17. Dezember 2013

Sind wir böse? Sind wir dumm? Ist das dasselbe?

Was ist das Böse? Ich denke, darauf erst einmal beispielhafte Antworten zu finden, fällt uns nicht schwer. Denken wir an Serienmörder, Terroristen, den Holocaust oder vielleicht auch an Überschwemmungen, Krankheiten und menschenfressende Tiere. Die Welt ist voll von Bosheit, meistens sind es die Menschen, die böses tun. Böse ist das Gegenteil von gut, die beiden Begriffe sind die Antagonisten unserer Moralvorstellungen. Wenn etwas moralisch richtig ist, dann ist es gut, wenn etwas moralisch falsch ist, ist es böse. So unser modernes Verständnis vom Bösen. Aber wie ist es z.B. mit Naturkatastrophen, die jetzt vermehrt über uns hereinbrechen und wahllos Menschen in den Tod reißen?

Immer wieder in unserer Geschichte, besonders nach ganz großen Katastrophen, stand die Frage im Raum, ob die Welt, so wie sie ist, nicht eigentlich böse sei. Leid und Sterben waren in der Vergangenheit vergleichbar allgegenwärtig, während es heute eher Ausnahmesituationen sind. Wir sind heute, nach der Aufklärung, auch weniger geneigt, Erdbeben, Dürren, Fluten, Tiere oder sonstige Naturphänomene böse zu nennen. Vielmehr machen wir die oben genannte moralische Unterscheidung. Nur wer oder was selbst Entscheidungen treffen kann, kann auch moralisch falsche Entscheidungen treffen und damit böse sein. In früheren Epochen, als die Menschen eine magische Vorstellung von der Welt und ihrer Schöpfung hatten, gab es diesen Unterschied nicht. Das Erdbeben von Lissabon im November 1755 spitzte die Frage zu, wie ein gütiger Gott Tausende Menschen ohne Unterschied in den Tod reißen kann. Es war zuerst undenkbar, dass hier einfach völlig gleichgültige Naturkräfte am Werk waren, die in keinen intentionalen Zusammenhang zu Menschen zu bringen waren. Leibnitz fand darauf die vorläufige Antwort, dass Gott die beste aller möglichen Welten geschaffen hat und dass uns die unendliche Weisheit fehlt, das in seiner Gänze zu durchschauen. Aber auch heute gibt es nach jeder Naturkatastrophe Schlagzeilen wie "Die Natur schlägt zurück". Dabei steht hier gar nicht zur Diskussion, ob unser Umgang mit der Natur auch solche Folgen wie Erderwärmung inklusive Anstieg des Meeresspiegels hat, sondern der Gedanke, dass die Natur sich rächt. Rache kann in unserem naturwissenschaftlichen Verständnis nur von etwas beseeltem ausgehen, aber nicht von Plattentektonik, Eisbergen oder Vulkanen.

14. Dezember 2013

100 Jahre im Spiegel großer Denker

Die erste Sonderausgabe des Philosophie Magazins

Eine Besprechung inklusive einiger ausgesuchter und manchmal philosophischer Gedanken zu Themen wie Krieg, Diktatur, Demokratie, Ernährung, Terrorismus, Finanzkrise und Informationszeitalter.

Die Redaktion des von mir sehr geschätzten Philosophie Magazins hat eine Sonderausgabe heraus gebracht: 1914 - 2014: Das Jahrhundert im Spiegel seiner großen Denker. Schon der plakative schwarz-rot-weiße Umschlag drückt aus, worum es vor allem gehen wird: um Politik und Geschichte. Der Beginn des ersten Weltkrieges, der Faschismus, die "Stunde Null", die Studentenbewegung, der RAF-Terrorismus, Tschernobyl, Aids, der Fall der Mauer, 9/11, der Drohnenkrieg, Eurokrise und Wikileaks markieren einige der Fixpunkte, an denen sich das Heft entlang bewegt. Für den Leser, der ein Kaleidoskop unsystematisch zusammengestellter intellektueller Blitzlichter der letzten 100 Jahre schätzt, ist das ein empfehlenswertes Heft. Man erlangt durchaus ein Verständnis für die Wahrnehmung der Intellektuellen in ihrer jeweils gegenwärtigen geschichtlichen Verortung. Aber wo ist die Philosophie?

8. Dezember 2013

Willkommen in der Entfremdung

Wenn die Beziehung zur Lebenswelt abreißt


Während meines Philosophiestudiums ging ich durch eine tiefe Krise. Ich hatte ganz plötzlich große Schwierigkeiten, mich selbst in Beziehung zu meiner Umwelt und meinen Mitmenschen zu sehen. Alles um mich herum schien mir ziemlich sinnlos und abstoßend. Ich wusste nicht mehr, was ich selbst tun konnte, um irgendwie sinnvoll an der Welt teilzuhaben.

Ich konnte auch kaum mit jemandem drüber reden, denn niemand verstand, wie es mir ging. Wurde ich doch mal gefragt wie ich das beschreiben würde, was ich erlebte, dann sagte ich, dass ich mich von allen Menschen und den Objekten um mich herum vollkommen entfremdet fühlte.

Damit hatte ich zumindest ein Wort. Dieses Wort war wie der Anfang eines Fadens in einem verknoteten Knäuel. Hier konnte ich ansetzen und langsam versuchen, den Knoten zu lösen, in dem ich den Anfang des Fadens in den Fingern behielt und durch das Knäuel zog, um es zu entwirren. Der Faden, den ich so aufnahm, wurde immer länger und das Knäuel langsam kleiner. Die Dinge fingen wieder an, Sinn zu machen.


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Willkommen in der Entfremdung: Was hat diese Welt mit mir zu tun? (Foto: Vincepal via Flickr)


1. Dezember 2013

Optimismus und Okzidentalismus

Von der Utopie des gesellschaftlichen Fortschritts

"Ich gehe davon aus, dass es den europäischen Theoretikern von Nutzen wäre, ihre koloniale, eurozentristische Einstellung beiseitezulegen und den globalen Kapitalismus in seiner Gänze und in allen seinen Regionen zu betrachten." Nadja Tolokonnikova (Pussy Riot)*

"Nadezhda Tolokonnikova" by Dan Witz, London
"Nadezhda Tolokonnikova" von Dan Witz, London (via Flickr)

Ich liebe den Westen, unsere Demokratie, die Meinungsfreiheit und die immer weiter fortschreitende technologische Entwicklung, die unsere Möglichkeiten erweitert, die Lebensstandards verbessert, uns länger und gesünder leben lässt und unseren luxuriösen Lebenswandel zunehmend nachhaltiger gestaltet (Solar- und Windkraft, Elektroautos, ökologische Landwirtschaft etc.).

Der pragmatische Optimismus

Nachdem der eiserne Vorhang aus meinem Leben verschwand und mir völlig neue Möglichkeiten der Entfaltung gab, machte ich mich nach Westen auf. Erst besuchte ich Nordamerika nur, verliebte mich in die unbegrenzten Möglichkeiten und zog schließlich hin, um an der Ostküste zu leben und zu studieren. Anschließend arbeitete ich für Google, den größten, innovativsten und auch international erfolgreichsten amerikanischen Internet-Giganten und lernte dort, die Welt als freundliche, offene und immer wieder positive Herausforderung für den Fortschritt der Menschheit kennen. Diese optimistische Perspektive und die daraus resultierende Pragmatik (alles ist machbar) sind zu einem Teil von mir geworden, den ich nicht mehr missen möchte.

20. November 2013

Menschen sind einfach netter als Schimpansen

Wo kommt unser moralisches Verhalten her?

Auf Edge.org schreibt der besonders an Moral und kognitiver Entwicklung interessierte Psychologe Paul Bloom über die Frage, warum Menschen, selbst unter widrigen Umständen oder wenn sie nichts zu gewinnen haben, nett zueinander sind. Wo kommt die Moral her und wie werden wir immer toleranter? (Dank an Erich Feldmeier für den Tipp!)

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Ein Glück keine Schimpansen (Foto von Chris via Flickr)

Sie sind sicher schon einmal geflogen, oder? Im Grunde werden sie mit unerträglich vielen anderen Menschen für einige Stunden ganz eng in eine metallische Röhre eingesperrt. Der Sitznachbar neben ihnen kann aus Platzmangel nicht einmal die kulturell geprägte körperliche Distanz zu ihnen aufrecht erhalten. Dicht hinter ihnen riecht einer unangenehm, ein anderer redet zu laut oder lacht dauernd und Kleinkinder fangen an zu schreien. Jemand drängelt sich durch, tritt ihnen auf den Fuß und die Flugbegleiter fahren den Getränkewagen gegen ihr Knie. Stress setzt ein, ihr Aggressionspotential wird aktiviert und dennoch benehmen sie sich in der Regel zivilisiert. Jetzt stellen sie sich vor, statt Menschen wären es Schimpansen, die dort eingesperrt wären. "Chaos würde herrschen. Spätestens wenn das Flugzeug landet, würden Körperteile in den Gängen verstreut liegen und die Babys würden wohl nicht überlebt haben." Menschen sind einfach netter als Schimpansen.

Selbst wenn wir nichts durch unseren Altruismus zu gewinnen haben, tun wir "das Richtige": Wir geben Fundsachen zurück, wir spenden Flutopfern, wir hinterlassen selbst dort Trinkgelder, wo wir nie wieder hingehen werden und in Experimenten in den USA kamen mehr als 50% von wahllos in der Stadt verstreuten Briefen bei den Empfängern an. Die Finder haben sich also kurz zu Postboten gemacht, einfach nur, weil sie nett sind. Aber warum sind wir nett?

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