann auch noch die falschen Leute in eine gesetzgebende bzw. definierende Position zu heben, wird die Menge der "betroffenen Gruppen" schnell um die ein oder andere parteinahe Gruppe erweitert und die Zensur ist perfekt. Und das alles nur, weil der Begriff "Hassrede" für einen Gesetzestext viel zu schwammig ist.


      Worauf ich eigentlich hinaus will:

      Die Sachlage um den Begriff "Hassrede" schürt genau diese Überempfindlichkeit, wie sie im Text oben behandelt wird. Nur werden diese "Übergriffe" nun ins Gesetz unter dem Pseudonym "Hassrede" aufgenommen. Dann betreffen diese "Übergriffe" zwar nicht die Facebook-Nutzer über die generalisiert wird, sondern etwaige Gruppen die hervorragend zu einer Identitätspolitik passen und sich auf den Schlips getreten fühlen.

      "Im großen gesellschaftlichen Kontext wird das Bewahren diskursiver Freiheit noch wichtiger." Und genau diese Freiheit machen wir uns (meiner Meinung nach) mit den Hassrede-Gesetzen kaputt.

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    5. Das ist eine nachvollziehbare Haltung, auch wenn meine etwas anders ist. Zwischen Kritik und Hassrede lässt sich schon unterscheiden, z.B. in der tonalen Ausrichtung. Aber es stimmt auch, dass wir z.B. ein Problem haben, die Politik Israels zu kritisieren, ohne gleich einen Antisemitismusvorwurf zu ernten (und das nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA). Insofern ist die Frage berechtigt, ob man wirklich Gruppen schützen will, auch unter Hinsicht auf den Hinweis auf die Demokratieunterwanderung, die damit passieren kann.

      Vielleicht ist es so, dass die 'Sachlage um den Begriff "Hassrede" [...] genau diese Überempfindlichkeit' schürt. Aber das ist dann ein Problem des Diskurses, also: Wie klar ist Hassrede abgegrenzt gegenüber legitimer Provokation oder auch Kritik? Wenn das nicht klar abgegrenzt wird, dann haben Menschen verständlicherweise Angst, in allem "zensiert" zu werden, was sie sagen wollen.

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    6. Genau wie die Angst, nach jeder Aussage als "übergriffig" tituliert zu werden. Vielen Dank für die Antworten! Ich hatte schon lange keine geordnete Unterhaltung (wenn man es so nennen kann) über dieses Thema mehr geführt und ich kann einiges aus Ihren Antworten mitnehmen!

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  2. Ich stimme Dir zu. Meinung, Position, Gedanken... brauchen zur Entstehung und Festigung die Reibung mit dem Äußeren. Vielleicht steckt etwas Tieferes dahinter, wenn nun Leute "Safe Spaces" im Netz fordern: Facebook & Co ballern uns laufend zu. Ich bemühe mich, nicht mehr in die Timeline zu schauen. Auch ich scheue also die Reibung – aber nicht, weil ich prinzipiell dagegen bin, sondern weil es einfach alles zu viel ist. Für inhaltliche Auseinandersetzung ist auf Facebook immer weniger Platz. Und schaue ich mir an, was YouTube so empfiehlt, wenn ich einen noch neuen Account aufmache (der noch nix gelernt hat), dann bekomme ich das Gefühl, dass das Internet mit solchen Portalen nun beim "Unterschichtenfernsehen" (Harald Schmidt) angekommen ist. Störend belanglose, hektische Unterhaltung. Beispiel: Da macht jemand ein Video von einem Künstler, der Steintürmchen und Brücken baut, eine vermutlich fast meditative Aufgabe, die nur mit Konzentration und Ruhe erledigt werden kann. Das Facebook-Video läuft in schnellem Zeitraffer, damit man es innerhalb der üblichen 30-Sekunden-Aufmerksamkeitsspanne wegschlürfen kann. Ist das noch zum Aushalten? Oder ist der Safe Space von Facebook ganz rechts oben zum Anklicken, das kleine Kreuzchen zum Schließen des Browserfensters? (Mit der App geht's dann weiter, es gibt kein Entkommen?)

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    1. Meditation in Zeitraffer, das wäre doch mal was für die "echte" Welt da draußen :)

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  3. Sehr guter Text, stimmt voll zu!

    Was ich nicht verstehe: Warum werden noch "Safe Spaces" im Netz gefordert, wenn es doch bereits tausende Gruppen/Filterbubbles gibt, die sowieso alles blocken, was nicht ihrer Meinung ist? Immerhin muss man in den Social Media auch erstmal jenen folgen / so abonnieren / befreunden, bevor man sich drüber aufregen kann, dass sie nerven, um sie überhaupt zu bemerken - und sie dann wieder blocken, entfreunden, muten zu können und was es da alles gibt.

    Ein Defizit des NetzDGs ist, dass es sich nur auf die Entfernung von Hatespeech bezieht. Evtl. wäre auch ein Recht "stehen lassen" wichtig, denn viele "hassende Gruppen" zensieren alles weg, wenn man ihnen widerspricht. So entsteht in der Gruppe Gleichgesinnter der wärmende, aber falsche Eindruck, sie seien mehr als eine kleine laute Minderheit.

    (Nebenbei: Bemerke erst jetzt, dass dein Blog tatsächlich nicht responsive ist! Solltest du ändern!)

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