13. April 2022

Prekär geborgen in der letzten Kugel

Eine (fast unmögliche) Kurzfassung zu Peter Sloterdijks Sphären Band II von Paul-Heinz Schwan

Globalisierung oder Sphäreopoiese im Größten ist das Grundereignis des europäischen Denkens das seit zweieinhalbtausend Jahren nicht aufhört, Umwälzungen in den Denk- und Lebensverhältnissen der Menschen zu provozieren. (Peter Sloterdijk)

Das Leben – eine runde Sache?

Das Runde, Bergende, Harmonische begeistert. Es zieht uns schnell in seinen Bann. Es fasziniert zunächst und beherrscht dann diejenigen, die so "beherrscht" – heute würde man sagen: geführt – werden möchten. Rundes ist einnehmend, bewegend. Es inspiriert das Gefühl. Es schmeichelt dem Wohlsein. Der runde Tisch, die gesellige Runde. Das runde Lenkrad für die vielen PS. Wir sprechen vom "Runden" wenn wir beruhigen oder verführen wollen. Wir sitzen gesellig an runden Tischen, sind Teil einer illusteren Runde. Wer möchte nicht, dass der Tag, das Projekt, ja sein Leben eine "runde Sache" wird. 

Atlas, der die Welt hält und von 12 Frauen umgeben ist, die die 12 Tierkreiszeichen darstellen (gemeinfrei)

Irgendwie rundet man immer auf oder ab und wenn es nur der Schnaps zum Abschluss der Verhandlungsrunde ist. Sonst fehlt was. Rundungen wirken architektonisch immer. Die Portale einer Kirche und deren Decken sind rund. Wer im Altertum Herrschaft oder Schutz begründen wollte hielt eine Kugel in der Hand oder stand auf einer. In eine Ecke wird man gestellt und bestraft. In die Runde wird aufgenommen, kann die Mitte finden. Alles menschliche Leben beginnt in einer Rundung, in einer "Kugel". Dass wir auch an den Rand einer Rundung geraten können, dass wir auf einer Kugel wohnen die die einzige und letzte sein könnte, dass uns eine Kugel treffen kann, all diese Schrecken sitzen auch tief. Wie kann denn das Bergende auch unser Vernichter werden?

29. März 2022

Wie die US-amerikanische Demokratie (nicht) funktioniert

Ein Interview mit dem Philosophen Jared A. Millson über die Mutter aller Demokratien

Jared A. Millson ist Assistant Professor am Department of Philosophy des Rhodes Colleges. Rhodes ist eine kleine 1848 gegründete Hochschule mit dem Motto "Truth, Loyalty, Service", die immer wieder prominent in diversen Rankings erscheint und unter anderem für den schönsten Campus der USA berühmt ist. Von Millson ist bereits der Artikel Verschwörungstheorien... Warum nicht? auf Geist und Gegenwart erschienen.

Rhodes College: Palmer Hall im sprichwörtlichen Efeu (CC BY-SA 4.0, Washnockm)

27. Februar 2022

In welcher Welt sind wir aufgewacht?

Wir hatten einen Traum

Wir hatten einen Traum. Das war gut, wir brauchen Träume für eine bessere Zukunft. Wir haben geträumt. Und das war ein großer Fehler, denn die Realität nimmt auf Träumer keine Rücksicht.

Am Morgen nach dem russischen Angriff auf das souveräne Nachbarland Ukraine, sagte die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock: "Wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht." Das stimmt sicherlich und für sie und die Regierung, so könnte man meinen, ist es gerade noch gut, dass sie nicht schon länger an der Macht sind und vor sich hingeträumt haben. Wo ist eigentlich Heiko Maas? Vielleicht träumt er noch. Scholz wenigstens ist nach andauernder Bearbeitung durch die schon vorher wachgeschossenen Nachbarn, schlagartig aufgewacht und fängt an, Deutschland für eine neue Welt zu orientieren.

Ich sage ganz offen, dass ich total geträumt hatte. Und bevor ich jetzt Kommentare bekomme, was für ein Schlafschaf ich sei: Ihr Russland- und Putinversteher seid auch total verpennt und hattet einen Traum, der zu euch passte, ihr seid ihm auf andere Art auf den Leim gegangen. 

Vielleicht sind gerade wir von der Nachkriegszeit, von der unverhofften Einheit Deutschlands und dem langen, für uns im Westen recht lohnenden Frieden verwöhnten Kinder der aufklärerischen Dichter und Denker besonders geneigt, eine zunehmend friedensfeindliche Realität auszublenden. Schmunzelnd habe ich mich manchmal an die 80er Jahre erinnert, wo wir in der Schule übten, uns vor den Atomraketen unterm Tisch zu verstecken. Das Schmunzeln ist mir heute vergangen, in einer neuen und irgendwie alten Welt aufgewacht.

16. Januar 2022

Verschwörungstheorien... Warum nicht?

Eine unvoreingenommen philosophische Betrachtung

Die NASA hat die erste Mondlandung vorgetäuscht... Die US-Regierung orchestrierte die Anschläge am 11. September... Eine eingeschworene Gruppe Satan anbetender Pädophiler betreiben einen globalen Kindersexhandelsring und plant ein Komplott...

Mini Mondlandung (Eric Kilby, Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Jede dieser Behauptungen wurde als "Verschwörungstheorie" angeprangert. Aber was sind Verschwörungstheorien? Und sollten wir jemals eine akzeptieren? Wenn ja, wann? Auf diese Fragen bietet dieser Essay von Jared Millson, Assistant Professor der Philosophie in Memphis USA erste Antworten.

24. Dezember 2021

Und nun lägest du dort in der eigenen inneren Krippe

Eine Interpretation der heiligen Nacht von Paul-Heinz Schwan

Weihnachtswunder – eine kleine, kindliche Lösung

Sich etwas versprechen und für den anderen suchen, was uns verloren schien. Ein unbeschreibliches Gefühl in einer unendlichen Geschichte. Solch eine Einstimmung macht uns erwartungsvoll. Bisher klang diese Geschichte immer wie ein Bußgang durch eine entbehrungsreiche Zeit zu einem Stall, hin zu einer unglaublich kleinen, kindlichen Lösung. Irritiert hat das kaum jemanden, wir haben gestrahlt und sind zum Alltag übergegangen, als sei niemand geboren. Seit Jahrtausenden und jedes Jahr wiederholen wir den Refrain, der bald nur noch eine Deckadresse für freie Tage unter Stress wurde.

Gemälde: Die Heilige Nacht von Antonio da Correggio
Ausschnitt von Antonio da Correggios Die Heilige Nacht (zwischen 1522 und 1530), gemeinfrei

Was aber, wenn uns nun wirklich etwas entgegenkäme, wir nicht suchen und warten müssten, einfach so, unglaublich, unbeschreiblich. Wenn da in dem Stern über unserem Stall stünde: Du bist schon geboren, befreit und reich, ganz ohne Sünde, ohne Schuld. Auch wenn es bis gestern so aussah, als dass wir durch unsere Taten und Untaten immer wieder die Schuld suchten. Und nach jeder Schuld die Schuld größer wurde.

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