20. Dezember 2015

Du sollst alles für mich sein!

Von Umgang mit überzogenen Erwartungshaltungen in der Liebe 

Liebe ist unmöglich und ohne geht es auch nicht. Denken wir mal an unseren letzten Streit in der Partnerschaft zurück. Ziemlich wahrscheinlich gab es einen Moment, wo wir uns erstens unzureichend gefühlt haben, zweitens den anderen als irgendwie völlig daneben und drittens als absolut unfair erlebt haben. Als Beispiel: Ich ging mit Freunden zu einem Konzert, es war laut, es war fröhlich und auch ein bisschen feucht. Ich trank vier Bier und war etwas angeheitert. Als ich zu Hause ankomme, geht es meiner Frau nicht besonders gut. Magenschmerzen, etwas Übelkeit, aber nach eigener Aussage nichts dramatisches. Am nächsten Morgen merke ich schon, die Stimmung ist mies und es entsteht ein Streit, in dessen Verlauf sich eine Hauptaussage herauskristallisiert: Du bist nicht für mich da, wenn ich dich brauche.

Dagegen lässt sich schwer etwas sagen, wenn ich ja tatsächlich nicht da war, als es ihr nicht gut ging. Und dann war ich auch noch angetrunken, als ich endlich da war und konnte vielleicht nicht so verständnisvoll reagieren, wie normalerweise. Trotzdem fühlte ich mich unfair kritisiert. Was aber stimmte mit dieser Kritik an mir nicht?


13. Dezember 2015

Die negativen Folgen positiver Psychologie

All You Need is Love... Oder?

Wir alle sind Kinder der Idee, dass ein junger Mensch nichts weiter als ein gesundes Selbstwertgefühl benötigt, um ein guter Erwachsener zu werden. Diese Idee kommt aus einer Bewegung, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegen die pessimistische Überlieferung wandte, die dem Menschen eine Erbsünde anlastete. Selbst die Begründer der modernen Psychologie wie Sigmund Freud waren davon überzeugt, dass der Mensch in seinem zivilen Verhalten gerade so die finsteren tierischen Triebe maskieren kann und dass er strenge Institutionen benötigte, um sich ihn vom Intrigieren und Morden abzuhalten.

Amerikanische Psychologen wie Nathaniel Branden und Carl Rogers begründeten dagegen eine positive humanistische* Psychologie, nach der jedes Menschenkind von Natur aus gut sei und nichts weiter wolle, als sich entfalten und die beste Variante seiner selbst werden. Hingegen sei vor allem ein geringes Selbstwertgefühl für Gewalt und Scheitern im Leben der Menschen verantwortlich. Das gipfelte beispielsweise darin, dass man Kindern in der Schule keine schlechten Noten mehr geben konnte, um ihr Selbstwertgefühl nicht zu unterminieren. Eine Generation von jungen Menschen wuchs mit dem Gefühl auf, etwas besonderes zu sein, ohne dafür etwas tun zu müssen.

Manieren beibringen durch strenge Institutionen? (Bundesarchiv, Bild 183-R79742 / CC-BY-SA 3.0)

11. Dezember 2015

Carl Sagans 9 Punkte Quatschdetektor

Wie wir uns gegen falsche Überzeugungen schützen können

"Dein Bewusstsein ist das Zentrum
expandierender Zeitlosigkeit."

Wem das hier vorangestellte Zitat gefällt, sollte unbedingt weiter lesen... Und alle anderen bitte auch.

Immer wieder finde ich mich durch E-Mails oder Kommentare mit ziemlich aggressiven Lesermeinungen konfrontiert. Ganz besonders beliebt sind bei solchen Kommentatoren Themen wie Leben nach dem Tod und Geist ohne Körper. Dabei habe ich gar nichts gegen Argumente, die meinen Überzeugungen zuwider laufen. Im Gegenteil: es ist die Voraussetzung jeglicher Wissenserweiterung, dass wir unsere Überzeugungen hinterfragen und die falschen zurücklassen. Ich habe aber etwas gegen eine bestimmte Art von Scheinargumenten und zwar besonders dann, wenn sie auch noch aggressiv sind. In einer Studie kanadischer Psychologen und den Grundsätzen des amerikanischen Astronomen Carl Sagan habe ich jetzt einige gute Anhaltspunkte für mein Unbehagen gegenüber solchen Kommentaren gefunden.

Carl Sagan: "Nicht dumm, aber ohne das richtige Werkzeug" (Bild: Sagan Viking von JPL, Public Domain)

5. Dezember 2015

Introversion zwischen Small Talk und Sinn des Lebens

Das Interview zum Nachhören mit Sylvia Löhken

Gerade habe ich mich mit Sylvia Löhken, Autorin zur Persönlichkeitspsychologie, Vortragsreisende, Coach und Moderatorin, im SoundCloud Aufnahmestudio in Berlin getroffen und wir haben uns über Introvertierte und Extrovertierte unterhalten, über Philosophie und Psychologie.



In unserem Gespräch geht um Kindheit und die erste Lektüre, um das Studium und Wittgenstein, aber auch und vor allem darum, wie Introvertierte zu einem artgerechten Leben finden und es geht um den Sinn des Lebens genauso wie um Fluch und Segen von Small Talk. Viel Spaß nun beim Hören:

 
Selten habe ich jemanden getroffen, mit dem man sich so gut über diverse Themen unterhalten kann wie mit Sylvia Löhken. Lag es daran, dass sich zwei Introvertierte in einem schalldichten Raum trafen und sich Zeit nehmen konnten, ganz tief in ihre Lieblingsthemen einzusteigen? Sicher auch. Es liegt aber auch an ihrer Neugier, an der Vielfalt der Ideen und der Breite des Wissens, die Sylvia Löhken mitbringt. Nur als Beispiel: Als wir kurz vor der Aufnahme den Sound Check machten, rezitierte mein Gast nicht nur Rainer-Maria Rilke flüssig vor sich hin, sondern auch William Shakespeare und Dylan Thomas im Original. Sylvia Löhken zitiert Linguisten wie Alan Prince und Paul Smolensky aus dem Stehgreif genauso wie die Logiker Dan Sperber und Deirdre Wilson oder Philosophen wie Arnold Gehlen und Ludwig Wittgenstein. Ihre Leichtigkeit beim Erklären komplexer Themen findet man überall in Ihren Büchern wie dem Evergreen Leise Menschen - starke Wirkung: Wie Sie Präsenz zeigen und Gehör finden und jetzt auch hier im Geist und Gegenwart Interview.



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4. Dezember 2015

Warum wir überhaupt am Morgen das Haus verlassen

Introvertierte in einer Welt der extrovertierten Anreize

Ich bin ziemlich introvertiert, liebe das Alleinsein zu Hause, ein gutes Buch, das Internet als ungefährlichen Kanal nach draußen, ein oder zwei Freunde, aber vor allem das sichere Gefühl, dass ich selbst kontrollieren kann, wie weit ich mich öffnen oder zurückziehen möchte. Und trotzdem gehe ich jeden Tag arbeiten, jeden Tag unter unberechenbare Leute, die mich ungebeten ansprechen und meine Konzentration unterbrechen werden. Jeder Tag ist ein Behaupten in der Gruppe, jeder Tag ist ein Wirbelsturm von Eindrücken und maximaler Stimulation. Wie erschöpfend! Wöchentlich habe ich diese Tage, an denen ich am liebsten gar nicht vor die Tür gehen würde. Schon die Aussicht, mich in das Auge dieses Sozialorkans zu begeben, der dort draußen tobt, ermüdet mich.

Party für Introvertierte: Warum vor die Tür gehen? Hier ist's doch schön! (Bild gemeinfrei)

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