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10. Mai 2017

Wut macht uns kaputt, aber es gibt eine Alternative

Martha Nussbaum zu Zorn, Vergebung und Weisheit in der Beziehung

Das Zusammenleben zweier Menschen ist immer wieder schwierig und das wird auch so bleiben. Die Philosophin Martha Nussbaum hat die romantische Zweierbeziehung als das unmögliche Projekt beschrieben, die Autonomie zweier Persönlichkeiten mit den gegenseitigen Abhängigkeiten in dieser Beziehung überein zu bringen. Aus diesem gelebten Widerspruch ergeben sich jede Menge Spannungen und potentielle Bruchstellen. Wenn noch ein Kind hinzukommt, wird die Sache keinesfalls einfacher, aber dazu an anderer Stelle mehr (Die Unmöglichkeit der Liebe mit Kind). Nicht selten äußert sich diese Schwierigkeit der Spannung zwischen Autonomie und Zweisamkeit in Verdruss, Groll, sogar Zorn und Wut. Manchmal knallen Türen, es fliegen schnelle Worte, ja bei manch einem Paar sollen sogar Teller fliegen. Die extreme Ausprägung wäre dann körperliche Gewalt im Affekt gegeneinander.

Martha Craven Nussbaum (Foto: Jerry Bauer, Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

Alle, die Zorn in der Beziehung schon einmal erlebt haben, wissen: solche Wut bringt nichts und schadet höchstens. Das hält uns aber nicht davon ab, bei der nächsten Gelegenheit wieder wütend zu werden. Was aber ist Wut, woher kommt sie in der Zweisamkeit und was können wir tun, anstatt Zorn und Wut ihren freien und zersetzenden Lauf zu lassen?

17. Juni 2015

Vom Gegenteil der Weisheit

Drama und emotionale Reife

Wir kennen sie von uns selbst - die Sucht nach Drama. Jeder hat das hin und wieder. Es scheint mir sogar oft so, dass wir alle immer unreifer, dramatischer und ungeduldiger werden. Wenn mal irgend etwas nicht klappt, dann fühlen wir uns gleich persönlich angegriffen. Mal auf etwas warten zu müssen oder mal nichts zu tun, das hält heute niemand mehr aus. Wir brauchen den konstanten Sog der Ereignisse, den Strom der Informationen und die dauernde Verbindung, damit wir uns im Schein der Anderen selbst vergewissern können. Ohne Drama im Alltag fühlen wir uns leblos.

Drama jedoch ist das Gegenteil von Weisheit. So wie der weise Mensch gelernt hat, in Ausgeglichenheit zu leben, so schwer fällt es manch anderen, Ruhe und Zufriedenheit zu finden.


Jeder von uns kennt jemanden, dessen ganzes Leben komplett von Drama durchzogen zu sein scheint. Immer ist irgend etwas: Sie meinen, dass sie nicht verstanden werden, dass sie nicht bekommen, was sie verdient haben, dass es jemand auf sie abgesehen hat, dass eine Verschwörung im Gange sei oder dass sie permanent gemobbt würden. Die Welt scheint für solche Menschen nur dann komplett, wenn sie sich darüber echauffieren können, wie falsch und imperfekt alles ist, wie gemein und unfair sie behandelt werden.

6. September 2014

Meine Reizbarkeit und Versöhnung mit der Welt

Eine etwas gereizte Untersuchung zur Aussöhnung mit der Wirklichkeit


Ich weiß nicht, ob Sie das von sich selbst kennen oder jemanden kennen, bei dem das so ist: Man schläft zu leicht, wacht schnell auf, ist enorm gestört durch die trampelnden Nachbarn über einem oder durch die Obstfliegen, die in den letzten noch einmal erwärmten Tagen vom Pflaumenbaum im Garten ihren Weg in die Küche finden. Manchmal nerven mich sogar die Vögel, wenn sie im Garten zetern. Jeder ist anders reizbar. Ich kann auch das Knistern von Plastiktüten nicht ertragen. Und elektrische Geräte wie Staubsauger oder - meine größten Feinde - die mit Benzin betriebenen Laubblasturbinen, die sich jetzt Hinz und Kunz für ihre Gärten kaufen. Weil Laub etwas Furchbares ist, das muss entfernt werden! Und ein Harke oder ein Rechen - das geht ja gar nicht. Den Arm hin und her bewegen, um Blätter in einen Haufen zu schieben ist eine unmoderne Unzumutbarkeit. Lieber setzt man sich Ohrenschützer auf und geht mit schwerem Gerät und ohrenbetäubendem Lärm gegen die gefallenen luftleichten Blätter vor. So haben auch alle Nachbarn etwas davon. Neulich war ich in den Masuren, genoss sie menschenleere Stille, als plötzlich eine Horde Verrückter auf Jet-Skis durch den davor so ruhigen See pflügten. So etwas macht mich wütend... Ich schweife ab.

Auch eine Art, sich mit der Welt zu versöhnen (Bild von Craig Sunter via Flickr CC)

Unsere Empfindlichkeit kann so weit gehen, dass wir unser Zuhause, unseren Urlaub, ja unsere ganze Umwelt und unsere Mitmenschen nicht mehr genießen können, sondern in ihrer Wahrnehmung einen störenden Reiz nach dem nächsten identifizieren. Es gibt dann keine Toleranz gegenüber "dem anderen" mehr. Jegliche "Störung" wird einem anderen Schuldigen angelastet, anstatt sich zu fragen, ob das überhaupt eine Störung ist oder ob es nicht einfach mit zum Leben gehört, Reizen und Einflüssen der Welt ausgesetzt zu sein.

16. März 2014

Von der Offenheit und dem Risiko zu leben

Martha Nussbaum und die Tragödie als Folge eines gelungenen Lebens


Ich bin ein unheilbarer Optimist und gehe damit immer auch irgendwie naiv Risiken ein. Beispielsweise erfuhr ich schon früh in meinem Arbeitsleben, dass Kollegen um mich herum schnell irgendwelche Intrigen witterten, während ich relativ gutgläubig einfach vor mich hinarbeitete. Eine Kollegin sagte mir damals, dass der neue Kollege in unserem Team mit unserem Boss kungelte und dass er bestimmt bald unser Vorgesetzter wurde. Überhaupt würden die da oben uns gegeneinander ausspielen. Sie machte sich ganz fertig deswegen. Ich hatte von all dem gar nichts mitbekommen, aber sie behielt Recht: der Neue wurde unser Chef und sie kündigte bald, vielleicht auch weil irgendwer die ganze Zeit gegen sie intrigierte. Und immer noch ist es in vielen Bereichen meines Lebens so, dass andere um mich herum Gefahren weitaus eher spüren als ich. Oft gebe ich neuen Menschen um mich herum sehr viel Vorschusslorbeeren. Und manchmal wird auch mir hinterher klar, dass ich zu viel vertraut habe, während meine vorsichtigeren Mitmenschen schon lange vorher spürten, dass etwas faul war.

Martha Nussbaum wikipedia 10-10
Martha Nussbaum: "Eher eine Pflanze, als ein Diamant sein" (Bild von Robin Holland)

Diese Menschen um mich sind nicht selten das, was in der Persönlichkeitspsychologie "neurotizistisch" genannt wird: Sie haben ein feines Gespür für heraufziehenden Ärger, für Risiken und anstehende Probleme. Ich habe mir in letzter Zeit angewöhnt, diesen Leuten genau zuzuhören, eben gerade, weil ich das Gegenteil bin. Diese Mitmenschen sind für mich die Seismographen, die das heraufziehende Erdbeben schon spüren, während ich noch lustig vor mich hinpfeife.

9. Februar 2014

Hard Rock Gehirn: Musik und Persönlichkeit

Warum wir die Musik lieben, die wir lieben


Es ist faszinierend, welche große Rolle Musik in unseren Leben spielt. Musik ist uns nicht nur wichtig, wenn wir ihr konzentriert bei einem Konzert oder beim Abspielen einer CD lauschen, sondern beinahe überall und immer: Im Auto, zu Hause, auf der Arbeit - überall dudelt es. Beinahe alle menschlichen Zeremonien werden von Musik begleitet, von der Taufe über die Hochzeit bis zur Beisetzung. Etwa 14% eines Menschenlebens im Wachzustand werden heute mit einem Soundtrack unterlegt.¹ Ich selbst liebe das Gedudel weniger und höre eigentlich kaum Musik nebenbei, sondern nur ganz gezielt entweder zum Genuss oder zur Unterstützung einer körperlichen Aktivität, die Energie von mir verlangt. Eine Ausnahme: Ich kann nicht Staub saugen, ohne laute Musik über Kopfhörer zu hören, weil ich den Staubsaugerlärm wirklich nicht ertrage.


Die Band Superman in meinem alten Berliner Lieblingsclub Mad'n'Crazy (Foto von mir)


Ich bekenne, dass ich gern extrem schwere Gitarrenmusik höre, dabei alles angefangen von solchen Urvätern wie Led Zeppelin, Black Sabath über Metallica, Kyuss, Pantera und Slipknot bis hin zu Type O Negative, Karma to Burn, Mogwai und allem, was Jack White mit seiner Gitarre heute so macht.

Mich fasziniert die Aggression in den Stimmen und Gitarren und das Adrenalin auf den Konzerten. Eine Masse von Menschen scheint sich völlig gehen zu lassen, Arme, Beine und Köpfe rasten völlig aus und doch scheinen alle auf einer Welle zu schwingen. Mehr Schäden als ein oder zwei gewöhnliche Platzwunden sind in der Regel nicht zu verzeichnen, dafür gibt's aber jede Menge roher ursprünglicher Gefühle, viel unverfälschte Euphorie und letztendlich positive Energie. Schauen Sie selbst:



Auch wenn ich die Musik ganz allein genieße, stellt sich große Euphorie ein. ich muss sie laut hören, um einen Effekt zu erzielen, aber dann reißt sie mich so mit, dass ich ein ganz anderes Energielevel erreiche. Natürlich ist dort auch eine Portion Aggression und vor allem die Lust daran, das langweilige und oft verlogene Allerweltsgedudel unserer Massenmedien, der Konsumeinrichtungen (wie ich Kaufhaus- und Supermarktmusik hasse!) und alltäglichen Begegnungen, die zwangsläufig zivilisiert und freundlich sind, zu zerreißen. Verstehen wir uns nicht falsch: Sich zivilisiert zu benehmen, ist wichtig, aber es gibt für alles einen Ort und eine Zeit und nichts stimmt ohne sein Gegenteil. Heavy Metal, Punk und Rock helfen mir, im Kontakt zu bleiben, mit dem, was neben meiner öffentlichen Person sonst noch zu mir gehört: Aggression, Unruhe, Aufbruch, Hass, Schmerz, ein grundlegendes Nichteinverständnis mit dem, was die menschliche Welt um uns herum ausmacht, oder wie es Slipknot auf den Punkt brachte "People = Shit". Und das alles kommt zusammen in einem unglaublich befreienden und euphorischen Schrei aus dem Bauch über die Brust bis in den Hals. Oft kommt er dann nicht aus dem Mund - ich will ja nicht verrückt wirken-, aber im Kopf ist er angekommen. Und dann weiß ich, dass es mehr gibt, als diese emotional reduzierte Welt, auf die wir uns alle jeden Tag immer wieder einigen müssen.

16. Dezember 2012

Strategien narrativer Psychologie als Lebenshilfe

Wie das Erzählen der eigenen Geschichte zum positiven Erleben hilft

"Wenn du etwas nicht magst, dann ändere es.
Wenn du etwas nicht ändern kannst,
dann verändere deine Einstellung."
Maya Angelou
Unsere im sogenannten Big Five Modell beschriebenen, sehr grundlegenden Persönlichkeitsmerkmale (Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit, Neurotizismus) bestimmen zu einem erheblichen Teil unser alltägliches Erleben der Welt und unser Handeln darin. Während das bei einigen Merkmalen - z.B. Extraversion oder Offenheit - vor allem eine Frage unseres Umgangs mit der Außenwelt ist, birgt das Merkmal des Neurotizismus bei hoher Ausprägung ein erhebliches Leidenspotenzial. Denn ständige Besorgnis und eine vorwiegend negative Einschätzung der Umwelt und des eigenen Lebens haben verständlicher Weise erhebliche und langfristige Auswirkungen auf die Gefühlswelt der betroffenen Person und ihre zwischenmenschlichen Beziehungen. Das heißt also auch, dass kein Persönlichkeitsmerkmal so korrekturbedürftig wäre, wie eine hohe Ausprägung des Neurotizismus. Gleichzeitig ist kein Persönlichkeitsmerkmal so selbstbestätigend und damit schwer zu korrigieren wie die hohe Ausprägung des Neurotizismus. Dennoch: Wo manifestieren sich Persönlichkeitsmerkmale und welche Möglichkeiten haben wir, den schweren Nachteilen einer hohen Ausprägung des Neurotizismus zu begegnen?

Married couple
Wir alle haben Deutungshoheit über unsere Geschichten

10. Dezember 2012

Wozu ist Neurotizismus gut?

Wie sieht eine Welt aus, in der wir alle nur positiv zu denken?

Im Artikel zum Thema mit Neurotizismus leben und lieben stellten wir fest, dass "Neurotizismus wirklich eine sehr große Herausforderung für den Alltag ist", weil neurotische Menschen sehr empfindlich auf die kleinen und großen Störungen im Leben (inklusive ihrer Lebenspartner und Kollegen) reagieren und damit oft Kreisläufe in Gang setzen, die tatsächlich zu weitaus mehr negativen Erlebnissen führen, als im Durchschnitt zu erwarten wäre (siehe "selbsterfüllende Prophezeiungen"). Das ist statistisch und praktisch so dramatisch, dass hoher Neurotizismus, so verlässlich wie kein anderes Persönlichkeitsmerkmal, das Scheitern von Beziehungen voraussagt.

Zu irgend etwas muss Neurotizismus doch auch gut sein. In der Natur zum Beispiel:  Neurotische Fische, die sich schnell ängstigen, ständig nach dem räuberischen Hecht ausschau halten und nur vorsichtig die Gegend nach Nahrung erkunden, haben eine bessere Überlebenschance als ihre sorglosen und risikofreudigen Artgenossen. Jedenfalls dann, wenn wirklich ein Hecht in der Gegend ist. In einem Teich, in dem es keinen großen Feinde gibt, da haben die Neurotiker unter den Fischen eine geringere Chance zu überleben. Denn ehe sie sich trauen, nach Nahrung zu suchen, haben ihre sorglosen Kameraden schon alles aufgefressen und zwar ohne dabei in Lebensgefahr zu schwimmen. 

1. Dezember 2012

Typisch: Warum wir immer anders und doch dieselben sind

In welchen Zusammenhängen stehen unser Erleben und unsere Persönlichkeit?

Wenn ich mit Klienten oder Kollegen über Persönlichkeitspsychologie rede und wir an einem Punkt sind, wo sie mit Testergebnissen konfrontiert werden, die etwa eine deutliche Introversion nahelegen, dann kommt es fast immer zu Gegenreaktionen. Die häufigste ist: Ich bin doch nicht immer dieselbe Person. Das hängt doch von der Situation ab. Klar bin ich oft still, aber manchmal rede ich auch ganz viel oder ich mag allein sein, aber neulich war ich auf einer Party, habe bis zum Ende durchgetanzt, getrunken und Leute kennengelernt. Ich bin also beides: introvertiert und extrovertiert. Natürlich! Niemand ist eindimensional. Aber die Situation kann nicht das Persönlichkeitsmerkmal bestimmen, sondern die Persönlichkeit sucht sich die Situation, wie wir gleich zeigen werden.

unit four PHOTOGRAPHY - PRACTICE SHOOT.
Sind und bleiben wir immer dieselben Personen? Foto: Paige Nolan via Flickr

26. November 2012

Wie können wir mit Neurotizismus leben und lieben?

Kein Wesenszug sagt so zuverlässig ein Scheitern von zwischenmenschlichen Beziehungen voraus, wie ein hoher Wert an Neurotizismus.

Was ist Neurotizismus?
"Neurotizismus ist das Ausmaß der emotionalen Labilität (Störbarkeit, Ängstlichkeit) bzw. Stabilität als Persönlichkeitsdimension; wird durch Persönlichkeitstests ermittelt und soll Aussagen über eine Disposition für neurotische Störungen ermöglichen (H. J. Eysenck)" Lexikon-Institut Bertelsmann, 1995, S. 328.

Michelangelos David: Nervös, besorgt, ängstlich

Wir haben hier schon öfter vom Big Five, dem Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit gesprochen, aus dem sich fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit ableiten. Dieses lexikalische Modell der Persönlichkeitspsychologie wurde über Langzeitsudien und in verschiedensten Kulturkreisen immer wieder bestätigt.

Eine der Dimensionen wird Neurotizismus genannt und gibt darüber Auskunft, wie emotional stabil eine Person ist. Wer in einem Persönlichkeitstest einen niedrigen Wert beim Neurotizismus hat, wird in der Regel ausgeglichen, entspannt und sorgenfrei sein, seltener negative Gefühle erleben und insgesamt emotional stabil sein. Wer hingegen einen hohen Neurotizismuswert hat, der wird eher emotional labil sein, zu Nervosität neigen, öfter über körperliche Schmerzen klagen, sich oft mit Ärger und Ängsten herumplagen, schnell und intensiv auf Stress reagieren und von seinem hohen Stresslevel nur langsam wieder herunter kommen. Neurotische Menschen fühlen sich schnell unsicher und verlegen und neigen eher zu negativen Stimmungslagen.

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