12. Dezember 2010

Multitasking und Unitasking

Ziemlich beschäftigt
Multitasking wird im Arbeitsalltag erwünscht, findet sich sogar in Stellenanzeigen als eine mitzubringende Fähigkeit. Der Begriff kommt aus der Computertechnik, wo Prozessoren leistungsstark genug sind, mehrere Programme zur selben Zeit auszuführen. Wir meinen jedoch meistens "die Fähigkeit eines Menschen, mehrere Tätigkeiten zur gleichen Zeit oder abwechselnd in kurzen Zeitabschnitten durchzuführen" (Wikipedia). Es ist einfach ein Merkmal unseres Gehirns, dazu in der Lage zu sein, mehrere Vorgänge gleichzeitig zu verarbeiten. Offensichtlich können wir z.B. beim Duschen singen, oder beim Essen lesen oder fernsehen. Dass wir beim Essen nicht singen können, liegt jedenfalls nicht am Gehirn. Und dass das Telefonieren beim Autofahren verboten ist, hat auch seine guten Gründe. Je einfacher und automatisierter die Vorgänge sind, die wir durchführen, desto mehr Kapazität hat unser Hirn für parallele Prozesse. In der Sauna fällt mir immer auf, wie ich schon kaum noch nichts machen kann. Multitasking geht nicht, ohne Kompromisse einzugehen, z.B. ohne die Aufmerksamkeit auf die Primärtätigkeit zu verringern oder ohne uns dem Risiko vom Dauer-Stress auszusetzen. Die Bedenken sind bekannt...

28. November 2010

Wie man die Glücksmuskeln trainiert

Konzentration, bitte!

Was macht glücklich? Sex haben, ein Buch lesen oder Staub saugen? Vor allem die Konzentration auf das, was man eben gerade macht. Das wundert den Coach gar nicht (siehe "Schuld und Angst: Vergangenheit - Jetzt - Zukunft"). Die Harvard-Psychologen Matthew Killingsworth und Daniel Gilbert haben in ihrer Studie "A Wandering Mind Is an Unhappy Mind" (etwa: ein abschweifender Geist ist ein unglücklicher Geist) folgendes belegt:
  1. wir denken viel öfter daran, was nicht ist, als daran, was ist
  2. daran zu denken, was nicht ist, macht typischerweise unglücklich
Aus einer Viertelmillion Angaben, die in Echtzeit per Handyabfrage erhoben wurden, wurde deutlich, dass die Gedanken der Probanden 47% der Zeit abschweiften, sie sich also nicht gedanklich auf den Moment und ihre Aktivitäten konzentrierten. Interessanterweise gab es keinen Zusammenhang zwischen dem zu erwartenden Spaß an der Tätigkeit und der positiven oder negativen Qualität der begleitenden Gedanken. "Selbst wenn du etwas wirklich angenehmes machst," so Killingsworth, "schützt es dich nicht vor negativen Gedanken. "Die Rate des Abschweifens ist zwar geringer, je angenehmer die Aktivität, wenn die Gedanken jedoch abschweifen, sind sie nicht positiver als bei unangenehmen Tätigkeiten."

Was immer die Befragten gerade taten, sie waren am glücklichsten, wenn sie sich auf ihre Tätigkeiten konzentrierten. Der Ort, an dem der Körper ist, sei sehr viel weniger wichtig für das Glücksempfinden, als der Ort, an dem der Geist ist. Killingsworth: "Wir sehen Beweise für die Annahme, dass das Schweifen der Gedanken ein gemindertes Glücksempfinden verursacht, nicht jedoch, dass gemindertes Glücksempfinden ein Abschweifen von Gedanken verursacht."

Mit dem "Flow" oder der Konzentration auf eine Tätigkeit stieg das angegebene Glücksempfinden. Auf einer Skala bis 100 kam der Durchschnitt der Angaben während (oder kurz nach) sexueller Aktivitäten auf 90. Danach ging es erst ab 75 weiter mit Aktivitäten wie Unterhaltungen, Musik hören, spazieren gehen, beten oder meditieren, dann kochen, einkaufen, auf die eigenen Kinder aufpassen und lesen. Ganz unten waren Aktivitäten, die zum Gedanken abschweifen einladen, weil sie weniger Konzentration erfordern, wie zum Beispiel sauber machen, Körperpflege oder zur Arbeit fahren.

Was folgt daraus? Konzentration, bitte! Man trainiert seine Glücksmuskeln, wenn man Situationen aktiv wahrnehmen kann, sie schätzen lernt und die Dinge, die man tut, mit Hingabe veredelt. Und... klar: Mehr Sex und weniger sauber machen!

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Der New York Times Artikel "When the Mind Wanders, Happiness Also Strays" gab mir die meisten Informationen zu diesem Blog Post.

27. November 2010

Typenlehren: von Ayurveda's Dosha über Hippokrates bis zu Jung

Der antike Grieche Empedokles sah die Menschen von den Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft geprägt und Hippokrates entwickelte in diesem Zusammenhang die Viersäftelehre auf die folgende vier Temperamente zurückgehen: 
  1. die aufbrausende gelbe Galle (Choleriker)
  2. das spielerische Blut (Sanguiniker)
  3. der zähe Schleim (Phlegmatiker)
  4. die schwarze Galle (Melancholiker)
Die Pythagoräer sahen eine fünftes und ihrer Meinung nach ursprüngliches Elements: Äther. Durch dieses Element werde leblosen Gegenständen Leben "eingehaucht". Äther sei das Quinta essentia (wovon unser Wort Quintessenz kommt), dass alles andere durchdringe. Wenn man weiter in die Geschichte zurückgeht, wird klar, dass unsere westlichen Philosophen von früheren östlichen Kulturen abgeschrieben haben.

Bereits in der weitaus älteren traditionellen indischen Medizin Ayurveda gibt es ein ähnliches Konzept: die drei Doshas (ursprünglich: Sünde), die als "Lebensenergien" interpretiert wurden: Vata (Luft/Wind), Pitta (Feuer) und Kapha (Erde). Sie korrespondieren ungefähr mit Sanguiniker, Choleriker und Phlegmatiker. Interessanterweise fehlt das Konzept des Melancholikers. Grund dafür ist, dass Kapha und Pitta nicht nur Erde und Feuer, sondern auch jeweils Wasser zugeschrieben bekommen, während Vata neben Luft/Wind auch Äther sei.

Verschiedene Coaching Werkzeuge, wie Insights bauen auf der Idee der Grundelemente auf. Den vier Temperamenten liegt auch der zu Verkürzung und Missbrauch einladende Gedanke zugrunde, dass zwischen Körper(bau) und Charakter ein Zusammenhang bestehe. Die Typenlehren von Psychiatern und Psychologen waren von diesem vierdimensionalen und ganzheitlichen Ansatz inspiriert. Ernst Kretschmer (1888-1964) hatte seinen Pyknikern (dick), Athletikern (muskulär), Leptosomen (dünn) und Dysplastikern (atypisch) die Psychosen manisch-depressiv, Epilepsie und Schizophrenie zugeordnet. Und auf Carl Gustav Jung (1875-1961) gehen die vier typologischen Begriffspaare Extraversion-Introversion, Sinnlichkeit-Intuition, Denken-Fühlen, Urteilen-Wahrnehmen zurück, auf die Typologie-Konzepte wie der Myers-Briggs-Typindikator (MBTI) aufbauen. Immer sind es vier Dimensionen in diesen Typologien, ganz nach dem antiken Grundsatz, dass alles Sein aus den vier Grundelementen Feuer, Wasser, Luft und Erde bestehe.

Lieber den Spatz in der Hand...

...als die Taube auf dem Dach. Wieder so eine Redensart, die sehr zum protestantischen Lebensstil passt, wonach Bescheidenheit die größte Tugend sei. Viele unserer Redensarten stammen aus der Bibel, viele wurden durch Luther sprichwörtlich.

Im Satz steckt aber immerhin das Verlangen nach der "Taube". Es wird also anerkannt, dass es mehr gibt, als nur den mickrigen "Spatzen". Die Redensart rät jedoch davon ab, dem großen Glücksversprechen, für das die Taube steht, hinterherzujagen. Am Ende fällt man dabei noch vom Dach! Dann hat man weder das kleine noch das große Glück und steht am Ende mit leeren Händen da.

Aus lebenspraktischer Perspektive ist es so, wie meistens: Es kommt darauf an. Es wäre schlimm, wenn man sich selbst mit solchen Redensarten davon abhält, nach größerem zu streben und sich selbst zu verwirklichen. Wenn es jedoch um weniger wichtige Dinge geht, beispielsweise ein noch neueres Auto, als das eigene, dann kann es nicht schaden, sich klarzumachen, dass es auch kurze Zeit später wieder ein noch neueres Auto gibt. Solchen kurzen Glücksversprechen hinterherzujagen, trägt sicherlich wenig zu dauerhafter Zufriedenheit bei.

Bei der Partnerwahl ist es ähnlich: Bin ich eigentlich glücklich mit meinem Partner, plage mich aber dauernd mit dem Gedanken, dass andere noch attraktiver sind? Dann muss ich man an mir selbst arbeiten und erkennen, dass es auf Dauer nicht glücklich macht, wenn ich immer dem nächsten Kick hinterherjage. Bin ich jedoch dauerhaft und unkorrigierbar unglücklich mit meinem Partner und halte mich aus Verlustangst davon ab, eine glücklichere Partnerschaft anzustreben, dann sollte ich mir überlegen, woher die Angst kommt, allein zu sein. Manchmal ist es sogar besser, auch auf den Spatzen nicht zu bestehen, wenn man schon die Taube nicht bekommen kann.

In einem FAS-Artikel zur "Wissenschaft vom Seitensprung" las ich die folgende Ableitung: "Behalte den Spatz in der Hand, aber vergiss nie die Taube auf dem Dach." Auch eine Ansicht.

25. November 2010

Der Klügere gibt nach

Dies ist eine meiner Lieblingsredewendungen. Außerdem eine, die ich schon früh und oft zu hören bekam. Bereits im Kindergarten war das ein Konfliktlösungsmittel, dass die Erzieherinnen an wandten. Ob ich die Redewendung wohl deshalb so mag, weil ich sie so früh lernte? Kann sein. Auf jeden Fall zeigt mir meine Alltagserfahrung, dass es sich oft nicht lohnt, für jeden kleinen Keks zu kämpfen, immer Recht zu behalten oder die Vorfahrt zu bekommen.

Sicher kann es wehtun, wenn man etwas, das einem vermeintlich zusteht, nicht bekommt. Oft ist es jedoch nur das Ego, das da schmerzt. Warum ist nehmen wir es so ernst, wenn uns jemand die Vorfahrt nimmt? Im Grunde geht es uns ja nicht um die Sekunde, die wir anhalten und warten müssen.

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