29. Juni 2014

Verführt, benutzt und fallen gelassen

Wie wir Manipulationen erkennen und ihnen begegnen können

In Abwandlung eines bekannten Diktums der Kommunikationstheorie müsste man sagen: Wir können nicht nicht manipulieren. Fast immer, wenn wir kommunizieren, haben wir etwas im Hinterkopf, wollen etwas erreichen oder jemanden von etwas überzeugen. Es bedarf einer ganz anderen Bewusstseinsform, wenn man das ablegen will, man müsste sich davon verabschieden, überhaupt noch etwas zu wollen. Es ist also normal, dass unser Partner, unsere Kollegen oder der Chef uns zu etwas bewegen wollen, das in ihrem Interesse ist. Hoffentlich ist es aber auch in unserem Interesse. Dass wir hin und wieder jemanden in seinem Verhalten manipulieren, kann vorkommen und gehört in einem gewissen Rahmen zum sozialen Austausch. Es gibt aber auch Menschen, deren soziale Interaktion zu großem Teil auf Verführung und Manipulation beruht. Oft sind es sehr interessante, charismatische Menschen, denen es gelingt, uns sehr geschickt für ihre Zwecke einzuspannen. Wir selbst drohen dabei, auf der Strecke zu bleiben.


Manipuliert und verführt? (Quelle: Victoria Nevland via Flickr CC)

17. Juni 2014

Sieben Gründe für unsere Unzufriedenheit im Job

Warum wir in unserem Arbeitsleben oft unglücklich sind

Die Arbeit ist bei den meisten von uns ein großer Teil des Lebens. Man kann es sich eigentlich nicht leisten, damit unglücklich zu sein. Und doch akzeptieren wir dieses Unglück allzu oft. Der britische Philosoph Alain de Botton hat in seinem Book of Life Gründe für die Unzufriedenheit und Wege zur Zufriedenheit im Beruf analysiert. Erst, wenn wir die Gründe verstehen, können wir auch etwas gegen den Frust tun.

preparing for a date with misery
Krawatte statt Seele? (Quelle: Gilbert Rodriguez via Flickr CC)

Mit ziemlicher Sicherheit sind Sie einigermaßen frustriert bei der Arbeit. In einer perfekten Welt sollte Arbeit uns so viel positives geben können: eine Berufung und das Gefühl von Errungenschaft, Sinnstiftung, ein Zusammengehörigkeitsgefühl und sogar Freundschaften. Aber eigentlich geht immer etwas schief: Unsere wahren Talente werden nicht erkannt und eingesetzt, die Firma scheint uns nicht würdig, unsere Lebenszeit für sie zu opfern, die täglichen Aufgaben erscheinen trivial, aber stressig und viele im Management sind große kindische Tyrannen, wie wir sie noch im Kleinformat aus dem Buddelkasten kennen.

Oft geben wir uns selbst voreilig die Schuld für diese Misere: Unsere Berufswahl war nicht durchdacht, sondern impulsiv, wir sind eitel und faul und wir haben nicht den Drive unseres ehemaligen Klassenkameraden, der inzwischen ein kleines Imperium führt. Trotz einiger Wahrheit, die vielleicht in unserer Selbstverurteilung liegt, viele Faktoren, die zum Versanden unserer Träume führen, liegen gar nicht innerhalb unserer Kontrolle und Macht, sondern haben ihre wesentlichen Gründe in den Strukturen unserer Anstellungs- und Wirtschaftsverhältnisse. Uns nur selbst dafür verantwortlich zu machen, bedeutet, dass wir diese gesellschaftlichen Realitäten missverstehen. Hier sind einige dieser Faktoren, auf die unsere Frustation im Arbeitsalltag zurück zu führen ist:

15. Juni 2014

Die lange Nacht der Philosophie

Jenseits einer systematischen Wald- und Schreibtischphilosophie

Die lange Nacht der Philosophie in der Wahrnehmung des deutschen Medien- und Event-Publikums scheint vorbei zu sein. Diesen Eindruck hatte ich zumindest gleich, als ich mich durch die überfüllten Flure, Treppen und Räume des Institut Français in Berlin quetschte, das zum ersten Mal nach vergleichbaren Veranstaltungen in Paris und London solch ein Event in Deutschland veranstaltete. Es war dermaßen voll, dass ich mit meiner Begleiterin erst einmal in die Brasserie ging, um Flammkuchen zu essen und mit unseren Nachbarn rechts und links über das Reisen, die Philosophie und die französische Küche zu reden.


31. Mai 2014

Dienst nach Vorschrift und Leben nach dem Herzen

Ein paar Gedanken aus dem Urlaub -

für die man aber nicht extra Urlaub nehmen muss


"Zwischen Verlangen und Bedauern gibt es einen Punkt, der Gegenwart heißt." 
Sylvain Tesson, In den Wäldern Sibiriens (S. 162)

Burnout
Burnout (Bild von Jan-Joost Verhoef via Flickr CC)

Ich gähne, gähne und gähne. Wieder, wieder und immer wieder. Es ist der zweite Tag meines Urlaubs. Warum wir gähnen, ist nicht geklärt. Es gibt zahllose Theorien von Sauerstoffmangel über Drohgebärde bis hin zur Gehirnkühlung. In einem sind sich alle Theorien einig: Das Gähnen zeigt ein Umschalten von einem Zustand in einen anderen an. Von wach zu müde (oder umgekehrt), vom Interesse zur Langeweile, vom Stress zur Entspannung (oder umgekehrt). Heute, am vierten Tag meines Urlaubs ist das exzessive Gähnen verschwunden und die Gedanken an die Arbeit werden immer seltener und verblassen emotional. Die Themen und Zustände, die mich in den letzten Wochen noch gestresst haben, sind zwar immer noch in dieser Welt und ich werde auch zu ihnen zurückkehren, aber sie haben weniger bis kaum noch irgend eine Macht über mich. Statt dessen reift eine Erkenntnis...

25. Mai 2014

Unsere Heiterkeit kennt kein Übermaß

Bubble Joy
Alles, was Lust macht, ist gut (Bubble Joy von Davide Gabino via Flickr CC)

Gut ist, was Lust macht

Es gibt ganz fundamentale Gegensätze in unserem Leben: Spaß/Horror, Gut/Schlecht, Lust/Unlust usw. Wir sind sozusagen gespalten. Warum ist das so? Vom Menschen sagt Alexander Kluge in Die Lebensbahn des Zwerchfells: Sein Kopf, das Herz, die Atmung ziehen nach oben, zum Höheren. Das Niedere - die Verdauungsorgane, die Geschlechtsorgane, die Beine - verbindet ihn mit der natürlichen Welt. Und was liegt dazwischen? "Weder auf die Kommandos von oben noch auf die von unten wirklich hörend, ein starker Muskel: das Zwerchfell..."¹ Und in der Tat scheint auch der aufs Zwerchfell zielende Humor die Entladung der Spannungen zwischen Gegensätzen zu ermöglichen. Im Interview in der Epilog, sagt Alexander Kluge:

Jedes Baby will die Kugel, die ihm vorgeführt wird, greifen. Wir wollen zur Wirklichkeit hin, und wir wollen, wenn uns Wirklichkeit schädigt und Angst macht, von ihr weg. Diese Gefühle können Sie nicht trennen. Das ist der Antagonismus des Gefühls. Das ist eine Revolte der menschlichen Empfindung gegen die Wirklichkeit. Hier liegt die Quelle des Witzes, das ist aber gleichzeitig auch sehr ernst.²

Dieser grundlegende Antagonismus ist in der Philosophie vielfach beschrieben. Baruch de Spinoza beschrieb schon im 17. Jahrhundert sehr fern von jeder Moralisierung mit Lust und Unlust das Grundprinzip der Lebenserhaltung: Wir streben zur Lust, die uns zur Selbsterhaltung führt und weg von der Unlust, die eine verringerte Selbsterhaltungsfähigkeit anzeigt. Als Beispiel der Hunger: Er bereitet uns Unlust, wir werden sogar launisch und aggressiv, wenn er andauert. Essen und Trinken jedoch bereiten uns Lust und dienen der Selbsterhaltung. Über erotische Triebe muss man gar nicht reden, denn sie sorgen über die Selbsterhaltung hinaus für die Arterhaltung. Alles, was Lust macht, ist gut.

Erkenntnis ist lustvoll

Das Zusammendenken von Körper und Geist (oder Leib und Seele) als zwei Aspekte eines Wesens macht neben dem Verzicht auf Moralisierung Spinoza so modern. Er wollte "geometrisch über Unfreiheit und Freiheit, das gelingende und misslingende Leben, über Schmerz, Trübsal, Lust und Liebe nachdenken", so Michael Hampe in Spinoza und die Lebenslust im neuen Philosophie Magazin. Das heißt, anstatt über das menschliche Verhalten moralisch zu urteilen, will er es nach den Gesetzen der Natur wissenschaftlich untersuchen. Nach diesem aufklärerischen Verständnis ist Lust gut, denn sie hilft uns bei der Selbsterhaltung als grundlegendes Streben jedes natürlichen Wesens.

Doch um uns dem auszusetzen, was für uns gut ist, müssen wir wissen, was für Individuen wir sind. Wir müssen wissen, was in der Welt unser Tätigkeitsvermögen steigert. Selbsterkenntnis und Welterkenntnis können unsere Lust steigern. Überhaupt sind wir, wenn wir erkennen, tätig, und wenn wir dabei Neues herausbekommen, steigern wir unsere Selbsterhaltungsfähigkeiten und empfinden Lust.*

Spinoza ist kein reiner Hedonist: Auch Lust kennt ein Übermaß, besonders dann, wenn wir sie isoliert auf bestimmte körperliche Regionen oder Zustände beschränken. Die Grenze von Lust zu Sucht und damit zu Unlust ist fließend. Bei einem Lusterleben, das den Exzess zur Normalität erhebt und uns in die Sucht und Unlust treibt, bleibt die Erkenntnis dessen auf der Strecke, was dem Triumph der Lust über die Unlust dauerhaft dient.

Die Heiterkeit (hilaritas), die eine Form der Lust ist, hat jedoch niemals ein Übermaß, so Spinoza. Denn in der Heiterkeit werden alle Teile des Körpers in ihrer Fähigkeit, tätig zu sein, gesteigert. [...] Es ist die Heiterkeit und nicht die erotische Ekstase, die die absolute Lust Spinozas darstellt. Sie ist immer gut, birgt kein Suchtpotenzial. Es mag sein, dass die Intensitäten der fokussierten Lust oder Unlust, eines organisch fixierbaren Hochgenusses oder Schmerzes viel größer sind als jede Heiterkeit und jede Melancholie. Doch wenn wir uns auf das konzentrieren, was unser Wesen ausmacht: unsere Fähigkeit, uns als Individuen zu erhalten, dann sind diese den Gesamtzustand betreffenden Lüste und Unlüste die relevanten Zustände.³

Was mir hier auffällt ist auch noch eine andere Modernität: Die frühe Vorwegnahme unserer heutigen Obsession auf das individuelle, das Ich, das es gegen alles andere zu erhalten gelte. Aber sicher wäre es ein Missverständnis, wenn wir Spinozas Selbsterhaltung als Egoismus lesen. Denn auch hier greift die Erkenntnis der großen Zusammenhänge als Voraussetzung zu Lust und Heiterkeit: Ohne Du kein Ich, ohne Wir kein Individuum.

Liebe stellt sich da ein, wo die Ursache eines Lustzustandes betrachtet wird. Wenn wir uns selbst und die Welt richtig erkennen, so bereitet das Lust. Wenn wir den Zusammenhang zwischen uns und der Welt erkennen, so bereitet das noch mehr Lust.

[...]

Das glückliche Leben ist lustvoll, weil es von der Liebe zu den unpersönlichen Strukturen der Natur bestimmt ist.³

Was ist nun mit dem Zwerchfell? Ist es die Grenze zwischen Mensch und Tier? Dieser Muskel, den wir benötigen, um aufrecht zu gehen und der auf der anderen Seite unkontrollierbaren Spasmen ausgeliefert ist, wenn wir gekitzelt oder über alle Maßen belustigt werden. Der Mensch - so Helmut Plessner4 - kommt im Lachen an seine Grenzen, er verliert die Kontrolle und damit das, was ihn als Menschen auszeichnet. Wie ein Tier ist er im Lachen seinen Affekten ausgeliefert. Die Heiterkeit hingegen ist kein Lachen, sondern ein auf Dauer gestelltes Arrangieren und Verstehen des Menschen in seiner Umwelt. Kontrollverlust wie Lachen, gelegentliche Exzesse des Genusses oder die erotische Ekstase gehören aber dazu. Denken wir nächstens mal dran: Gut ist, was uns Lust macht.



1) Alexander Kluge: Das fünfte Buch: Neue Lebensläufe. 402 Geschichten
2) Die Epilog, Heft 04: "Ich beabsichtige das gar nicht."
3) Michael Hampe in Spinoza und die Lebenslust im Philosophie Magazin Nr. 4 / 2014 | Das Ich-Syndrom
4) Die Epilog, Heft 04: Der Sinn des Lachens — Helmuth Plessner entdeckt den Ursprung des Menschen von Maybrit Hillnhagen

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