Ein Gastbeitrag von Jasper Cole
Irgendwann hatte ich ungefähr 50 Gigabyte Musik auf meiner Festplatte. Das ist mehr als zwanzig Jahre her. Spotify gab es noch nicht, Musikstreaming spielte in meinem Leben keine Rolle und wer eine große digitale Musiksammlung haben wollte, fand trotzdem seine Wege. Nicht alle davon waren legal. Ich lud herunter, was ich finden konnte. Einzelne Lieder, komplette Alben, ganze Diskografien. Irgendwann waren es also rund 50 Gigabyte.
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| Resonanz Unplugged (2026 mit KI erstellt) |
Am Anfang fand ich das großartig. Ich hatte plötzlich mehr Musik, als ich mir zuvor hätte leisten können. Ich musste mich nicht mehr entscheiden, welches Album ich kaufte. Ich konnte einfach alles haben. Dann passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Ich hörte immer weniger davon wirklich. Natürlich lief Musik. Aber ich hörte sie anders. Wenn mir ein Lied nicht sofort gefiel, kam eben das nächste. Ein Album musste keine Chance mehr bekommen, weil daneben Hunderte andere lagen. Manche Dateien hatte ich vermutlich nur deshalb, weil ich sie haben konnte. Ob ich sie jemals anhören würde, spielte irgendwann kaum noch eine Rolle.
Als mehr plötzlich weniger wurde
Heute muss niemand mehr 50 Gigabyte Musik auf einer Festplatte sammeln. Das Prinzip dahinter ist längst viel größer geworden. Was mich daran beschäftigt, ist allerdings weniger die Menge als das, was sie mit meinem Erleben gemacht hat. Ein Album, für das ich früher Geld ausgegeben hatte, hörte ich immer wieder. Nicht jedes Lied gefiel mir beim ersten Mal. Manche Stücke wurden erst nach dem fünften oder zehnten Hören gut. Ich kannte irgendwann die Reihenfolge der Titel, bestimmte Stellen, und die meisten Songs konnte ich auswendig mitsingen.
Bei meiner riesigen digitalen Sammlung änderte sich das. Das einzelne Album musste stärker um meine Aufmerksamkeit kämpfen. Warum sollte ich mich mühsam in etwas hineinhören, wenn daneben schon das Nächste wartete? Diesen Gedanken erkenne ich heute auch in anderen Bereichen meines Lebens wieder. Früher war nicht alles besser, und auch eine alte Musiksammlung taugt ganz sicher nicht zum Romantisieren. Dennoch, die Begrenzung hatte eine positive Nebenwirkung, die mir damals nicht bewusst war: Ich beschäftigte mich länger mit dem, was ich hatte.
Hedonische Adaptation: Wir gewöhnen uns an positive Veränderungen. Was zunächst besonders ist, wird irgendwann normal. Das neue Auto ist irgendwann einfach das Auto. Ein lang ersehnter Gegenstand steht nach einiger Zeit herum wie die anderen auch. Ich kenne das von mir selbst. Trotzdem ertappe ich mich noch heute dabei, dem nächsten Neuen eine besondere Wirkung zuzutrauen. Nicht ständig und nicht bei allem, aber es passiert mir oft genug. Offenbar schützt mich das Wissen über die hedonische Adaptation nicht davor, selbst auf sie hereinzufallen.
Das Gefühl, bevor es einen Namen hatte
Als ich jünger war, gab es kein Instagram und kein TikTok. "Social Media" spielte sich vor allem auf der Straße ab. Es reichte, sich im eigenen Umfeld umzusehen. Da war jemand, der besser gekleidet war. Ein anderer fuhr ein Auto, das mir gefiel. Am Wochenende stand irgendwo eine Party an und natürlich wollte man dabei sein. Ich habe damals durchaus geglaubt, dass das mit Glück zu tun hat. Wenn ich die Dinge auch hätte, wenn ich dort an diesem Ort wäre, dann würde sich bei mir wahrscheinlich ebenfalls etwas zum Besseren verändern.
Heute kann ich darüber schmunzeln, aber damals fühlte es sich ernst an. Meistens hatte mir überhaupt nichts gefehlt, so lange ich von den Dingen nichts wusste. Ich sah sie bei anderen – und plötzlich wollte ich sie auch. Aus einem Vergleich war ein Wunsch geworden.
Inzwischen hat das Gefühl einen Namen: Fear of Missing Out, kurz FOMO. Die Angst, dass andere etwas erleben und man selbst nicht dabei ist. Dass das interessantere Leben gerade irgendwo anders stattfindet. Das Gefühl ist viel älter als Social Media. Neu ist eher, wie oft und in welcher Nähe und Dichte wir damit konfrontiert werden können. Früher musste ich jemandem begegnen, um zu sehen, welches Auto er fährt oder wie er gekleidet ist. Heute reichen wenige Minuten am Smartphone für Einblicke in die Leben Dutzender anderer.
Wobei "Leben" eigentlich schon das falsche Wort ist. Ich sehe Ausschnitte daraus. Das weiß ich. Nur schützt mich auch dieses Wissen nicht davor, mich trotzdem zu vergleichen.
Ein alter Gedanke bekommt einen neuen Namen
Hartmut Rosas Gedanken zur Resonanz erinnern mich an diese Situationen, es trifft doch genau mein Festplattenproblem: Wir machen uns immer größere Teile unserer Welt verfügbar. Musik ist jederzeit abrufbar, Wissen nur wenige Klicks entfernt, vieles lässt sich sofort bestellen. Nur bedeutet verfügbar eben noch lange nicht, dass es uns auch etwas bedeutet. Oder vielleicht sogar umgekehrt: Weil alles ständig verfügbar ist, bedeutet es uns nicht mehr so viel? Rosa beschäftigt sich mit genau diesem Verhältnis zwischen Mensch und Welt. Eine seiner zentralen Beobachtungen lautet, dass moderne Gesellschaften versuchen, immer größere Bereiche des Lebens verfügbar zu machen. Wir wollen die Welt erreichen, kontrollieren, planen, messen und nutzen können. Und darin sind wir bemerkenswert erfolgreich geworden. Doch etwas Entscheidendes entzieht sich dieser Logik.
Rosa stellt dem Streben nach Verfügbarkeit den Begriff der Resonanz gegenüber. Gemeint ist eine Beziehung zur Welt, in der uns etwas tatsächlich erreicht. Etwas spricht uns an, berührt uns, fordert uns heraus – und in uns antwortet etwas darauf. Das kann ein Gespräch sein, ein Mensch, Natur, Arbeit, Musik oder ein Gedanke. Und genau das lässt sich nicht bestellen. Rosa beschreibt mit Resonanz eine andere Form der Beziehung zur Welt. Ich kann nicht einfach bestimmen, was mich wirklich berührt. Ein Lied kann mich zum Weinen oder Lachen bringen. Ein Gespräch kann mir noch Stunden später durch den Kopf gehen. Das lässt sich aber eben nicht erzwingen.
Das System ist Schuld?
Ich habe viel über Konsum gelesen und darüber geschrieben, wie Unternehmen Bedürfnisse wecken, Gewohnheiten nutzen und Kaufentscheidungen beeinflussen. Das alles spielt eine große Rolle. Trotzdem wäre es mir inzwischen zu einfach, nur auf Marketing, Algorithmen oder Unternehmen zu zeigen. Niemand hat mich damals gezwungen, 50 Gigabyte Musik herunterzuladen... Ich wollte sie einfach haben!
Auch der Vergleich mit anderen funktioniert nicht im luftleeren Raum. Er trifft schließlich auf etwas, das schon in mir vorhanden ist: Auf den Wunsch dazuzugehören oder nicht das Gefühl zu haben, hinter den anderen zurückzubleiben. Es sind nicht nur die anderen oder das System. Mindestens genauso interessant ist die Frage: Warum merke ich selbst manchmal so spät, wann es genug ist?
Eine besonders kluge Antwort darauf habe ich nicht. Bei meiner Musiksammlung war die Sache im Nachhinein ziemlich offensichtlich. Auf der Festplatte war noch Platz. Also konnte noch mehr darauf. Meine Aufmerksamkeit war längst voll.
Wissen allein reicht (bei mir) nicht
Die einfache Antwort wäre jetzt: weniger konsumieren, weniger vergleichen und bewusster leben. Nur funktioniert mein eigenes Leben nicht so sauber. Ich kenne ja die Probleme mit dem Vergleichen... und vergleiche mich trotzdem. Auch Dinge, die ich nicht unbedingt brauche, landen manchmal bei mir. Und obwohl mir längst klar ist, wie begrenzt meine Aufmerksamkeit ist, verschwende ich sie gelegentlich an Dinge, über die ich mich hinterher selbst ärgere.
Bewusstsein allein löst das also nicht. Geändert hat sich bei mir trotzdem etwas. Ich versuche häufiger, den Moment zu erwischen, bevor aus einem Reiz automatisch ein Wunsch wird. Manchmal frage ich mich, ob ich eine Sache gestern überhaupt haben wollte. Oder ob der Wunsch erst entstanden ist, nachdem ich sie irgendwo gesehen habe. Ich erwische mich dabei nicht immer rechtzeitig. Aber manchmal eben doch.
Und dann merke ich, dass Verzicht dafür eigentlich das falsche Wort ist. Ich nehme mir in diesem Moment nichts weg. Ich entscheide nur, dass nicht alles, was meine Aufmerksamkeit bekommen könnte, sie auch bekommen muss. Das gilt längst nicht mehr nur für Dinge, die ich kaufen kann.
Wir haben heute unglaublich viele Möglichkeiten. Ich möchte das nicht missen und ganz sicher nicht in eine Zeit zurück, in der ich wochenlang nach einem bestimmten Album suchen musste, nur damit es mir anschließend wertvoller erscheint. Aber ich möchte auch nicht alles, was verfügbar ist, automatisch in mein Leben hineinlassen.
Meine alte Festplatte hat mir das schon vor mehr als zwanzig Jahren gezeigt. Ich hatte es damals nur noch nicht verstanden. Die 50 Gigabyte waren nie das eigentliche Problem. Irgendwann hatte ich einfach mehr Musik gesammelt, als ich noch hören konnte. Das kann ja nicht resonieren.
Jasper Cole beschäftigt sich als Autor vor allem mit Konsum, Marketing und der Frage, wie äußere Einflüsse unser Verhalten und unsere Entscheidungen prägen. Zu dem Thema hat er auch das Buch Food Unplugged: Der Körper flüstert. Die Industrie schreit! Wem hörst du zu? veröffentlicht. Leseproben findet ihr auch auf seiner Website JC Unplugged.
Das passt dazu:

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