6. Januar 2026

Entzündung oder Erleuchtung?

Eine Kolumne über eine pandemische Autoimmunerkrankung des Zeitgeistes

Entzündet
Aufgeregt. Heiter bis wolkig aufgewühlt.
Wer oder was regt sich. Auf was hin? 
Manisch, händisch, handgreiflich.
Ich wünscht', ich stünd' im Walde.
Ganz still und stumm.

Im Walde, ganz still und stumm (Foto: G. Dietrich, CC BY 4.0)
 

Spüren Sie es auch? Seit ein paar Jahren schon? "Spätestens seit Corona" wie es immer heißt – in der Presseschau oder an der Kaffeemaschine. Alle sind doch tiereisch aufgeregt. Oder ist es eine private Einblidung, die bei mir durch zu viel Medienkonsum und X entstand? Sind eigentlich alle irgendwie beim Meditieren, ganz entspannt, in sich gekehrt, die Ruhe selbst und nur ich habe das Gefühl, alle seien ganz aufgewühlt, kurz vor Handgreiflich?

Tierisch aufgeregt... Das kenne ich aus BBC-Dokus (ganz unaufgeregt vorgetragen von David Attenborrough, der dieses Jahr 100 wird) und frage mich, ob es da Zusammenhänge gibt. Schließlich ist der Mensch, dieses Mängelwesen, nichts so richtig und so vieles nur halb. Zum Beispiel ein Fleischfresser, also halb. Und deswegen ein halbes Raubtier. Und dann eben auch ein halbes Fluchttier. Und Fluchttiere (auch halbe?) zeichnen sich dadurch aus, dass die ganze Herde oder wenigstens die halbe Herde manisch aufgetrieben wird, wenn auch nur ein Tier in Panik gerät. It's a feature, not a bug!

Wer von uns ist denn das erste Paniktier? Na egal und ich will auch nicht anfangen, aufzuzählen, was in der Politik, in den Sozialen Medien oder im Arbeitsleben alles schiefläuft und die Menschen in helle Aufregung versetzt. Neulich hat es meine Nachbarin aus dem anderen Hauseingang (dann ihren Mann und dann mich) erwischt...

Ich kam mit dem Auto nach Hause und sie befand sich mit ihrem auf der Zufahrt zu meinem Parkplatz, offenbar um zu wenden. Wir erkennen uns als Nachbarn, ohne dass es darüber hinaus Kontakt gäbe. Ich hielt an, setzte etwas zurück und winkte ihr freundlich zu, an mir vorbeizufahren. Irgend etwas stimmte mit ihr nicht, sie fuchtelte. Ich kurbelte die Scheibe runter, und rief rüber: "Ich warte hier, dann können Sie in Ruhe umdrehen." Sie schrie zurück "Setzen Sie mich nicht unter Druck!" Ich stieg aus (mein Fehler), trat an ihr Fenster (Fehler 2) und wollte klar stellen, "Keine Panik – lassen Sie sich Zeit... Kommen Sie an meinem Auto da vorbei oder soll ich wegfahren?" Sie schrie mich an, ich solle sie in Ruhe lassen, ihr Mann kam unterdessen aus dem Hauseingang und fing an, mich zu schubsen. In Nullkommanichts standen wir alle auf dem Bürgesteig und schrien im Dreieck. Niemand von uns dreien wusste, warum.

Sowas meine ich. Ist doch irre! Anderes Beispiel: meine kurze Lunte zu Hause, wenn mein Sohn mich wieder mal ignoriert. Schreien bringt ja da eigentlich gar nichts, außer wenn das Ziel gewesen war, seine Meinung über mich als hilflosen Erwachsenen zu manifestieren. 

Apropos manifestieren... Als ich im letzten Yoga-Retreat aufgefordert wurde, in der anstehenden Klangmeditation etwas zu manifestieren, war ich erst ratlos. Man solle irgend etwas loslassen, sagte die Oberyogi. Loslassen? Ich musste dabei an den morgendlichen Gang zur Toilette denken. Was sonst könnte ich noch loslassen? Diese Aufregung? Oder ist darunter Wut oder Angst? Also manifestierte ich, dass ich "jeglichen Agressionen oder Provokationen zukünftig mit Ruhe und Gelassenheit begegnen werde". Ich schriebs auf und murmelte es immer wieder vor mich her, bis ich in diese Trance hinübergleitete.

Das ist jetzt 8 Wochen her. Bin ich ruhiger, gelassener? Nein, definitiv nicht, der Heiligabend in kleiner Familienrunde hatte es wieder gezeigt (ich werde schnell klaustrophobisch und gemein in räumlich und zeitlich engen Zusammenhängen). Dieses Manifest war also auch kein magischer Trick. Es ist wohl ein längerer Prozess der Selbstbeobachtung und Regulation, ein langer Weg und vielleicht auch schon ein Ziel. Ich muss zumindest immer an diesen guten Yoga-Vorsatz, diese Manifestation denken, wenn ich ausflippe. Ach ja, denke ich dann, du wolltest ja eigentlich nicht mehr ausflippen. Aber dann flippt Medwedew wieder aus oder Trump sagt was hundsgemeines und schon ist der gute Vorsatz dahin.

Ein Leser und Autor, mit dem ich mir auch privat schreibe, meinte unlängst, dass die vielfältigen gesellschaftlichen Probleme und Dissonanzen "eine Spiegelung im täglichen Denken und Handeln eines jeden Menschen: in Egoismus und Gier, Verwirrung und Depression, in Beziehungs-Krisen und Lügen, in subtiler und offener Gewalt" fänden. Kann das sein? Sicher hat das alles Einfluss auf uns. Es ist im Extrem eben Agitation und Propaganda, die uns täglich erreichen. Sie erzeugen einen Handlungsdruck, der kein elegantes oder wenigstens produktives Ventil findet. Das sind Entzündungen. Wir geraten dann in eine Art überschießenden, aber lediglich performativ-symbolischen Überlebenskampf – eine Autoimmunerkrankung des Geistes, pandemisch gar. 

Jetzt geben Sie mir bloß keine klugen Ratschläge! Eine Kollegin fragte mich neulich, ob ich nicht mal die Stoiker lesen wollte, die Lektüre hätte ihr jedenfalls geholfen. Ich glaube, ich hab's mir nicht anmerken lassen, aber ich wäre fast explodiert. Die Stoiker! Vielleicht halte ich mich lieber an Buddha, der mir immer vor allem damit imponiert, was er nicht sagt. Bei dem hätte meine Kollegin mit ihren Stoikern noch was lernen können. Ganz still und stumm.


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1 Kommentar:

  1. Das ist schon eine nette Handreichung für deine Leser: Probleme und Dissonanzen, nicht etwa gute Energien, finden Spiegelung in Denken und Handeln, die Metapher "Entzündungen" erlaubt genügend somatische Anknüpfungspunkte, die Autoimmunerkrankung darf auch nicht fehlen. Du bist schon eine echte Kanone.

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