23. August 2022

Karma oder Schadenfreude? Zum Tod einer Tochter

Wie ist es moralisch zu bewerten, wenn wir uns diebisch freuen?

Ist es legitim, sich über das Unglück eines anderen Menschen zu freuen? Schadenfreude ist menschlich, so viel ist klar. Aber ist sie nicht auch verwerflich, also aus einer Perspektive der Ethik betrachtet falsch?

Was steckt hinter der Schadenfreude?

Schadenfreude ist die Freude über einen Schaden, der für jemanden anderen eingetreten ist. Eigentlich freut man sich ja nicht über Schäden, die auftreten, sondern über etwas positives, das einem selbst oder anderen widerfährt. Warum kann es also überhaupt Freude über einen Schaden geben? Na offensichtlich, weil man dem anderen eben genau diesen Schaden gewünscht oder nach Möglichkeit sogar selbst zugefügt hätte und weil man meint, dass einem selbst durch den Schaden des anderen etwas Gutes widerfahren sei. Auch ein vereinfachtes und unklares Gerechtigkeitsgefühl kann eine Rolle spielen. Die Freude ist offenbar auch dadurch noch gesteigert, dass der Schaden eingetreten ist, ohne dass man selbst dafür sorgen musste.

Kurz gesagt: Man profitiert vom Schaden eines anderen. Aus ethischer Perspektive kann man also argumentieren, dass die Freude über den eingetretenen Schaden moralisch nicht besser ist, als der Akt des Zufügen eines Schadens selbst. Man könnte vielleicht sogar behaupten, dass die "billige" Schadenfreude des Zuschauers noch perfider ist, als der Akt des Schadenzufügens, denn hier freut man sich ohne eigenes Risiko. Ein interessantes Beispiel, wie die Rechtssprechung von der Moral abweicht, denn egal wie moralisch verwerflich – für Schadenfreude wird man nicht vors Gericht gestellt.

Auch nach den bekannten goldenen Regeln und ethischen Imperativen, nach denen man anderen nichts zufügen oder wünschen solle, dass man nicht auch für alle inklusive sich selbst wünschte, ist Schadenfreude also ganz klar moralisch verwerflich. Einen Ausweg gäbe es, wenn man sich über eine harte Strafe freut, die man sich auch selbst für ein Fehlverhalten wünscht. In religiösen Kontexten kann man das sehen, wenn jemand sündigt und sich erst besser fühlt, nachdem er dafür auch Buße tun konnte. Die Selbstgeißelung wäre solch ein Beispiel. Wer sich über das Auspeitschen eines anderen freut und für alle inklusive sich selbst in Anspruch nimmt, bei vergleichbaren Vergehen auch ausgepeitscht zu werden, der wäre bei dieser Art Schadenfreude fein raus.

Freude über den Tod Darja Duginas

Natürlich müssen wir bei all dem differenzieren: Wenn im Fußball ein Spieler den anderen fault, es dafür einen Elfmeter gibt und die Mannschaft des unfairen Spielers deshalb den Schaden des Verlustes erleidet, dann ist den Anhängern des siegenden Teams eine gewisse Schadenfreude nicht zu verdenken. Hier würde ich nicht gleich von moralischem Versagen reden.

Wie ist es aber, wenn jemand wie Alexander Dugin, der bekannt für den Aufruf "töten, töten, töten" ist, selbst erleben muss, wie es ist, wenn man am anderen Ende dieses Aufrufs steht? Ist das "gerecht"? Ist das Karma? Ist das eine "göttliche Lektion", die er lernen musste?

Twitter Screenshot vom 23.08.2022
Wie ist es also bei dem Beispiel, das derzeit überall auf Twitter zu beobachten ist: Die studierte Philosophiehistorikerin und laut übermittelter Zitate ebenfalls menschenverachtende Darja Dugina, Tochter dieses ultranationalistischen und neofaschistischen Ideologen und Putin-Einflüsterers Alexander Dugin, kommt bei einem Bombenanschlag ums Leben. Dugin, der großrussiche Machtphantasien und Verachtung für andersdenkende predigt und Dugina damit offenbar indoktriniert hat, muss das mit ansehen und den Tod der eigenen Tochter erleiden. Fassungslos steht er mit Händen am Kopf vor dem brennenden Wagen, in dem seine Tochter starb. Im Grunde ist das eine klassische und tragische Geschichte, wie wir sie etwa von Homer kennen. Der Vater Dugin ernte nun die Gewalt aus dem Hass, den er immer gesäht habe, kann man auf Twitter lesen. Das sei Karma, Gerechtigkeit. Viele Menschen freuen sich ungeniert über den Tod seiner Tochter. Wie ist das moralisch zu bewerten? Ist es unmoralisch, wenn wir uns über das gewaltsame Ende einer zutiefst unmoralischen Person freuen?

Ich meine, dass es unmoralisch bleibt, wenn es auch menschlich verständlich ist. Wenn man davon ausginge, dass Dugina eine Gefahr für andere Menschen darstellte, dann könnte man Erleichterung empfinden, dass nun keine Gefahr mehr von ihr ausgeht. Aber Freude? Naja – der Übergang von Erleichterung zu Freude ist eben fließend und ebenso ist der Übergang von moralisch integer zu moralisch verwerflich fließend. Noch klarer wird es, wenn das Subjekt unserer Schadenfreude der Vater der getöteten Frau ist. Auch hier gibt es in der antiken Literatur viele Beispiele, wie Götter (z.B. Hera) die Kinder anderer (z.B. Zeus' Sohn Herakles) töten wollen, um sich z.B. aus Rechegelüsten an dem Schaden und der Trauer anderer zu freuen. Hier gibt es keinen objektivierbaren Nutzen mehr: Aus der Trauer des anderen entsteht nichts positives, kein Leben wird dadurch verschont oder gebessert. Im Gegenteil, es steht die Gefahr im Raum, dass es zu endlosen Rachefehden kommt und dann ist das alles nicht nur intentional unmoralisch, sondern auch noch konsequentialistisch verwerflich.

Weisheit oder kleinliche und überhebliche Gefühle 

Mit diesen Rachefehden geht auch noch das letzte Argument für Schadenfreude flöten: Man könnte ja meinen, jetzt sei jemandem durch den Schaden eine Lektion erteilt worden und darüber könne man sich doch freuen. Dass jedoch in der Regel keine solcher hilfreichen Lektionen durch Gewalt gelernt werden, zeigt sich so wie in der gesamten Menschengeschichte immer wieder auch in diesem Fall. Dugins Ideologie ist nach der Tragödie nur noch verhärtet.

Unsere Herzen dürsten nicht nur nach Rache oder Vergeltung. Das ist zu wenig, nicht russich genug. Wir brauchen einfach nur den Sieg.
Screenshot aus der Tagesschausendung vom 22.08.2022, 20 Uhr

Niemand außer der weiseste Mensch ist frei von Schadenfreude. Ich habe mich bei der kribbelnden Lektüre der Nachrichten über Duginas Tod über mich selbst erschreckt. Nichts menschliches ist mir fremd und ich stehe zu meinen Gefühlen, selbst dann, wenn sie nicht moralisch integer sind. Aber ich denke auch, dass es gesund ist, den eigenen Gefühlen auf den Grund zu gehen, sie und ihre Implikationen bewusst zu machen. Besonders mein häufiger Wunsch, dass andere bitte ihre Lektionen zu lernen haben, kommt mir überheblich und kleinlich zugleich vor. Ich sage mir dann, dass es nicht darauf ankommt, in allen Dingen und der eigenen Moral integer zu sein, es ist aber wichtig, dass man sukzessive integerer wird und nicht degeneriert. Letztlich muss man immer in Erwägung ziehen, dass unsere Gedanken und Gefühle zu Worten und diese zu Taten werden.

Der Philosoph Markus Gabriel weist darauf hin, dass es sich bei der Schadenfreude um eine defizitäre Freude handelt. Es sei kein vornehmes oder edles Gefühl, sondern ein negatives, das sich daraus speist, dass man selbst nicht genügend Positives hat, über das man sich freuen kann. Aus dieser Perspektive kann man rein menschlich die Schadenfreude am Tod Duginas verstehen, denn worüber soll man sich denn in so einem ungerechten Krieg freuen, der unschuldigen Menschen von Leuten wie Dugin und ihrenen Anhängern aufgezwungen wurde?


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