Ich habe mich noch nie dafür interessiert, wenn Hunderttausende auf die Straße gehen und skandieren, dass sie mit irgendetwas solidarisch sind. Das ist doch wohlfeil. [...] Was mich interessiert, ist der Tag danach: Was wird aus diesem großen Moment der Solidarität, wenn alle heulen? Wie viel davon wird in den Alltag übersetzt? Und davor habe ich Angst, wenn ich die Proteste sehe... alles was ihr bisher [in Griechenland] erreicht habt, ist, dass ihr einen gemäßigten linken Premierminister durch einen neutralen Technokraten ersetzt habt, und jetzt habt ihr eine Regierung, an der sogar rechtsgerichtete Faschisten beteiligt sind.
(Slavoj Žižek im Interview mit dem Philosophie Magazin Nr. 02 / 2012)
Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.
2. Juni 2012
Das Private ist politisch, das System sind wir
28. Mai 2012
Rollen, wie der Stein rollt. Warum überhaupt arbeiten?
Frisch aus dem Urlaub zurück, treibt mich die Frage um: Warum überhaupt diese ganze Arbeit? Ist es wirklich nötig, dass wir täglich acht Stunden und mehr in einem Büro sitzen oder an einer Werkbank stehen? Und wenn nein, warum machen wir es trotzdem und was könnten wir statt dessen machen?
Warum befriedigt es so ungemein, ein Brot zu backen oder ein paar Kräuter auf dem Balkon anzupflanzen? Und warum ist es im Gegenzug so unbefriedigend und frustrierend, im Projekt Zertifizierung 2013 für - sagen wir - die IT-Sicherheit verantwortlich zu sein? Diese Fragen führen in den Kern unserer Unzufriedenheit oder auch unserer Obsession mit der Arbeit. Wir beantworten sie später.
| Projekt am Sonntag: Brot backen |
Warum befriedigt es so ungemein, ein Brot zu backen oder ein paar Kräuter auf dem Balkon anzupflanzen? Und warum ist es im Gegenzug so unbefriedigend und frustrierend, im Projekt Zertifizierung 2013 für - sagen wir - die IT-Sicherheit verantwortlich zu sein? Diese Fragen führen in den Kern unserer Unzufriedenheit oder auch unserer Obsession mit der Arbeit. Wir beantworten sie später.
26. Mai 2012
Der Erfolg von Bauernschläue und Schwarmintelligenz
Elisabeth Göhring greift hier ein Thema auf, dass schon fast wieder subversiv ist, so angepasst, mehrheitsschmeichelnd und konsensorientiert hört es sich erst einmal an. Es ist ein Gedanke mit langer und nicht ganz unproblematischer Tradition - er liegt beispielsweise jeder Intellektuellenschelte zugrunde -, der sich aber mit neuer Relevanz im Zeitalter von Massenmedien, Social Media und Wikipedia rehabilitiert: Etwas nicht ganz genau zu wissen, bedeutet größere Handlungsbereitschaft. Welche Information ist für uns wichtig und wie kommen wir so effizient an sie, dass wir sie umsetzen und in unser Handeln einfließen lassen können?
24. April 2012
Alles verknotet
Doublebind als Kommunikations- und Verhaltensmuster
Es ist ein Erfahrungswert aus Claudia Schmolls Praxis, dass ganz viele Burnout-Themen mit einem als Doublebind bekannt gewordenen Kommunikationsmuster zusammenhängen. Sie sagt, dass es weniger die Anforderungen der Umwelt allein seien, als vielmehr die verinnerlichte Kommunikationsstrategie, durch die diese Umwelt so überfordernd für den Betroffenen erlebt wird. Es trifft Menschen, bei denen in der Umwelt allein gar nichts so Belastendes vorliegt, die aber innerlich sogar schwer belastet sind - schwerer als andere, die eben nicht auf diese Weise traumatisiert sind. Im folgenden Artikel stellt Claudia Schmoll das Konzept Doublebind vor.Schon vor über 50 Jahren, als sich eine Forschungsgruppe rund um Gregory Bateson mit der Kommunikation und den Beziehungsstrukturen an Schizophrenie Erkrankter beschäftigte, wurde das Kommunikationsmuster Doublebind beschrieben.¹ Doublebind wurde in der Literatur als Doppelbindung eingedeuscht, ich finde das Wort Doppelknoten passender, weil es sich in der Tat um eine schier unlösbare Kommunikationsfalle handelt. Die Falle besteht zum einen aus einer paradoxen Forderung. Zum anderen ist ihr eine Unlösbarkeit eigen, denn egal, was man dem Gegenüber als Lösung anbietet, es wird das Verkehrte sein. Um dem Ganzen noch eins drauf zu setzen, wird das Widersprüchliche der Botschaft entweder nicht diskutiert oder sogar verleugnet.² Die Paradoxie kann sowohl auf verbaler als auch auf nonverbaler Ebene stattfinden. Zum Beispiel ein ablehnendes Gesicht ziehen und trotzdem sagen "Komm' her, du weißt doch, dass ich dich lieb hab'". Und eine der schlimmsten Arten von Paradoxie ist, jemanden zu schlagen und ihm gleichzeitig versichern, dass man ihn liebt.
23. April 2012
Unser Ich und sein un-freier Wille
Die Philosophie des Geistes ist seit der Antike über das Mittelalter bis heute sicherlich eines der interessantesten wissenschaftlichen Felder. Sie fragt nach der Beziehung zwischen Körper und Geist: Wie bedingt das eine das andere? Ihre Implikationen sind gewaltig und reichen von ganz privaten Fragen wie "Wer bin ich?" bis zu übergreifenden Themen von Moral und Gesellschaft rund um die Freiheit unseres Willens und die daran anschließende Frage, ob wir überhaupt für unser Tun verantwortlich gemacht werden können. Am Anfang steht aber die Frage, was das Ich überhaupt sei.
Das Ich als Facebook-Stream
Es gibt Gründe, warum wir uns als ein Ich erleben. Zum Beispiel die Dauer: Ich war gestern derselbe wie heute und werde auch morgen noch Ich sein. Der Freie Wille: Ich entscheide und handle selbstbestimmt und frei. Die Persönliche Perspektive: Als Wahrnehmungseinheit stehe ich im Mittelpunkt meiner Welt und erlebe sie immer aus dieser Ich-Perspektive. Das Cockpit dafür scheint irgendwie hinter der Stirn zwischen meinen Augen zu sein. Aus solchen Erlebnissen bilden wir unser Ich. Offenbar hat Facebook mit der Time Line genau das versucht zu simulieren. Jeder User soll sich als ein Ich erleben, dessen vollständige und fortdauernde Repräsentation im Browser abgebildet wird. Wir finden hier genau dieselben Zusammenhänge: Unser Leben lässt sich in der Rückschau historisch erleben, die Fotos und Kommentare versichern uns unserer fortwährenden Existenz, wir haben sie dort willentlich gepostet und all das aus der Perspektive eines Ichs im Zentrum. Diese Analogie ist krass vereinfacht, aber sie läuft darauf hinaus, dass es ein Ich nicht einfach gibt, sondern dass es aus Informationen zusammengesetzt werden muss. Ein Ich prägt sich über die Zeit hinweg aus. Es ist kein Ding, sondern ein Vorgang, wie der Philosoph Thomas Metzinger sagt.
| Come funziona l’occhio, “Il secolo illustrato”, 1936 |
Das Ich als Facebook-Stream
Es gibt Gründe, warum wir uns als ein Ich erleben. Zum Beispiel die Dauer: Ich war gestern derselbe wie heute und werde auch morgen noch Ich sein. Der Freie Wille: Ich entscheide und handle selbstbestimmt und frei. Die Persönliche Perspektive: Als Wahrnehmungseinheit stehe ich im Mittelpunkt meiner Welt und erlebe sie immer aus dieser Ich-Perspektive. Das Cockpit dafür scheint irgendwie hinter der Stirn zwischen meinen Augen zu sein. Aus solchen Erlebnissen bilden wir unser Ich. Offenbar hat Facebook mit der Time Line genau das versucht zu simulieren. Jeder User soll sich als ein Ich erleben, dessen vollständige und fortdauernde Repräsentation im Browser abgebildet wird. Wir finden hier genau dieselben Zusammenhänge: Unser Leben lässt sich in der Rückschau historisch erleben, die Fotos und Kommentare versichern uns unserer fortwährenden Existenz, wir haben sie dort willentlich gepostet und all das aus der Perspektive eines Ichs im Zentrum. Diese Analogie ist krass vereinfacht, aber sie läuft darauf hinaus, dass es ein Ich nicht einfach gibt, sondern dass es aus Informationen zusammengesetzt werden muss. Ein Ich prägt sich über die Zeit hinweg aus. Es ist kein Ding, sondern ein Vorgang, wie der Philosoph Thomas Metzinger sagt.
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