17. März 2018

Was ist Spiritualität wirklich?

Erfahrungsbasierte Formen von Erkenntnis und Ethik

"Ich behaupte, dass die einzige Spiritualität
die Unbestechlichkeit des Selbst ist."
Jiddu Krishnamurti

Wenn jemand zu uns sagt, er oder sie lebe spirituell, dann stellt sich die Frage, was meint diese Person damit? Nicht selten geht es um eine alternative "Weltanschauung" von Menschen, die eine als kalt erlebte wissenschaftliche Welt ohne einen übergeordneten, absoluten Sinn ablehnen, ohne gleichzeitig an einen spezifischen Gott glauben zu wollen.


Spiritualität und Ekstase sind nicht dasselbe (Quelle: Paul M. Walsh, CC BY 2.0)

Was ist Spiritualität nicht?

Da hört man dann Dinge wie "alles ist Geist" oder "die Wahrheit liegt in mir", da ist schnell von Seelenpartnern die Rede, von Karma, Schicksal, Reinkarnation oder gar solchen esoterischen Konzepten wie Astralkörper. Aber das kann es doch eigentlich nicht sein. Solche Ideen zeugen eher von einer Abwesenheit eines geistigen Anspruchs an sich selbst. Eine wirkliche Spiritualität möchte genau das andere: ethische und intellektuelle Integrität als eine "innere Form von Tugend oder Selbstvervollkommnung" (Thomas Metzinger, Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit, PDF-Link).

13. März 2018

Das Dazwischen ist das, was zählt

Maurice Merleau-Pontys Phänomenologie

Dasein und Welt haben ihren Zusammenhang im Leiblichen, so könnte man Maurice Merleau-Pontys Hauptthese zusammenfassen. Hinter diese Erfahrung kann man nicht zurückgehen, man kann das Sein nicht weiter reduzieren, vor dem Leiblichen gibt es nichts. Merleau-Ponty ist einer der Vertreter der Phänomenologie, der Philosophie, die den Ursprung jeder Erkenntnisgewinnung in den unmittelbar gegebenen Erscheinungen sieht. Nur ist es nicht so einfach, wie es klingt: Die Welt ist nicht, wie sie uns im Bewusstsein erscheint. Wir müssen diese Erscheinung gewissermaßen zurückrechnen, wir müssen unsere Position und Perspektive, unseren Wahrnehmungsapparat, unser eigenes Verortetseins in der Welt rein- und rausrechnen, um die Phänomene wirklich beschreiben zu können. Die intuitive Wahrnehmung ist ein selbstvergessener Akt, der erst durch tiefe Reflexion über sich selbst den Phänomenen näher kommt. Maurice Merleau-Ponty zeigt das in seiner Philosophie sehr einprägsam.


Maurice Merleau-Ponty (Wikipedia)

28. Februar 2018

Prüfe dein Gewissen hinter deinem Gewissen

Was ist intellektuelle Redlichkeit?


Ich glaube, nur die allerwenigsten Menschen wollen wirklich das Falsche. Jeder, der für eine Idee argumentiert, meint es eigentlich gut. Das heißt, wir alle folgen unserem Gewissen, wenn wir für etwas einstehen, streiten oder argumentieren und meinen, dass es insgesamt gut wäre, wenn andere unserer Überzeugung folgen würden. Das Verblüffende ist, dass Menschen in ihren Überzeugungen derart fehlgeleitet sein können, dass daraus Gulags, KZs, Kriege, ja insgesamt Grausamkeiten entstehen können. Noch jeder, der diese Welt in Schutt und Asche gelegt hat, tat das aus Überzeugung, das Beste für die Menschheit zu tun. Wir wissen, dass der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist. Ist das nicht ein großes Rätsel?

Die Bomber Bibliothekarin (Hafuboti, CC BY-SA 4.0)

11. Februar 2018

Fortschrittsmüde? Bitte wach bleiben!

Warum wir das Vertrauen in die Zukunft verlieren

Warum haben die Römer vom ersten Aufbruch nach Norden ca. 400 Jahre gebraucht, bis sie über den Kanal nach Großbritannien übersetzten, während Kolumbus im Jahr 1492 in nicht einmal 10 Wochen einen neuen Kontinent entdeckte? Der Grund ist derselbe, weshalb wir heute in einer Wissenschafts- und Fortschrittsgesellschaft leben: Wir wissen um das Unbekannte da draußen. Wir streben an, es zu finden, zu kartografieren und so zum schon Bekannten hinzuzufügen.

Erst blinde Flecken machen Lust auf Entdeckung (Frederick de Wit, 1662)

6. Februar 2018

Misanthropie, die Erkenntnis des verletzten Lebens

Fragt weiter wie die Kinder: Und wieso?

Ich habe mich immer schon zur Misanthropie bekannt, bin selbst mal ein Misanthrop, mal keiner und habe grundsätzlich große Sympathie mit Misanthropen. Denn wie ich schon im Artikel Wie wird man ein Misanthrop? geschrieben habe:

"Wie könnte man sich denn ohne Abscheu ansehen, wie wir nicht aufhören, uns in Kriegen und Massakern gegenseitig zu vernichten, wie wir vergewaltigen, foltern, die Natur in Asche legen oder in industriellem Stile Tiere quälen? Wie kann man eine solche unzivilisierte Zivilisation nicht hassen? Wie kann man sich nicht wünschen, all das hörte bald auf?"

Was mir jedoch Sorge macht, ist ein unhinterfragter Menschenhass, einer der nicht mehr verschwindet, sich verschärft und in unsere Gesellschaften einsickert. Misanthropen sind oft wütende, stolze Menschen, wutstolz auf ihre selbstgefühlte Sonderstellung, selbstgerecht in ihrer Verachtung der anderen, hochmütig in ihrer Ablehnung des Daseins. Nicht selten beziehen Misanthropen sich selbst in ihren Menschenhass mit ein, ohne das als einen Widerspruch zu ihrer vermeintlichen Sonderstellung zu sehen. Als Extrem könnte man da Emil Cioran mit seinem Satz nennen: "Ich verzeihe mir nicht, geboren zu sein."

Zarathustra – der erste Misanthrop? (Quelle: Wikipedia)

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