26. Juni 2012

Das Betreuungsgeld - Weiberwirtschaft

Hundert Male sind die Demographie-Argumente bereits verkündet worden: Wir brauchen Fachkräfte, wir brauchen mehr MINT-Fachkräfte, und wir brauchen mehr weibliche MINT-Fachkräfte. Außerdem brauchen wir natürlich Lehrerinnen, Landärzte, Kindergärtnerinnen und Altenpflegerinnen und das Handwerk sucht auch ganz dringend. Doch der Reihe nach... Erich Feldmeier erklärt, warum Verwaltungs-Vorschriften die Menschheit nicht ändern werden und wie wir den Dilemmasituationen durch Erkenntnis beikommen können. Aber lesen Sie selbst...

Als die Welt noch in Ordnung war
Als die Welt noch in Ordnung war, lebten wir Menschen mehr oder weniger friedlich in Horden und Großfamilien zusammen. Die Kinder wurden nebenbei, im Alltag, erzogen, die Alten wurden freundlich umsorgt, bis der Hof übergeben war. Das personalisierte Sozialkapital waren Töchter und Schwiegertöchter, die für die Reproduktion sorgten. Wir müssen dieses Sozialmodell und dessen Konflikte nicht weiter ausführen, die Geschichten wurden tausendfach in Heimatromanen, und -filmen erzählt. Und in der Tradition geht es nun auch weiter. Sehen Sie sich beispielsweise das Bild der Demographie-Initiative der Bundesregierung (Juni 2012) an. Was stimmt daran nicht?

Bilderrätsel: Tradierte Beziehungsgrammatik versteckt in den Personalpronomen (bundesregierung.de)

22. Juni 2012

Zynismus - das Gift in unseren Beziehungen

Zynismus kommt von Kynismus, einer antiken philosophischen Geisteshaltung. Die Kyniker waren die Minimalisten des alten Griechenlands. Sie lehnten Besitz ab, strebten nach Unabhängigkeit und Glück durch Natürlichkeit und Entsagung. Alles natürliche war ihnen frei von Scham und Schande. Nackt wie die Tiere wollten sie sein, aber selbstbewusst und um ihr Leben wissend. Im Grunde stellten Sie die ganze Gesellschaft, ihre Werte und Normen in Frage. Das machte die antiken Kyniker nicht eben beliebt. Man könnte meinen, sie schossen durch ihre Radikalität und den Spott, den sie über die herrschenden Normen und Sitten ausgossen, über ihr Ziel hinaus und versauten sich damit den guten Ruf. Sie verscherzten es sich dermaßen mit der Gesellschaft, dass wir heute nur noch negatives mit dem Begriff Zynismus verbinden.

Der Kyniker als Minimalist des antiken Griechenlands: Diogenes von Jules Bastien-Lepage (1873)

Man begegnet dem modernen Zynismus überall: In der Politik ist es zynisch, wenn unsere Regierung gegen Tyrannen in Nordafrika wettert, aber gleichzeitig Waffen-Deals dahin unterstützt und Panzer exportiert. Das Ergebnis ist die berühmte Politikverdrossenheit oder gar die Abkehr von der Demokratie. Auf der Arbeit gibt es Zynismus, wenn Bosse und Mitarbeiter aneinander vorbei reden und sich nicht mehr über den Weg trauen. Und auch zu Hause kennen wir Zynismus, wenn wir zum Beispiel einen Streit schlichten wollen, aber der andere nur weiter Öl ins Feuer gießt, unsere ernsthaften Bemühungen und unsere Liebe karikiert.

19. Juni 2012

Den Arsch retten, ein neues Leben finden

Interview mit Tim von myMONK

Vor einer Weile entdeckte ich die Seite myMONK. Was mir erst mal auffiel, war der wirklich raffinierte Titel, der irgendwie Zen mit dem Internet und der iGeneration zu verbinden scheint. Auch die Optik macht was her: professionell, aber doch irgendwie bunt und auf eine schräge Weise persönlich. Über Twitter und die üblichen Kanäle lernte ich Tim kennen, der hinter myMONK steckt. Ihn und mich verbindet die Überzeugung, dass Selbsterkenntnis der entscheidende Schritt ist zu einem erfüllten Leben. Außerdem scheint er ein gutes Händchen fürs Internet zu haben und das interessiert mich immer. Grund genug, ihn hier in einem Interview mal etwas auszuquetschen.

Tim, lass mich mal gleich mit der Tür ins Haus fallen: Du hast BWL studiert. Verlangt das nicht nach einer Rechtfertigung?

Ja, sorry dafür! Nein, im Ernst: ich träumte schon in meiner Jugend von einem eigenen Unternehmen, da war meine Zeit fürs „Business“ aber irgendwie noch nicht gekommen. Und ich dachte mir, das BWL-Studium kann auf jeden Fall nicht schaden. Also saß ich da in den Prüfungen (Vorlesungen habe ich fast nie besucht) an der LMU München neben jungen Menschen, die gern Aktenkoffer und Sakkos mit sich herumtragen. Ist ja nicht unbedingt schlimm, war aber so gar nicht meine Welt. Gleichzeitig waren diejenigen, die mich mit ihrem dickem Gepose doch manchmal sehr genervt haben, ein guter Ansporn für mich, mich im Studium anzustrengen. Das hat mir zwar inhaltlich nicht viel gebracht, später aber ein paar Türen geöffnet...

15. Juni 2012

Warum müssen wir sterben?

Der Tod ist ein Skandal, fand Elias Canetti und wollte es nicht hinnehmen, dass wir an diesem Punkt keine Wahl haben, sondern dass der Tod uns aufgezwungen wird. Bis jetzt ist das so. Bei 120 ist Schluss! Egal wie gesund wir leben. Ich finde das nicht ganz so skandalös. Wer von uns Highlander mit Christopher Lambert gesehen hat, weiß dass die Unsterblichkeit mindestens so eine Katastrophe wäre.

Ältere Klamath-Frau (Edward S. Curtis, 1924)

In der letzten Woche starb in Frankreich mit 114 Jahren die älteste Frau Europas. Die Zahl derer, die über Hundert Jahre alt werden, steigt jährlich um 5,5%, das heißt alle 13 Jahre verdoppelt sich die Anzahl derer, die älter als Hundert werden. Heißt das, wir werden unsterblich? Wohl eher nicht. Aber warum sterben wir überhaupt?

11. Juni 2012

Wie wir uns täuschen lassen

Pillen, Horoskope und Persönlichkeitstests 

Was haben Tarotkarten, blaue Pillen und Horoskope gemeinsam? Sie funktionieren! Naja, solange wir es zulassen jedenfalls. Lars Lorber - Mastermind hinter typentest.de - untersucht in diesem Artikel, warum uns Persönlichkeitstests, Horoskope und Klischees selbst dann passend erscheinen, wenn sie in Wirklichkeit gar nicht zutreffen. Vorab so viel: Unsere Erwartungen spielen uns einen Streich und Sie werden den Barnum-Effekt kennen lernen.

Farbige Pillen lassen uns besser schlafen
Jeder kennt den faszinierenden Placebo-Effekt: ein angebliches Medikament zeigt beim Patienten die gewünschte Wirkung, obwohl es in Wirklichkeit gar keine Wirkstoffe enthält. Selbst die Farbe von Medikamenten wirkt sich manchmal auf deren Wirksamkeit aus: so schliefen bei einer Studie (1) Patienten mit einer blauen Schlaftablette deutlich früher ein als mit einer Orangen, da orange, rot und gelb als stimulierende Farben gelten, während wir blau und grün als beruhigend empfinden. Angeblich sind deswegen Schultafeln meist grün. Die Farbe Grün wirkt sich zudem messbar positiv auf unsere Kreativität aus (2). Und die Farbe Rot lässt sowohl Männer als auch Frauen deutlich attraktiver wirken (3). Unsere Erwartungen zu Farben haben also ganz reale Auswirkungen, obwohl die Farbe einer Tablette natürlich keine reale chemische Wirkung hat.

Sehen Sie etwa nicht so aus?
Sind Deutsche pedantisch und Blondinen doof?
Ähnlich verhält es sich mit den Klischees über andere Länder: sicher kennen Sie die Vorstellungen vom emotionalen, mit Händen und Füßen redenden Italiener, vom schüchternen Skandinavier oder vom strebsamen Japaner. Auch von uns Deutschen gibt es jede Menge Klischees: extrem pflichtbewusst, ordnungsliebend, und pedantisch sollen wir sein. Doch trifft das wirklich auf Sie zu, liebe Leser?

Nein? Woher kommen dann diese Klischees über uns Deutsche? In diversen Studien (6) hat sich gezeigt, dass die Klischees über andere Länder zwar allgemein bekannt sind und meist auch auf die Kultur des Landes zutreffen. Nicht zutreffend sind sie allerdings auf die einzelnen Menschen in dem Land. Denn über den individuellen Menschen sagen solche Klischees nur wenig aus. Dennoch fühlen wir uns oft fälschlicherweise in unseren Erwartungen bestätigt, wenn wir einmal jemanden treffen, auf den diese Klischees ganz oder teilweise passen. Ähnlich wie beim alten Vorurteil über doofe Blondinen: Sehen wir eine Blondine, die dieses Klischee bedient, fühlen wir uns bestätigt, vergessen dabei aber die anderen zehn Blondinen die wir kennen, auf die es nicht zutrifft.

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