Posts mit dem Label Natur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Natur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

5. Mai 2026

Verschwenderisch, hell, die Nachtigall

Und die Nacht wird zur Kathedrale

Nachts, kurz vor 23 Uhr, ich bin gerade auf die kleine ebenerdige Terrasse getreten, hörte ich sie plötzlich doch. So laut, so klar, so ergreifend wie Kirchenmusik. Warum sie sich so verspätete, weiß ich nicht genau. Ich hatte sie bereits Anfang April erwartet, so wie in den anderen Jahren. Aber ich werde einer Freundin, einer Liebe keinesfalls eine Verspätung von ein paar Tagen nachtragen. Im Gegenteil: Ich war dieses Mal noch viel glücklicher als in den Jahren zuvor, noch dankbarer vor allem. Manchmal muss das Glück abwesend oder wenigstens fern sein, damit wir es wieder schätzen lernen.

Jetzt war die Nachtigall plötzlich wie aus dem Nichts, eigentlich aber aus dem südlichen Afrika zurückgekehrt. Geleitet von den Sternenmustern über dem Himmel und dem Erdmagnetfeld darunter hat sie zu mir nach Berlin zurückgefunden und gibt mir in den dunkelsten Stunden des Tages das Gefühl, dass doch alles irgendwie ok ist. Das ist schließlich kein Pfeifen im Walde, sondern ein verschwenderisches Ausgießen von Lebensenergie in der Mitte der Nacht. Alles wird gut.

5. Februar 2026

Simone Weils radikales Zeitmodell

Warum das Leben in Phasen biologisch sinnvoll ist

Ein Text von Sara Theimann

Simone Weil (Fotograf unbekannt, Public Domain)


Es war 1934, als die Philosophin Simone Weil eine Entscheidung traf, die ihre Zeitgenossen verstörte. Die brillante Intellektuelle, die an der Elite-Universität lehrte, verließ den Hörsaal – nicht für ein paar Wochen, sondern für ein ganzes Jahr. Sie nahm eine Stelle in einer Fabrik an. Nicht als Forscherin, nicht als Beobachterin. Sie arbeitete an der Stanze, am Fließband, mit blutenden Händen und erschöpftem Körper. Es sollte nicht das letzte Mal in ihrem Leben sein, dass sie als "Ungelernte" in der (Elekto-, Metall- und Auto-) Industrie arbeitete. "Warum tut sie das?" fragten ihre Kollegen. 

15. November 2025

Musica universalis: Echos in unseren Seelen

Einst galt das Hören mehr als das Sehen

Ein Text von Derek Turner

 

Das Auge hatte nicht immer Vorrang vor dem Ohr 

"Am Anfang war das Wort" – doch Äonen vor diesem uralten Imperativ gab es andere lautliche Gebote, tief in uns selbst, grollend in den Schluchten der Erde und widerhallend durch das Universum. Unser Zeitalter des Auges unterschätzt das Ohr, dabei können Schallwellen uns tiefer bewegen als die eindrucksvollsten Anblicke. Selbst "Stille" ist ein Klang, den wir mit unseren eigenen Bedeutungen füllen.

Marguerite Humeau: The Opera of Prehistoric Creatures (Jean-Pierre Dalbéra, CC BY 2.0)


Die heutige Technologie erlaubt ein immer präziseres Lauschen auf Geräusche, die sich früher jeder Analyse entzogen. Hochsensible Mikrofone werden in die Eingeweide der Erde eingeführt und in die lichtlosen Tiefen der Ozeane hinabgelassen, während gespannte Antennen und aufgesperrte Parabolschüsseln auf Botschaften aus dem All warten. Wissenschaftler erforschen den "singenden Sand" an Stränden und in Wüsten – jene Klagen und Pfeiflaute, die entstehen, wenn Silikatkörner bei bestimmten Frequenzen aneinander reiben – ebenso wie die rätselhaften "Brummtöne", die viele Menschen von New Mexico bis Schottland wie ein kollektives Tinnitus vernehmen wollen. Toningenieure experimentieren mit immer erfinderischeren Geräuscheffekten; Volkskundler sammeln irische Klagelieder und Lieder, die von den Rufen der Zikaden inspiriert sind; und Nostalgiker verabschieden sich von den Nebelhörnern an den Küsten, deren unendlich suggestives, vom Dunst gedämpftes Stöhnen durch GPS überflüssig geworden ist.

1. Oktober 2025

Schleimpilze, Menschen und andere Strukturen

Emergenz und Intelligenz

Technik-Optimisten benutzen den Schleimpilz – eine gehirnlose, einzellige Amöbe – als Metapher für die Tugenden der Künstlichen Intelligenz. Doch das ist – vielleicht gewollt – irreführend und ein tieferes Verständnis der Kraft des Schleims könnte uns zurückführen zur einzigartigen Fülle und Komplexität des Menschen. 

Ein Essay von Eliane Glaser 

Schleimige Quadratzentimeter im Deutschen Wald (G. Dietrich CC BY-SA 4.0 CC BY-SA)

18. Juli 2025

Über Moderne, Mythos und Maschinen

Was vom Menschen übrig bleibt – Fortschritt, Krise und Selbstverlust

In Zeiten radikalen Wandels – technologisch, ökologisch, existenziell – stellt sich eine alte philosophische Frage mit neuer Dringlichkeit: Was heißt es heute, Mensch zu sein? Dieser Text ist eine intime Reflexion über Fortschritt, Grenzen, das Dazwischen und das Unverfügbare – über das, was uns zu Menschen macht, gerade in dem Moment, in dem wir es aus der Hand geben.

Die englische Originalversion des Textes wurde am 17. 7. 2025 in Xavier Faltots Radioshow Cashmere Talks Zuper Wok #00: Escaping the Dark Hole gelesen. 

1. Mai 2025

Im Fleisch der Welt

Maurice Merleau-Ponty und das Dazwischen

Phänomenologie fundamentaler Verbundenheit

Der Todestag von Maurice Merleau-Ponty jährt sich zum 64. Mal. In einer Zeit, die von begrifflichen Auflösungen ("alternative Fakten") einerseits und dem Wunsch nach begrifflicher und auch physischer Abgrenzungen (identitär, LGBTQ, national etc.) andererseits geprägt ist, scheint sein stilles, verbindendes und tiefgründiges Denken verschütt gegangen zu sein. Jedenfalls hört man nichts über dieses Denken und das zu Unrecht. Merleau-Ponty erinnert uns daran, dass das Leben sich nicht an Grenzen hält, sondern im Dazwischen spielt: zwischen Körper und Geist, zwischen Selbst und Welt, zwischen Eigenem und Fremdem, ja sogar zwischen Abgrenzung und Auflösung. Sein Konzept des "Fleisches der Welt" ist eine philosophisch unkonventionelle Perspektive auf die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt, die über die klassischen dualistischen Denkmuster hinausgeht und die fundamentale Verbundenheit aller Dinge betont.
 

Remix: Maurice Merleau-Ponty (* 14. März 1908 in Rochefort-sur-Mer; † 3. Mai 1961 in Paris) CC BY-NC 4.0
 

Merleau-Ponty (1908 – 1961) wuchs in einer Epoche politischer Spannungen und intellektueller Umbrüche auf. Der Tod seines Vaters im Ersten Weltkrieg prägte seine Kindheit – eine Erfahrung von Verlust und Unsicherheit, die später auch seine Philosophie der offenen Bedeutungen durchdrang. 

27. Mai 2023

Heitere Miene, stoßweises Ausatmen, abgerissene Laute

Hüten wir uns zu sagen, daß der Tod dem Leben entgegen gesetzt sei. Das Leben ist nur eine Art des Toten, und eine sehr seltene Art. (Friedrich Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft, KSA 3, Nr. 109.)

Die Absurdität der Sorge

Ich lachte plötzlich los. Ohne Zeugen und offenbar grundlos lachte ich. Ich saß an der Panke, rauchte, trank mein alkoholfreies Bier und hatte einen kleinen Lachanfall. Enten trieben vorbei und begannen auf meiner Höhe kurz gegen den Strom zu paddeln. Hoffnung auf Brotkrümel. Dann trieben sie weiter abwärts von meinem leisen Lachen begleitet. Der Wind trieb den Rauch hinterdrein.

Die Situation auf der Arbeit ist gerade... sagen wir anstrengend. Seit meiner letzten Corona-Infektion geht es gesundheitlich nur langsam dem denkbaren Optimum entgegen. Wahrscheinlich hatte ich mich nun wieder bei einem Arbeitstreffen mit Corona infiziert. An der Panke sitzend, machte ich mir ernsthaft Sorgen, was das mit meiner Gesundheit tun würde. 

Erst einmal angstfrei Tritt fassen

Und darüber hinaus: Kein Magel an Sorge. Arbeit, Altwerden, Krieg in Europa, aufgeklärte Mitbürger unter idiotischer Desinformation. Der Golfstrom kippt, die Gletscher sind nur noch matschgraue Erinnerung. Überall wird Süden. Oder kommt doch ein nuklearer Winter? Die Kids, die sich die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage nicht gefallen lassen wollen, werden jetzt kriminalisiert und unter Terrorverdacht gestellt. Mein Sohn träumt noch von Pikachu und Karate, von Kaulquappen und einem Andauern des Traumes. 

15. Januar 2023

Die Letzte Generation steht dem Bürger im Weg

Unsere Kids haben Angst vor dem Untergang ihrer Welt

"Einige Autofahrer schleppten Aktivisten von der Straße, bevor die Polizei anrückte. Die Demonstrierenden setzten sich daraufhin schnell wieder auf die Fahrbahn. Ein Mann sprach [...] die Aktivisten direkt an – sie müssten daran denken, dass die Leute einfach zur Arbeit kommen wollen. Dazu sagten die Demo-Teilnehmer, man müsse aber auch an die jungen Menschen denken, die bei der aktuellen Klimapolitik keine Zukunft hätten." (Berliner Zeitung)

Sie kleben sich auf der Stadtautobahn fest, sie behindern Flugverkehr und Kohlebagger, beschmieren sich mit Öl, besetzen Häuser – und sie verstoßen mit all dem gegen das Gesetz. Ein Angriff auf den Staat, ein Angriff auf uns alle! Bei FAZ, Welt und Cicero fliegt dem Bürger vom spitzen Kopf der Hut. Wieder einmal Weltende, aber diesmal anders. Die Hutschnur platzt schließlich, als dann auch noch Kunstwerke beschmutzt und versaut werden. Da fordern dann Journalisten und Staatsrechtler endlich ein härteres Vorgehen gegen Klimaaktivisten. 

Ölwahn – Aktion der Letzten Generation in Berlin (CC BY 2.0)

10. April 2021

Alle Wesen entstammen dem Stein

Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge (Novalis)

Was mich nachhaltig fasziniert, ist der unauflösbar radikale Widerspruch im Menschen zwischen dem Sein-wollen und dem Nichts-sein-wollen. Alle Biologie in uns hat natürlich einen starken Vitalismus, einen Selbsterhaltungstrieb, der sich auch psychologisch unbezweifelbar äußert, zum Beispiel in der Angst vor dem Tod, die sich oft noch steigert, je näher wir dem Tod kommen. Gleichzeitig scheinen wir uns gern die im Tierreich einmalige Perversion zu leisten, nach dem Nichts zu verlangen. 

Fossiles Skelett eines Ichthyosauriers aus dem Posidonienschiefer (Unterjura) Südwestdeutschlands
Fritz Geller-Grimm: Fossiles Skelett eines Ichthyosauriers (Lizenz: CC BY-SA 2.5)

Man kann das den Todestrieb nennen, das unglückliche Bewusstsein, die Suche nach dem Nirwana, Gnosis oder das Tao. Leben heiße leiden und das gelte es aufzuheben, so wohl eine große Motivation hinter dieser Suche. Ich denke aber nicht, dass diese Motivation ausreicht, uns vom Leben abzubringen. Alle Lebewesen leiden, aber nur wir scheinen das Potenzial zu haben, dieses Leiden teilweise aufzuheben, uns zu entlasten und dadurch die Phantasie von einem paradiesischen Zustand zu entwickeln. Wir wollen ein Himmelreich, das in aller Konsequenz eben doch nicht – Heinrich Heine und Karl Marx zum Trotz – hier auf Erden errichtet werden kann. 

12. Dezember 2020

Glücklich durch die Pandemie

Meine Überlebensstrategien in Krisen

Es kann ziemlich niederschmetternd sein, dieses Jahr so zu beenden, wie es anfing: beschränkt in unseren Sozialkontakten, besorgt über uns selbst und unsere Nächsten, behindert in unserem Bewegungsdrang. Hinzu kommen all die idiotischen Zumutungen durch ängestigende Nachrichten, unklare Zufunftsaussichten oder tatsächliche Einkommenseinbrüche. Mich nerven auch verwirrte Mitmenschen, die sich nicht anders zu helfen wissen, als gegen die objektive Realität anzustürmen, indem sie sich weigern Masken zu tragen, indem sie so tun, als seien sie unverwundbar und/oder indem sie ihrer Verwirrtheit mit messianischem Eifer über Verschwörungsgeschrei Ausdruck geben müssen. 

Ab in den Wald ist eine meiner Strategien (Bild von mir, Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE)


Ich verstehe sehr gut, dass man das alles am liebsten gar nicht wahr haben möchte. Und ich denke auch, dass all die Maßnahmen noch lange nach Corona nachwirken werden und dass wir einen Preis dafür zahlen werden. So mache ich mir beispielsweise Sorgen über unseren noch nicht ganz fünfjährigen Sohn, der in einem Alltag auwfächst, der von Infektionsangst geprägt ist. Ich weiß nicht, welche langfristigen Ängste all das tägliche Fiebermessen, die maskierten Gesichter und die vielen Verbote im Umgang miteinander nach sich ziehen werden. Es würde mich nicht wundern, wenn wir als eine langfristige Folge mit zunehmenden Angsterkrankungen unter Erwachsenen und Kindern zu kämpfen haben würden: ständige Angst vor Infektion, Angst vor körperlicher Nähe und Agoraphobien zum Beispiel.

Hier sind ein paar Strategien, die mir und meiner kleinen Familie helfen, durch diese Zeit zu navigieren. Über all dem steht so ein bisschen das populäre royale Mantra in Vorbereitung der Briten auf den zweiten Weltkrieg:

25. April 2020

Solastalgie oder wie wir das Ende der Natur verkraften

Die Krankheit des 21. Jahrhunderts und ihr Trost

Warnung: Das ist ein sehr persönlicher Artikel. Lies ihn nicht, wenn du derzeit keine Aufnahmefähigkeit für Trauer, Pessimismus und Angst hast!

Ästhetik für ein Leben in Enttäuschung und Trauer

Jede Minute verschwinden etwa 30 Fußballfelder Regenwalds auf der Erde. Jede Minute! 30! "Weltweit verlieren wir derzeit rund drei Mal das verbleibende Gletschervolumen der europäischen Alpen. Und das jedes Jahr." (Michael Zemp, ETH Zürich) Die für artenreiche und damit gesunde Meere unverzichtbaren Korallenriffe gehen großflächig an den steigenden Wassertemperaturen kaputt; Unterwasserwüsten breiten sich aus. Und allein während meiner Lebenszeit bisher verschwand mehr als die Hälfte (!) aller wildlebenden Säugetierarten für immer von unserem Planeten. Das Schlimmste: All das sind sich gegenseitig verstärkende Zustände, Teufelskreise wie beispielsweise jener, dass immer weniger Regenwald eben auch immer weniger Luft kühlt oder der, dass weniger Eis an den Polen die Athmosphäre zusätzlich aufheizt und so das Eis noch schneller schmilzt. Mit anderen Worten: Wer heute noch hofft, dass wir diese Entwicklungen wieder in den Griff bekommen, muss komplett irre sein. Die Veränderung beschleunigt sich dramatisch.

In den letzten Monaten macht mir das zunehmend zu schaffen. Ich kann kaum noch Dokumentationen sehen, weil keine Natur-Doku mehr ohne Hinweis auf die alarmierende Verschlechterung der Situation auskommt. Ich kann den sonnig-warmen Frühling kaum noch genießen, seitdem ich sehe, wie hier in Ostdeutschland die Wälder vertrocknen und von Schädlingen zerfressen werden. Ich empfinde eine enorme Trauer, seitdem ich meinem Sohn die Bäche in Berlin Buch zeigen wollte, an denen ich in meiner Kindheit Stichlinge und Frösche fing. Heute ist zum Beispiel der Bach hinter meiner damaligen Schule nicht einmal mehr ein Rinnsal – es ist eine mit Plastikflaschen gefüllte Furche im ausgetrockneten Boden. Ich schlafe schlecht, weil das an mir nagt. Ich bekomme Panikattacken, wenn ich daran denke, was ich meinem Sohn hinterlasse. Ich könnte heulen, wenn ich an die verdreckte und vertrocknete Umwelt denke, in der ich vor gar nicht langer Zeit noch die erfrischende grüne Kühle und Stille fand, die meine Psyche so dringend benötigt. Ich habe Angst vor dem Kippen unserer Gesellschaften als Folge der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Was ist los mit mir, dass mir das persönlich so nahe geht?

6. April 2020

Den Zusammenbruch akzeptieren, die Krise meistern

Warum krampfhaft erhalten, was dem Untergang geweiht ist? 

Ein Text von Frank Augustin

Zwingt uns die Corona-Krise endlich eine neue Bereitschaft für eine neue Wirtschaftswelt auf? Zu hoffen wäre es, gerade auch, weil wir die letzte Krise um 2008 dazu nicht genutzt hatten. Denn bisher gab es auf der einen Seite nur die hoffnungslosen Romantiker, die sich Veränderung auf die Fahnen schreiben, aber weder vom Bösen im Menschen noch von Systemzwängen etwas wissen wollen und auf der anderen die Anhänger der Wachstumsfortschrittsreligion, die sich, von Verlustängsten und Orientierungslosigkeit geplagt, ans Alte klammern. Nun muss unter den Vorzeichen der Corona-Pandemie allen klar werden, dass das Alte einfach nicht mehr funktioniert. Aber ist ein Ausstieg aus dem Alten ohne unzumutbare Härten überhaupt möglich? Der folgende Text erschien zuerst in der philosophischen Wirtschaftszeitung Agora42, Ausgabe 1/2020 Innovation.

Hoffnung und Angst in einem Bild (NASA and ESA pollution monitoring satellite, Public Domain)

27. Juli 2019

Nur ein Sternekoch kann diese Welt noch retten

Der Mensch – das kochende Tier

... biologisch betrachtet beginnt das Leben mit dem Wasser, kulturell jedoch mit dem Feuer. (Nikolai Wojtko, Die Philosophie des Kochens, S. 22)

 
Mit dem Übergang von Rohkost zu Kochkunst, steigt der Mensch aus der Nahrungskette aus und wird damit zum Kulturwesen. Der Verdauungsapparat verkleinert und das Hirn vergrößert sich, wir gewinnen Zeit, uns um anderes zu kümmern und können auch deswegen anfangen zu Sprechen, weil sich die Kauwerkzeuge verkleinern und Hals-Nase-Mund damit neue Funktionen aufnehmen können. Außerdem sollten wir zu schätzen wissen, dass wir nun selbst nicht mehr als Nahrung von größeren Tieren verfolgt werden und wir auf dem Weg zur Arbeit nicht versuchen müssen, irgend einem kleineren Tier das Genick durchzubeißen oder in der U-Bahn Wurzeln und Rinden knabbern. Der Ausstieg aus der Nahrungskette ist ein "massives Upgrade" (Louis CK), das außer dem Menschen bisher keinem Tier zuteil wurde.

Auf der anderen Seite, scheint unsere moderne Ernährung ganz neue barbarische Folgen zu haben: von gequälten Nutztieren bis hin zu vergifteten Böden, gerodeten Wäldern und dem resultierenden Massensterben in der wilden Flora und Fauna. Wir alle wissen das und machen uns in unseren Filterblasen darüber wohl auch zunehmend Sorgen, wenn man die Trends rund um regional, nachhaltig und vegetarisch betrachtet. Skepsis ist natürlich angebracht, ob diese Wohlstandssorgen wirklich globale Entwicklungen positiv beeinflussen können. Denn die Mehrheit der bald neun Milliarden Menschen auf diesem Planeten muss sehen, wie sie satt wird und wird daher nicht den Luxus haben, ihre Wahl der Nahrung unter ethischen Gesichtspunkten zu hinterfragen.

1. Juli 2019

„We are nature defending itself“

Auf dem Weg zu einem neuen Naturverhältnis

Dieser Text von Christoph Sanders und Martin Krobath erschien zuerst in der Ausgabe 2/2019 des philosophischen Wirtschaftsmagazins Agora42.

Die Kamera wackelt und zoomt näher an eine erschöpfte junge Frau im Wald. Eine Stimme bittet sie: "Magst du erzählen, was gerade passiert ist?" Winter, so steht ihr Name unter dem Videoclip, ist offensichtlich gerade von Polizisten aus ihrem Baumhaus im Hambacher Forst geräumt worden. In voller Kampfmontur, die Frau an Körpergröße weit überragend, stehen zwei Polizisten neben ihr. Sehr bewegt und mit großer Bestimmtheit erklärt sie in die Kamera, warum sie sich gegen die Rodung des Waldes einsetzt:

Aktivistin Winter UP22 berichtet von Räumung im Hambacher Wald (Quelle: Politische Bildung)

In diesem Statement wird klar, dass Winter nicht wegen abstrakter Messungen zum Klimawandel einen Baum besetzt hat, sondern dass es ihr vielmehr um die Frage geht, wer wir als Mensch sein wollen und wie wir uns zur Welt und zur Natur in Beziehung setzen. Damit wird ein Aspekt sichtbar, der bislang in der Diskussion um Klima und Natur wenig präsent ist: Wie wir mit Natur umgehen, hat direkt etwas mit uns selbst zu tun, mit unserem Bild von der Welt und unserem zwischenmenschlichen Umgang.

16. September 2018

Souveräne Vorbilder oder von den Umständen überfordert?

Nicht nur für Eltern: zur Selbsterziehung in den Wald

Mein zwei Jahre alter Sohn hatte heute früh Schwierigkeiten, seinen LKW mit Kastanien zu beladen und sagte plötzlich laut und frustriert "fuck!" Als ich klein war, haben Erwachsene ihren Kindern noch den Mund mit Seife ausgewaschen, dabei war es doch schon immer so offensichtlich, dass sie sich wohl besser selbst den Mund hätten waschen sollen. Denn schlimme Wörter oder Verhaltensweisen entwickeln Kinder ja nicht aus sich selbst heraus, sondern sie übernehmen das von uns vorgelebte Verhalten. Das macht mir ehrlich gesagt große Sorgen und ich komme zum ersten Mal in meinem Erwachsenenleben unter den Druck, auch in der Freizeit ein gutes Vorbild für jemanden anderen sein zu müssen.

Selbsterziehung im Wald (Foto: Gilbert Dietrich, CC BY-SA 2.0)

21. Juli 2018

Dein Gehirn ist zum Gehen da

Protest gegen die tägliche Tretmühle

Wozu haben wir ein Gehirn? Der Neurowissenschaftler Daniel Wolpert sagt, damit wir uns bewegen können. Deswegen brauchen stationäre Lebewesen wie Bäume auch kein Gehirn. Sein schönstes Beispiel für die Plausibilisierung seiner These ist die sogenannte Seescheide (Ascidiae). Dieses Tier bewegt sich am Anfang seines Lebens, um einen geeigneten Platz zu finden, auf dem sie siedeln kann, damit sie sich für den Rest des Lebens nicht mehr bewegen muss. Und was passiert dann?

"...beim Ansiedeln auf dem Felsen, wo sie immer bleiben wird, verdaut sie als erstes ihr eigenes Gehirn und Nervensystem als Nahrung. Sobald man sich nicht mehr bewegen muss, braucht man den Luxus eines Gehirns nicht mehr." (Daniel Wolpert: Der wahre Grund für Gehirne)

Das Bewegen, das Gehen, das Wandern sind nicht zuletzt deswegen auch immer schon beliebte Themen der Philosophie gewesen. Denn die Liebe zur Weisheit (wörtliche Übersetzung von Philosophie) hat ja gewissermaßen das Gehirn als seinen Fetisch und ohne Bewegung kein Gehirn und ohne Gehirn keine Weisheit und erst recht keine Liebe.

Gehen in der Schlucht von Verdon, Frankreich

5. Juli 2018

Wie es kam, dass wir die Erde beherrschten

Ein Mängelwesen wird durch Fiktionen zu Gott

Wer Geist und Gegenwart kennt, weiß, wie sehr es mir die Philosophische Anthropologie angetan hat, also die Frage: Was ist der Mensch? Bei aller Skepzis am Humanismus, also der religiösen Verherrlichung des Menschen und seiner unteilbaren Würde, ist es doch zulässig und eigentlich auch unumgänglich festzustellen, dass dem Menschen eine Sonderstellung im uns bekannten Kosmos zukommt. Katzen sind niedlicher und weicher, Hunde irgendwie knuffiger und liebenswürdiger, Gazellen sind schneller und Fische können besser unter Wasser atmen und schwimmen. Menschen jedoch beherrschen ganz buchstäblich die Welt mit allen Vor- und Nachteilen, die das für alle bringt.

Auf dieser Platte finden wir das Geheimnis unserer göttlichen Macht (Quelle: NASA, gemeinfrei)

Von den Vorteilen, ein Mensch zu sein

Vielleicht muss man zu den Vorteilen noch etwas sagen, denn die Nachteile für alle, die keine Menschen sind und auch für viele Menschen, liegen ja auf der Hand. Ein riesiger Vorteil für den Menschen selbst ist, dass es ihm gelungen ist, wie der Comedian Louis CK festgestellt hat, sich selbst aus der Nahrungskette herauszunehmen. Das sei ein "massive upgrade", so CK. Für die meisten Tiere ende das Leben damit, gefressen zu werden, nur Menschen stürben regelmäßig alt im Bett und könnten sich weinerlich von ihren Liebsten verabschieden. Da hat er schon Recht, ich würde es auch hassen, wenn ich auf dem Weg zur Arbeit immer aufpassen müsste, dass ich nicht von Raubtieren angefallen und aufgefressen werde. Und auch, anderen aufzulauern, um ihnen die Kehle durchzubeißen, würde mir nicht immer gefallen.

27. Mai 2018

Warum wir Freude an der Natur empfinden

Und was wir damit tun könnten

"Wir haben vielleicht die Natur verlassen,
aber die Natur hat uns nicht verlassen."
Michael McCarthy

Wenn der Frühling kommt und alles neugeboren wird, erneuert das auch unsere Energien und lädt uns auf mit Freude. Alles wird wieder neugeboren und das ist eine erstaunlich erfreuliche Beobachtung für endliche Wesen wie wir, deren Leben nicht zirkulär wie die natürlichen Jahreszeiten verläuft, sondern eben linear von der Geburt zum Tod.

Ich habe mich schon oft gefragt, warum uns in der Natur eine Art unerklärlicher Freude oder auch Glück und Zufriedenheit überkommen? Stehen wir nicht voller Entzücken auf einem Berg und schauen jubilierenden Herzens runter ins grüne Tal? Versetzt uns nicht der Sternenhimmel in ein freudiges Erstaunen? Haben die rhythmischen Anläufe der Wellen auf den Strand nicht eine beruhigende Magie? Und sind Sonnenuntergänge nicht einfach wie ein großer Frieden, der sich über unsere Seelen legt und sie heilt?


On Being – Interview mit Michael McCarty

Wo kommt diese ästhetisch-emotionale Verbundenheit mit den natürlichen Abläufen her? Warum berührt uns die Natur so und warum sind wir trotz aller Gewalt, die wir so vielen Geschöpfen täglich antun, doch so fasziniert von Tieren? Es ist wie ein Erbe, das tiefer geht als alle Zivilisation. Wir spüren es vielleicht nicht jeden Tag, aber dieses Erbe ist so tief in uns eingeschrieben, dass es sich bei jedem Waldspaziergang wieder meldet, unseren Stress abbaut und die Stimmung hebt.

3. November 2017

Den Planeten managen, ansttat ihn nur zu verbrauchen

Chris D. Thomas' Optimismus im Zeitalter des Aussterbens

Das Leben als Mensch auf diesem Planeten ist eine paradoxe Sache: Wir machen es uns sehr angenehm, mehr als angenehm – luxuriös sogar und der Verlauf der Geschichte zeigt uns, dass es uns in unserem Anthropozän immer besser geht. Dennoch beschweren wir uns fortwährend über die Folgen, die diese zunehmenden Verbesserungen mit sich bringen. Die dramatischsten Spuren hinterlassen wir in unserer Umwelt, was uns wiederum nervös macht, weil wir in dieser Umwelt leben und damit die erreichten Verbesserungen wieder aufs Spiel setzen. Insbesondere haben wir die Tendenz, uns nach einer Zeit zurück zu sehnen, der wir gerade entkommen sind. Im Rückspiegel sieht diese Vergangenheit plötzlich paradiesisch aus.

Warum der Eisbär zum Braunbären werden muss... (Foto: Susanne Miller, Lizenz: public domain CC0)

Dieser verklärende Blick in die Vergangenheit hilft uns leider nicht, denn die Zeit kommt aus der Zukunft, wie Armen Avanessian und die Akzelerationisten sagen. Die Eisbären machen sich schon mal auf den Weg in ihre neue Zukunft ohne Eis. Und wir Menschen täten gut daran, unsere gesamte planetarische Zukunft zu gestalten, anstatt an einer Vergangenheit zu hängen, die es entweder niemals gab oder die zumindest nie wiederkommen wird. Daher fasziniert es mich immer wieder, andere Denkansätze über unser Fortbestehen in der Gegenwart und Zukunft zu entdecken, wie eben bei den Akzelerationisten, bei Bruno Latour oder dem Projekt Dark Mountain.

Leben ist das, was passiert und wir sind ein Teil davon

Eine absolut ideologiefreie Betrachtung auf das Thema Natur- und Umweltschutz bietet uns Chris Thomas, Professor für Biologie an der englischen University of York und Autor des Buches Inheritors of the Earth: How Nature Is Thriving in an Age of Extinction (deutsch etwa: Erben der Erde: Wie die Natur im Zeitalter des Aussterbens gedeiht):

"Leben ist einfach das, was passiert. Leider oder zum Glück hat das Leben keinen Sinn oder letzten Zweck. Es entstand, wird eine Weile bestehen und dann wieder verschwinden. Naturschutz ist eher ein Ding der menschlichen Perspektive auf die Gegenwart oder die nahe Zukunft ..." (Chris Thomas im Interview der NAUTILUS, meine Übersetzung)

22. Oktober 2017

Bilder des Trostes, H wie Habicht

Das Finden und Verlieren der Wildheit in der Natur

Die allerkleinsten und die allergrößten Dinge gehen gerade irgendwie kaputt. In unseren Böden gibt es kaum noch Insekten und an den Polen schmelzen unvorstellbar riesige Eismassen. Und zwischendrin bemühem wir uns darum, Pandas zu züchten und Seeadler wieder anzusiedeln.

"... da draußen gibt es eine Welt der Dinge – Felsen und Bäume und Steine und Grass und all die Dinge, die dort kriechen und laufen und fliegen. Sie sind alle Dinge an sich, aber wir legen für uns einen Sinn in sie hinein, der unsere Sicht auf die Welt stützt." (Helen Macdonald, übersetzt von mir aus dem englischen Original H is for Hawk, S. 275)

Zwei Seeadler über Rügens Strand (Foto: Gilbert Dietrich, Lizenz: CC BY 2.0)

Top 5 der meist gelesenen Artikel dieser Woche