Entropie in Natur und Politik
Der Herbst neigt zum Chaos. Ich höre gerade Orelsans Alben La fête est fini und Civilisation. Orelsan singt "tout va bien" und "tout va pas changer" – Alles ist gut und es wird sich nicht alles ändern. Man könnte auch sagen: nichts ist gut, aber wenigstens ändert sich ständig alles.
Zum Beispiel rennen hier in Berlin wieder – Achtung: vorhersehbarer Blogger-Topos im Herbst – die Männer mit diesen irren Laubbläsermaschinen durch die Hinterhöfe und Vorgärten und verschrecken alle Vögel, Igel und Mäuse, zerstören Miniökosysteme und pusten die überwinternden Insekten aus dem Totholz. Das ist irgendwie seit ein paar Jahren das Vorgehen gegen das Blätterchaos im Herbst. Tout va pas changer. Gut ist das nicht!
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| Badezimmerentropie nimmt zu, natürliches Refugium für Milben geschaffen |
Exkurs: Die Ökosystemtheorie des Hausstaubes
Ich verstehe schon die Intention hinter dem Aufwand der Laubbläser: Wenn wir keine Energie investieren, nimmt das Chaos zu. Wir sehen das auch an den Staubflusen zu Hause (siehe Bild aus meinem Badezimmer), die ohne unsere Arbeit überhand nehmen. Ich habe übrigens beschlossen, diese Staubflusen so wie die Laubhaufen in meinem Garten vorerst liegen zu lassen. Nicht nur Mäuse, Insekten und Igel freuen sich über diese Form der Entropie in der Natur, sondern auch die Milben, Staubläuse und Fadenwürmer in meinem Badezimmer. Sie wirken dort wie eine unsichtbare Gesundheitspolizei, die Schimmelpilze vernichtet, organische Abfälle abbaut und sich durch Bücherskorpione und Raubmilben (die Wölfe unter den Kleinsttieren im Bad) gegenseitig in Schach hält, wenn man sie lässt. Tout va bien.
Auch aus einer systemtheoretischen Perspektive ist das sinnvoll, denn die Entropie kann im Gesamtsystem (sagen wir Wohnung oder Universum) nie abnehmen. Wenn ich Entropie im Badezimmer verringere, dann steigt sie an anderer Stelle, z.B. im Staubsaugerbeutel (2. Hauptsatz der Thermodynamik). Außerdem kommt die Entropie sowieso zurück (sorry, das ist jetzt alles nicht physikalisch korrekt formuliert), es sei denn, wir stecken ständig Energie ins Kleinsystem (Badezimmer), um das zu verhindern. Es wäre also letztlich sowieso eine Sisyphosarbeit und ändert am großen Ganzen gar nichts. Tout va bien, tout va pas changer.
Im Herbst des rechtsextremen Populismus'
Auch bei den rechtsextremen Populisten sieht man, dass sie vom Chaos aufgefressen werden, wenn sie nicht genügend Energie reinstecken oder die Energie, die sie aufbringen, in andere Subsysteme abfließt. Seien wir ehrlich: Orban hat ja lange gekämpft wie ein Löwe und richtig fett Energie ins (aus seiner Perspektive) richtige System reingeschmissen. Aber irgendwann war er einfach müde und die Staubflusen in seinem System haben Überhand genommen. Tout va pas changer.
In den USA und Brasilien liegt es anders, da sind die Populisten einfach zu faul, zu selbstgerecht, zu undiszipliniert und dumm: Trump hat zuletzt lieber das White House mit goldenem Gips verziert und den Kampf gegen die Algen im Reflecting Pool geführt. Für seine Anhänger hat er die letzten zwei Jahre nicht mehr gekämpft. Er und die Menschen aus seinem Umfeld wurden immer reicher, während seine Wähler – gerade die (!) – immer ärmer wurden. Korruption, Grausamkeiten, Unfähigkeit, Beleidigungen des politischen Gegners oder ganzer Bevölkerungsteile? Will keiner mehr in den USA. Die Folge: Totales MAGA-Chaos, anstatt MAGA-Insurrection-Energy.
Der Historiker Volker Depkat sagt heute in Amerika verstehen: "Ich glaube, dass diese Wahl so etwas war wie das letzte Hurra der MAGA-Bewegung im Sinne dieses polarisierenden, auf Ausgrenzung basierenden Politikstils. Ich glaube das hat sich erschöpft." Das wär's doch... dann kann sich auch die AFD gleich nach einem Zukunftskonzept umschauen, sodass sie ihre politische Energie besser kanalisieren möge – oder eben einfach aufhört zu kämpfen.
In Serbien hat Vučić ganz plötzlich aufgehört zu kämpfen. Wo ist denn die ganze High-T-Big-Dick-Energy hin? Er hatte die serbische Politik seit 2014 dominiert und knickt dann plötzlich vor ein paar Studenten ein, die sich an Korruption und autoritären Tendenzen stören? Deren Liste erreichte in den Wahlen 53,7 Prozent (so what!?) und Vučić räumte seine Niederlage ein. Niederlage einräumen? Pff... kämpfen geht anders.
In Kolumbien, Peru und Europa sieht es an der Oberfläche nach einem Erstarken der rechtsextremen Populisten aus... Aber oberflächlich sah auch mein Badezimmer vor kurzem noch ganz sauber aus. Die Staubflusen kommen dennoch, schleichen sich ein, denn im Schnitt sind die Rechtsextremen zu faul und zu dumm, ihre Energie in die richtigen Systeme zu leiten, um dauerhaften Erfolg zu haben. Auch hier werden die Extremen scheitern, wenn ihre Wähler merken, dass man sich allein von simplen Sprüchen und Hass auf andere nicht ernähren kann. Richtig "gute" rechtsnationale Politik ist schwer, erfordert Ausdauer und Klugheit. Meloni, Weidel und Le Pen sind ausdauernd und klug (oder wenigstens clever), aber ihre ganze Bro-Entourage eben nicht. Tout va bien. Tout va pas changer.
Zuversicht, Aussichtslosigkeit und besser Träumen
Warum neigt der Herbst zum Chaos? Na ganz einfach: Dem System wird weniger (Sonnen-)Energie zugeführt. Im Frühling und Sommer steigt die Energiezufuhr, Zellen wachsen (heißt: stellen eine Ordnung aus zuvor ungeordneten Partikeln her), Vögel bauen Nester und komponieren Musik (heißt dasselbe), Blumen formen sich wie bunte Kaleidoskope überall (wahrscheinlich eine der höchsten Ordnungen überhaupt).
Als nächstes aber kommt erst einmal der Winter. Hier nimmt die Entropie lokal wieder ab, z.B. entsteht Ordnung wenn Wasser gefriert. Da ordnen sich die zuvor umherfloatenden Moleküle zu einem festen Kristallgitter als Eis oder zu wunderschönen Kristallen der Schneeflocken an. Während aber die Entropie im Eis sinkt, wird Wärme an die Umgebung abgegeben. Dort bewegen sich die Teilchen nun schneller, die Entropie der Umgebung steigt nun noch stärker an, als sie im Eis gesunken ist. WTF! Tout va bien.
Was lernen wir daraus? Alles ist irgendwie vergebens und deswegen auch schön. Tout va bien. Wir stecken so viel Energie in unseren Kampf gegen das Chaos und manchmal erreichen wir etwas damit: Bessere Politik z.B., wenn wir uns aufraffen und zur Wahl gehen. Oder auch Dinge mal durchdenken und formulieren – das ist super energieaufwendig, hilft aber, das Chaos der Gefühle, Intuitionen, Agressionen im eigenen Geist zu beseitigen. Was ich sagen will: Lasst uns schauen, wo wir Energie reinstecken, weil es sich vorübergehend wirklich lohnt, weil es das Leben vieler Menschen besser macht, weil es zu weniger Missverständnissen, zu mehr Liebe, zu mehr Leben führt (siehe Laub und Staub). Was Orelsan übrigens auch noch singt: Rêve mieux ! Da ist mehr als Geld, mehr als Macht! Lasst uns besser träumen.
Das passt dazu:

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